Highlights ohne Ende

2. Mai 2006, 14:18 Uhr

Wer kennt nicht das "Wunder von Bern" oder die "Hand Gottes"? Die 17 bisherigen Weltmeisterschaften schrieben sportliche, aber auch kuriose Geschichten. stern.de blickt auf die bewegende WM-Historie zurück.

Einer der Augenblicke der WM-Geschichte, die sich in das Gedächtnis jeden deutschen Fußball-Fans eingeprägt hat©

Bei den Anfängen der Fußball-Weltmeisterschaft trugen Schiedsrichter noch Krawatten, Spieler verloren auch mal ihre Hosen. Sogar Politiker und Könige mischten munter mit - schließlich ging es um Ehre und Vaterland. Im Laufe der Zeit veränderte sich jedoch nicht nur die Spielweise, auch die Kleidung. Schiedsrichter liefen bald ohne Schlips auf und auch die Trikots der Fußballer wurden dem moderneren Spiel angepasst.

Die Ballkünstler vom Zuckerhut spielten sich gleich fünfmal zum Weltmeistertitel und verzauberten ihre Anhänger mit ihren Tricks. Junge Stars traten ins Rampenlicht der internationalen Fußballszene. Der unvergessene Pelé wurde mit 17 Jahren zum jüngsten Weltmeister aller Zeiten. Ein anderer Weltklasse-Spieler krönte 1974 seine beispiellose Fußballer-Karriere mit dem Weltmeistertitel im eigenen Land und sich selber zum Fußball-Kaiser für die Ewigkeit. Franz Beckenbauer führte die deutsche Nationalmannschaft als Kapitän zum zweiten Weltmeistertitel.

Im Jahr 2002 wagte die Fifa erstmals den Schritt nach Asien. Die Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan wurde trotz vorheriger Skepsis zum großen Erfolg. Die Fans bevölkerten die Stadien und jubelten ihren favorisierten Mannschaften frenetisch zu. Seitdem wird die Weltmeisterschaft mehr und mehr zu einer großen Marketing-Kampagne. Diese Promotion-Welle hat Deutschland bereits fest im Griff und wird ihren Höhepunkt vom 9. Juni bis 9. Juli erleben, wenn die 18. Weltmeisterschaft in Deutschland ausgetragen wird.

Svenja Schierer

WM 1930 in Uruguay

Die erste WM war eine schwere Geburt. Nach zähem Ringen war es 1928 soweit: Die Fifa beschloss, 1930 ein Weltturnier auszutragen.

1929 erhielt Uruguay den Zuschlag. Das Dumme dabei war nur: Es wollte erst mal keiner teilnehmen. Vor allem die Europäer stöhnten unter der Wirtschaftskrise und sagten reihenweise ab. Zu teuer die Anreise und überhaupt die Südamerikaner, die können doch so was nicht organisieren.

WM ohne Europa Ganze 13 Länder meldeten ihre Mannschaften an, sieben aus Südamerika und zwei aus Mittel- und Nordamerika. Qualifikationsspiele gab es keine - man war froh über jeden, der kam. Und Europa spottete über das "Märchen der Weltmeisterschaft".

Immerhin gelang es Fifa-Boss Jules Rimet, seine Franzosen, Belgier, Jugoslawen und Rumänen zu der zehntägigen Schiffsfahrt zu überreden. Alle Mannschaften außer Jugoslawien tuckerten gemeinsam auf einem Dampfer über den Ozean. Auch die beiden europäischen Schiedsrichter waren dabei. Alles wurde für die Herrn Spieler hergerichtet. Damit sie trainieren konnten, wurde eigens das ganze Achterdeck freigemacht. Doch viel Training war nicht, der Transfer erinnerte mehr an eine Urlaubsfahrt: Die Jugoslawen schlugen sich vor allem den Bauch voll, und während die Rumänen insbesondere am Reck herumturnten, zockten die Franzosen Karten bis tief in die Nacht.

Königliche Rumänen Kein Wunder, dass am Ende die Südamerikaner beim Turnier unter sich blieben. Den Rumänen half auch königlicher Beistand nur wenig. König Carlos II. war fanatischer Fußballfan und hatte offiziell die Teilnahme seines Landes angeordnet. Nicht genug damit: Auch die Mannschaft stellte er höchstpersönlich zusammen. Seine Majestät ließ es sich sogar nicht nehmen, auch während der Spiele auf der Trainerbank Platz zu nehmen. Immerhin konnte er einen Sieg seiner Untertanen gegen Peru bejubeln.

Ballspiele Das erste WM-Finale bestritten Uruguay und Argentinien. Das Duell der beiden Nachbarn ließ die Emotionen hoch kochen. Die Stimmung auf den Rängen war aufgeladen. Der Schiedsrichter John Langenus, standesgemäß gekleidet in Knickerbockern, Schlips und Kragen, verlangte eine Leibwache; sage und schreibe 1600 Schusswaffen waren beim Eintritt ins Stadion beschlagnahmt worden.

Die 70.000 Zuschauer im nagelneuen Stadion von Montevideo sahen einen umkämpften Sieg der Gastgeber über Argentinien. Uruguay war der erste Fußball-Weltmeister. Dabei spielte auch das Spielgerät selber keine unwichtige Rolle. Beide Teams hatten nämlich zum Spiel ihren Ball mitgebracht. Für das Runde gab es noch keine einheitlichen Regeln. Ein Münzwurf entschied, dass in der ersten Halbzeit mit dem argentinischen Ball gespielt wurde. In der zweiten Halbzeit kam der wesentlich schwerere Ball aus Uruguay zum Einsatz. Die Gastgeber nutzten den Vorteil und machten nach der Halbzeit aus einem 1:2-Rückstand noch einen 4:2-Sieg.

Christoph Marx

WM 1934 Italien

Vier Jahre später fand eine WM auf europäischem Boden statt. Uruguay hatte die Absage der Italiener bei ihrer WM 1930 nicht vergessen und zahlte mit gleicher Münze heim.

Zum einzigen und wohl auch letzten Mal verzichtete ein Champion auf die Titelverteidigung. Allerdings meldeten sich insgesamt 32 Länder für das Turnier an, so dass erstmals Qualifikationsspiele ausgetragen wurden. Unter den 16 Endrundenteilnehmer stand auch zum ersten Mal die deutsche Mannschaft. Argentinien und Brasilien waren die einzigen Teams aus Südamerika.

Fouls und Schiriskandale Haushoher Favorit waren die italienischen Gastgeber. Das hatte weniger was mit Sport zu tun. Wichtiger waren die politischen Rahmenbedingungen, unter denen das Turnier stattfand. Benito Mussolini war glühender Fußballfan und setzte alles, wirklich alles daran, mit dem Fußball die Überlegenheit des Faschismus gegenüber der Demokratie zu demonstrieren. Er verfolgte persönlich fast jedes Spiel. Millionen Lira wurden in den Bau neuer Stadien in Turin, Florenz und Neapel investiert. Und einige Münzen sollen auch in die Taschen der Schiedsrichter geflossen sein. Kuriose Schiedsrichterentscheidungen pflasterten den Weg Italiens zum ersten Titelgewinn. Dazu kamen brutale Foulspiele - Chefcoach Pozzo hatte ein abwehrstarkes Bollwerk geformt, das in der Not alles wegholzte, was sich ihm in den Weg stellte. Ein besonderes Skandalspiel war das Viertelfinale zwischen Italien und Spanien. Schiedsrichter Mercet aus der Schweiz benachteiligte die Spanier nach Strich und Faden. Ein reguläres Tor der Spanier wurde aberkannt, ein Kopfballtor, bei dem sich Torschütze Meazza mit beiden Händen beim spanischen Tormann abstürzte, dagegen anerkannt. Zu diesem Zeitpunkt des Spiels waren sieben (!) Spanier verletzt. Mercet wurde nach dem Turnier lebenslang von seinem Verband gesperrt.

Lebenswichtiger Sieg Zahlreiche Fouls später war das Ziel erreicht: Die Italiener rangen im Finale die Tschechoslowakei mit 2: 1 nieder und wurden erstmals Weltmeister. Die Begleitumstände waren aber auch dem italienischen Coach irgendwie unangenehm. Pozzo kündigte nach dem Endspiel an, 1938 beweisen zu wollen, wer der wahre Weltmeister sei. Immerhin konnten die Spieler wieder ruhig schlafen. Italienische Spieler bekannten einige Jahr später, panische Angst gehabt zu haben, bei einer Niederlage einen Kopf kürzer gemacht zu werden. Mussolini hatte vor dem Endspiel ein knappes Telegramm an die Spieler geschickt. Darauf standen nur drei Worte: "Siegen oder sterben".

