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Entführung: Verschleppt im Irak

Eine Geisel, die nicht ins Schema passt. Kidnapper, die sich als obskure Truppe präsentieren. Eine Entführung, deren Umstände völlig unklar sind.

Wir wollten uns Anfang Dezember in Arbil wiedersehen. Mitte Oktober hatten wir dort noch mit kurdischen Bekannten an den letzten warmen Abenden im Innenhof einer alten Villa gesessen; hatte Susanne Osthoff, 43, im Schein von Teelichtern von ihren Plänen für ein deutsches Kulturzentrum erzählt; schien sich ihr Leben, das jahrelang eine Beinahe-Katastrophe an die nächste gereiht hatte, zu wenden. Tage zuvor, nicht mal zwei Wochen nach Antragstellung, hatte das Kulturministerium der kurdischen Regierung in Arbil ihr ein historisches, gut erhaltenes Gebäude auf dem Zitadellenhügel der jahrtausendealten Stadt zugesagt, hatte die deutsche Botschaft Unterstützung versprochen.

Entsprechend optimistisch klingen ihre E-Mails aus den Wochen danach: "In Arbil ist bisher alles positiv verlaufen", und auch in Mosul, wo unter ihrer Fernaufsicht die Rettung eines osmanischen Stadtpalastes anlaufen soll, sei "Arbeitsbeginn nach Eid, inschallah!", also nach dem Fest zum Ende des Ramadan. Ich möge nur rechtzeitig schreiben, wann ich käme.

Es sollte das Porträt einer Frau werden, die vor über 20 Jahren aus der Enge eines bayerischen Dorfes zum ersten Mal in die Weite der Wüsten und Ruinen Mesopotamiens gekommen war. Die Jahre bei Ausgrabungen im Irak und im Jemen zugebracht hat, verheiratet war mit einem Araber vom Stamm der Schammar und eine Tochter mit ihm hat. Die monatelang mit Nomaden gelebt hat, den harten Dialekt der Stämme fließend spricht - mit bayerischem Akzent. Das Porträt einer Zerrissenen, die in Deutschland nicht sein mag, im Irak nicht sein kann und nun endlich einen sicheren Ort gefunden zu haben schien. Die in den Jahren zuvor immer wieder mehr Glück gehabt hat, als ein einzelner Mensch erwarten würde. Bis, vorläufig, zum 25. November.

Als Susanne Osthoff

an jenem Freitag um kurz nach sechs Uhr morgens mit dem irakischen Fahrer Chalid al-Schimani in Bagdad aufbricht, kalkuliert sie rund vier Stunden für die 350 Kilometer lange Strecke. Sie fahre, wenn möglich, immer am Freitagmorgen, erzählte sie Wochen zuvor: Da säßen die Dschihadisten in der Moschee, statt am Straßenrand nach Beute Ausschau zu halten. Anderntags hat sie Termine in Arbil: mit dem Bauunternehmer Abdelsattar Tütüncü und der Antikenverwaltung. Aber weder dort noch im Hotel Arbil Tower, wo sie sich einquartieren wollte, kommt sie je an.

Am Sonntag bereits beginnt die deutsche Botschaft in Bagdad, alle ihr bekannten Kontaktnummern von Susanne Osthoff abzutelefonieren. Nichts. Keiner hat etwas von ihr gehört. Auch ihr Iraqna-Mobiltelefon ist tot. Am Montagabend dann klärt sich ihr Verschwinden auf. Gegen 20 Uhr geht bei einem Iraker, der für die ARD in Bagdad arbeitet, ein Anruf ein. Kurze Zeit später drückt ihm ein Unbekannter eine DVD in die Hand: das dreiminütige Video der Entführer. Im Auswärtigen Amt in Berlin wird ein Krisenstab gebildet, Bundeskanzlerin Merkel nachts geweckt. Drei Forderungen haben die Entführer: Schließung der deutschen Botschaft, Ende der Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung und der "Ausbildung irakischer Sicherheitskräfte" in Abu Dhabi. Einen erratischen Namen haben sie angegeben, "Brigade der Erdbeben", sonst nichts.

