Protokoll Reporter berichten über die ersten Tage


Bagdad im Bombenhagel: 45 Minuten nach dem Ruf zum Morgengebet schlugen die ersten Marschflugkörper in der irakischen Hauptstadt ein. Ziel der Angriffe: Saddam Hussein und seine Generäle.

Nicht einmal George W. Bush hat wohl damit gerechnet, dass der Krieg so beginnen würde, wie er beginnt. Gegen halb vier nachmittags am Mittwoch vergangener Woche treffen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und der Direktor des CIA, George Tenet, im Weißen Haus ein. Der Präsident sitzt mit den Mitgliedern des Nationalen Sicherheitsrats im Oval Office zusammen, um fünf Stunden vor Ablauf des Ultimatums an Saddam Hussein die Einzelheiten der ersten Angriffe zu besprechen.

Tenet hat von Informanten erfahren, dass sich der irakische Führer mit seinen Söhnen Uday und Qusay sowie hohen Generälen in einem Bunker im Süden Bagdads aufhalten soll. Man könnte den Diktator und seinen engsten Kreis womöglich auf einen Schlag töten. Drei Stunden wogt die Diskussion hin und her. Wie zuverlässig ist der Informant? Welche Risiken birgt ein Angriff?

Bush hört meist schweigend zu,

wie Vizepräsident Dick Cheney, Außenminister Colin Powell, Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und der Stabschef des Weißen Hauses, Andrew Card, mit Rumsfeld, Tenet und dem Oberkommandierenden der Streitkräfte, General Richard B. Myers, das Für und Wider erörtern. General Tommy Franks, der Oberbefehlshaber des neuen Golfkriegs, wird aus seinem Hauptquartier in Katar zugeschaltet.

"Let´s go", sagt Bush, und der Krieg gegen Saddam Hussein beginnt

Noch scheint es für den Großangriff auf den Irak einige Stunden oder gar einen Tag zu früh. Marschflugkörper allein würden den Führungsbunker Saddams kaum zerstören, der unter Schichten von Erde und Beton liegt. Die Runde ist sich einig, dass zusätzlich zwei F117-Stealth-Bomber zum Angriff nötig sein werden. Sie können etwa 1000 Kilogramm schwere Bomben ins Ziel tragen, die speziell zur Zerstörung von Bunkern konstruiert wurden. General Franks drängt zur Eile. Bis 19.15 Uhr spätestens muss die Entscheidung gefallen sein. Die Koordinaten des Bunkers in Bagdad werden in mehr als 30 Marschflugkörper auf den Zerstörern "Milius" und "Donald Cook", den Kreuzern "Bunker Hill" und "Cowpens", den U-Booten "Montpelier" und "Cheyenne" im Persischen Golf und im Roten Meer einprogrammiert. Die F117-Bomber erhalten die Anweisung, von Katar aus die 1000 Kilometer Richtung Bagdad zu fliegen und in den bewachten Luftraum über der Stadt einzudringen.

Um 19.12 Uhr Washingtoner Zeit

gibt Präsident George Bush den Befehl zum Angriff. "Let´s go" sind seine Worte nach Aussagen eines Offiziellen. Es ist 3.12 Uhr in Bagdad, 1.12 Uhr in Berlin.

"Schock und schrecken" nennt das Pentagon seine Kampagne

Als George Bush drei Stunden später vor die Fernsehkameras tritt, sind die Cruise Missiles längst eingeschlagen, die F117 befinden sich auf dem Rückflug, Saddam Hussein und seine Söhne sind allem Anschein nach aber weiter am Leben. Der zweite Golfkrieg hat begonnen.

Die großen Villen der Kaufleute

und der Nomenklatura der Baath-Partei in Bagdad sind schon vor dieser Nacht geräumt worden. Die Reichen haben sich auf den Weg nach Jordanien oder Syrien gemacht, die Funktionäre in besondere Schutzbunker verzogen. Am Tag bevor die ersten Marschflugkörper einschlagen, haben überall ältere Männer mit Kalaschnikows an Brücken und Straßenkreuzungen Posten bezogen - Milizen. Die meisten Läden sind geschlossen, manche gar zugemauert. Im Krankenhaus al Noman bereiten sich 50 Ärzte und 70 Krankenschwestern auf den Krieg vor. Wer nicht auf eine dringende Operation wartet, ist nach Hause geschickt worden. "Wir haben Wasser, geliefert vom Roten Kreuz, zwei Generatoren, Medikamente und Nahrung. Wir sind auf alles vorbereitet", sagt Ahmad al Nasseiri, der Direktor der Klinik.