Trikotverwirrung Unter solchem Druck standen damals die deutschen Mannen von Reichstrainer Doktor Otto Nerz noch nicht. Frisch und fröhlich spielten sie sich bis ins Halbfinale. Im Spiel um Platz 3 besiegte Deutschland überraschend auch die österreichischen Wunderkicker. Kurios auch die Begleitumstände dieses Spiels. Beide Teams begannen das Spiel im gleichen Dress - weiße Hemden, schwarze Hosen. Auf der Tribüne herrschte leichte bis schwere Verwirrung. Die Zuschauer jubelten den Deutschen zu, im Glauben, sie seien die Österreicher. Nach einer halben Stunde (!) fiel den Zuschauern der Irrtum auf und es kam zu Tumulten. Der Schiedsrichter unterbrach das Spiel und ließ auslosen, wer die Trikots wechseln musste. Die Deutschen trabten in die Kabine und setzten das Spiel wenig später in Rot fort.

Christoph Marx

WM 1938 Frankreich

Über der WM 1938 in Frankreich schwebte bereits der Zweite Weltkrieg. Der Einmarsch deutscher Truppen in Österreich wirkte sich direkt auf das Turnier aus.

Das österreichische Team hatte sich sportlich qualifiziert, wurde aber mit der deutschen zu einer "großdeutschen" Mannschaft zwangsfusioniert. Ein neuer Trainer sollte für die Nazis die Fußballwelt erobern: Sepp Herberger. Sonst blieben die Europäer fast unter sich. Außer Brasilien blieben alle südamerikanischen Mannschaften zu Hause, beleidigt, dass das Turnier nicht auf ihrem Kontinent stattfand. 15 Länder spielten zum ersten Mal im reinen K.o-System den Sieger aus.

Nazidebakel Nazi-Deutschland erlebte bei der WM sein Waterloo. Herberger konnte auf die Schnelle die eingespielten Mannschaften aus Deutschland und Österreich nicht zum politisch gewollten Superteam formen. Bereits im ersten Spiel kam das schmachvolle Aus. Nach einem peinlichen 1:1- Unentschieden gegen die Schweiz setzte es im Widerholungsspiel eine heftige 2:4-Niederlage. Der Rest der Fußballwelt freute sich diebisch - blanker Hass war der großdeutschen Mannschaft bereits im Stadion entgegengeschlagen. Tomaten, Eier und Flaschen prasselten beim Einlaufen auf die deutschen Spieler nieder.

Dafür begannen bei dieser WM die Brasilianer zu zaubern. Überragender Star des Turniers war der schwarze Superstürmer Leonidas da Silva, Spitzname: "schwarzer Diamant". Im Spiel gegen Polen (6:5 n.V.) spielte er seine Gegner schwindlig und erzielte vier Tore. Als es nicht aufhören wollte zu regnen und der Platz rutschig wurde, staunten die Zuschauer nicht schlecht: Er entledigte sich kurzerhand seiner Schuhe und Stutzen und spielte einfach barfuss weiter. Und schoss sogar ein Tor. Nur der Schiedsrichter fand das gar nicht lustig und zwang den Fußballartisten, seine Treter wieder anzuziehen.

Die Brasilianer begeisterten die Zuschauer, Weltmeister wurden sie aber noch nicht. Im Halbfinale unterlag die Selecao den Italienern mit 1:2. Der Trainer wechselte die halbe Mannschaft durch - Leonidas sollte für das Finale geschont werden. Er verwirrte damit allerdings mehr die eigene als die gegnerische Mannschaft. Eigentlich hatte nur der Italiener Gisueppe Meazza einige Probleme. Ihm war im Spiel das Hosengummi gerissen. Als er zum Elfmeter antrat, rutschte ihm sogar die Hose herunter. Doch er ließ sich nicht beirren: Mit der linken Hand an seiner Hose nahm er kurzen Anlauf. Und alles ging gut: Der Schuss saß und die Hose blieb an ihrem Platz.

Im Endspiel besiegten die Italiener Ungarn mit 4:2 und verteidigten als erstes Team ihren Titel. Und im Gegensatz zu 1934 erwies die ganze Fußballwelt der Squadra Azzura Respekt. Trainer Pozzo ging sogar in die Geschichte ein: Er ist bis heute der einzige Trainer, der zwei WM-Titel gewinnen konnte.

Christoph Marx

WM 1950 Brasilien

Es war die WM der Sensationen: Die hochfavorisierten Brasilianer unterlagen im eigenen Land im Finale den Urus und stürzten das Land in eine Depression. Die Engländer gaben sich zum ersten Male die Ehre - und blamierten sich.

Als Brasilien für die WM 1950 den Zuschlag bekam, löste das im Land Euphorie und einen Bauboom aus. In Rio de Janeiro erbaute man eine Fußballarena, die heute noch bombastisch wirkt: 200.000 Zuschauer fanden hier Platz, das Dach hatte eine Spannweite von 20m, es gab Flutlicht und Fahrstühle. Ein Tempel, erdacht zur Krönungsmesse der heimischen Ballkünstler. Und die Fans störte es wenig, dass wieder nur 13 Ländern den Weg nach Südamerika fanden. Deutschland dürfte nach den Kriegsgräuel noch nicht teilnehmen. Immerhin hatte sich England herabgelassen, das Turnier mit seiner Anwesenheit zu beglücken. Bisher hatte sich das Mutterland des Fußballes für den natürlichen Nabel der Fußballwelt gehalten und das Turnier einfach ignoriert.

Drama und Todesfälle Alles war für den ersten Titelgewinn Brasiliens hergerichtet. Heimvorteil und eine Mannschaft ohne Schwachpunkte. Dazu spielten die Sambakicker ihre Gegner aus Schweden (7:1) und Spanien (6:1) in Grund und Boden. Spiele, die Jahre später noch zu "unübertroffenen Glanzdemonstrationen" erklärt wurden. Im letzten Spiel gegen Uruguay reichte schon ein Unentschieden zum Titelgewinn. Die 200.000 Zuschauer waren schon in Feierlaune, als Brasilien in Führung ging. Doch dann passierte das Undenkbare: Die Urus glichen aus und gingen sogar zehn Minuten vor Schluss in Führung. Abpfiff: Uruguay war Weltmeister und auf den Rängen lagen sich die Zuschauer weinend in den Armen. Schreckliche Dramen spielten sich ab: mindestens vier Menschen starben - drei an Herzversagen, einer stürzte sich von der Tribüne in den Tod. Aus Schreck überreichte Jules Rimes den Uruguayern die Trophäe unbeobachtet im Kabinengang. Erst vier Jahre später spielte eine brasilianische Mannschaft wieder im Maracana-Stadion. Torwart Barbosa wurde sein Fehler beim 1:2 lebenslang nicht verziehen. Noch 1993 wollten die Offiziellen ihn nicht ins brasilianische Trainingslager lassen. Er bringe nur Unglück.

Die Arroganz der Engländer Nicht ganz so dramatisch, dafür umso peinlicher war der Auftritt des Mutterlandes. Die englischen Starprofis hatten nicht mal einen richtigen Trainer. Für die meisten Spieler war so was überflüssiger Firlefanz - Dribbelkönig Stanley Matthews meinte ernsthaft, ein Nationalspieler müsse schon selber wissen, wie er spiele. Und so spielten sie dann auch. In der Vorrunde verloren die Engländer gegen den Fußballzwerg USA mit 0:1. Die erste große Sensation der WM-Geschichte. Dabei waren auch die Yankees alles andere als vorbereitet. Kein einziges gemeinsames Training gab es vorher und am Vorabend des Spieles tanzten die Spieler noch bis tief in die Nacht. Einige britischen Zeitungen hielten die Nachrichten aus dem fernen Brasilien dann auch für einen technischen Fehler. Sie dachten, die Eins vor der Null sei vergessen worden, und meldeten einen 10:1-Sieg. Doch die traurige Wahrheit war: Bereits nach drei Partien schieden die Engländer sang- und klanglos aus. Die Engländer - Journalisten, Funktionäre und Spieler - verließen Hals über Kopf das Land. Die Spiele Brasiliens sah fast keiner von ihnen.

Christoph Marx

WM 1954 Schweiz

Die WM vier Jahre später in der Schweiz ist längst zum nationalen Mythos geworden. Filme sind gedreht, unzählige Bücher geschrieben worden über das "Wunder von Bern".

Praktisch jede Facette des 3:2-Finalsiegs der deutschen Elf über die Ungarn ist beleuchtet und lyrisch beschrieben worden. Da ist vom eigentlichen Gründungsdatum der jungen Bundesrepublik die Rede, vom "Geist von Spitz", von der "Elf Freunde-müsst-ihr-sein"- Romantik des Sepp Herberger; die übrig gebliebenen Helden werden heute noch in TV-Shows herumgereicht wie Denkmäler einer fernen goldenen Zeit.

