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International: Die sportal.de-Europarangliste

Schießt Geld Tore? Na klar! Aber gewinnt Geld auch die Champions League? Wir beantworten in der ersten Ausgabe unseres Europarankings in dieser Saison die Frage, wie stark die teuren Transfers Clubs wie Manchester City und Paris Saint-Germain machen - und wo der FC Bayern in dieser Gemengelage einzuordnen ist.

Nächste Woche beginnt die Champions League. Höchste Zeit für die erste Ausgabe unserer Europarangliste in der neuen Saison. Die Kriterien für unsere Bewertung haben sich nicht geändert. Wir versuchen, ein Ranking der 20 besten Clubmannschaften in Europa (und damit übrigens faktisch auch der Welt) zu erstellen, das wir monatlich aktualisieren.

Grundlage ist kein starrer Punkteindex, sondern eine redaktionelle Bewertung der Kaderstärken, kombiniert mit der Klasse des Trainers. Das Ganze gleichen wir natürlich mit den realen Ergebnissen der Teams ab, wobei wir genau darauf achten, wohin der Trend bei jedem Club geht, gegen welche Gegner gut oder schlecht gespielt wurde und so weiter. Auch ist es natürlich wichtiger, in der Champions League gut auszusehen, als im portugiesischen Ligapokal.

Dessen ungeachtet gibt es keinen Automatismus, der in der Vorsaison etwa dazu geführt hätte, dass wir Schalke höher eingestuft hätten als Dortmund. Obwohl die Knappen im Halbfinale der Champions League standen und der BVB in der Vorrunde der Europa League ausschied, was viele User dazu veranlasste, die Abwertung der Dortmunder zu fordern, führte unserer Meinung nach kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass Dortmund eine der bestfunktionierenden Mannschaften des Kontinents hatte, während Schalke in der Liga gegen den Abstieg spielte.

Was die Bewertung der Teams in der neuen Spielzeit zunächst erschwert, waren die Streiks in Spanien und Italien, die dazu geführt haben, dass die Primera División erst einen Spieltag, die Serie A gar noch keinen einzigen absolviert hat. So geht in die Rangliste dieses Monats gerade bei den italienischen Clubs ein großer Teil reiner Prognose mit ein. Die relative Stärke der nationalen Ligen spielt übrigens weiter eine sehr große Rolle. Damit Mannschaften aus fußballtechnisch kleineren Ländern wie Belgien oder Russland Aufnahme in den Top 20 finden, müssen sie schon entweder überragenden Fußball zeigen (wie Porto in der vergangenen Saison) oder auf europäischer Bühne auf sich aufmerksam machen.

Es wird nicht überraschen, dass wir die englischen und spanischen Ligen am höchsten einstufen, wobei die Premier League in der Breite noch stärker erscheint, während in der Primera División die beiden Topclubs unseres letztjährigen Rankings beheimatet sind. Dahinter sehen wir Serie A und Bundesliga ungefähr auf einem Level, gefolgt mit einigem Abstand von der Ligue 1, in der die Qualität des Fußballs leider in den letzten Jahren nicht zugenommen hat.

Kommen wir nun zum ersten Ranking der Saison 2011/2012. Zuerst ein kurzer Überblick über die Teams, die knapp gescheitert sind: Lille OSC (im Mai Platz 14) holte das Double in Frankreich und konnte überraschend Eden Hazard halten. Gervinho ist allerdings weg, der Saisonstart fiel mäßig aus, und wir trauen der Mannschaft von Rudi Garcia nicht ganz zu, die Doppelbelastung mit der Champions League locker weg zu stecken.

Interessant wird der direkte Vergleich in der Vorrundengruppe mit ZSKA Moskau, einer weiteren Mannschaft, die wir in Erwägung gezogen haben. Der Tabellenführer der russischen Premier Liga hat einen starken Kader, der Stabilität und Routine in der Defensive mit vielen Optionen in der Offensive verbindet, die von Seydou Doumbia angeführt wird, der mit 16 Saisontoren in 28 Pflichtspielen nach seinem Wechsel aus Bern hervorragend eingeschlagen ist. Mit Keisuke Honda hat Leonid Slutsky zudem einen der vielseitigsten Spielmacher des Weltfußballs zur Verfügung. Wir warten aber auf Resultate auf europäischer Bühne - zumal im Monat August keines der drei Spitzenspiele gegen Zenit (0:2), Rubin Kazan (1:1) und Spartak Moskau (2:2) gewonnen wurde.

