Alljährlich lädt Google zu seiner europäischen "Zeitgeist"-Konferenz, um über die Zukunft zu diskutieren. Mit dabei: Virgin-Gründer Richard Branson, Prinz Charles, Daimler-Chef Dieter Zetsche und Prinz Haakon von Norwegen. Und die Spitze von Google versucht es mit Offenheit. In Maßen. Von Cornelia Fuchs, London

Prinz Charles präsentierte auf der "Zeitgeist"-Konferenz sein Projekt zum Schutz des Regenwalds© Arthur Edward/AFP
Die Vögel zwitschern, die Golfbälle schwirren im weitläufigen Grün rund um das Grove Hotel vor den Toren Londons und in den fast ebenso weitläufigen Konferenzräumen wird auf Einladung von Google über die Zukunft der Menschheit verhandelt. Das ist wörtlich zu verstehen, auf der Konferenz "Zeitgeist" geht es um nichts Geringeres als "Die Straße vor uns", "Auf Kurs bleiben" und "Neue Grenzen". Was sich genau hinter diesen seltsamen Titeln der Podiumsdiskussionen verbirgt, erfahren Normalsterbliche jedoch nicht.
"Zeitgeist" ist eine so exklusive Veranstaltung wie das Hotel, in dem sie abgehalten wird. Hier unterhalten sich Virgin-Gründer Richard Branson mit Google-Vorstand Eric Schmidt über das Regenwald-Projekt des britischen Thronfolgers Prinz Charles. Es verfolgt der Kronprinz von Norwegen nach seinem Vortrag über "Würde der Entwicklungshilfe" die Redebeiträge von Anshu Jain, dem Leiter des Investment-Arms der Deutschen Bank in London. Britische Politiker vom Wirtschaftsminister Peter Mandelson bis zum designierten Schatzkanzler der Opposition kommen gerne, vor den Glastüren der Eingangslobby steht Alistair Campbell, der PR-Stratege des ehemaligen Premierministers Tony Blair, und bearbeitet sein Mobiltelefon.
Seit Jahren lädt Google zur Analyse des Zeitgeistes. Und stets war die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Zumindest ein bisschen hat sich dies verändert: Zum ersten Mal wurden europäische Journalisten herangekarrt durch die gepflegte Parkanlage und durften dem Abschluss der Konferenz beiwohnen. Vorstand Eric Schmidt und Google-Mit-Gründer Larry Page nahmen persönlich Fragen entgegen zur Zukunft von Google. Ja, sagte Larry Page, Twitter habe einen großartigen Job gemacht und die Internetsuche in Echtzeit revolutioniert: "Ich habe meinen Leuten in der Programmier-Abteilung für Suchanfragen gesagt, dass wir schneller werden müssen, nicht mit neuen Ergebnissen jede Minute, sondern jede Sekunde. Sie haben mich ausgelacht. Jetzt lachen sie nicht mehr." Google sei trotzdem noch besser als jede andere Suchmaschine.
Die beiden Google-Größen spielen ein kleines Spiel auf der Bühne. Eric Schmidt ist der Zahlenmann, der Bedenkenträger, der Spielverderber. Larry Page ist das Genie, der Unbedarfte mit den verrückten Ideen. "Erinnerst Du Dich", fragt Schmidt dann, "erinnerst Du Dich, Larry, wie Du mir Deine Begeisterung für Satelliten-Daten erklärt hast? Du warst ganz verrückt danach." Und dann beginnt Larry mit seiner angenehmen tiefen Stimme zu erzählen von diesem "unglaublichen Programm": einem digitalen Fährtengerät, das jede Bewegung zum Beispiel eines Handy-Besitzers auf einer Google-Karte im Internet sichtbar macht. "Ich weiß jetzt immer, wo ich bin, wo Norden ist und wo ich schon einmal war", sagt Page begeistert, und es beschleicht den Zuhörer nicht das erste Mal das Gefühl, dass er öfter einfach mal rausgehen sollte, ohne Telefon, und seine Umgebung anschauen. Zuvor hatte einer seiner Mitarbeiter ein Programm vorgeführt, dass der E-Mail-Software "Gmail" - in Deutschland heißt sie "Google Mail"- lustige Farben und Formen verleiht - und die Möglichkeit, das aktuelle Wetter als Symbolbild im Hintergrund hochzuladen. Als ob das nicht einfach durch einen Blick aus dem Fenster zu lösen sei.