Die Maschinerie für das Szenario "Deutsche im Irak verschleppt" nimmt seinen Lauf. Der Umgang mit solchen Entführungen ist ein heikles, lügenreiches Unterfangen: Keine Regierung lässt sich öffentlich erpressen, aber fast jede zahlt stillschweigend. Es gilt, keine Nachahmer zu ermutigen, aber gleichzeitig das Leben der Geiseln zu retten. Doch über den Verbleib der beiden weiß die Bundesregierung auch elf Tage nach der Verschleppung kaum mehr als am Anfang. Hypothesen werden in diesen Tagen aus Hypothesen geboren. Nicht einmal der Ort der Entführung ist gesichert. Der Krisenstab in Berlin lässt die Version verbreiten, sie sei wegen einer Straßensperrung hinter dem Ort Chalis, rund 50 Kilometer nördlich von Bagdad, auf Nebenstraßen gen Westen abgebogen - was sich als Übersetzungsfehler herausstellt. Über eine Sperrung der Route ist nichts bekannt.

Doch so oder so ist die Strecke zwischen Chalis und Ouzaim auch unter Irakern berüchtigt. Links und rechts neben der vierspurigen Straße lauern Entführer in den palmenbestandenen Weilern. Biegt man ab, holpert man nach wenigen Metern auf staubigen Wegen an lehm- ummauerten Gärten entlang, verfolgt von mehr aufmerksamen Blicken, als einem lieb ist.

Aber warum ist sie überhaupt gefahren? Iraqi Airways bietet seit Monaten mehrmals die Woche Flüge Bagdad-Arbil an, die sie im Oktober auch genutzt hat. Ein Grund könnte sein, dass sie ihre Kisten und Koffer dabei hatte, um von der Hauptstadt endgültig in den sicheren Nordirak umzuziehen.

Kein Deutscher im Irak

ist imstande, sich im weder von der Regierung noch von den Amerikanern kontrollierten Sunnitischen Dreieck so zu bewegen wie Susanne Osthoff. Sie hat Verbindungen innerhalb ihres riesigen Schammar-Stammes, dessen Angehörige auch in Syrien, Jordanien und Saudi-Arabien zu Hause sind. Sie hat im Zweifelsfall die Telefonnummer des entscheidenden Scheichs, spricht den Dialekt und versteht den Slang der Stämme.

Als es einmal darum geht, einen Fahrer für eine Überlandfahrt in unvertrautes Terrain zu finden, telefoniert sie erst mit diversen Kontaktpersonen, fragt schließlich nach dem persönlichen Fahrer eines Scheichs der Gegend, bekommt ihn auch - und gibt am Telefon während der Fahrt zum Treffpunkt präzise Informationen durch, wo genau in Bagdad er warten soll, damit der Wechsel von Auto zu Auto nur Sekunden dauert. Susanne Osthoff kennt viele, die ihr helfen. Doch wenn zu viele Leute wissen, wer man ist und wo man wohnt, kennt einen irgendwann auch der falsche. Egal, wie viele Freunde man hat.

Und Freunde hat sie viele in diesem Land, das sie seit Jahrzehnten fasziniert. Schon als Kind hat sie sich festgelesen in den Büchern über Ausgrabungen und Abenteurer, schwärmt später von Gertrude Bell, die als britische Archäologin nach Mesopotamien kam und die Grenzen des heutigen Irak zog. Sie bewundert Heinrich Schliemann, der es aus kleinen Verhältnissen zum gefeierten Entdecker Trojas brachte. Nach dem Abitur quert sie mit dem Motorrad die Sahara, studiert in München Archäologie und kommt Mitte der 80er Jahre mit ihrem Professor Barthel Hrouda zum ersten Mal in den Irak. Bis 1990 gräbt sie immer wieder im südirakischen Isin, am Heiligtum der babylonischen Heilgöttin Gula. Hrouda hält noch heute große Stücke auf sie: "Sie konnte besser Arabisch als ich und arbeitete selbstständig, sodass ich sie bedenkenlos auch mit schwierigen Aufgaben betrauen konnte." Eine Abenteurerin sei sie nicht gewesen.