Das Spiel im Regen Nicht nur Fußballfreaks können inzwischen das Finale nachbeten. Wohl wirklich jeder weiss inzwischen, dass damals der Regen unaufhörlich herniederprasselte, aber keiner wankte, am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorfstadion. Am wenigsten wankten die deutschen Helden: Der Lauterer Fritz Walter, der Nürnberger Maxl Morlock und wie sie alle hießen, ließen sich von den beiden frühen Gegentoren nicht beeindrucken und schafften noch in der ersten halben Stunde den Ausgleich. Eine tapfere Abwehrschlacht gegen die Jahrhundertelf der "Putskas-Söhne" begann; und wenn einmal Fußballgott Toni Turek geschlagen war, rettete einer auf der Linie. Bis dann, sechs Minuten vor Schluss, die Fußballwelt aus den Angeln gehoben wurde und Schäfer am linken Flügel nach innen flankte, die Ungarn nur mit einem Kopfball abwehren konnten, aus dem Hintergrund Rahn schießen musste und es tatsächlich tat. Und wie er es tat- wenig später war die Sensation perfekt: Bei seiner ersten Teilnahme nach dem Krieg war das deutsche No-Name-Team Weltmeister geworden.

Im Gegensatz zum Finalsieg ist die WM 1954 selbst fast völlig in Vergessenheit geraten. Dabei war das Turnier nicht zuletzt kommerziell ein großer Einschnitt. Der Fußball wurde zur Ware. Zum ersten Mal gab es eine breit angelegte Fernseh-Berichterstattung und die Fifa freute sich über dicke Gewinne. Sportlich übertünchte der deutsche Sensationserfolg die Darbietungen im gesamten Turnier. Nach dem 3:8-Debakel gegen die Ungarn schüttete nicht zuletzt die deutsche Presse Hohn und Spott über die deutsche Elf. Auch der 2:0-Erfolg im Viertelfinale gegen Jugoslawien war mehr als glücklich, eigentlich kickte die Herberger-Elf nur beim 6:1-Halbfinalsieg gegen Österreich wirklich gut.

Die beinah unschlagbaren Ungarn Bessere Spiele zeigten die Engländer, Brasilianer und natürlich die Ungarn, die seit 1950(!) kein einziges Spiel verloren hatten. Das Wunderteam wirbelte nur so herum, und Sandor Kocsis war das "Goldköpfchen" - mit elf Treffern wurde er mit Abstand Torschützenkönig. Das Halbfinale Ungarn gegen Uruguay war der spielerische Höhepunkt der WM, in einem tollen Spiel setzten sich die Osteuropäer mit 4:2 in der Verlängerung durch. Dass die Ungarn aber auch mit allen Wassern gewaschen waren, hatten sie beim Viertelfinalsieg gegen die Brasilianer bewiesen, das als "Schlacht von Bern" in die Annalen einging. Sogar die Polizei musste nach dem Spiel eingreifen. Puskas soll einem brasilianischen Spieler auf dem Weg in die Kabine mit einer Flasche beworfen haben.

Auch auf dem Platz setzten alle Teams auf Offensive. Tore fielen wie am Fließband. Das Viertelfinale zwischen Österreich und der Schweiz gewannen die Eidgenossen mit 7:5. Das höchste WM-Ergebnis bis zum heutigen Tage. Die Partie trug wesentlich zu dem sagenhaften Torrekord bei dieser WM bei: Im Schnitt konnten 5,4 Tore in jedem Spiel bejubelt werden.

Christoph Marx

WM 1958 Schweden

1958 lud die Fifa nach Schweden. Und das Turnier mauserte sich langsam zu einem weltweiten Event. Unzählige Medienleute reisten in den hohen Norden und berichteten aufgeregt in die Heimat.

52 Länder hatten um die WM-Qualifikation gekämpft - 16 blieben übrig. Überraschend durchgefallen waren die zweifachen Titelträger Italien und Uruguay. Es wurde die WM der Brasilianer. Bis ins kleinste Detail bereiteten sie sich auf die Operation Titelgewinn vor und brachten dafür eigens eine halbe Klinik nach Schweden. Die medizinische Abteilung hatte nämlich vorher alle Spieler auf Herz und Nieren untersucht und war dabei zu erschreckenden Resultaten gekommen: die meisten Spieler litten unter Würmern, einer sogar an Syphilis. Auch um die Geistesverfassung war es nicht gut bestellt: Über Rechtsaußen Garrincha hieß es wenig schmeichelhaft, er sei selbst zu doof, einen Bus zu fahren. Auch ein 17-jähriger Edson Arantes do Nascimento kam nicht gut weg. Er sei kindisch und zu brav. Dem Trainer wurde empfohlen, ihn zu Hause zu lassen.

Was Vicente Feola zum Glück unterließ. Denn in Schweden ging der Stern dieses kleinen Wunderspielers auf, der sich der Einfachheit halber Péle nannte. Wie kein anderer symbolisierte er die brasilianischen Schule, die das Spiel als Fest und nicht als Kampf interpretierte. Er fast allein schoss die Selecao zum lang ersehnten Titel und wurde zum ersten Weltstar. Im Halbfinale traf er beim 5:2-Sieg gegen Frankreich gleich dreimal. Mit das schönste Tor der WM-Geschichte gelang ihm im Finale beim 5:2-Triumph gegen Gastgeber Schweden. Mit dem Rücken zum Tor pflückte er im gegnerischen Strafraum den Ball herunter, zirkelte ihn mit der Fußspitze über den Kopf, drehte sich kurz und verwandelte zum 3:1. Als die Brasilianer nach dem Spiel die Ehrenrunde liefen, feierten auch die enttäuschten schwedischen Zuschauer die Mannschaft mit stehenden Ovationen.

Walter's Abschieds-WM So nett war das einheimische Publikum nicht immer. Das Halbfinale in Göteborg gegen Deutschland geriet zu einem emotionalen "Hassspiel". Die deutsche Vergangenheit feierte traurige Auferstehung - die Presse fantasierte im Vorfeld der Partie sogar vom deutschen "Kriegsfußball". Stunden vor dem Spiel heizten "Einpeitscher" über Megafon das Publikum an. Im Hexenkessel verlor Verteidiger Juskowiak die Nerven und flog nach einem Revanchefoul vom Platz. Herbergers Mannen verloren den Faden und nach einer frühen Führung das Spiel mit 1:3. Die Reaktionen in Deutschland reichten von hysterisch bis rassistisch: Schwedischen Autos wurden die Reifen zerschnitten, schwedisches Essen von der Speisekarte gestrichen und einige ältere Journalisten schwadronierten wieder von "völkischen Durchschnittsleistungen" der Schweden.

Die deutsche Mannschaft enttäuschte in Schweden aber keineswegs. Argentinien, die Tschechoslowakei und Jugoslawien wurden besiegt. Die Mannschaft stand vor einem Umbruch. Nur wenige Helden von 1954 waren noch dabei. Nach der WM erklärte Fritz Walter seinen Rücktritt, die Hoffnungen lagen von nun an auf einem jungen Hamburger, der in Schweden bereits sein erstes Tor geschossen hatte: Uwe Seeler.

Christoph Marx

WM 1962 Chile

Irgendwie war bei der WM 1962 von Anfang an der Wurm drin. Chile hatte völlig überraschend 1956 den Zuschlag bekommen, ein Fußball-Nobody erster Klasse.

Vier Jahre später erschütterte ein schreckliches Erdbeben das Land und machte einige WM-Städte platt. Die Stadien wurden rechtzeitig fertig, doch war das Erdbeben ein Vorbote dessen, was die Zuschauer in vielen Spielen erwartete: destruktive Spielweise, Tretereien und kaum Tore.

Defensive war Trumpf Ja, Fußball, geschweige schöner Fußball, wurde nur selten gespielt. Die unattraktive, rein ergebnisorientierte „Catenaccio“-Strategie des Inter-Trainers Helenio Herrera war das Gebot der Stunde. Fast alle Mannschaft setzten auf strikte Defensive und die Zerstörung des gegnerischen Spiels. Dazu kam eine bisher ungekannte Brutalität. Nicht zufällig war der Kalte Krieg auf einem Siedepunkt. Und Fußball schien für einige Länder einfach eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln zu sein. Trauriger Höhepunkt war das Spiel der Chilenen gegen die Italiener. In den ersten zwanzig Minuten wurde nur fünf Minuten mit Ball gespielt, haben Statistiker errechnet. Sonst attackierten sich die Spieler mit rüden Fouls oder es flogen die Fäuste. Ein chilenischer Spieler brach dem Italiener Maschio absichtlich das Nasenbein. Schiedsrichter Ken Aston war hilflos und griff kaum nicht. Später gab er an, aus Rücksicht auf seine Gesundheit das Spiel nicht abgebrochen zu haben. Fifa-Boss Rimet war so erschüttert vom Spiel, dass er überlegte, kein WM-Turnier mehr auszutragen.

