22. August 2006, 12:20 Uhr

Die Rosen-Krieger

Ehekriege in der Society beschäftigen die Regenbogenpresse längst mehr als Traumhochzeiten. Doch während es bei Otto Kern um Millionen geht, wird bei Otto Jedermann um den Stabmixer gerungen. Ein Frontbericht.

"Die Ehe ist ein Bankett, das mit dem Dessert beginnt", befand der französische Schriftsteller Tristan Bernard. Diese Paare brauchen längst den Magenbitter©

Gleich neben einer Anzeige mit der Überschrift "Bloß keine Warzen" vermeldete "Bild" unlängst über den Sänger Roberto Blanco, 67, in Versform: "Ein bisschen Spaß muss sein, dann kommt die Scheidung ganz allein." Nach 40 Jahren offenbar exzessiv leidvoller Kohabitation mit dem "braunen Show-Bomber" aus Tunesien, "einem muslimischen, also frauenfeindlichen Land", wie das Fachblatt für vergleichende Religionswissenschaften analysierte, habe seine Gattin Mireille, ebenfalls 67, die Scheidung eingereicht.

Roberto, Foffi und die normalen Männer

Seither tobt der Rosenkrieg: Tochter Patricia wartete in der "Neuen Post" mit Aperçus aus der "Ehe-Hölle" auf, worauf sich Blancos Geliebte Nicole Geyer, Mutter seines vierjährigen unehelichen Sohnes, zu Wort meldete: "Ich habe kein Mitleid mit seiner Frau." Anschließend gab sie kund, "nicht die einzige Affäre" gewesen zu sein, und brachte eine gewisse "Hermine aus Graz" ins Spiel.

Kaum war die Leserschaft bunter Blätter mit den Details der multiplen Ménage Blanco einigermaßen vertraut, durfte sie sich an einem weiteren Ehekrieg in der Beletage der Gesellschaft delektieren: Der 61-jährige Ferfried Prinz von Hohenzollern hat seine Ehefrau Maja, 33, "endgültig zu den Akten gelegt", um mit der lustigen Witwe Tatjana Gsell, 33, ein kreischbuntes Gesamtkunstwerk zu bilden, wie es sich Jeff Koons nicht schöner hätte ausdenken können. Der Patensohn von Papst Pius XII. könnte als Forschungsobjekt für die Nebenwirkungen von Viagra Ärztekongresse aufheitern - nicht so sehr weil er jüngst zum Besten gab, er und la Gsell mit ihrem "Alabasterkörper" hätten nach der Erstumarmung "in drei Nächten insgesamt sechs Stunden" geschlafen, sondern weil er findet: "Wir haben die gleiche Wellenlänge: klassische Musik, politische Gespräche."

Scheidung "auf italienisch"

In Stuttgart wurde gerade das unvergleichlich elendere Ende einer Ehe vor Gericht seziert: Nachdem sie voriges Jahr die Scheidung von ihrem Mann eingereicht hatte, der viele Jahre als Personalchef im Daimler-Vorstand saß, hat eine promovierte Völkerrechtlerin und zweifache Mutter, 54, versucht, ihn mit Hilfe eines ehemaligen BND-Manns und mittels einer Spritze Kaliumchlorid auf den Friedhof zu expedieren. Allein, der Leasing-Killer war ein V-Mann - und sie eine fragile Alkoholikerin, die an der Seite ihres so kühlen wie peniblen Mannes in Depressionen verfallen war. Vergangenen Freitag wurde sie zu sechs Jahren Haft verurteilt.

"Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich." So beginnt Leo Tolstois Roman "Anna Karenina" über den Untergang einer Frau, die ihren Mann für ihren Liebhaber verlässt und alles verliert - ihren Sohn, ihren Ruf, ihre Freunde und zuletzt ihr Leben. Nichts ist mehr so, wie es war, seit das Buch vor mehr als einem Jahrhundert erschien. Wer sich heute scheiden lässt, büßt weder Reputation noch Amt ein; er kann Außenminister bleiben und Bundeskanzler werden. Die gerichtliche Trennung von Tisch und Bett, einst der gesellschaftliche Todeskuss, gilt als ganz normale Station in einem Lebenslauf. Schier endlos scheint der Reigen der geschiedenen oder scheidungswilligen Promis, von Carl-Eduard und Célia von Bismarck über das Model Nadja Auermann und den Schauspieler Wolfram Grandezka bis zu Bayern-Keeper Oliver Kahn und Gattin Simone.

Immer auch ein großes Unglück

Indes stimmt Tolstois erster Satz noch immer. Und obwohl man neuerdings frisch halbierte Paare mit launigen Präsenten beglücken kann - etwa T-Shirts, bedruckt mit gebrochenen Herzchen und der Parole "Glücklich geschieden!" -, sind fast alle Scheidungen geblieben, was sie schon vor hundert Jahren waren: ein Unglück für mindestens einen der Beteiligten, egal, ob in der Sozialwohnung oder in der Villa geweint wird.

"Die Ehe ist ein Bankett, das mit dem Dessert beginnt", befand der französische Schriftsteller Tristan Bernard. Wie das Festmahl endet, lässt sich am Hamburger Sievekingplatz 1 besichtigen. Hier liegt eines der größten Ehe-Beerdigungsinstitute der Republik. Hinter einer Neorenaissance-Fassade residiert das Amtsgericht Hamburg-Mitte; täglich werden von 25 Familienrichtern auf zwei Stockwerken im Viertelstundentakt Paare geschieden. Allerdings nur auf der linken Seite des Gebäudes. Rechts beschäftigt man sich mit anderen Angelegenheiten des Zivilrechts, Mietstreitigkeiten etwa oder Zwangsvollstreckungen. Auch dort werden Träume begraben, aber anders.

Ständig neue Scheidungs-Rekorde

Im vergangenen Jahr gab es in ganz Hamburg 6959 Paare, die sich trauten, und insgesamt 13.034 Scheidungen und Verfahren rund um die Trennung. Mehr als die Hälfte davon, 6819, wurden hier abgewickelt. In Hängeregistraturen türmt sich die eheliche Unordnung meterhoch, in den Gängen herrscht Tristesse. Männer und Frauen, die einst einander Treue schworen, "in guten wie in schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit, bis der Tod uns scheidet", gucken angestrengt aneinander vorbei, flankiert von Anwälten, und zerbröseln Kleenex in ihren Händen.

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