Villarreal (im Mai Platz 16) muss nach dem desolaten 0:5 von Barcelona am ersten Spieltag und der Hinspielniederlage in der Champions League-Qualifikation in Odense erst noch demonstrieren, dass der Abgang von Santi Cazorla nach Málaga wirklich verwunden werden kann. In der Champions League-Gruppe des Todes mit Bayern, Man City und Napoli sehen wir das Gelbe U-Boot momentan untergehen.

Noch dichter an den Top 20 ist Valencia (im Mai Platz 12), für das weiter Trainer Unai Emery spricht, einer der besten Taktiker Europas. Aber der weitergehende Aderlass im Kader, diesmal in Person von Juan Mata, der nach Chelsea wechselte, wird nicht leicht zu kompensieren sein. Mit interessanten Nachwuchsspielern wurde der Kader der Ches weiter verjüngt. In einer schweren Champions League-Gruppe mit Chelsea und Bayer Leverkusen wird er gleich auf die Probe gestellt.

Udinese hatte bisher erst zwei Pflichtspiele in dieser Saison und verlor beide gegen Arsenal in der Champions League-Qualifikation. Zwar war die Mannschaft von Francesco Guidolin in beiden Spielen gleichwertig, aber Spiele zu verlieren, ohne die schlechtere Elf zu sein, ist eben auch nicht gerade der Ausweis einer Spitzenmannschaft. Zudem ist bisher kaum vorstellbar, wie die Abgänge von Alexis Sánchez, Gökhan Inler und Cristian Zapata aufgefangen werden sollen.

Schließlich müssen wir an dieser Stelle den Namen Hannover 96 zumindest einmal fallen lassen. Immer noch ist der Kader von Mirko Slomka zwar klug zusammengestellt, aber nicht wirklich europäische Spitzenklasse. Der gute, ungeschlagene Start in die Bundesligasaison gelang noch gegen eher schwächere Gegner, aber die Europa League-Qualifikation gegen Sevilla war schon ein Ausrufezeichen. Trotz der lange gehegten Skepsis dieser Redaktion hinsichtlich der Klasse der Roten versprechen wir, sie im Laufe dieser Saison im Auge zu behalten.

Olympique de Marseille ist sehr holprig in die neue Saison gestartet, Málaga hat sich zwar teuer verstärkt, aber nicht in der allerobersten (und vor allem auch nicht in der jüngsten) Schublade zugegriffen.

Nun aber zu den Top 20 zu Beginn der neuen Saison in Europa, zum Vergleich jeweils die Platzierung vom Mai 2011.

20. (neu) Schalke 04
Trotz des Weggangs von Manuel Neuer erscheint der Schalker Kader insgesamt noch stärker als in der Vorsaison. Alle wichtigen Feldspieler sind geblieben, zudem ist mit Lewis Holtby ein Spieler von internationalem Format dazu gekommen. Die Spiele gegen Manchester United haben Schalkes Abstand zur europäischen Spitze verdeutlicht, aber der bisherige Saisonverlauf lässt einiges erwarten für Ralf Rangnick und seinen Kader, den wir im direkten Vergleich für eindeutig stärker als den Hannovers halten - weshalb die Knappen momentan unsere Nummer vier in Deutschland sind.