Larry Page erzählt weiter von einem Mitarbeiter, einem Ingenieur, der sich das Fährtenprogramm auf sein Telefon geladen hatte. Und dann, sagt Larry, haben sie bei Google geschaut, wo dieser Mitarbeiter sich gerade aufhielt. Er war im Urlaub in Mexiko. "Und wir haben genau gesehen, dass er sein Hotel nicht oft genug verlassen hat. Es gibt doch großartige Sehenswürdigkeiten in Mexiko, die er sich einmal hätte anschauen sollen!", sagt Page und lacht und die Zuschauer lachen auch, aber etwas gezwungen. Was ist das für eine Aussicht, wenn der Arbeitgeber seinen Mitarbeiter per Google-Maps sogar im Urlaub kontrollieren kann? Die Frage schwingt mit in diesem Lachen.
"Er hat uns natürlich seine Zustimmung gegeben, seinen Standort zu verfolgen", beeilt sich Eric Schmidt hinzuzufügen. Es ist das alte Problem von Google: Sie wollen Gutes tun und ernten Misstrauen. Den Journalisten hatte Larry Page zuvor noch einmal den obersten Grundatz von Google zu erklären versucht: Niemand müsse mitmachen. Leider wird, und das muss Page selber zugeben, dieser Zusatz bei den weltweiten Projekten von Google immer schwieriger durchzusetzen. "Bei Google Streetview konnte schließlich nicht jeder, der sein Haus nicht fotografiert haben wollte, dieses vorher grün anstreichen, um uns zu signalisieren, dass er nicht mitmachen wollte.", sagt Page. Dafür könne jeder ganz einfach das Bild seines Hauses wieder entfernen.
Jede Sorge wird ernst genommen, das ist die Botschaft der Google-Vorstände. Zu drohend winkt im Hintergrund das Schicksal von Microsoft, die ihre Alleinstellung mit Milliarden-Strafen bezahlen mussten und mit immer neuen Regeln. "Regeln verhindern Innovationen", sagt Eric Schmidt dazu, und dass sie hoffen, unnötige Einschränkungen verhindern zu können.
Page und Schmidt wollen diskutieren mit der Welt. Sie sagen, bevor Politiker in Brüssel, London oder Berlin neue Regeln verabschieden über Datenschutz und zeitliche Grenzen, nach denen Datensätze zwangsweise gelöscht werden müssen, sollte erst einmal überprüft werden, ob es nicht mehr Vor- als Nachteile der Datensammlungen bei Google gebe. "Wir wissen noch so wenig, wozu unsere Informationen taugen", sagt Larry Page. Und führt das Beispiel der Grippe an: Im vergangenen Jahr haben Google anhand der Zunahme des Suchbegriffes in der amerikanischen Google-Suchmaschine einen größeren Grippe-Ausbruch zwei Wochen vor den Gesundheitsbehörden voraussagen gekonnt.
Mit der vorsichtigen Öffnung ihrer exklusiven Zeitgeist-Konferenz will Google der Öffentlichkeit seine andere Seite zeigen, fürsorglich, sozial engagiert und innovativ, ein wichtiges Instrument für die Zukunft. In den Fluren werden Smoothies gereicht, von der ethisch geführten Marke Innocent. Daneben stehen Computer, an denen sich jeder sofort bei dem Regenwald-Projekt von Prinz Charles anmelden kann, um den Klimawandel zu bekämpfen. Comic-Zeichner verwandeln einzelne Redebeiträge auf großen Stelltafeln in Infografiken, mit Sprechblasen gefüllt und auch für Schulklassen geeignet.
Bis zwei Uhr Nachts ging in der Nacht zuvor die Google-Party im Hotel, Prinz Haakon von Norwegen soll bis zum Ende dabei gewesen sein. Mehr erfährt die Öffentlichkeit dann doch nicht - nicht, ob Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain auch noch dabei war oder was genau noch diskutiert wurde in diesen Nachtstunden. Auch die neue Offenheit hat ihre Grenzen.