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Ludwig-Holger Pfahls: Das Phantom

Kein Phantom wurde in den letzten Jahren mehr gejagt als Ludwig-Holger Pfahls. Fünf Jahre lang blieb der Ex-Geheimdienstler und frühere Rüstungs-Staatssekretär spurlos verschwunden - bis zu seiner Verhaftung in Paris.

Bis zuletzt stand Holger Pfahls auf der Liste der "meistgesuchten Personen" des Bundeskriminalamts. Seit seiner mysteriösen Flucht aus einem Krankenhaus in Taiwan im Jahr 1999 hatten die BKA-Zielfahnder immer wieder vergeblich in allen Ecken der Welt nach dem ehemaligen Rüstungsstaatssekretär der Regierung Kohl gesucht. Mal wurde die Festnahme in China, mal in Südafrika gemeldet. Alles falsch. Auch sein Tod. Bekannt war nur seine letzte Wohnanschrift: "2 Sime Park Hill, Singapur"

Wie aus heiterem Himmel wurde Pfahls, der nach wie vor ähnlich wie der Waffenlobbyist Karlheinz Schreiber als Schlüsselfigur in der CDU- Spendenaffäre gilt, in Paris gefasst. Welche Umstände zur Festnahme des 61-Jährigen geführt haben, blieb zunächst unbekannt. Grund war auch, dass nach solchen Festnahmen üblicherweise immer anschließende Ermittlungen durchgeführt werden - Durchsuchungen und eventuell Fahndungen nach anderen Verdächtigen.

Wollte er entdeckt werden?

Vielleicht hat sich der Mann, der laut Staatsanwaltschaft Augsburg wegen des Verkaufs von Fuchs-Spürpanzern an Saudi-Arabien 3,8 Millionen Mark (1,94 Millionen Euro) an Bestechungsgeldern erhalten haben soll, selbst verraten. Erst vor knapp zwei Wochen meldete die Münchner "Abendzeitung", der ehemalige CSU-Politiker Pfahls habe von Frankreich aus Kontakt mit einem Anwalt in Deutschland aufnehmen wollen. So etwas kann einem Gesuchten beim heutigen Stand der Fahndungsmethoden zum Verhängnis werden. Vielleicht wollte er auch entdeckt werden.

Pfahls war nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft, aber auch des früheren Bundestags-Untersuchungsausschusses zur CDU-Affäre, der Mann, der den Panzer-Deal mit Saudi-Arabien möglich machte. Es war ein profitables Geschäft: Von den 446 Millionen Mark, die der Wüstenstaat damals zahlte, sollen 220 Millionen Mark (rund 112 Millionen Euro) als Schmiergelder geflossen sein - und davon eben 3,8 Millionen auf ein Konto von Pfahls.

Weil der Verbleib der Gelder aber nicht klar war, hegten SPD und Grüne Ende 1989, Anfang 1990 den Verdacht, es könne davon auch etwas in die Kassen der Union geflossen sein. Im Untersuchungsausschuss zur CDU-Affäre wollten sie klären, ob die Regierung Kohl käuflich war. Alt-Kanzler Helmut Kohl (CDU) hat diesen Vorwurf immer als empörend empfunden und ihn mehr als einmal zurückgewiesen. "Ich habe keinerlei Kenntnisse von Einflussnahmen und Bestechungen. Sie fanden nicht statt", sagte er als Zeuge vor dem Ausschuss.

Außenpolitisches Interesse an der Panzer-Lieferung

Nach seiner Darstellung hatte Kohl ein hohes außenpolitisches Interesse an der Panzer-Lieferung. Der erste Golfkrieg zeichnete sich im Sommer 1990 mehr als deutlich ab. Saudi-Arabien fühlte sich durch Giftgas-Waffen des irakischen Diktators Saddam Hussein bedroht. Kohl wollte nicht, dass Deutschland Truppen zur Unterstützung der USA und ihrer Verbündeten an den Golf schicken musste. Darum versprach er, so seine Darstellung, der USA finanzielle und militärische Hilfe - darunter eben auch die Lieferung der Spürpanzer an den amerikanischen Verbündeten Saudi-Arabien.

Der Haken war, dass der Rüstungskonzern Thyssen die Panzer gar nicht so schnell produzieren konnte. Der Deal konnte nur klappen, wenn die Bundeswehr sie praktisch aus ihren Beständen erst einmal zur Verfügung stellte. Und dafür soll Pfahls gesorgt haben - gegen ausdrückliche Widerstände aus der Bundeswehr. Dass er für seine Aktivitäten Geld von Schreiber bekommen hat, hat Pfahls 1996 bestritten. Schreiber später auch.

Blitzkarriere innerhalb nur weniger Jahre

Der Ex-Staatssekretär könnte jetzt vieles aufklären und damit neues Licht in die CDU-Affäre bringen. Vor allem könnte er nun über den Verbleib des Geldes Auskunft geben. Ob er es wirklich tut, muss abgewartet werden. In der BKA-Fahndung wird unter anderem als "verschlossener" Einzelgänger charakterisiert. Der promovierte Jurist galt als "eine Art Wunderknabe der Politik". Geboren am 13. Dezember 1942 im brandenburgischen Luckenwalde legte der enge Vertraute von Bayerns früherem Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU) innerhalb nur weniger Jahre eine Blitzkarriere hin.

Zunächst noch als Richter am Bayerischen Obersten Landesgericht und Staatsanwalt für Wirtschaftssachen tätig, wechselte er mit Anfang 30 in das damals neu geschaffene Bayerische Umweltministerium. 1976 trat der Sohn eines Hauptmanns als Landtagsreferent in die Bayerische Staatskanzlei ein, wo Strauß auf ihn aufmerksam wurde und ihn 1978 als persönlichen Referenten in seinen engeren Mitarbeiterkreis holte.