19. (neu) Roma
Wie bitte? Noch kein Pflichtspiel gewonnen und schon in den Top 20? Zugegeben: Das Aus in der Europa League-Quali gegen Slovan Bratislava (!) sieht nicht gut aus in der Saisonbilanz. Solche Ergebnisse muss man angesichts der geringen Bedeutung dieses Wettbewerbs in Italien aber mit Vorsicht genießen. Der neu zusammen gestellte Kader sieht jedenfalls hervorragend aus: Mit Maarten Stekelenburg im Tor, Fernando Gago, Miralem Pjanic, Bojan Krkic, Erik Lamela, Gabriel Heinze und Simon Kjaer wurde das Aufgebot der Giallorossi eindrucksvoll verstärkt, zudem Marco Borriello nun fest verpflichtet wurde. Trainer Luis Enrique hat hier zwar seine erste Station als Cheftrainer, aber drei Jahre bei Barcelona B sind eine starke Referenz. Sein Vorgänger dort war immerhin Pep Guardiola.

18. (neu) Paris Saint-Germain
Das Geld aus Katar hat aus PSG innerhalb eines Sommers eine Spitzenmannschaft gemacht - zumindest auf dem Papier. Man darf allerdings die gute Entwicklung, die das Team unter Antoine Kombouaré schon in der Vorsaison genommen hat, nicht übersehen. Und mit den Neuzugängen Javier Pastore, Jérémy Menez, Blaise Matuidi. Kévin Gameiro, Mohamad Sissoko und Diego Lugano ist PSG zweifelsohne noch stärker geworden. Nach der blamablen Auftaktniederlage zu Hause gegen Lorient verhinderte ein spätes Gegentor von Jonathan Pitroipa einen Auswärtssieg in Rennes. Anschließend gewann die Mannschaft alle ihre vier Pflichtspiele, aber die echten Maßstäbe kommen erst noch. Die Europa League wird PSG zumindest in der Vorrunde noch nicht wirklich fordern, so dass man das Eingreifen in den Titelkampf der Ligue 1 voraussetzen muss, damit von einer gelungenen Saison gesprochen werden kann.

17. (9) Porto
Nur einen wichtigen Spieler hat der FC Porto verloren (Radamel Falcao ging zu Atlético Madrid), und seinen Trainer, André Villas-Boas. Auf den ersten Blick rechtfertigt das keine Abwertung um acht Positionen - zumal das einzige nicht gewonnene Pflichtspiel der Saison das Supercupfinale gegen Barcelona war (0:2). Villas-Boas muss nun in Chelsea unter Beweis stellen, ob er wirklich der Jahrhunderttrainer ist, als den wir ihn gesehen haben, als er ungeschlagen durch die vergangene Treble-Saison der Dragoes kam. Nachfolger Vítor Pereira sammelte seine bisher einzige Erfahrung als Cheftrainer beim zweitklassigen Azorenclub Santa Clara, bevor er Assistent von Villas-Boas wurde. Positiv für ihn: Superstar Hulk ist noch da, ebenso wie Joao Moutinho, Álvaro Pereira, Fredy Guarín und Silvestre Varela. Zudem wurde mit Rechtsverteidiger Danilo, mit Brasilien gerade U20-Weltmeister geworden, ein viel versprechender Junge aus Südamerika verpflichtet (von Santos). Dennoch: Für den portugiesischen Meister ist ein Platz unter den Top Ten der Rangliste eher eine Ausnahmeerscheinung. 

16. (17) Bayer Leverkusen
Mit Arturo Vidal ging der beste Spieler der letzten Saison zu Juventus. Robin Dutt ist aber eine sehr gute Wahl als Nachfolger von Trainer Jupp Heynckes. Und mit André Schürrle ist eine große Verstärkung für die Offensive geholt worden. Wichtiger ist aber noch die Defensive, wie sich beim katastrophalen Saisonauftakt im DFB-Pokal in Dresden zeigte, als Bayer eine 3:0-Führung noch herschenkte wie einst Wolfsburg unter Steve McClaren. Bezeichnend aber, wie schnell es Dutt gelang, die Defensive zu stabilisieren und zuletzt dreimal in Folge zu Null zu spielen, gegen Bremen, Stuttgart und Dortmund. Das ist eine gute Ausgangsbasis für die anstehenden internationalen Aufgaben, bei denen Leverkusen zeigen muss, dass wir es zu Recht stärker einschätzen als CL-Gruppengegner Valencia.