Wenn nicht getreten wurde, war es oft einfach langweilig, weil sich die Mannschaften einigelten. Beim trostlosen 0:0 der Engländer gegen Bulgarien war der einzige Höhepunkt ein Hund, der aufs Spielfeld stürmte: Auch ihm war es zu bunt geworden; wütend kläffte er minutenlang auf Bobby Charlton ein. Auch im Viertelfinale zwischen Brasilien und England sorgte ein streunender Straßenköder auf dem Platz für einige Verwirrung. Als er partout den Platz nicht verlassen wollte, hatte der Stürmer Jimmy Greaves die rettende Idee: er robbte sich dem Tier auf allen vieren an, packte beherzt zu und trug es vom Rasen. Solch tierische Unterhaltung hatte die deutsche Mannschaft dem Publikum nicht zu bieten. Sonst passte sie sich dem bescheidenen Niveau an. Auch Sepp Herberger setzte auf verstärkte Defensive. Der rechte Erfolg wollte sich aber nicht einstellen. Diesmal war schon im Viertelfinale Schluss: Gegen Jugoslawien verlor man unglücklich mit einem Tor kurz vor Schluss mit 0:1. Zu Hause geriet Herberger heftig in die Kritik – die Zeit des alten Trainerfuchs lief langsam ab, wenig später trat er zurück.

Titel ohne Péle Allein die Brasilianer trotzten der allgemeinen Defensivtristesse. Die brasilianische Mannschaft war fast dieselbe wie vier Jahre zuvor in Schweden und dominierte auch dieses Turnier. Für damalige Verhältnisse extrem professionell bereitete der Betreuerstab die Spieler auf die WM vor – Schuhe und Stollen wurden individuell angepasst, ja sogar Prostituierte in dem Vorrundenort wurden vorher auf eventuelle Krankheiten untersucht.

So präperiert gelang den Südamerikaner ohne große Probleme der Finaleinzug – und das ohne Péle. Der hatte sich in der Vorrunde verletzt und konnte bis zum Ende nicht mehr eingesetzt werden. Gegen die Überraschungsmannschaft der Tschechen (3:1) verteidigten die Brasilianer erstmals erfolgreich den Titel. Ein verdienter Sieg bei einer WM, die in Vergessenheit geraten ist. Zu Recht.

Christoph Marx

WM 1966 England

1966 ging es wieder nach Europa. Nach England, das sich damit endgültig nach langjähriger „splendid isolation“ in die globale Fußballfamilie Fifa einreihte. Im Mutterland des Fußballs herrschte grenzenlose Euphorie, vier Monaten vor Anpfiff war allerdings der Schrecken groß.

Das Wichtigste war nämlich plötzlich verschwunden: der WM-Pokal. Trotz scharfer Bewachung war er bei einer Ausstellung entwendet worden. Eine fieberhafte Suche begann, doch Scotland Yard tappte völlig im Dunklen. Doch zum Glück hatte Hund „Pickles“ den richtigen Spürsinn – er entdeckte das kostbare Stück beim Gassi unter einem Busch in einem Londoner Vorort. Als Dank wurde er als Ehrengast zum Turnier eingeladen.

Eine umstrittene Niederlage Doch die Engländer wollten den Pokal natürlich nicht nur angucken, sondern vor allem gewinnen. Der WM-Titel war Pflicht im eigenen Land. Und tatsächlich gelang der bislang einzige WM-Coup. Durch das umstrittenste Tor der WM-Geschichte in dem denkwürdigen Finale gegen Deutschland. Es stand 2:2 in der Verlängerung – das Spiel war bis dahin schon dramatisch verlaufen, Wolfgang Weber hatte in buchstäblich letzter Sekunde der regulären Spielzeit für die Deutschen den Ausgleich erzielt. Dann knallte Geoff Hurst in der 110. Minute den Ball an die Unterkante der Latte, von dort sprang der Ball ins Feld zurück. Hatte der Ball vorher die Linie in vollem Umfang überschritten oder nicht? Die Gastgeber jubelten, die Deutschen winkten ab. Keiner hatte es wirklich gesehen. Nicht die Zuschauer, nicht die Fernsehkameras. Schiedsrichter Dienst ließ zunächst weiterspielen. Doch nach einem kurzen Disput mit Linienrichter Bachramow entschied er plötzlich auf Tor. Das Spiel war gelaufen. Das 4:2 interessierten nur die Statistiker. Die Entscheidung bleibt weiter heiß umstritten– auch modernste Aufbereitung der Filmaufnahmen kamen bis heute zu keinem klaren Ergebnis. Den Engländer war es egal: Sie feierten überschwänglich Bobby Charlton und Co.

Die deutsche Mannschaft konnte aber mit aufrechtem Kopf nach Hause fahren. Die Mannschaft von Bundestrainer Helmut Schön machte tolle Spiele und schoss auch unvergessliche Tore. Lothar Emmerich gelang gegen Spanien ein Kunstschuss aus eigentlich unmöglichem WInkel. Kurz vor der Torauslinie hatte er völlig unerwartet abgezogen und der Ball schlug im rechten oberen Eck ein. Neben dem unermüdlich kämpfenden Uwe Seeler rückte dazu ein junger Bayer in den Mittelpunkt, der den deutschen Fußball in den nächsten Jahren prägen sollte: Franz Beckenbauer. Er traf auch nach einem leichtfüßigen Solo zum vorentscheidende 2:0 beim 4:0-Viertelfinalsieg gegen Uruguay, die v.a. durch brutale Fouls auffielen. Überhaupt wurde immer mit harten Bandagen gekämpft.

Besonders die Brasilianer kam mit der Härte ihrer Gegner überhaupt nicht zurecht. Zumal Überflieger Péle nach dem ersten Spiel verletzt aussetzen musste. Er war im Spiel gegen Portugal böse zusammengetreten worden. Der Titelverteidiger schied bereits in der Vorrunde aus.

Sensation aus Fernost Für die größte Überraschung sorgten aber die kommunistischen Armeekicker aus Nordkorea. Schon ihre Qualifikation war irgendwie sensationell. Und dann schlugen sie auch den zweifachen Weltmeister Italien mit 1:0 und erreichten sogar das Viertelfinale. Die englischen Gastgeber hatten auch sonst so ihre Probleme mit dem Teilstaat, dessen Trainer ein Armeeoberst war. Da die Briten das Regime in Pjöngjang nicht anerkannten, durfte auch die Nationalhymne Nordkoreas nicht gespielt werden. Die Engländer lösten das Problem auf elegante Weise: Man beschloss, einfach gar keine Hymnen mehr vor dem Spiel zu spielen, sondern nur schmissige Marschmusik.

Christoph Marx

WM 1970 Mexiko

1970 wurden die Fußballer in die Höhenluft und Gluthitze Mexikos geschickt. Dazu kam die Hitze – teilweise wurden die Spiele in der Mittagshitze von 50 Grad angepfiffen, damit die Bilder in Europa zur besten Sendezeit ankamen.

Trotz dieser suboptimalen Bedingungen sollten die Mexikaner wunderbare Spiele erleben. Und zum ersten Mal war eine WM wirklich eine Weltmeisterschaft. Die Teams kamen aus allen fünf Kontinenten. Marokko war als erste afrikanische Mannschaft bei der Endrunde dabei.

Péle machte sich unvergesslich Das Turnier ging als spielerisch bestes in die Fußballgeschichte ein. Und fairstes: es gab keinen einzigen Platzverweis. Irgendwie folgerichtig, dass Brasilien wieder den Titel holte. Die Mannschaft mit ihren Stars Everaldo und Jairzinho (erzielte in jedem Spiel ein Tor) marschierte souverän ins Finale. Dort besiegten sie den anderen zweimaligen Titelträger Italien mit 4:1. Der Spieler der Spieler, Péle, hielt zum dritten Mal die Jules-Rimes-Trophäe in die Hände. Der Pokal dürfte damit endgültig in Brasilien bleiben. Und Trainer Zagallo wurde der erste Trainer, der auch als Spieler Weltmeister war. Das gelang später nur noch einem: Franz Beckenbauer.

Dieser war 1970 noch junger Antreiber einer Mannschaft, die zwar nicht siegte, aber für die großen Dramen dieses Turniers zuständig war. Vielleicht das beste deutsche Team aller Zeiten (Sepp Maier stand im Tor, Beckenbauer im Mittelfeld, Uwe Seeler und Gerd Müller im Sturm) spielte sich locker ins Viertelfinale, wo England wartete. Beide Mannschaften waren hungrig aufeinander. Und dass lag weniger daran, dass der mexikanische Zoll den Fleischvorrat beider Mannschaften bei der Einreise einfach beschlagnahmt hatte. Nein: Besonders die Deutschen hatten das Finale von 1966 noch nicht vergessen. Die Engländer führten in der wahren Hitzeschlacht lange mit 2:0 und das Spiel schien schon entschieden, bis dem überragenden Beckenbauer in der 70. Minute der Anschluss gelang und die Deutschen zur Aufholjagd bliesen. Zehn Minuten später erzielte Uwe Seeler mit seinem legendären Hinterkopftor den Ausgleich. In der Verlängerung hatten die Deutschen nun Oberwasser und Gerd Müller markierte den 3:2-Siegtreffer. Die Revanche für Wembley war gelungen.

