In Düsseldorf hat heute der Prozess gegen die "Sauerland-Gruppe" begonnen. Die vier sollen geplant haben, Hunderte Menschen mit selbst gebastelten Bomben zu töten. Einer von ihnen ist der Saarländer Daniel Schneider, getrieben von einer Religion, die er für den Islam hielt. Eine Spurensuche. Von Martin Knobbe

Die Überführung: Daniel Schneider, damals 21, am Tag nach seiner Festnahme© Uli Deck/DPA
Am Tag nach der Festnahme sitzt der Terrorist, der sich Abd Allah nennt, in einem Polizeiwagen, der ihn zum Flughafen bringt. Er blickt aus dem Fenster, erspäht eine Statue in Form jener drei Affen, die Ohren, Mund und Augen bedecken, und beginnt vom Ursprung des Lebens zu erzählen. Es sei wissenschaftlich bewiesen, sagt er zu den Polizisten, dass der Mensch von Gott erschaffen wurde und daher ein Diener Gottes sei.
Herr Abd Allah, wer entscheidet über Leben und Tod? -
Gott entscheidet darüber. - Gestern haben Sie selbst versucht,
über Leben und Tod zu entscheiden. - Gott hat entschieden,
dass Sie und ich weiterleben. - Hatte Gott auch entschieden,
dass Sie nach der Waffe greifen? - Selbstverständlich, alles hat
Gott entschieden.
(Erinnerung der Polizisten)
Als sie im Hubschrauber zum Haftrichter nach Karlsruhe fliegen, sagt der Polizist, es könnten dort Pressefotografen warten. Er würde ihm eine Sturmhaube über den Kopf ziehen. Der Terrorist sagt, er wünsche dies nicht.
Sie landen um 9.30 Uhr, es ist der 5. September 2007, ein Mittwoch, und als der Terrorist dem Hubschrauber entsteigt, warten die Fotografen bereits. Er hält kurz inne, blickt in den wolkenfreien Himmel. Mit seinen langen, dunklen Haaren, dem Vollbart, der Schramme unter dem rechten Auge und den auf den Rücken gefesselten Armen gleicht er einem Gekreuzigten, geschunden und erschöpft vom langen Kampf.
Das Bild geht um die Welt. Es soll ihr zeigen, wer sie bedroht. Es ist Daniel Martin Schneider, 21 Jahre, ein Junge aus der deutschen Provinz.
Am heutigen Montag hat vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf der Prozess gegen Daniel Schneider, heute 23, Fritz Gelowicz, 29, Adem Yilmaz, 30, und Atilla Selek, 24, begonnen. Es geht um die Frage, ob die Männer tatsächlich fähig waren, aus zwölf Kanistern Wasserstoffperoxid Sprengstoff herzustellen. Ob sie willens waren, Hunderte von Menschen zu töten, mit Bomben in amerikanischen Kasernen, Diskotheken oder Kneipen. Und ob sie im Auftrag einer usbekischen Organisation handelten, die sich "Islamische Dschihad Union" (IJU) nennt.
Man weiß fast alles über diese jungen Männer, man hat ihr Leben durchleuchtet, rund 500 Aktenordner füllen die Ermittlungen, 800 Datenträger in einer Größe von 3,6 Terabyte wurden ausgewertet. Auf die entscheidenden Fragen aber hat man noch keine Antwort gefunden: Was spornte sie an? Warum verwandelte sich jeder von ihnen in kurzer Zeit in einen anderen Menschen - getrieben von einer Religion, die sie für den Islam hielten, in einer Radikalität, als hätte es ein Leben davor nie gegeben? "Pferde Allahs" hat Osama bin Laden solche jungen Männer einmal genannt.
Die Antworten auf diese Fragen muss man nicht bei bin Laden suchen, nicht im Koran, nicht im Irak, nicht in Afghanistan. Die Suche beginnt 16 Kilometer nördlich von Saarbrücken, in einer kleinen Stadt, die Friedrichsthal heißt.
Im Jahr 2002 endet dort mit der Scheidung eine Ehe, die nie eine war. Schon 1996, nach 15 Jahren, hatten die Eheleute Schneider beschlossen, fortan getrennte Wege zu gehen, Daniel war gerade elf Jahre alt. Er und sein jüngerer Bruder blieben bei der Mutter. Den Vater besuchten sie alle zwei Wochen übers Wochenende. Es war nicht leicht, die Trennung zu verstehen. Daniel weinte oft.
Mit dem neuen Freund der Mutter, einem Lehrer für Tiffany- Glaskunst, kommt er nicht zurecht, und die Mutter irgendwann mit der ganzen Situation nicht mehr. Sie ist müde vom Leben, und in einer dieser verzweifelten Situationen findet sie Daniel, ihr Sohn, gerade noch rechtzeitig.
Der Streit zwischen Vater und Mutter entbrennt, und ein Luftgewehr, das der Vater gegen ihren Willen seinen Söhnen schenkt, löst einen Krieg aus, in dem es keinen Waffenstillstand gibt. Wöchentlich schicken sich nun Anwälte Schriftsätze zu, es geht um das Umgangsrecht, das gemeinsame Haus in Friedrichsthal, das Ferienhaus in Lothringen. Die Frau schneidet heimlich Telefongespräche zwischen ihrem Mann und den Söhnen mit. Der Mann stiftet seine Söhne an, Sachen aus dem einst gemeinsamen Haus zu schaffen, "in kurzen Einsätzen, wie Elitesoldaten in Afghanistan", so redet er, der Kreditsachbearbeiter.
2001 trifft ein Familienrichter eine überraschende Entscheidung: Der Vater bekommt das alleinige Sorgerecht für die beiden Söhne. Sie wohnen bald bei ihm und dürfen den Rest der Familie nicht mehr sehen. Daniel ist gerade 17 Jahre alt, als eine verbitterte Mutter aus seinem Leben verschwindet.