15. (20) Olympique Lyonnais
OL hat Jérémy Toulalan (Málaga) und Miralem Pjanic (Roma) verloren. Trainer Claude Puel wurde durch Rémi Garde ersetzt, der seit Jahrzehnten als Spieler, Co-Trainer und zuletzt Leiter des Nachwuchszentrums im Verein war. Das ist eine riskante, aber viel versprechende Personalentscheidung, denn anstatt wie früher die besten Spieler aus der Ligue 1 zusammenzukaufen (das macht inzwischen PSG), setzt Lyon nun wieder verstärkt auf den eigenen Nachwuchs. Allein sieben Spieler aus dem aktuellen französischen U20-Kader, der bei der WM in Kolumbien erst im Halbfinale scheiterte, stehen in OLs Profikader, darunter der schnelle Stürmer Alexandre Lacazette und der aus Le Havre verpflichtete Mittelfeldbeißer Gueida Fofana. Sie alle sind aber nicht auf sich allein gestellt, sondern finden einen immer noch starken und erfahrenen Kader vor, der in der Champions League-Qualifikation gegen Rubin Kazan zeigte, was in ihm steckt. Unser Tipp als französischer Meister 2012, nicht PSG.

14. (19) Napoli
Noch ohne jedes Pflichtspiel nach der Sommerpause ist Napoli schwer zu bewerten. Sicher ist aber, dass der Kader weiterhin sehr stark aussieht, das Offensivtrio mit Edinson Cavani, Marek Hamsik und Ezequiel Lavezzi wurde gehalten, dazu kommt Gökhan Inler aus Udine und auf Leihbasis Goran Pandev von Inter. Taktikfuchs Walter Mazzarri ist es zuzutrauen, seine Elf auch in der Champions League perfekt auf den Gegner einzustellen. Ob das dann für das Achtelfinale reicht, ist ebenso offen wie die Frage nach der erneuten Qualifikation für die Königsklasse, die vermutlich nicht zu schaffen sein wird. Von der reinen Klasse des Kaders und des Trainers her aber gehören die Kampanier in unser Ranking. In den kommenden gut drei Wochen bieten Spiele gegen Manchester City, Milan, Villarreal und Inter Gelegenheit, den Leistungsstand des Teams besser einzuschätzen.

13. (13) Tottenham Hotspur
Ein Blick auf den aktuellen Tabellenstand in der Premier League lässt Spurs-Fans erschrecken: Mit null Punkten aus zwei Spielen stehen die Londoner auf dem letzten Platz. Allerdings spielte Tottenham bisher nur gegen United und City, also die beiden besten Teams der Liga. In Old Trafford sahen die Spurs eine Stunde lang gleichwertig aus, ehe United doch noch 3:0 gewann. Gegen City war man hingegen chancenlos. Die lockere Europa League-Qualifikation gegen Heart of Midlothian kann hier kaum bewertet werden. Von der reinen Stärke des Kaders her, der mit Luka Modric, Rafael van der Vaart und neu Scott Parker vor allem im Mittelfeld exzellent besetzt ist, müssten die Spurs die Europa League eigentlich gewinnen. Das könnte über die zu erwartende verpasste Champions League-Qualifikation hinwegtrösten, denn in England gibt es nun einmal noch fünf stärkere Clubs. Probleme könnten auftreten, wenn der schlechte Punktspielstart sich noch fortsetzt - die nächsten Heimspielgegner heißen Liverpool und Arsenal. Dann muss der Vorstand die Ruhe bewahren - was er früher in solchen Situationen nicht tat, wovon Martin Jol und Juande Ramos ein Lied singen können.