Dramatisches Halbfinale Doch noch dramatischer wurde das Halbfinale gegen Italien in der Höhenluft von Mexiko City. Das viel zitierte „Jahrhundertspiel“, an das im Stadion heute noch eine Gedenktafel erinnert. Wieder gerieten die Deutschen in Rückstand. Alles sprach gegen sie: die Hitze, der italienische Abwehrriegel. Doch dann - wieder Sekunden vor Schluss - grätschte Schnelliger noch eine Flanke ins italienische Tor. Das italienische Tor lag halt auf dem Weg zur Kabine, beschrieb Schnellinger danach lakonisch sein „Last-Minute-Tor“. Unvergessliche 30 Minuten brachen an. Müller schoss schnell die Führung heraus. Aber die Italiener schlugen noch in den ersten 15 Minuten zurück und gingen mit 3:2 in Führung. Doch die Deutschen gaben nicht auf, allen voran Beckenbauer, der zum Held wurde, als er trotz Schlüsselbeinverletzung mit festgebundenen Oberarm weiterspielte. Müller glich noch mal aus, doch postwendend markierte Gianni Rivera den 4:3-Siegtreffer. Die Deutschen waren endgültig geschlagen und mussten um Platz 3 spielen. Doch wenigstens einen deutschen Sieger gab es bei dieser tollen Weltmeisterschaft: Gerd Müller. Er wurde mit 10 Toren Torschützenkönig.

Christoph Marx

WM 1974 Deutschland

Zum ersten Mal fand die WM in Deutschland statt. Nach einigen Schwierigkeiten gegen den sozialistischen Bruderstaat wurde die deutsche Elf zum zweiten Mal Weltmeister. Und Holland tobte...

“Ha, ho, hejahejahe – Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt, wir kämpfen und geben alles, bis dann ein Tor nach dem anderen fällt – einer für alle, alle für einen“: Ein bisschen einfältig war er damals schon, der Text des Kultsongs, den die deutsche Nationalmannschaft zur WM im eigenen Land so ins Mikrofon trällerte. Aber die singenden Kicker verkauften sich toll – und das zählte. Denn um Geld ging es bei der WM 1974 sehr viel. Niemals zuvor ist ein Ereignis so vermarktet worden, Spieler hielten für Zahnpasta ihr Gesicht in die Kamera und das Fernsehen berichtete fast rund um die Uhr in alle Welt. Und was bewegte die deutschen Kicker vor dem Turnier? Natürlich stritten auch sie ums Bimbes – „einer für alle, alle für einen“: Noch im Vorbereitungslager feilschten Beckenbauer und Co. fast öffentlich mit dem DFB um die Siegprämie. Der DFB war so schockiert von den Forderungen, dass kurz ernsthaft überlegt wurde, den gesamten Kader raus zu schmeißen.

Das deutsch-deutsche Duell Spielerisch konnte es für die deutsche Elf im eigenen Land nur ein Ziel geben: Weltmeister werden. Aber danach sah es erst mal gar nicht aus. Nach Arbeitssiegen gegen Chile und Australien stand in Hamburg das brisante Prestigeduell gegen die DDR auf dem Spielplan. Fahrig rannten die deutschen Kapitalistenkicker gegen das DDR-Kollektiv an. Bis in der 79. Minute das Undenkbare passierte: Ein gewisser Herr Sparwasser kurvte durch die bundesdeutsche Abwehr und düpierte auch den Maier Sepp im Tor. Zehn Minuten später Abpfiff. 1:0 für den realen Sozialismus. Das Stasi-Häufchen mit ihren Hammer- und Sichel-Fähnchen jubelte, die westdeutsche Presse war entsetzt, und die (west)deutsche Elf heillos zerstritten. Doch dann – so will es die Legende – nahm der Kaiser höchstpersönlich das Trainerzepter in die Hand; Beckenbauer schmiss Heynckes und Cullmann raus, holte dafür Bonhof und Hölzenbein.

Und plötzlich klappte es: Die deutsche Elf startete durch und putzte Jugoslawien (2:0), Schweden (4:2). Dann die Frankfurter Wasserschlacht gegen Polen. Sintflutartiger Regen hatte den Platz in ein Schwimmbecken verwandelt. Auch die Feuerwehr hatte es nicht geschafft, den Platz abzusaugen. Unter völlig irregulären Bedingungen wurschte Gerd Müller in typischer Gerd-Müller-Manier irgendwie einen Ball über die Linie. Das reichte. Die Rutschpartie war entschieden. Im Finale warteten die starken Holländer auf die deutsche Elf. Alles sprach für die Oranje: Ihr begeisternder Offensivfußball („Fußball total“), mit dem Titelverteidiger Brasilien aus dem Turnier gekegelt wurde; dazu der absolute Superstar des Turniers, Johan Cruyff, seines Zeichen Kettenraucher, „Pythagoras“ am Ball, rebellischer Kopf der deutschen Nachbarn.

Im eigenen Land zum Weltmeistertitel gekämpft Er war es auch, der im Finale in München unmittelbar nach Anpfiff unwiderstehlich in den deutschen Strafraum eindrang und nur noch von Hoeneß gefällt werden konnte. Elfmeter. 1:0 für Holland. In der ersten Minute. Ein Debakel drohte. Doch die deutsche Mannschaft fing sich und Breitner verwandelte nach einer Schwalbe von Hölzenbein einen Elfmeter zum Ausgleich. In der 43. Minute war es dann soweit: Gerd Müller stoppte eine scharfe Eingabe von Bonhof im holländischen Strafraum mit dem Rücken zum Tor, drehte sich unnachahmlich um die eigene Achse und schob den Ball am verdutzten Torwart vorbei ins Tor. 2:1. Was folgte war ein wütendes Anrennen der Holländer. Mit leidenschaftlichem Kampfgeist, einem Sepp Maier in Höchstform und vor allem viel, viel Glück retten die Deutschen den knappen Vorsprung. Als der Schiedsrichter abpfiff, sank Gerd Müller in die Knie und Beckenbauer reckte den Pokal gen Himmel: Deutschland war zum zweiten Mal Weltmeister.

Und die Holländer sahen sich um den verdienten WM-Titel betrogen. Verschwörungstheorien machten die Runde. Es war der Beginn einer großen, wunderbaren Fußballfeindschaft. Doch tatsächlich scheiterten die Holländer vor allem an sich selbst. Anstatt frühzeitig die Entscheidung zu suchen, wollten sie den Gegner bloßstellen. Und spornten damit die deutsche Gegenwehr erst richtig an. Dazu war Cruyff am Endspieltag auch nicht ganz ausgeschlafen. Ein deutsches Boulevardblatt hatte vor dem Finale von einem ausgelassenen Pool-Abend mit hübschen Mädchen im holländischen Quartier berichtet. Frau Cruyff soll das gar nicht lustig gefunden und den Herrn Ehemann die ganze Nacht am Telefon ins Gewissen geredet haben.

Christoph Marx

WM 1978 Argentinien

Argentiniens erster WM-Triumph im eigenen Land 1978 hatte einen faden Beigeschmack: Eine brutale Militärjunta regierte das Land und viele Nationen drohten mit Boykott.

Lange, lange hatte das fußballverrückte Argentinien auf eine WM warten müssen. Doch das Turnier 1978 stand unter keinem glücklichen Stern. Seit 1976 herrschte im Land eine brutale Militärdiktatur. Menschenrechtsorganisationen riefen die Fußballverbände im Vorfeld zum Boykott der Spiele auf, um den Machthabern mit dem sportlichen Spektakel nicht weltweit eine Propagandabühne zu bieten. Das Turnier wurde zum Politikum. Die Fifa arrangierte sich mit den Generälen und alle qualifizierten Nationen traten doch an. Nur der holländische Superstar Johan Cruyff blieb zu Hause. Er wollte vor den Diktatoren nicht spielen.

Bestechungsgerüchte machten die Runde Für die Militärs lief alles nach Plan: Sie präsentierten das Land als Hort der Freiheit und des Friedens und auch ihr größter Wunsch ging in Erfüllung: Argentinien wurde erstmals Weltmeister. Stimmen, die dabei auch gezielte Bestechung im Spiel sahen, verstummten nie richtig. Vor allem das letzte Spiel der Finalrunde gegen Peru hatte einen faden Beigeschmack. Das Spiel wurde aus durchsichtigen Gründen nach der Partie der Brasilianer gegen die Polen angesetzt. So wussten die Argentinier, dass sie einen Sieg mit vier Toren Unterschied brauchen. Und oh Wunder! Peru wurde mit 6:0 geschlagen und Brasilien hatte das Nachsehen.