Für die Fünf-Millionen-Stadt Bagdad

gibt es 34 Bunker, gebaut von finnischen Firmen in den achtziger Jahren. Doch seit im ersten Golfkrieg eine amerikanische Bombe einen dieser Bunker traf und 400 Menschen verbrannten, glauben die Iraker, dass solche Schutzräume Todesfallen sind. "Warum sollten wir da hineingehen? Wollen Sie, dass wir ersticken und verbrennen?", fragt Lena, eine Frau, die 300 Meter von einem Bunker entfernt wohnt.

Die erste Bombennacht

endet so glimpflich, dass die in der Stadt Gebliebenen am nächsten Tag aus ihren Kellern und Wohnungen herauskommen, als sei nichts gewesen. Einige Kaufleute öffnen wieder ihre Läden. Allein durch das laute Feuer der Luftabwehr um die Stadt haben die meisten erfahren, dass die erste Angriffswelle über Bagdad hinweggerollt ist.

"Shock and Awe"

- Schock und Schrecken - wollen die Planer im Pentagon bei den Irakis auslösen. Gleich zu Beginn des Krieges sollten Hunderte von Cruise Missiles und Tausende computergesteuerter Präzisionsbomben alles eliminieren, was Irak an Kommando-, Kontroll- und Kommunikationskapazität - C3 genannt - zur Verfügung steht. Die Bezeichnung ist dem Buch der Ex-Militärs Harlan Ullman und James Wade entnommen. Die Strategie lautet im Kern: durch massiven Einsatz zielgenauer Waffen den Gegner in Konfusion zu versetzen und seine Kampfkraft auszulöschen, ohne das Land und seine Infrastruktur zu zerstören. Dieses Ziel, so die beiden Planer, lässt sich mit relativ wenigen Bodentruppen erreichen.

Statt in offener Feldschlacht können leicht bewaffnete, höchst mobile Spezialeinheiten, unterstützt von den Kampfflugzeugen der Air Force und der Navy, in die Offensive gehen. Ein Konzept, das Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gegen erbitterten Widerstand vieler US-Militärs schon seit Jahren umsetzen will. "Wenn es nicht klappt", sagt der ehemalige US-Befehlshaber Europa-Süd, Admiral Jonathan Howe, "müssen wir halt zu den traditionellen Methoden zurückkehren."

Der Druck auf die Amerikaner,

mehr zu machen als eine Attacke gegen die Führungselite des Irak in Bagdad, wird schnell größer. Irakische Truppen feuern am ersten Kriegstag sechs Raketen auf die im Norden Kuwaits zusammengezogenen amerikanischen und britischen Truppen. Sirenen warnen die Bevölkerung von Kuwait City vor möglichen Angriffen mit Giftgas oder biologischen Kampfstoffen. In den Hotels versammeln sich Einheimische und Journalisten, Gasmasken über dem Kopf. Die philippinischen Gastarbeiter haben nichts als feuchte Tücher, die sie sich vor den Mund halten. Denn eine Maske kostet 75 Dollar, und sie verdienen bestenfalls 330 Dollar im Monat.

An Bord der "USS Kearsarge" simulieren 70 Männer tote und Verletzte

Zwölf Jahre nach dem ersten Golfkrieg glauben die meisten Kuwaiter, dass dem ehemaligen Besatzer ihres Landes, Saddam Hussein, ein schnelles Ende beschert sein wird. Alle erwarten, dass die Geschosse deshalb in Richtung Norden fliegen und nicht nach Süden auf sie selbst. Als am Nachmittag wieder Gasalarm gegeben wird, unterbricht das Fernsehen sein Programm. Die Lage sei "sehr gefährlich", erklärt ein Sprecher. Panik bricht aus.