12. (11) Arsenal
Durchaus denkbar, dass die Gunners, denen die meisten englischen Experten ohnehin den Abstieg aus den Big Four in der Premier League vorhergesagt haben, und die seitdem auch noch Cesc Fabregas und Samir Nasri verloren haben, sogar noch schlechter als Rivale Tottenham sind. Die Leistung beim 2:8 in Old Trafford war jedenfalls ein Offenbarungseid. Nach diesem Debakel änderte Arsène Wenger seine Politik wie Angela Merkel nach Fukushima die ihre und kaufte mit der Firmenkreditkarte noch schnell einen Haufen Spieler ein. Per Mertesacker, Andre Santos, Mikel Arteta und Yossi Benayoun. Nicht schlecht, aber nicht Weltklasse. Und das Problem in der Defensive wird weder mit dem eher langsamen Mertesacker noch mit dem wenig zweikampfstarken Linksverteidiger Andre Santos überzeugend adressiert. Knapp besser als der Kader Tottenhams ist Arsenals Aufgebot aber immer noch. Jetzt muss Wenger zeigen, dass er auch anders kann.

11. (neu) Juventus
Einerseits haben wir gut lachen mit unserer EInschätzung Juves: Da die Alte Dame weder Champions League noch Europa League spielt, gibt es kaum Möglichkeiten, die tatsächliche Klasse der Bianconeri zu verifizieren. Dafür muss nun die Serie A dienen. Dort hat Juve in der ersten Hälfte der Hinrunde mit Milan nur einen wirklich starken Gegner. Das gibt dem neuen Trainer Antonio Conte die Chance, seinen Kader einzuspielen. Warum sehen wir denn nun die Turiner so stark? Mit Arturo Vidal und Andrea Pirlo haben sie ihr Mittelfeld extrem aufgewertet, Marcelo Estigarribia und Eljero Elia sind für die Außenbahnen gekommen und Mirko Vucinic verstärkt den Angriff. Es wird vielleicht etwas dauern, bis Conte das dysfunktionale System seines Vorgängers Luigi del Neri umgebaut hat. Dem Coach schwebt offenbar ein spektakuläres 4-2-4 vor, auf das wir schon sehr gespannt sind. Ebenso übrigens auf das neue Stadion, das erste Italiens, das dem Club selbst gehört, und das am heutigen Donnerstag, dem 8.9., mit einem Spiel gegen Notts County eröffnet wird.

10. (6) Borussia Dortmund
Nuri Sahin ist nicht so schnell gleichwertig zu ersetzen, und der BVB hatte zuletzt nicht ganz die Dominanz der Meistersaison. Daher die leichte Abwertung. Positiv fällt bei nur zwei Gegentoren in sechs Pflichtspielen auf, dass die Defensive weiter herausragt, sowohl was die Innenverteidigung angeht als auch in Person von Sven Bender. Mario Götzes Leistungssprung wird gerade angesichts von ein, zwei schwächeren Spielen schon wieder relativiert, aber mit ihm hat Dortmund einen potenziellen Weltstar im Kader. Das alles sind gute Voraussetzungen für längerfristigen Erfolg. Jetzt muss der BVB aber in der Champions League zeigen, dass er eine machbare Gruppe (Arsenal, Marseille, Olympiacos) überstehen kann und auch international konkurrenzfähig ist.

9. (5) Milan
Den italienischen Supercup, das bisher einzige Pflichtspiel der Saison, gewannen die Rossoneri in Peking gegen Inter. Das ist allerdings schon ein paar Wochen her, und Inter war insgesamt die bessere Mannschaft in diesem Spiel. Die erste Elf von Massimiliano Allegri ist weiterhin sehr namhaft besetzt, mit Zlatan Ibrahimovic in der Spitze, Alexandre Pato daneben, Kevin-Prince Boateng, Clarence Seedorf und Gennaro Gattuso dahinter. Mit Thiago Silva hat Milan einen bärenstarken Innenverteidiger neben Alessandro Nesta, die Außenverteidigerpositionen erscheinen allerdings nicht optimal besetzt. Auch ist das rigide 4-3-1-2 Allegris gegen andere Teams mit massiertem Mittelfeld Gift für flüssiges Offensivspiel, zumal mit Andrea Pirlo ein Spieler für den tödlichen Pass an Juventus abgegeben wurde. Milan fehlen die Alternativen, falls das Spiel einmal nicht so läuft wie gewünscht.