Dem Irak aber ist sie verfallen, dieser Halde nur bruckstückhaft erforschter, uralter Hochkulturen, die denen Ägyptens bis auf den Pyramidenbau in wenig nachstanden. Wo weite Landstriche trotz Saddams Brachialmodernisierung unberührt wirken. Mit dem Golf-Krieg 1991 und dem Embargo enden die ausländischen Grabungen. Susanne Osthoff bleibt trotzdem, verliebt sich in einen jungen Beduinen. Die beiden heiraten, sie konvertiert zum Islam. Aber als sie schwanger wird, will sie das Kind doch lieber in einem deutschen Krankenhaus zur Welt bringen.

Wochen vor der Geburt ihrer Tochter Tarfa reist Susanne Osthoff im November 1993 zurück nach Grafing, wo noch ein Teil ihrer Familie lebt. Mit dabei: ihr Mann Salem Mohammed Bachan aus dem Clan der Scha'alan, laut Osthoff einem Unterstamm der Anisi, der ein Unterstamm der Schammar sei. Das ist Salems Welt, und aus der kommt er ins bayerische Dorf, aus dem schon Susanne immer wieder geflohen ist. Er war "a ganz netter Junge", erinnert sich Susanne Osthoffs Onkel Peter, "a Araber halt", der sich Deutschland offensichtlich ganz anders vorgestellt hatte, "mit Mercedes fahren und so".

Er kann kein Deutsch, lernt es auch kaum, findet es befremdlich, einen Brotberuf lernen zu sollen, und ruiniert das Familienbudget, indem er stundenlang mit Arabien telefoniert. Die beiden leben vor allem von der Unterstützung der Verwandten. Weshalb Onkel Peter auf seine Nichte einredet, doch dreimal die Woche bei Aldi zu jobben, "gleich über die Straße. Da hätte sie 2600 Mark im Monat gehabt. Aber das lehnte sie ab". Nach einem Jahr ist auch Susanne Osthoffs Geduld erschöpft, sie kauft Salem ein Flugticket. One way. Aber fliegt bald hinterher, denn mit ihm geht es nicht, aber ohne die Wüste, den Irak, geht es auch nicht.

Ihre Familie hält sie für verantwortungslos - sie hält ihre Familie für engstirnig und verständnislos. Ganz Unrecht haben wohl beide nicht.

Mitte der Neunziger lässt Susanne Osthoff sich scheiden - eine Ungeheuerlichkeit im Regelreich der Stämme. Aber andererseits wäre es Job des Mannes, die kleine Familie zu versorgen. Stattdessen taucht Salem ab. Der Mann, der drei Pässe hat, einen irakischen, einen jordanischen, einen saudi-arabischen, verschwindet immer wieder irgendwo in der Wüste. Lässt Mutter und Tochter zurück. Versucht sich mit grenzwertigen Geschäften im einstigen Schmuggelparadies des syrisch-jordanisch-irakischen Dreiländerecks rund um den Ort Risch. Wo es aber seit 2003 schwierig geworden ist, unbehelligt über die Grenzen zu kommen, seit US-Truppen und der jordanische Geheimdienst dort jede Bewegung registrieren. "Ich weiß nicht, wo genau er im Moment ist", erzählt Susanne Osthoff schulterzuckend im Oktober, "entweder in Risch oder irgendwo bei Tell Afar, wo seine Verwandten leben."