1981 wurde Pfahls Leiter des Büros des Ministerpräsidenten und 1985 Nachfolger von Verfassungsschutzpräsident Heribert Hellenbroich. Zwei Jahre später holte ihn Verteidigungsminister Manfred Wörner (CDU) auf Vorschlag von Strauß als beamteten Staatssekretär auf die Hardthöhe. Wörners Nachfolger Rupert Scholz (CDU) übernahm ihn, machte ihn zum "Staatssekretär I", verantwortlich unter anderem für die Rüstungskontrolle.

1992 wurde er "ausdrücklich auf eigenen Wunsch" in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Beobachter gingen davon aus, dass dies vor allem im Zusammenhang mit der Affäre um Waffenlieferungen aus NVA-Beständen an Israel geschah. Pfahls trat daraufhin in eine Anwaltssozietät ein und arbeitete dann als Spitzenmanager des Automobilkonzerns DaimlerChrysler in Südostasien. Im Sommer 1999 geriet Pfahls international in die Schlagzeilen, als man ihm vorwarf, als Verteidigungs-Staatssekretär in Zusammenhang mit einer Panzerlieferung an Saudi-Arabien vom Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber Schmiergeld in Höhe von fast zwei Millionen Euro angenommen zu haben. Im Juli 1999 tauchte Pfahls unter.

Letzter offizieller Wohnsitz: Tegernsee

Sein letzter offizieller Wohnsitz in Deutschland war eine schmucke Landhausvilla am oberbayerischen Tegernsee. Dort, wo einst auch CSU-Chef Franz Josef Strauß und noch heute Ex-DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski ein repräsentatives Umfeld bevorzugten, besaß bis zu seiner Flucht ins Ausland auch der in Paris verhaftete Holger Pfahls eine veritable Immobilie. Das versteckt gelegene Haus mit der noblen Adresse Prinz-Karl-Allee in Tegernsee kaufte Pfahls auf dem Höhepunkt seiner Karriere einem vermögenden Schokoladenfabrikanten ab.

Er vergitterte die Fenster, eine Mauer schirmte die Villa und ihren prominenten Bewohner vor neugierigen Blicken ab, eine zum nächsten Polizeirevier geschaltete Überwachungskamera filmte jeden Passanten, der dem Gebäude nahe kam. Längst wohnen andere Eigentümer in dem Anwesen. Es wird vermutet, dass die Kinder von Pfahls nach dessen Untertauchen die Immobilie im Auftrag ihres Vaters verkauften.

Menschenscheuer Strauß-Intimus

In Tegernsee, dem verträumten Städtchen am sonnigen Ostufer des seit der Nazi-Diktatur auch "Lago di bonzo" genannten Gewässers, ist und bleibt Pfahls ein unbeschriebenes Blatt. Der einstige Strauß-Intimus ließ sich in dem 5000-Einwohner-Ort kaum blicken. Er gehörte außer dem CSU-Ortsverband keinem Verein an, man sah ihn nicht beim Einkaufen, er besuchte keine Veranstaltungen und ließ sich auch sonntags nie in der Kirche blicken. Selbst das berühmte Herzogliche Bräustüberl im Tegernseer Schloss mit seiner Vielzahl von Stammtischen, an denen auch CSU-Größen wie der frühere Bonner Entwicklungshilfe-Staatssekretär Siegfried Lengl gern gesehen sind, mied der menschenscheue Pfahls.

Dafür, dass so gut wie nichts über ihn nach außen drang, sorgte der promovierte Jurist und Liebhaber schneller Autos schon selbst. Im Einwohnermeldeamt von Tegernsee veranlasste er höchstpersönlich eine Auskunftssperre zu seiner Person. Die gilt noch heute. "Wir dürfen über Herrn Pfahls leider keinerlei Auskunft erteilen", beschied ein Sprecher der Stadtverwaltung am Mittwoch freundlich, aber bestimmt. Und auf Nachfrage nur so viel: "Herr Pfahls ist nicht mehr bei uns gemeldet."

Der CSU gehört der frühere Büroleiter von Strauß seit dem Jahr 2000 nicht mehr an. Schon bald nach dem Verschwinden des damals 56-Jährigen im Juli 1999 wurden Forderungen laut, das ins Visier der Ermittler geratene Mitglied aus dem CSU-Ortsverband Tegernsee auszuschließen. Doch waren dem Ortsvorsitzenden Norbert Schußmann und seinem Vorstand die Hände gebunden. "Auch für Holger Pfahls galt die Unschuldsvermutung", erinnert sich Schußmann an die knifflige Lage.

"Der Brief kam ungeöffnet zurück"

Da kam das Ausbleiben der Mitgliedsbeiträge von Pfahls den CSU-Leuten gerade recht. Laut Satzung erlischt die Parteizugehörigkeit eines Mitglieds, wenn es sechs Monate lang keine Beiträge mehr zahlt. "Wir haben Holger Pfahls an die letzte uns bekannte Adresse geschrieben und aufgefordert, die Beiträge zu bezahlen, aber der Brief kam ungeöffnet zurück", erzählt Schußmann. So blieb der CSU ein Parteiausschlussverfahren erspart, die Christsozialen waren ihr gleichermaßen prominentes wie ungeliebt gewordenes Mitglied Holger Pfahls auf elegante Weise los.

Paul Winterer und Ulrich Scharlack/DPA / DPA