8. (15) Liverpool
Für uns ein klarer Kandidat für die Top 4 in England. Innerhalb von nicht einmal einem Jahr seit der Übernahme des Clubs durch die neuen amerikanischen Besitzer herrscht großer Optimismus bei den Reds, die unter Kenny Dalglish zu vielen positiven Traditionen des LFC zurückgekehrt sind und seit der Winterpause faktisch auf Spitzenniveau spielen (Platz drei in der Rückrundentabelle). Ohne jede Ablenkung durch den Europacup, mit Luis Suárez und den teuren, aber viel versprechenden Neuzugängen Jordan Henderson, Stewart Downing, Charlie Adam und zuletzt noch Uruguays Copa América-Entdeckung Sebastian Coates in der Verteidigung steht einer guten Saison Liverpools in der Premier League nichts entgegen. Einzig der kurzfristige Abgang von Raul Meireles nach Chelsea ist eine klare Schwächung der Mannschaft.

7. (10) Internazionale
Wie schon bei den anderen italienischen Spitzenteams angemerkt, bewerten wir auch Inter fast ausschließlich aufgrund der taktischen Möglichkeiten des Kaders. Dieser hat mit Samuel Eto'o seinen verlässlichsten Torschützen der letzten Jahre verloren, dafür aber mit Diego Forlán den Spieler der letzten WM gewonnen. Forlán soll gemeinsam mit Mauro Zarate (neu von Lazio) über die Außen Sturmspitze Giampaolo Pazzini unterstützen. Trainer Gian Piero Gasperini (kam von Genoa) will so sein 3-4-3 zur Anwendung bringen. Es wird interessant sein, wie diese in Italien gar nicht mehr so seltene Taktik in der Champions League funktioniert, wo Inter mit ZSKA Moskau und Lille eine machbare, aber nicht wirklich leichte Gruppe erwischt hat. Gegenüber dem Stadtrivalen Milan hat Inter in jedem Mannschaftsteil eine Alternative mehr. Bedenkt man, dass Inter schon in der Rückrunde klar besser spielte als Milan, ist Inter für uns zunächst Italiens Nummer eins.

6. (8) Bayern München
Der FC Bayern hat sich objektiv verstärkt. Mit Manuel Neuer, Jerome Boateng und Rafinha wurde die Defensive in vernünftiger Weise verbessert. Die Offensive besitzt mit Mario Gomez, Thomas Müller, Arjen Robben und Franck Ribéry ohnehin internationale Klasse. Jupp Heynckes passt zunächst mal zum Club. Ihn aber ebenfalls als Verstärkung zu feiern, hieße, sich der opportunistischen Kritik an Louis van Gaal anzuschließen, der in den Aussagen der Bayern-Bosse innerhalb kürzester Zeit vom Meistertrainer zum Hemmschuh degradiert  wurde. Wir bewerten hier aber nicht die Arbeit hinter den Kulissen, sondern den Kader und die taktischen Möglichkeiten. Und die sind bei den Münchnern sehr positiv zu sehen. Zum Erreichen des Champions League-Finales im eigenen Stadion muss allerdings noch etwas mehr passieren, da die noch folgenden Teams allesamt stärker einzuschätzen sind.

5. (4) Chelsea
Es ist verlockend, die Blues für schwächer als zuletzt zu halten, weil sie nicht so spektakulär in die Saison gestartet sind wie die beiden Konkurrenten aus Manchester. Sieben Punkte aus drei Spielen gegen mäßige Gegner sind tatsächlich kein Grund zur Euphorie. Der Kader hingegen schon. Zwar ist das Problem, wie Fernando Torres am besten zum Einsatz zu bringen ist, auch im 4-3-3 von André Villas-Boas noch nicht endgültig überwunden, aber die Qualität des Spielermaterials wurde mit den Transfers von Raul Meireles, Juan Mata und Romelo Lukaku in Mittelfeld und Angriff noch einmal deutlich erhöht. Die beste Defensive der Premier League hatte Chelsea ohnehin schon unter Carlo Ancelotti. Sowohl in der Liga als auch in der Champions League hat Chelsea mit diesem Kader und dem hoch talentierten Trainer Titelchancen.