Von ihm Geld für ihre gemeinsame Tochter zu bekommen, hat sie längst aufgegeben. Stattdessen ersucht sie um eine Audienz bei seinem prominentesten Cousin: Scheich Ghazi al-Jawar, von Juni 2004 bis Februar 2005 erster Präsident des Nachkriegsirak.

Sie bekommt einen Termin. Und bittet Jawar, an des unzuverlässigen Vaters statt, für den Unterhalt ihrer Tochter zu bezahlen. Die sei schließlich eine Schammari. Jawar ist baff, aber er sagt nicht nein. Verspricht ein Geschenk, verspricht Hilfe und sagt ihr, sie solle sich wieder melden. Es ist nicht pure Not. Geld, das Freunde ihr schenken wollen, lehnt Susanne Osthoff ab. Es geht auch ums Prinzip.

Alles packt sie unerschrocken an. Susanne Osthoff sucht nicht das Risiko, aber wo auch immer sie hinkommt, wird es schnell gefährlich. Als sie in den 90er Jahren im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts im Jemen gräbt, reist sie auch nach Hadramaut, ins glutheiße Wüstental im Südostjemen. Und trifft dort auf die Sippe eines Mannes, der später zum Terroristen Nummer eins avanciert: Osama bin Laden.

Tell Afar, der kleine Ort nahe einem alten britischen Fort, wo sie sich eine Weile mit ihrem Mann aufhält, ist heute eines der umkämpftesten Gebiete im Irak. Und Mosul, wo sie Anfang 2004 mit Hilfe der irakischen und Geldern der deutschen Regierung einen 200 Jahre alten Stadtpalast renovieren soll, damals noch zugänglich, ist heute absolute No-go-Zone für Ausländer.

Als sie im Jahr 2000 keine Grabungsverträge bekommt, versucht sie sich als Reiseleiterin im Nahen Osten. Tourt für Studiosus durch Jordanien und für Ikarus-Reisen durch Saudi-Arabien. "Aber das lag mir nicht", erinnert sie sich, "mich um alle mit ihren Wünschen zu kümmern." Einmal soll sie Bibel-Reisende durch den Nahen Osten führen, "da musste ich denen immer die Stellen aus dem Alten und Neuen Testament vorlesen." Auf ihrer letzten Reise findet sie sich unversehens als Leiterin einer Taubstummen-Gruppe im Oman wieder - was ihr vorher keiner erzählt hat. Nach einem Streit mit der Firma wird ihr Rückflug nach Deutschland storniert.

Ohne Geld, ohne Ticket, mit den Nerven am Ende steht sie in Maskat am Flughafen - und trifft einen Manager der saudi-arabischen Ölfirma Aramco. Er finanziert ihr spontan den Rückflug nach München. So geht das immer wieder im Leben von Susanne Osthoff: In dramatischen Situationen biegt im letzten Moment irgendetwas Rettendes um die Ecke. Überhaupt gewöhnt sie sich ans Risiko. So sehr, dass sie es zu kontrollieren vermeint.

Und es geht immer wieder gut: Kaum hat der Irak-Krieg im März 2003 begonnen, bricht sie mit gespendeten Medikamenten gen Bagdad auf. Quer durch die Front der vorrückenden US-Truppen, auf Schleichpfaden durch die Wüste, erreicht sie am 1. April die irakische Hauptstadt. Kehrt zurück nach Deutschland und kommt im Juni mit dem nächsten Transport wieder, versorgt ein Krankenhaus im Süden.

Als sie hört, dass Raubgräber die archäologischen Stätten verwüsten, fährt sie nach Isin. Roger Atwood, Buchautor und Altertumsforscher, begleitet sie: "Wir kamen da an und sahen schon von weitem Hunderte von Männern aus Löchern auftauchen, die uns ihre Funde anboten: wunderschöne Rollsiegel aus Hematit, Votivtafeln, Keilschrifttafeln. Susanne brüllte sie an, sie würden alles zerstören, rannte zum Tempel und rief immer wieder: "Die machen alles kaputt!" Nur: Die waren zu Hunderten. Wir waren zu dritt und unbewaffnet."

