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M. Streck: Last Call: Er kam auf dem Motorrad und ging als Gandalf

Sieben Jahre verbrachte Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London. In diesen sieben Jahren veränderte sich die Welt. Und er sich auch.

WikiLeaks-Gründer: Britische Polizei nimmt Julian Assange in London fest

An der Londoner U-Bahnstation Knightsbridge lag am Donnerstagnachmittag ein großer Packen Zeitungen mit dem Foto eines alten Mannes auf der Titelseite. Der Mann hatte einen langen, weißen Bart. Es war windig an diesem Nachmittag, die Titel des "Evening Standard" verwehten, und man musste schon genau hinschauen und besser noch die Schlagzeile lesen, um zu kapieren. Wirklich? Wirklich. 

Der alte Mann mit dem langen weißen Bart, ist eigentlich noch ein verhältnismäßig junger Mann. Julian Assange, 47, an diesem Morgen von der Polizei abgeführt aus der ecuadorianischen Botschaft ums Eck von der U-Bahn Knightsbridge und dann in ein Gerichtsgebäude nach Westminster verbracht.

Es waren verstörende Bilder, wie er, der WikiLeaks-Gründer aus der Botschaft gezogen wurde, in die er vor sieben Jahren geflüchtet war. Damals verkleidet als Motorrad-Kurier, es lief die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine.

Julian Assange kurz nach seiner Ankunft in der ecuadorianischen Botschaft 2012 (l.) und nach seiner Festnahme am Donnerstag

Julian Assange kurz nach seiner Ankunft in der ecuadorianischen Botschaft 2012 (l.) und nach seiner Festnahme am Donnerstag

Getty Images / DPA

Sieben Jahre, man sieht ihm das an, sind eine verdammt lange Zeit. In diesen sieben Jahren regierte erst ein schwarzer und danach ein mandarinenfarbener Präsident im Weißen Haus. Vor sieben Jahren gab es die AfD noch nicht und Brexit erst recht nicht. Vor sieben Jahren wurde Borussia Dortmund zuletzt deutscher Meister. Als Anhänger dieses Vereins weiß ich, wie lang sieben Jahre sein können. Assange ist in dieser Zeit in seiner Kemenate ein alter, bleicher und bitterer Mann geworden. Er kam auf dem Motorrad und ging als Gandalf.

Drei Assange-Fans vor der Botschaft

Vor der Botschaft standen sehr viele Fernsehteams aus der ganzen Welt und nur vereinzelt ein paar Bewunderer von Assange. Drei Demonstranten warteten vor dem schönen Backsteingebäude unter dem Balkon, von dem aus Assange ein paar Mal zu seiner Gemeinde gesprochen hatte. Sie warteten darauf, dass sie mehr werden würden, aber sie wurden nicht mehr. Dragoslav aus Serbien, Pierre aus Frankreich und Jon aus Sizilien, der eine "Game of Thrones"-Jacke trug und ganz viele Schraubenzieher am Gürtel. Er nannte sich "Jon the builder". Die drei Männer trafen sich hier zum ersten Mal. Sie waren traurig, Jünger der ersten Stunde. Dragoslav hatte vormittags mit angesehen, wie Assange in den Polizeiwagen geschoben wurde, wie er gerufen hatte, es geschehe Unrecht. "Er sah bleich aus", sagte Dragoslav, "ich hatte Mitleid mit ihm". Und vielleicht sei es doch ganz gut für, dass es mit dem Spuk jetzt vorbei sei. Er hoffe nur, dass die Amerikaner Julian nicht foltern würden. Jon the Builder sagte, er würde Assange den Nobelpreis verleihen, wenn er könnte. Pierre sagte nichts außer seinem Namen.

Ich kann nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die Assange mögen. Mir sind sie grundsätzlich auch näher als, sagen wir, Meghan-Markle-Fans oder welche von Bayern München. Er war mal ein großer und wichtiger Whistleblower, die WikiLeaks-Dokumente seinerzeit eine Offenbarung für die ganze Welt. Allerdings kenne ich auch Menschen, die Assange wirklich kennen und sogar richtig gut. Die mit ihm zusammenarbeiteten und eng befreundet waren und es nicht mehr sind. Die sagen, er habe die Bodenhaftung verloren und sei durch und durch narzisstisch. Und die die Vergewaltigungsvorwürfe der beiden Frauen aus Schweden nicht abtun als ein Komplott von Geheimdiensten und kein Mitleid hatten mit ihm und seinen 20 Quadratmeter Leben in London.

Die Sache mit den Mails von Hillary Clinton

Julian Assange war immer schon wunderlich, im Laufe der Jahre wurde er aber noch wunderlicher. Er half der Donald Trump-Kampagne mit geleakten Mails von Hillary Clinton. Er empfing den britischen Rechtspopulisten Nigel Farage. Er empfing auch Lady Gaga, Pamela Anderson, Vivienne Westwood und den früheren Fußballprofi Eric Cantona. Einmal empfing er einen befreundeten Kollegen von mir. Sie tranken zwei Flaschen Rotwein in seinem Zimmerchen, es stank fürchterlich, und Assange sprach über sein Lieblingsthema: sich selbst. Mein Kollege war froh, dass er nach drei Stunden wieder raus war. Julian Assange blieb noch drei Jahre.

Seine Mutter in Australien erklärte immer wieder, dass ihr Junge krank sei und dringend an die frische Luft gehöre und an die Sonne. Irgendwann jedenfalls begannen Ecuadorianer und Assange, sich gegenseitig ganz furchtbar auf die Nerven zu gehen. Es war wie ein Streit unter Nachbarn, der mit einer Kleinigkeit anfängt und dann eskaliert. Assange hat offenbar Scheiße an die Wände geschmiert, was einem friedlichen Miteinander nicht eben förderlich gewesen soll. Er spionierte seine Gastgeber aus und die spionierten zurück. Gegen Ende nannten die Ecuadorianer ihn nicht mehr beim Namen, sondern nur noch "The Guest". Tags vor seiner Verhaftung gab WikiLeaks eine Pressekonferenz. Der Chef Kristinn Hrafnsson erklärte, ihm sei kompromittierendes Video-Material angeboten worden, aufgenommen mit Kameras aus der Botschaft. Die Erpresser hätten dafür drei Millionen Euro verlangt. Er sagte auch, sein Freund Julian lebe ein Leben wie die reale Version der Truman-Show. 

Keine 24 Stunden später wurde Julian Assange verhaftet. Die Amerikaner wollen, dass er ausgeliefert wird. Ihm drohen fünf Jahre Haft. Es sei denn, sein neuer Freund Trump schaltet sich ein. Aus Schweden meldete sich die Anwältin von einer der Frauen, die er vergewaltigt haben soll. Sie will um die Wiederaufnahme der Ermittlungen kämpfen. 

Die Anwältin sagte, ihre Mandantin habe auf diesen Tag lange gewartet. Länger als Assange in der Botschaft lebte. Seit neun Jahren. 

WikiLeaks-Gründer: USA wollen Auslieferung von Julian Assange