Drei Dutzend Meilen vor der Küste Kuwaits

herrscht an Bord der "USS Kearsarge" höchste Alarmstufe. Das Schiff dient der US Navy als schwimmende Klinik. Noch Stunden zuvor hat die Mannschaft für das Szenario geübt, das im Weißen Haus besonders gefürchtet wird: Stöhnend, schreiend liegen auf "Flugdeck 3" tote und verletzte Soldaten - 70 Männer, die mit Farbe und Gummihäuten Magendurchschüsse, Verbrennungen, weggesprengte Gliedmaßen und Kopfschüsse simulieren. Sirenen schrillen, Funkgeräte plärren. Mit düsterer Miene tragen vier Matrosen in blauen Uniformen einen "Toten" in einen engen Gang gegenüber dem Kontrollraum. Dort befindet sich "Leichenhalle Nummer 10" - zwölf numerierte Kühlschränke mit silberfarbenen Stahltüren. Mit jeder Stunde rückt der Moment näher, da dieser Raum gebraucht werden wird.

An der Grenze

zwischen Kuwait und dem Irak sind etwa 150 000 GIs und etwa 40 000 Briten zusammengezogen worden. Als auch noch Informationen durchsickern, die Iraker könnten Ölfelder oder mit Öl gefüllte Gräben nahe der Stadt Basra in Brand gesteckt haben, entschließen sich die Generäle zum Angriff auf den Süden des Irak.

Die Piloten sind Mitte zwanzig und haben keine Kampferfahrung

Sieben Minuten sind es bis Basra, 16 Minuten bis Bagdad, wenn Tom Jones in seiner F16 von der Startbahn in Kuwait abhebt. Tom Jones ist Oberst der US-Luftwaffe und kommandiert das Bombergeschwader der "332. Air Expeditionary Wing". Er ist Mitte 40 und hat 3500 Flugstunden im Dienst der Armee absolviert. Die nächsten wird er über dem Irak hinter sich bringen. Als Kommandeur darf Oberst Tom Jones als Einziger mit vollem Namen genannt werden.

Seine Piloten stellen sich nur mit ihren Funk-Codes vor: Digger, Heat oder Snews. Die meisten sind Mitte 20 oder Anfang 30, haben keine Kampferfahrung. Snew kam in den vergangenen Wochen über der südlichen Flugverbotszone zum Einsatz. "Auch keine schöne Sache", sagt er. "Wenn du die Lichtstreifen der irakischen Flugabwehrraketen siehst und ,Missile Launch" meldest, musst du deinen Jet zum Ausweichen rumreißen. Aber das ist nichts gegen das, was jetzt kommt."

Wie am Fließband

karren Lastwagen die Rohlinge für die verschiedenen GPS- und Laser-gelenkten Raketen und Bomben heran, die unter die F16 von Snews und den anderen Piloten gehängt wird. Gabelstapler laden sie auf Rollwagen. Kräne hieven sie auf Werkbänke, Munitionstechniker schrauben und schweißen sie zusammen und aktivieren die Sprengköpfe. Fünf Minuten, dann ist die tödliche Fracht fertig. Nur bei Raketenalarm wird die Arbeit kurz unterbrochen.

Es ist dunkel geworden

auf den Flugbasen der Amerikaner, "al Jaber" und "al Salem". Mit einer Taschenlampe checkt Snews den Halt der Raketen und Streubomben. Er hat kaum noch einen Blick für die Bodencrew. Er klettert ins Cockpit, legt die Sauerstoffmaske an, wirft die Triebwerke an und rollt zum Start. Als Dritter in einer Vierer-Formation hebt er ab Richtung Irak.