Wieder geht alles gut. Die "Süddeutsche Zeitung" verleiht ihr 2004 den "Tassilo"-Preis für Zivilcourage. Und als sie im Sommer 2005 in Bayern ist, plant sie schon die nächsten Verhandlungen mit der irakischen Antikenbehörde. Es geht ums legendäre Babylon, für das ihr inzwischen emeritierter Professor Hrouda und die Bayerische Akademie der Wissenschaften die seit Jahren ungenutzte Grabungslizenz halten. Die aber droht zu verfallen. Könnte Osthoff eine Verlängerung erwirken, wäre sie endgültig und auch ohne abgeschlossene Dissertation im Kreise der etablierten Archäologen angekommen - die zwar kopfschüttelnd ihre Courage respektieren, aber bei denen sie immer wieder aneckt mit ihrer Sturköpfigkeit.

Mit derselben Beharrlichkeit verfolgt sie in jenen Oktobertagen in Arbil ihr Lieblingsprojekt, zeigt jedem Fotos des "Bayt Tütüncü", 1796 erbaute Karawanserei und Familiensitz des uralten Clans der Tütüncü. Das verfallende Haus ist mit kostbaren Steinfriesen verziert, schlanke Holzsäulen mit geschnitzten Kapitellen tragen die Decke über dem Diwan, es gilt als eines der prachtvollsten Mosuls. 42 000 Euro hat die Bundesregierung als Zuschuss für die Restaurierung bewilligt, als Mosul noch ruhig war.

Anfang Mai 2005 schon hat Susanne Osthoff ihre Wohnung in Glonn aufgegeben. Hat Möbel und Kisten zu Freunden verfrachtet, Bücher, Kleidung, das Notwendigste für Bagdad eingepackt. Aber Tarfa kann sie nicht mitnehmen. Freunde in München bezahlen einen Internatsplatz.

Während wir im Oktober gemeinsam in Arbil und Bagdad unterwegs sind, erzählt Susanne Osthoff gern und viel von ihrer Tochter, sorgt sich, wie es ihr geht, hofft, dass sie "ihr Arabisch in Bayern nicht ganz verlernt". In den ersten Jahren ist die kleine Tarfa oft mit dabei im Nahen Osten. Und gelegentlich gibt es Familientreffen mit dem von irgendwo aus der Wüste anreisenden Vater, zuletzt in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Doch im Albtraumland Irak zu arbeiten, das selbst Hunderttausende Iraker derzeit verlassen, erscheint der Mutter naheliegender als das Begraben aller Archäologenträume im Zweistromland. Außerdem: Einer müsse sich doch kümmern, dass nicht alles im Zweistromland vor die Hunde geht. Osmanische Paläste zerfallen, mitten in Babylon haben US-Truppen noch unerforschte Fundstätten zu betonhartem Boden verdichtet, damit ihre Hubschrauber besser landen können.

Mit ihrem Projekt in Mosul hat sich Susanne Osthoff einen Ort gesucht, an dem die Gefahr sie einholt. Als sie sich Ende Mai 2005 zu Gesprächen mit der dortigen Antikenverwaltung wieder für ein paar Tage in der Stadt aufhält, befinden das selbst ihre Schammar-Beschützer für zu riskant: Man könne hier nicht für ihren Schutz garantieren. Kurdische Milizionäre bringen sie schließlich ins örtliche Hauptquartier der US-Armee.

"Was wollen die von mir?", spottet sie über die Amerikaner, die dauernd nachfragen, wie es rund um Tell Afar aussieht: "Sollen sie sich doch die alten britischen Lagepläne der Wege und als Lager genutzten Salinen aus den 20er Jahren anschauen, die stimmen heute noch. Oder bei Winston Churchill nachlesen, was der über die irakischen Stämme geschrieben hat, da hat sich auch nicht viel verändert!"