4. (7) Manchester City
"Playstation-Fußball" nannte ein Kollege das, was Manchester City vor der Länderspielpause an der White Hart Lane bot. Der 5:1-Sieg Citys war auch deshalb so beeindruckend, weil die Mannschaft von Roberto Mancini genau ein Jahr vorher hier mit Mühe und Not ein 0:0 über die Zeit gerettet hatte. Seither wurde Citys Kader durch Mario Balotelli, James Milner, Edin Dzeko, Sergio Agüero und Samir Nasri veredelt. Geld schießt keine Tore? So ein Unsinn. Geld bereitet sogar Tore vor, wie Nasri mit seinen vier Assists beim Sieg in Tottenham demonstrierte. Zwölf Tore in den ersten drei Ligaspielen zeigten zudem, wie stark City ist. Lediglich die Niederlage im Community Shield gegen Manchester United (2:3) führt zur Einstufung der Citizens hinter dem Lokalrivalen. Der FA Cup im Frühjahr war der erste Titel für den Club seit 35 Jahren. Sehr wahrscheinlich wird es bis zum nächsten nur ein paar Monate dauern.

3. (3) Manchester United
Geschmackssache, ob man Starensemble wie City oder über Jahrzehnte hinweg aufgebaute Clubs wie United mehr mag. Sir Alex Ferguson untermauert seinen Anspruch auf den Titel "Bester Trainer aller Zeiten" gerade mit dem nächsten Umbruch, bei dem er auf die trotz Meistertitel letztlich etwas enttäuschende letzte Saison (zu chancenlos war United gegen Barcelona, zu unansehnlich der Fußball) reagiert. Wer die Youngster Danny Welbeck, Tom Cleverley und Chris Smalling bei den Schützenfesten gegen Tottenham Hotspur und Arsenal gesehen hat (elf Tore gegen zwei Champions League-Achtelfinalisten der Vorsaison), der kann nur bewundernd von einem Manager sprechen, der fast jede Mannschaft, die er betreut, zur Titelreife bringt. Nimmt man dann noch den großartigen Neuzugang Ashley Young hinzu, dann sieht man eine United-Elf, die gegenüber dem Vorjahr noch einmal klar verbessert ist.

2. (2) Real Madrid
Noch einmal besser geworden als in der famosen Vorsaison, in der nur Barcelona verhindern konnte, dass Madrid alles gewann, was zu gewinnen war. Mit Nuri Sahin und Fabio Coentrao besitzt Jose Mourinho noch mehr Optionen. Der spanische Supercup ging trotzdem an Barcelona, das zudem sein bisher einziges Punktspiel gegen Champions League-Teilnehmer Villarreal 5:0 gewann, während Madrid mit 6:0 beim insolventen Abstiegskandidaten Real Zaragoza gewann. An dieser Argumentationsführung sehen Sie aber schon, dass wir hier versuchen, den Weizen vom Weizen zu trennen. Nach einer Saison mit 92 Punkten und mehr als 100 Toren Kritik an Real Madrid zu üben, ist ungefähr so sinnvoll wie der in Deutschland beliebte Freizeitspaß, zu erklären, warum Cristiano Ronaldo gar kein Weltklassespieler sei.

1. (1) Barcelona
Der Champions League-Sieger und spanische Meister hat ohne seinen Superstar Xavi das Auftaktspiel gegen den Tabellenvierten der Vorsaison mit 5:0 gewonnen, dabei mit Cesc Fabregas, Alexis Sanchez und Thiago Alcantara zwei Neuzugänge und einen Ergänzungsspieler wie Weltstars aussehen lassen, und nebenbei schon zwei Titel in dieser Saison eingesammelt (den spanischen und den UEFA Supercup). Und nebenbei noch ein neues taktisches System ausprobiert. Noch Fragen? Wenn es ein Club schaffen kann, zum ersten Mal seit 1990 den Europapokal der Landesmeister zu verteidigen, dann wohl dieses Barcelona. Aber wie schon gesagt: Zumindest Madrid, Man United und Man City können im Prinzip gegen Barcelona gewinnen, vielleicht auch Chelsea.

Daniel Raecke
Mitarbeit: Danial Montazeri

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