In der Nähe von Basra wird der erste Amerikaner erschossen

Am Freitag beginnen amerikanische und britische Bodentruppen ihre Offensive. Auf breiter Front dringen sie, unterstützt von Kampfflugzeugen und Kampfhubschraubern, mit Panzern, Schützenpanzern und Haubitzen in die Wüste des südlichen Irak ein. Sie stoßen nur auf geringen Widerstand. Ein paar Schäfer, ein paar Kamele scheinen die Einzigen zu sein, die dem Siebten Kavallerie Regiment auf ihrem Vormarsch durch die Wüste begegnen. Als Einheiten der Marines die Autobahn Basra-Bagdad überqueren, treffen sie auf irakische Autofahrer, die ihre Wagen anhalten, total überrascht, US-Truppen schon hundert Kilometer nördlich der kuwaitischen Grenze zu sehen.

Gleich am Morgen

haben sich 200 irakische Soldaten den GIs nahe der Stadt Basra ergeben. Nicht alle, die in Gefangenschaft geraten, tragen Uniform. Einige haben nicht einmal Schuhe an. Doch nicht überall geben die Iraker ohne Widerstand auf. Um die Hafenstadt Umm Kasr wird gekämpft. Aus der Umgebung von Basra kommen Berichte von der Gegenwehr irakischer Truppen. An diesem Tag wird der erste Amerikaner, ein Marineinfanterist, im Gefecht erschossen. Acht britische und vier US-Soldaten sterben beim Absturz eines Hubschraubers. Wie viele Iraker ums Leben gekommen sind, bleibt unklar. Denn fast alle Informationen werden von britischen und US-Streitkräften herausgegeben und kontrolliert.

Während die Kriegsmaschinerie der Alliierten im Süden auf vollen Touren läuft, bleibt es im Norden noch bemerkenswert ruhig. Hier liegen die Ölfelder von Kirkuk, an denen die Kurden ein großes Interesse haben, weil sie damit ihre Autonomie, wenn nicht gar ihre Unabhängigkeit sichern könnten. Ölfelder, die die Türken gern hätten, um erstens ans Öl zu kommen und zweitens jenen Traum der Kurden zu verhindern. Und natürlich haben auch die Truppen Saddam Husseins ein Interesse daran, sie zu halten.

Vom Hügel einer improvisierten MG-Stellung

schauen die Männer von Kurki bis weit hinein ins flacher werdende Land. Das Dorf in den kurdischen Bergen ist der letzte Vorposten des autonomen Nordirak vor der Demarkationslinie. Die Männer warten. Auf den Krieg. "Vor drei Tagen kamen elf irakische Soldaten hier an", erzählt ihr Anführer, der sich die Patronengurte dreifach um die Hüfte geschlungen hat, "alle desertiert".

Früher warteten die Menschen in Kurki angstvoll auf eine der ungezählten Strafexpeditionen der irakischen Armee. "Siebenmal haben sie uns überfallen", krächzt der Clan-Älteste Tair Rafik al Rahman, "sie haben unser Vieh weggetrieben, unsere Häuser zerstört, unsere Söhne mitgenommen." Jetzt warten die Kurden darauf, selbst gen Süden vorzurücken. "Vor Kirkuk gibt es von hier aus nur noch einen einzigen Militärposten", sagt al Rahmans Sohn, "sonst sind fast alle Soldaten aus der Gegend verschwunden."

Aus den beiden großen Städten Kurdistans,

aus Arbil im Westen und Sulaymaniya im Osten, fliehen die Menschen zu Zehntausenden aus Furcht, Saddams letzte Getreue könnten doch noch mit Giftgas angreifen, wie sie es vor genau 15 Jahren in Halabscha taten. Die Ränder der Überlandstraße sind zu einem endlosen Zeltlager geworden, wo die Menschen sich samt Generatoren und mobilen Satellitenschüsseln für die ebenfalls mitgenommenen Fernseher eingerichtet haben.

Doch zwischen ihnen gibt es andere Flüchtlinge, die nur das besitzen, was sie am Leib tragen: Sie haben es noch geschafft, aus Kirkuk gen Norden zu entkommen. Denn der alten, eigentlichen Hauptstadt Kurdistans stehen womöglich die furchtbarsten Kämpfe bevor. Während Saddam aus den meisten Städten des Irak Truppen zur Verteidigung von Bagdad abgezogen hat, wurden sie in Kirkuk nach Berichten von Flüchtlingen sogar noch verstärkt.