Sie weiss viel mehr als die Offiziere. Aber sie will nicht mit ihnen reden. Das seien doch "Bubis!", ihr Lieblingswort für Männer, die sich aufplustern. Die US-Vertreter erzählen ihr, sie wüssten, dass Terroristen ihrer habhaft werden wollten. Sie erzählen es einmal, mehrfach. Schließlich legen sie ihr einen Zettel vor; einen Mailausdruck mit abgeschnittener Kennung, vier Zeilen lang, angeblich über Kontakte des albanischen Geheimdienstes eingegangen: Darauf steht, dass Abu Musab al-Zarqawi höchstselbst mitgeteilt habe, er wolle "die deutsche Archäologin haben". Sie behält den Zettel als makabres Souvenir. Doch während die einen sie drängen, Mosul zu verlassen, kommen andere und fragen lächelnd, ob sie nicht einen Job haben wolle. Gut bezahlt. Sie bekäme sofort einen Vertrag und einen Ausweis, und sie könne im Camp bleiben. Sie müsse ihnen nur helfen. Sie kenne doch hier so viele Leute, solle mal erzählen, wer die wichtigen Scheichs, wo die geheimen Pfade der Gegend seien.

Noch beim Erzählen Monate später schüttelt es sie: "Die spinnen doch! Ich bin doch nicht bescheuert, für einen amerikanischen Geheimdienst zu arbeiten!" Als ihren Beschützern klar wird, dass Susanne Osthoff zwar gern und viel über Bayt Tütüncü, den mangelnden Schutz der Grabungsstätten und die archäologische Bedeutung des Irak erzählt, aber rein gar nichts über die Allianzen und Fehden der Clans, über deren Verstecke und Geldquellen, wird sie am 8. Juni ausgeflogen. Per Helikopter nach Bagdad, erst auf die riesige Basis der US-Armee, die den Flughafen von Bagdad umschließt, dann in die "Green Zone", dann zu den entnervten Diplomaten der deutschen Botschaft.

Die sind mit ihrer Geduld am Ende. Genau aus dem Hotel in Mosul, wo sie abgestiegen ist, war kurz zuvor der amerikanische Geschäftsmann Nicolas Berg entführt worden, dessen Enthauptung vor laufender Kamera am 11. Mai im Internet auftaucht.

"Reicht Ihnen das nicht?", fragen die Diplomaten. Tatsächlich, so erinnert sich ein Gesprächsteilnehmer, habe sie zum ersten Mal Angst gehabt. Anderntags verlässt sie Bagdad, zurück nach Deutschland. Für drei Monate. Besucht Tarfa, ihre Freunde, aber nicht ihre Mutter.

Am 20. September kehrt sie zurück nach Bagdad. Das Botschaftspersonal ist entsetzt: Ob sie denn schon vergessen habe, wie bleich sie im Juni aufgebrochen sei? In Mosul könne sie unmöglich arbeiten. Botschafter Bernd Erbel, ein exzellenter Kenner des Irak und sehr umsichtiger Mensch, steckt in der Klemme: Was tun mit jemandem, der sich zwar hervorragend im Irak auskennt, aber dennoch in Lebensgefahr verharrt, anstatt das Weite zu suchen? Ihr jede Hilfe verweigern? Dann würde sie vielleicht einfach abtauchen. Ihr den Entzug des Passes androhen, wie es die italienischen Diplomaten nach Giuliana Sgrenas Entführung mit jenen Kollegen taten, die nicht freiwillig das Land verlassen wollten? Wahrscheinlich käme sie mit einem neuen zurück. Es ist eine fatale Gemengelage entstanden aus der hochgefährlichen Situation in Mosul, Susanne Osthoffs Beharrlichkeit und den Tücken der deutschen Haushaltspraxis: Werden bewilligte Mittel bis Jahresende nicht verbraucht, gibt es auch keine Bewilligung für neues Geld. Für ihr Mosul-Projekt wäre es das Ende.