All dies höchst unappetitlich. Unbestritten allerdings bleibt: Die Argentinier hatten auch eine gute Mannschaft. Im Endspiel glänzten sie gegen die Holländer und gewannen verdient mit 3:1. Zwei Tore erzielte „Super-Mario“: Mario Kempes, Torschützenkönig, Star des Turniers und Frauenschwarm - er wurde nach dem Turnier zum Spieler mit dem größtem Sex-Appeal gewählt. Regie an der Linie führte César Luis Menotti, kettenrauchender Meistertaktiker, der sich später als politisierender Fußballphilosoph mit Gedankenflügen über den „linken „ und „rechten“ Fußball einen Namen machen sollte. Der erklärte Gegner der Militärjunta zeigte bei der Siegerehrung bemerkenswertes Rückgrat: Als ihm General Videla den Pokal überreichen wollte, verweigerte er den Handschlag.

"Schmach von Cordoba" Der deutsche Titelverteidiger hatte derweil mit dem Ausgang des Turniers nichts mehr zu tun. Mühsam war er bereits ins Turnier gestartet und hatte nach schwachen Leistungen gerade so die Zwischenrunde erreicht. Dort kam dann das verdiente Aus. Durch die wohl peinlichste Niederlage in der deutschen WM-Geschichte, das 2:3 gegen die Österreicher, die „Schmach von Cordoba“. Vogts tönte vor dem Spiel, den belächelten Nachbarn fünf bis sechs Tore einzuschenken. Doch er traf vor allem ins eigene Tor. Sein Eigentor markierte den 1:1-Ausgleich für die Österreicher. Die Deutschen spielten wie außer Rand und Band und Hans Krankl machte sich mit seinem 3:2-Siegtreffer kurz vor Schluss in der Alpenrepublik unsterblich. „I wer’ narisch“ brüllte der legendäre österreichische Reporter völlig aufgelöst in die Heimat und Österreich hatte seinen Spaß. Der deutschen Mannschaft war dagegen Hohn und Spott sicher. Die Blamage kostete auch Helmut Schön den Job. Der „Mann mit der Mütze“, WM-Trainer 1974, musste seinen Hut nehmen.

Christoph Marx

WM 1982 Spanien

Der Skandal von Gijon und ein brutales Schumacher-Foul ramponierten den Ruf des deutschen Fußballs bei der WM 1982 in Spanien. Daran konnte auch die Finalteilnahme nur wenig ändern.

"Olé Espana" trällerten 1982 erwartungsvoll die deutschen Mannen auf der obligatorischen WM-Platte. Die Elf von Jupp Derwall hatte auch allen Grund, für das Turnier in Spanien optimistisch zu sein: amtierender Europameister, dazu eine glänzende Qualifikation gespielt, nur Siege und ganze drei Gegentore. Doch weniger mit tollem Spiel, mehr mit Peinlichkeiten und Skandalen erregte die deutsche Mannschaft in Spanien Aufsehen. Dass am Ende sogar die Finalteilnahme heraussprang, geriet dabei fast zur Randnotiz.

Der "Nichtangriffspakt" von Gijon Das Auftaktspiel war ein Paukenschlag. Die deutsche Truppe verlor sang- und klanglos mit 1:2 gegen drittklassige Algerier. Schon im Vorbereitungslager am Schluchsee – schnell in „Schlucksee“ umgetauft – war es drunter und drüber gegangen. Unter der fachkundlichen Leitung von Paul Breitner frönte man dort vor allem dem Alkohol und dem Kartenspiel. Der eigentliche Skandal, die „Schande von Gjion“ sollte aber noch folgen. Im letzten Gruppenspiel gegen Österreich reichte beiden Mannschaften ein knapper deutscher Sieg, um weiterzukommen und die Algerier aus dem Turnier zu schmeißen. Das Wunschergebnis war schnell perfekt. Horst Hrubesch köpfte bereits nach zehn Minuten das 1:0. Was folgte war ein gegenseitiger „Nichtangriffspakt“. 80 Minuten Alibi-Querpässe und Rückpässe zum Torwart. Ein einziges Desaster! Deutsche und österreichische Moderatoren weigerten sich, das Spiel weiter zu kommentieren. Aufgebrachte algerische Fans wedelten mit Geldscheinen auf der Tribüne. Zeitungen sprachen später von einem „Fußball-Porno“ – eine spanische Boulevardzeitung brachte den Spielbericht sogar in den Polizeinachrichten unter.

Beim nächsten Spiel warfen die deutschen Spieler zur Entschuldigung rote Rosen ins Publikum. Kaum war die Aufregung ein wenig abgeebbt, da sprang Harald Schumacher im Halbfinale gegen Frankreich den heranstürmenden Battiston brutal um. Der Franzose zog sich eine schwere Gehirnerschütterung und einen Wirbelbruch zu. Doch nix war mit Entschuldigen, Schumacher machte neben dem Verletzten Aufwärmübungen und hatte auch später nur zynische Kommentare parat. Der hässliche Deutsche feierte traurige Auferstehung.

Mit Kampf ins Finale Da half es auch wenig, dass die deutsche Elf im Halbfinale ihr mit Abstand bestes Spiel ablieferte und in der Verlängerung nach einem 1:3 noch mit unglaublichem Willen den 3:3-Ausgleich schafften. Durch einen tollen Fallrückzieher von Klaus Fischer. Im dramatischen Elfmeterschießen verloren die Franzosen Nerven und versemmelten einen Elfer mehr als die Deutschen. Deutschland war im Finale, aber noch nie war ein Finalteilnehmer beim Publikum so unbeliebt.

Gegen Italien hatte dann auch die Derwall-Elf nicht die Hauch einer Chance und verlor gegen Italien mit 1:3. Italien war verdient zum dritten Mal Weltmeister geworden. Sie hatten Titelverteidiger Argentinien besiegt und im besten Spiel des Turniers den haushohen Favoriten Brasilien mit seinen Stars Zico und Sokrates 3:2 geschlagen. Alle drei Tore schoss Paolo Rossi, der mit sechs Toren zum Torschützenkönig und Helden der WM wurde. Dabei war sein Einsatz vor der WM in Italien höchst umstritten. Wegen angeblichem Wettbetrug war er zwei Jahre vom Verband gesperrt worden und hatte vor dem Turnier kaum Spielpraxis. Dazu machte die Regenbogenpresse ihn in der Vorrunde zum allgemeinen Gespött: Sie dichtete ihm eine homosexuelle Beziehung mit seinem Teamkollegen Cabrini an.

Christoph Marx

WM 1986 Mexiko

Es war sein Turnier: Das kleine Fußballgenie Maradona verzauberte die Fußballwelt und brachte Argentinien den zweiten Titel. Unabhängig davon, ob dabei Gott seine Hände im Spiel hatte oder nicht.

Nach nur 16 Jahren fanden die großen Fußballfesttage wieder in Mexiko statt. Das Land sprang für Kolumbien ein, das kurzfristig wegen Geldmangels die Ausrichtung zurückgab. Und wie 1970 sahen die Mexikaner tollen Sport: Offensive war gefragt, zumal die Fifa aus den beiden letzten WMs gelernt und ab dem Achtelfinale wieder das K.o.-System eingeführt hatte.. Immer wieder sprangen die Zuschauer von ihren Plätzen und feierten sich und die Spieler. Die "La ola"-Welle wurde 1986 der WM-Exportschlager und ist heute aus den Arenen der Fußballwelt nicht mehr wegzudenken.

Die WM des Diego Armando Maradona Gefeiert wurde bei dieser WM vor allem ein argentinischer Spieler: Der pummelige Supertechniker Diego Armando Maradona war 1986 auf dem Höhepunkt seines Könnens. Noch war er nicht im Drogensumpf untergetaucht, noch ergötzte sich die Öffentlichkeit allein an seiner Märchenkarriere vom bettelarmen Ghettokind zum Weltstar. Mit seinen unnachahmlichen Sololäufen schoss er seine Argentinier mehr oder weniger allein zum zweiten Titel. Im Viertel- und Halbfinale erzielte er alle Treffer. Legendär wurden seine beiden Tore im Viertelfinale gegen England, wobei sein erstes irregulär war. Eine verunglückte, hohe Rückgabe zum englischen Torwart Shilton boxte er mit der Faust ins Tor. Der Schiedsrichter übersah das Handspiel. Maradonas spätere Entschuldigung wurde sprichwörtlich: "Ein bisschen Gottes Hand und ein bisschen Maradonas Kopf" seien im Spiel gewesen.