Die Peshmergas warten auf einen Krieg, den sie schon gewonnen glauben

Am Grenzübergang von Chamchamal, südwestlich von Sulaymaniya, stauen sich die Trecks der Fliehenden. Am Donnerstag der vergangenen Woche ist ein langer Zug von Frauen, Kindern und Alten zu Fuß in Regen und Kälte die letzten Kilometer durchs Niemandsland gelaufen. Alle Männer mussten mit ihren Autos zurückbleiben. Am Nachmittag begann die irakische Armee, von den Hügeln auf den Ort zu schießen. Der Bauer Schwen Mohammed zeigt, immer noch zitternd, auf ein großes Loch in der Lehmwand seines Hauses: "Zum Glück waren wir im Nebenraum, sonst hätte keiner von uns überlebt!" Mit Mörsern, schweren Maschinengewehren hatten die Iraker angegriffen.

Schwer bewaffnete Peshmergas

der regulären kurdischen Truppen kontrollieren die Straßen, eine nervöse Spannung liegt über der Stadt. Und mittendrin irrt ein ergrauter Iraker, seine alte Militäruniform unterm Arm, umher. Mohammed Ahmed Murat, 49, einer der letzten Gefangenen aus dem Iran-Irak-Krieg, hat in iranischen Lagern und Gefängnissen gesessen, seit er im Mai 1982 gefangen genommen worden war. In einem der letzten Versuche, Verbündete zu finden, hat Saddam vor kurzem einem Austausch aller noch verbliebenen Gefangenen zwischen Iran und Irak zugestimmt. Nun sucht Murat nach seiner Frau und den sechs Kindern, die seit 20 Jahren nichts von ihm gehört haben: "Es ist, als ob ich von den Toten zurückgekehrt wäre! Ich habe die ganze Zeit auf diesen Tag gehofft." Er ist so ziemlich der einzige in Chamchamal, der sich freut an diesem Tag.

Die Männer in ihrer MG-Stellung

bei Kurki warten zwischen gackernden Hühnern und ein paar Ziegen auf den Krieg, den sie längst gewonnen wissen. Und Radio Bagdad, das hier oben immer noch zu empfangen ist, bringt krächzende Hymnen auf Saddam Hussein, die klingen, als sei eine Schallplatte zu oft aufgelegt worden. Während Basra bereits umzingelt ist und Panzertruppen Hunderte Kilometer Richtung Bagdad vorgedrungen sind, verliest der Nachrichtensprecher in der Hauptstadt Berichte von Friedensdemonstrationen in Ottawa, einem Solidaritätstelegramm der KP Chiles und dem Absturz eines amerikanischen Hubschraubers. Sonst nichts. "Noch ein, zwei Tage", sagen die Männer von Kurki.

Saddam hat Kopfprämien ausgesetzt für tote oder gefangene Amerikaner

Schon vor den massiven Angriffen

auf die Hauptstadt in der Nacht zum Samstag macht sich dort Fred Klinger wenig Illusionen, wie schlimm die Schlacht um Bagdad für ihn noch werden kann. Der 52-Jährige bereitet sich im Hotel al Fanar auf die nächste Bombennacht vor. Klinger ist Mitglied der katholischen Organisation Pax Christi und eine Woche zuvor von Berlin aus aufgebrochen, um mit fünf anderen Deutschen etwas für den Frieden im Irak zu tun. Übrig geblieben sind jetzt er und sein Kollege Reinhold Wassmann.

"Ich will nicht als menschlicher Schutzschild funigeren", sagt Klinger. "Lieber will ich humanitäre Hilfe leisten." Er hat das St. Rafael Hospital besucht, das von Dominikanerinnen betrieben wird. Dort will er helfen, Kriegsverletzte zu behandeln.

"Ich bin zum Flohmarkt auf dem Platz der Befreiung gegangen. Dort verkaufen die Menschen ihre letzten Habseligkeiten. Kämme, zerbrochene Spiegel, Batterien, Lebensmittel und gebrauchte Kleidung." Auf dem Rückweg zum Hotel laden ihn Milizen zum Tee hinter ihren Sandsäcken ein. "Ich weiß, dass die Angriffe bisher nur ein harmloses Vorgeplänkel waren", sagt Klinger. "Und wir sind privilegiert. Die meisten Menschen wohnen in baufälligen Häusern, die wie Hütten aneinander gereiht sind. Wenn da eine Bombe reinfällt, dann ist das, als ob man mit einem Flammenwerfer durch einen Bus geht."