Die Mitschüler im Gymnasium am Steinwald in Neunkirchen, der nahen Kreisstadt, bemerken von alldem nicht viel. Sie kennen Daniel als fröhlichen Klassenclown. Er ist gut in Mathe, Englisch und Sport und muss nie viel lernen. Er hat immer wieder mal eine Freundin und überrascht seine Kumpel mit knallbunten Hawaii-Hemden und übergroßen HipHop-Klamotten. Nachmittags ist er oft auf dem Basketballplatz mit dabei, ein guter Spieler, auch später als Angreifer bei der DJK Friedrichsthal. Mit einem Freund schafft er sich eine Hantelbank an, und während der Freund schnell die Lust am Pumpen verliert, trainiert Daniel verbissen weiter. "Wenn er was machte, dann zu tausend Prozent", sagt der Freund.
Die Resignation kommt wie aus dem Nichts in der elften Klasse. Daniel schimpft auf einmal über "das System" und über die Menschen, die nur "Zahnräder in der Gesellschaft" seien. Von der Sinnlosigkeit tagtäglicher Arbeit spricht er, vom "eigentlichen Leben", das dadurch verloren gehe. Über die "fake people" regt er sich auf, die Unaufrichtigkeit der Menschen. Es ist der gewöhnliche Weltschmerz eines 17- Jährigen, wie tief er aber sitzt, ahnt niemand.
Beim Basketballspielen hat er neue Freunde gefunden, Michel aus Dudweiler, 20, Sohn eines irakischen Arztes, und Sahin aus Völklingen, 20, Sohn türkischer Eltern. Sie lassen ihn mit ihren Autos fahren, sie trinken, kiffen und sind nicht so angepasst wie die Mitschüler auf dem Gymnasium. Über die Osterferien verbarrikadieren sie sich in Michels Wohnung, und danach erkennen die alten Freunde Daniel nicht wieder.
Verschlossen und düster kehrt er in die Schule zurück. Er setzt sich nicht mehr in die erste Reihe neben seinen einst besten Freund, sondern in die zweite, ganz allein. Er hat nun eine Tätowierung auf jeder Hand, zwischen Daumen und Zeigefinger, "truth" und "strength" steht da, Wahrheit und Stärke. Lehrer bemerken, wie er in sich versunken ist, die Augen oft geschlossen.
Der Vater hat sich zu diesem Zeitpunkt aus Daniels Leben längst zurückgezogen. Er sagt nichts, wenn sein Sohn ohne Führerschein durch die Gegend fährt. Schimpft nicht, wenn er nachts nicht nach Hause kommt. Fragt nicht nach, als Daniel verkündet, er wolle die Schule abbrechen und auswandern, nach Afrika vielleicht oder nach Südamerika, "in den Dschungel", weit weg von der Zivilisation.
Aber es gibt Menschen, die bemerken, dass da ein Leben abzugleiten droht.
Die Französischlehrerin vom Gymnasium ruft den Vater an, der sich verleugnen lässt. Sie fährt zur Bank, wo er arbeitet. Der Vater sagt zu, mit dem Sohn zu reden. Der Sportlehrer, mit Daniel vertraut seit vielen Jahren, nimmt ihn zur Seite. Er hört Klagen über die Missstände in der Welt, über die Politik der Amerikaner und George W. Bush. Daniel spricht von einem "Missionsauftrag", die Welt zu verändern, und dass Gewalt durchaus eine Möglichkeit sei, Politik durchzusetzen. Nach dem Gespräch ist dem Lehrer klar, dass er seinen Schüler nicht mehr erreichen kann.
Daniel Schneider ist fast 18 Jahre alt. Er trägt nun kurze Haare und Ansätze eines Vollbarts. Als der Sportleistungskurs zum Foto erscheint, stellt sich Daniel einen Meter abseits von den anderen. Er blickt grimmig in die Kamera.
In der Nacht zum 4. August 2003 entlädt sich zum ersten Mal die große Wut, die er in sich hat.
Zusammen mit Michel und Sahin, den Freunden vom Basketball, überfällt er in der Saarbrücker Altstadt einen jungen Mann. Sie treten ihn nieder und entreißen ihm den Rucksack. Vier Stunden später pöbeln sie auf dem St. Johanner Markt ein Mädchen an, "Komm, lutsch meinen Schwanz", und als ein Freund des Mädchens "Halt's Maul" brüllt, ziehen sie ihre Hemden aus, werfen den Mann zu Boden und treten auf ihn ein, auch gegen den Kopf, bis er ohne Bewusstsein ist. In Daniels Rucksack finden die Polizisten eine Signalpistole und 27 Gramm Marihuana.
An seinem 18. Geburtstag, zu Beginn der zwölften Klasse, verlässt Daniel Schneider das Gymnasium. Er hat eine Eins in Geschichte, Politik und in Religion.
Mit seinen Freunden Michel und Sahin begibt er sich nun auf Reisen, ins Amazonasgebiet Brasiliens soll es gehen, sie sprechen vom Aussteigen, vom unabhängigen Leben. Am Ende bleiben sie in einem Strandhotel hängen, in Belem im Norden Brasiliens. Sie lernen dort Frauen kennen und geben viel Geld aus. 10.000 Euro hatte sich Daniel angespart, Geldgeschenke von Oma und Opa, auch der Gewinn aus Drogengeschäften. Sie reichen nicht aus. Also ruft er bei seinem Vater an, der ihm 2000 Euro überweist.
Nach zweieinhalb Monaten kehren sie zurück. Das Visum läuft ab, und man erwartet sie auf dem Amtsgericht.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 16/2009