Wahrhaft göttlich sein zweites Tor: Noch in der eigenen Hälfte schnappt er sich den Ball, umkurvte die Gegner wie Slalomstangen und spielte anschließend auch noch den Torwart aus. "Ein Wundertor", schwärmte danach auch der englische Trainer Robson. Damit konnte die deutsche Elf nun wahrlich nicht mithalten und doch standen sie wieder im Finale. Franz Beckenbauer hatte nach eigenen Maßstäben eine ziemliche "Rumpelelf" ins Rennen geschickt. Klaus Augentaler, Norbert Eder, Hans Peter Briegel, Dieter Hoeneß & Co. versprühten spielerisch nur wenig Glanz. Dazu kamen interne Probleme: Ersatzkeeper Stein nannte Beckenbauer einen "Suppenkaspar" einer "Gurkentruppe" und musste nach Hause. Aber es war wie so oft: Mit unbändigem Siegeswillen steigerte sich die Mannschaft von Spiel zu Spiel, dazu kam das Glück. Nach einem 4:1-Sieg im Elfmeterschießen gegen Mexiko wurde im Halbfinale in einer wahren Abwehrschlacht die Franzosen mit 2:0 niedergerungen.

Gauchos feiern Titel im Azteken-Land Und sogar im Finale gegen Argentinien sah es kurzfristig aus, als ob deutsche Kampfkraft ein fast verlorenes Spiel noch wenden könnte. Wie aus dem Nichts glichen Völler und Rummenigge innerhalb weniger Minuten den 2:0-Vorsprung aus. Doch im Überschwang der Gefühle rannte die Mannschaft blind nach vorne und Burruchaga nutzte den freien Raum kurz vor Schluss zum Siegtreffer. So konnte Maradona - im Finale von Matthäus abgemeldet - doch noch "seinen" Pokal in den Himmel recken. Auf deutscher Seite war Keeper Toni Schumacher am meisten angefressen. Vor dem.0:1 hatte der bis dahin stärkste deutsche Spieler völlig übermotiviert eine Flanke unterlaufen. "Ich habe gehalten wie ein Arsch", brachte er später seine Leistung auf den Punkt.

Christoph Marx

WM 1990 Italien

Lothar Matthäus auf dem Höhepunkt seines Könnens, holländische "Spuck-Attacken" abgewehrt: Die deutsche Elf wurde 1990 in Italien zum dritten Mal Weltmeister und Franz Beckenbauer setzte sich endgültig ein Denkmal.

Vor allem ein Bild der WM 1990 in Italien hat sich im Gedächtnis der deutschen Fans festgesetzt. Wie am späten Abend des 8. Juli Franz Beckenbauer, die Hände tief in der beigefarbenen Hose vergraben, mutterseelenallein und gedankenverloren über den Rasen des römischen Olympiastadion schlenderte. Vom Trubel um sich herum schien er nicht zu merken. Dabei war er gerade endgültig in den Fußball-Olymp aufgestiegen. Seine deutsche Kicker hatten durch einen Elfmetertreffer von Brehme gegen Argentinien das WM-Finale gewonnen - Deutschland hatte mit Brasilien und Italien aufgeschlossen und war zum dritten Mal Weltmeister geworden. Als Trainer und Spieler Weltmeister zu werden: Das hatte bisher nur der Brasilianer Zagallo geschafft.

Der deutsch-holländische Mythos Der Triumph von Matthäus, Völler, Klinsmann & Co. war nicht das angeblich typische Duselprodukt - auch wenn im Halbfinale gegen England im Elfmeterschießen das Glück auf der deutschen Seite war. Die Beckenbauer-Elf war wirklich das stärkste Team der WM und hatte mit einem überragenden Lothar Matthäus auch den Star des Turniers in ihren Reihen. Überragend seine beiden Toren bei dem glanzvollen 4:1-Auftaktsieg gegen Jugoslawien, der den Weg ins Achtelfinale ebnete. Wo wieder einmal die Lieblingsgegner aus Holland warteten. Das hochklassige und dramatische Spiel wurde zu einem Klassiker und Meilenstein zum späteren Titel. Klinsmann machte das Spiel seines Lebens (manche spotten, es sei sein einzig wirklich gutes gewesen) und schoss zusammen mit Brehme den deutschen 2:1-Sieg heraus. Unvergesslich aber auch die emotionalen Aussetzer. Nach einem harmlosen Rempler zwischen Völler und dem holländischen Torwart van Breukelen rastete Frank Rijkaard aus. Attackierte Völler verbal und zerrte ihn an den Haaren. Der argentinische Schiedsrichter schickte aus unerfindlichen Gründen beide vom Platz. Ein erregter Heribert Fassbender wollte vom Kommentatorenplatz den Unparteiischen gleich wieder in die Pampas schicken. Und Rijkaard kriegte sich immer noch nicht ein: Beim Verlassen des Feldes spuckte er Rudi Völler gleich zweimal ins Gesicht. Der Mythos der deutsch-holländischen Rivalität war wieder um ein wichtiges Kapitel reicher.

Die "Löwen" waren kaum zu bändigen Was 1982 und 1986 Spezialdisziplin der Deutschen war, kam diesmal den Argentiniern um den alternden Superstar Maradona zu: Sie schummelten sich ins Finale. Ganze fünf Treffer erzielten sie im ganzen Turnier in der regulären Spielzeit. Einem glücklichen 1:0-Sieg über ungewohnt defensive Brasilianer folgten zwei Siege über Jugoslawien und Gastgeber Italien im Elfmeterschießen.

Für Aufsehen sorgten 1990 auch die "Kleinen". Costa Rica erreichte sensationell das Achtelfinale. Der pure Wahnsinn waren aber die Kameruner, die im Auftaktsspiel Titelverteidiger Argentinien besiegten und sich dann bis ins Viertelfinale durchdribbelten . Ober-"Löwe" war der 38-jährige "Fußball-Rentner" Roger Milla, der vor dem Turnier vom Staatspräsident persönlich reaktiviert worden war. Seine Lambadatänzchen an der Eckfahne nach jedem seiner insgesamt vier Tore wurden Kult. Genauso wie der kolumbianische Torhüter José-René Higuita, der mit seinen irren Ausflügen bis hinter die Mittellinie das Publikum in Atem hielt, am Ende aber auch das Ausscheiden seiner Mannschaft zu verantworten hatte.

Christoph Marx

WM 1994 USA

1994 eroberte die Fifa feindliches Terrain: Trotz Unkenrufe wurde die WM in den USA kein Reinfall beim Publikum und sah erstmals seit 1970 wieder die Brasilianer als Sieger.

Als die Fifa 1988 die Ausrichtung der WM 1994 an die USA übertrug, glaubten nicht wenige zuerst an einen Scherz und dann an eine plumpe Marketingstrategie. Das Fußballereignis in einem Land, in dem Soccer als Mädchensport Nr.1 gilt und Zuschauer einen Picknickkorb mit ins Stadion nehmen? Viele europäische Skeptiker schrieen sofort entsetzt auf: Das europäische Kulturgut dürfe nicht dem kommerziellen Expansionsdrang der Fifa zum Opfer fallen. Auch manche konservative US-Sportjournalisten vermuteten "unamerikanische Umtriebe" und raunten, man wolle nur den Amerikanern einreden, Soccer sei das Größte; mit dem Kommunismus sei es ähnlich gewesen. Aber allen Unkenrufen zum Trotz waren die Spiele ein Erfolg: die Stadien waren voll und selbst viele Amis fieberten mit ihren Jungs.

Der tragische Held von LA Denn die US-Kicker hatten mit Alexis Lalas nicht nur einen echten Rockstar in ihren Reihen, sondern schlugen sich auch auf dem Rasen wacker und scheiterten im Achtelfinale nach hartem Kampf nur knapp am späteren Weltmeister: Brasilien. Die südamerikanischen Ballkünstler hatten aus den letzten verlorenen Titelkämpfen gelernt und ihre technische Überlegenheit mit "europäischem" Erfolgsdenken verbunden. Ihr Spiel sah oft nicht mehr so spektakulär aus wie früher, aber die Ergebnisse stimmten. Typisch war das Endspiel gegen Italien - beide spielten so vorsichtig, dass kein einziges Tor fiel. Auch in der Verlängerung nicht. Der Weltmeister musste erstmals in der Elfmeterlotterie entschieden werden. Dort wurde Roberto Baggio zur tragischen Figur. Ausgerechnet er, der Italien mit seinen Toren ins Finale geschossen hatte und im Land zum Held geworden war, semmelte seinen Elfmeter in den Nachthimmel von Los Angeles und machte den lange ersehnten, vierten Titel der Selecao perfekt. Das Land flippte wieder aus und feierte vor allem den exzentrischen Superstar des Turniers, Romário, bei dem Genie und Wahnsinn Hand in Hand gingen. Er fast allein versprühte mit seinen technischen Kabinettstückchen so was wie brasilianisches Fußballflair, machte aber außerhalb des Platzes vor allem mit exzessiven Alkoholeskapaden von sich Rede.