Während die Angriffe

immer intensiver werden und Saddam Hussein Prämien für gefangene oder getötete Soldaten und abgeschossene Flugzeuge ausgelobt hat - 25 Millionen Dinar oder 8000 Dollar für einen toten GI, 100 Millionen für ein Flugzeug - wächst der Unmut in der Welt über Amerikas Angriffskrieg. Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac erklärt, dass Amerikaner und Briten kein Recht haben, den Irak nach Ende der Kampfhandlungen unter ihre Verwaltung zu stellen. 300 000 Menschen gehen allein in Athen aus Protest gegen die USA auf die Straße.

In der Türkei kommt es, als das Parlament in Ankara den US-Streitkräften die Überflugrechte gewährt, zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Tausende demonstrieren vor der Al-Azhar-Moschee in Kairo. Dessen Imam, Scheich Tantawi, einer der höchsten Islam-Gelehrten und gemäßigter Sunnit, ruft zur Solidarität mit dem irakischen Volk auf. Bei Protesten im Jemen werden drei Menschen erschossen.

In der Markthalle in Hamburg

steht Bush auf der Bühne. Die Deutschen jubeln ihm zu. Er brüllt ins Mikrofon: "We don´t wanna see a fucking war." Die Deutschen feuern ihn an: "Anthrax! Anthrax!" Und dann legen Bush und seine Jungs los. Sänger Bush und Anthrax sind eine Heavy- Metal-Band vom Härtesten. Und sie sind New Yorker auf Tour im Feindesland. Sie genießen es. Denn in Amerika gilt fast als Vaterlandsverräter, wer auch nur vorsichtig kritisch ist.

Als der Führer der Demokraten im Senat in Washington, Thomas Daschle, kurz vor Beginn des Krieges die Bush-Regierung verhalten kritisiert, weil sie der Diplomatie keine ausreichende Chance gegeben habe, muss er sich vom republikanischen Abgeordneten Dennis Hastert vorwerfen lassen, er habe "unsere Feinde ermutigt". Tom DeLay, Fraktionsführer der Republikaner, ruft ihm in der Sprache der ob ihrer Veto-Ankündigung verhassten Franzosen zu: "Fermez la bouche, Monsieur Daschle!" - Halten Sie die Schnauze, Herr Daschle. In San Francisco nehmen Polizisten 1000 Kriegsgegner vorübergehend fest.

In der Zwischenzeit

hat Jordanien seine Grenzen für Flüchtlinge dichtgemacht. Helikopter fliegen die Grenze ab, um Iraker aufzuspüren. Ein breiter Streifen entlang der Grenze ist zum militärischen Sperrgebiet erklärt worden. Etwa 20 Kilometer landeinwärts haben Rotes Kreuz und die Hilfsorganisation Care je ein Flüchtlingslager gebaut. Ein paar hundert graue Zelte rechts der Straße, Wassertanks, Toiletten und Duschen in Wellblechhütten. Stromleitungen wurden gelegt, Hunderte Laternen aufgestellt. In den Lagern A und B sollen 40 000 bis 45 000 Menschen ein Dach über dem Kopf und Nahrung finden. In B werden die Flüchtlinge aus Drittländern untergebracht. Sudanesen, Ägypter, Somali vor allem, von denen viele als Gastarbeiter im Irak leben. Bisher sind 450 gekommen. Die letzten mit drei Bussen am Freitagvormittag.

US-Spezialtruppen warten in Jordanien auf ihren Einsatzbefehl

Lager A, das weitaus größere, ist für die Iraker vorgesehen. Es ist leer. "Letzte Woche hatten wir noch ein Gespräch mit den jordanischen Behörden, die uns zusicherten, dass die Flüchtlinge nicht an der Einreise gehindert werden", sagt der Franzose Sebastien Carliez, 33, Sprecher des Roten Kreuzes. "Aber die Iraker werden zurzeit einfach nicht rübergelassen."

Über die Gründe wird viel spekuliert.

Es wimmelt im Grenzgebiet von Militärs. Alle paar Kilometer sind Checkpoints aufgebaut. 7000 Mann von US-Spezialeinheiten sollen hier stationiert worden sein, um in den Irak vorzudringen. Die Regierung bestreitet das. Doch auf dem Armeestützpunkt bei Ar Ruwayshid, der mit seinen riesigen Hallen und Bunkeranlagen weithin sichtbar ist, starten und landen Chinook- und Black-Hawk-Hubschrauber, wie sie die US-Armee benutzt. Begegnet man jordanischen Soldaten, tragen sie meist brandneue amerikanische Tarnuniformen. Viele sind in Humvee-Geländewagen unterwegs.

In der Nacht zum Samstag, der dritten des Krieges, zeigen die USA zum ersten Mal, wie groß ihre Übermacht, wie gewaltig ihre Feuerkraft ist, wie hilflos ihre Feinde sind. Das Pentagon bestätigt, dass "A-Day" begonnen hat, der erste Tag der "Schock-und-Schrecken"-Kampagne. Bagdad erlebt die schwersten Angriffe. 320 Cruise Missiles schlagen in Regierungsgebäude und Präsidentenpaläste ein. Der Palast der Republik, Saddams wichtigster, wird zerstört. Danach greifen Bomber in einer großen Welle an. Ein gewaltiger Feuerschein liegt über der Stadt.

Keiner weiß zu diesem Zeitpunkt, wie viele Menschen unter den Trümmern begraben werden. Kommandos erobern zwei irakische Luftstützpunkte nahe der jordanischen Grenze. Nun lässt sich der Nachschub mit Riesentransportern schneller heranbringen für einen Angriff auf Bagdad, auch aus dem Westen. In der Wüste südlich der Hauptstadt ergibt sich allem Anschein nach die 51. Division der Iraker den voranstürmenden Truppen.

Im Nordirak spitzt sich die Lage zu.

Kirkuk und Mosul werden bombardiert. Etwa 1000 türkische Soldaten dringen mit Schützenpanzern aus den Provinzen Silopi und Hakkari in das Nachbarland vor. Amerikanische Militärplaner befürchten, dass die Iraker Staubecken bei Kirkuk öffnen könnten, um die Ölfelder in der Gegend zu fluten und den Pegel des Tigris anschwellen zu lassen.

US-Firmen haben sich

die Verträge für den Wiederaufbau gesichert

Während Briten und Amerikaner weiter vordringen und den Irak in Schutt und Asche legen, bereiten sich im fernen Amerika die ersten Firmen schon auf den Wiederaufbau vor. Rund eine Milliarde Dollar hat die Bush-Regierung bereitgestellt. Zu den fünf ausgewählten Unternehmen gehören solche, die der republikanischen Partei eng verbunden sind. Darunter die Bechtel-Group, in deren Diensten George Shultz steht, der ehemalige Außenminister der Regierung Ronald Reagan. Vor allem aber das Unternehmen Halliburton. Bis zu seiner Wahl als Vizepräsident war Dick Cheney dort einer der Chefs. Auch nach seinem Ausscheiden bekommt er noch Geld von Halliburton.

Die Firmen sind ebenso optimistisch,

dass der Krieg bald vorbei sein wird, wie US-Brigadegeneral Louis Weber. Der Vizekommandeur der 3. Infanteriedivision hat in einer Ansprache an seine Soldaten kurz vor Beginn des Krieges gesagt: "Die Welt wird überrascht sein, wie schnell wir in Bagdad sind. Ich stelle mir schon vor, wie ich in Saddams Palast in einer vergoldeten Badewanne sitze und mir gefangene Republikanische Garden Luft zufächeln."

Andreas Albes/Mario R. Dederichs/Steffen Gassel/Bianca Kopsch/Perry Kretz/Eva Lindenau/Uli Rauss/Christoph Reuter/Doris Schneyink/Thomas Seifert/Bernd Volland

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