Ähnlich wie ein anderes Fußballwunderkind, der sich 1994 auf tragische Weise selbst demontierte. Nach scheinbar überstandener Kokainsucht war Diego Maradona ins argentinische Team zurückgekehrt, allerdings bei einer Dopingprobe der Einnahme von mehreren Aufputschmitteln überführt worden. Die Fifa sperrte ihn lebenslang und der eigene Verband schmiss ihn aus dem Kader. Eine wirkliche Tragödie erlebte aber der kolumbianische Fußball. Kolumbien galt als eine Art Geheimfavorit, musste allerdings bereits nach einer 1:2-Niederlage gegen die USA in der Vorrunde überraschend die Segel streichen. Dabei war Andrés Escobar ein Eigentor unterlaufen. Ein Tor, das ihn das Leben kostete. Wohl im Auftrag der heimischen Drogenmafia, die hohe Summen auf das Weiterkommen Kolumbiens gesetzt hatte, wurde Escobar Tage später auf offener Strasse erschossen. Augenzeugen zufolge mit dem Satz: "Danke für das Eigentor".

Der "Stinkefinger" musste zurück in die Heimat Dabei relativierte sich natürlich auch die Aufregung, den das Auftreten der deutschen Mannschaft auslöste. Leider wenig sportlich - der Titelverteidiger enttäuschte auf der ganzen Linie und war spielerisch wieder meilenweit von den besten Teams entfernt. Dafür sorgten insbesondere Pöbeleien und Arroganz für Aufsehen: "Enfant terrible" Stefan Effenberg hatte nach dem lauen Spiel gegen Südkorea dem Publikum den "Stinkefinger" gezeigt und war nach Hause geschickt worden. Der biedere Berti Vogts, als Nachfolger der "Lichtgestalt" Beckenbauer in einer undankbaren Lage, schimpfte nach dem Ausscheiden gegen Bulgarien im Viertelfinale über die "Wohlstandsjünglinge". Die im Vergleich zu 1990 nur wenig veränderte Mannschaft stand vor einem Umbruch.

Christoph Marx

WM 1998 Frankreich

Le grande nation war 1998 nach 60 Jahren wieder Gastgeber des Fußballspektakels. Und wie es sich für Frankreich gehört: So ziemlich alles war an der WM einfach groß.

32 Teilnehmer waren diesmal dabei - so viele wie nie zuvor; nie gab es mehr Spiele, nie mehr Platzverweise und nie saßen auf der Welt mehr Zuschauer vor dem Fernseher- in Bangladesch brach wegen Überlastung sogar teilweise das Stromnetz zusammen, es kam fast zu einem Aufstand...

"Zizou" wird zum Helden Frankreichs Auch an Geld sparten die Franzosen nicht. In Paris wurde das teuerste Stadion der Welt gebaut, mit frei schwebendem Dach und ausfahrbaren Tribünen. Und es lohnte sich: Am 12. Juli 1998 gewann erstmals in der WM-Geschichte die französische Nationalelf den WM-Pokal. In ihren Reihen Zinédine "Zizou" Zidane, der Junge aus der Vorstadt, Sohn algerischer Einwanderer und Star der WM.. Der technisch brillante Mittelfeldstratege mit dem Sinn für das Unmögliche hatte mit seinen zwei Toren im Finale den Titelverteidiger Brasilien fast alleine den K.O. versetzt. Alle Franzosen gleich welcher Herkunft feierten überschwänglich ihre Multikulti-Truppe. Auch die Elite flippte völlig aus: Intellektuelle riefen gleich mal einen "neuen Republikanismus" aus und für Staatspräsident Chirac hatte Frankreich "seine Seele wieder gefunden". Nun ja, die Franzosen halt...

Mit dem Champagnerfußball hatten die Deutschen wieder einmal wenig zu tun. Neben den Gastgebern sorgten insbesonders die Brasilianer mit Stürmerstar Ronaldo und die Holländer für die spielerischen Höhepunkte. Die Mannschaft von Berti Vogts machte zunächst vor allem mehr durch ihr Alter von sich reden. Mit einem Durchschnittsalter von 29, 7 Jahren (Matthäus wurde mit 37 Jahren kurzfristig reaktiviert) kämpfte sie sich mühselig in die Ausscheidungsspiele. Gegen Kroatien gab es dann im Viertelfinale eine 0:3-Abfuhr. Die unglückliche Niederlage verkraftete vor allem Berti Vogts nicht; er versuchte sich in wirren Verschwörungstheorien. "Vielleicht ist der deutsche Fußball zu erfolgreich. Ich weiß nicht, ob es eine Anordnung gibt", raunte er dünkelhaft in die Mikrofone.

Deutsche Hooligans verbreiteten Angst und Schrecken Dabei hätte der deutschen Delegation ein wenig Demut wirklich gut getan. Deutsche Hooligans hatten vor dem Vorrundenspiel gegen Jugoslawien in der Kleinstadt Lens Angst und Schrecken verbreitet und einen irreparablen Imageschaden verursacht. Bei den Ausschreitungen war der französische Polizist Daniel Nivel mit einer Eisenstange ins Koma geprügelt worden. Das Opfer überlebte, wird aber bis ans Ende seines Lebens an den Rollstuhl gefesselt sein.

Christoph Marx

WM 2002 Japan/Südkorea

Die WM 2002 war in zweierlei Hinsicht eine Premiere: Erstmals fand das Turnier in Asien statt, dazu teilten sich zwei Länder die Ausrichtung: Japan und Südkorea.

Zwei Länder ohne große Fußballtradition und politisch ohne viel Sympathie füreinander. Milliarden wurden investiert. Und das Experiment klappte, die Fußballeuphorie schwappte nach Asien über: Alle hatten sich lieb und die Stadien waren voll.

Die Kleinen rückten ins Rampenlicht Wesentlich zur WM-Hysterie trug das überraschend gute Ausscheiden der beiden Gastgeberländer bei. Japan wurde vor Russland Gruppenerster, noch besser die Südkoreaner: Vom Publikum getragen schlugen sie in den K.o.-Spielen Italien und Spanien - am Ende stand sensationell Platz vier. Das war keine Ausnahme: Es war ein Turnier, das die Hierarchie im Weltfußball heftig durcheinander wirbelte. Die scheinbar Kleinen stellten die Großmächte in ihren Schatten. (Die USA kam bis ins Viertelfinale, die Türkei spielte sich bis ins Halbfinale). Dafür mussten die Fußballgroßmächten Argentinien und Frankreich schon in der Vorrunde die Segeln streichen. Besonders blamabel der Titelverteidiger: Ohne ein einziges Tor ging es in die Heimat.

Wie beruhigend, dass wenigstens ein ehernes Fußballgesetz noch galt: Die Deutschen stehen im Finale und keiner weiß eigentlich so recht warum. Ohne viel Hoffnung war Rudi Völlers Truppe nach Asien aufgebrochen, doch dann war es fast alles wie immer: spielerisch glanzlos, aber willensstark mogelte man sich so durch und spielte nach drei 1:0-Siegen in den K.O-Spielen plötzlich wieder um den goldenen Pokal. Die siebte Finalteilnahme - ein stolzer Rekord.

Oliver Kahn wird zum "Titan" Doch einen Unterschied gab es: Nicht nur einer geschlossenen Mannschaftsleistung, sondern vor allem einem Spieler war der wunderliche Erfolg zu verdanken: Oliver Kahn, dem Tausendsassa im Tor, dem "Überirdischen". Er wuchs in Asien über sich hinaus und wehrte auch objektiv unhaltbare Torschüsse noch ab. Doch wie es die Tragödie halt so will: Ausgerechnet im Finale gegen Brasilien patzte der "Überirdische"; die Deutschen hatten ihr bisher bestes Spiel bei der WM abgeliefert, sogar die besseren Chancen besessen. Doch in der 67. Minute hielt Kahn einen Schuss von Rivaldo nicht fest und Ronaldo staubte eiskalt zum vor entscheidenden 1:0 ab.

Nach dem Spiel - Brasilien war verdient zum fünften Mal Weltmeister geworden - blieb Kahn apathisch vor dem Pfosten sitzen. Er war zum tragischen Held der WM geworden. Doch sein Patzer kratzte kaum am "Titan-Mythos". Er galt von 2002 an endgültig als Übertorwart, der aller Welt Respekt einflößte. Nur bekanntlich dem neuen Bundestrainer Klinsmann nicht: Ausgerechnet vor der Heim-WM 2006 stürzte er das deutsche Torwartdenkmal vom Sockel und ernannte Jens Lehmann zur neuen Nummer Eins. Schau mer mal, wie's ausgeht…

Christoph Marx

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