Wieder kommt der Zufall zu Hilfe: Ein Freund kennt einen Bauunternehmer aus Mosul: Abdelsattar Tütüncü. Der ist ein Nachfahre der Palastbauer und möchte sich gern um den vor Jahrzehnten zwangsverstaatlichten Familiensitz kümmern. Zumal seine Baufirma damit einen Auftrag bekäme. Und Susanne Osthoff müsste nicht mehr selbst nach Mosul kommen, sondern könnte im sicheren Arbil bleiben. Unter diesen Bedingungen ist Erbel zur Auszahlung der bewilligten Gelder bereit.

Dann, Anfang Oktober, als sie in Arbil zufällig zu Besuch ist im Centre Rimbaud, dem französischen Kulturzentrum, kommt die Idee, ein deutsches Kulturzentrum daneben aufzumachen. Von den alten Stadtpalästen auf dem Zitadellenhügel stehen mehrere leer. Einer der am besten erhaltenen, das Chalabi-Haus, dient vor allem als Abstellraum.

Arbil sowie das ganze Kurdengebiet ist ein sicherer Ort. Auch wenn sich das bis Berlin noch nicht herumgesprochen hat. Kein Ausländer ist hier entführt worden, die Demarkationslinie des kurdischen Gebietes bildet de facto eine Staatsgrenze. Peschmerga kontrollieren an gestaffelten Checkpoints jedes Auto. Die allgegenwärtigen kurdischen Geheimdienste überwachen die nicht vertriebenen oder weggezogenen Araber. Verdächtige werden ohne Verfahren festgehalten in Gefängnissen, über die das Rote Kreuz alles andere als glücklich sein soll. ´

Arbils brandneuer Flughafen wird aus Athen, Istanbul, Frankfurt und Amman direkt angeflogen, Geschäftsleute aus aller Welt steigen im neuen Luxushotel ab, das jeder "Sheraton" nennt, obwohl es keines ist. Endlich scheint Susanne Osthoff ein perfektes Projekt gefunden zu haben. Die kurdische Regierung in Arbil, die sich sehnlichst ein deutsches Konsulat zwecks Status-Aufbesserung wünscht, bekäme zumindest die Bonsai-Variante einer Vertretung. Die deutsche Botschaft wäre ihre Sorgen um Susanne Osthoffs Verbleib los.

Und sie selbst hätte endlich wieder eine Wohnung. Denn im Herbst 2005 hat sie nirgends eine feste Unterkunft im Irak. Ihre Koffer und Taschen mit Kleidung und Unterlagen stehen in Bagdad teils im Hammurabi-Hotel, teils bei einem Scheich, sie wohnt mal dort, mal bei Freunden. In Arbil wohnt sie im Arbil Tower, einem freundlichen Hotel neben der Zitadelle, immer akkurat darauf bedacht, seriös auszusehen und nicht wie jemand, der aus Koffern lebt.

Unversehens ist sie selbst zur Nomadin geworden. Allerdings nicht zwischen Weidegründen in der Wüste, sondern zwischen Städten, Anträgen, deutschem Haushaltsrecht und irakischer Wirklichkeit, zwischen dem Krieg im Land und ihrem Kampf um Zuschüsse, Verträge, Alimente. Nun könnte sie sich an einem sicheren Ort niederlassen. Als sie am 11. Oktober nach Arbil fliegt, hat sie ein Empfehlungsschreiben mit Bundesadler und Unterschrift des stellvertretenden Botschafters dabei.

Und am 19. November bekommt sie überdies eine große Summe des Botschaftszuschusses für den Tütüncü-Palast in Mosul, das meiste zahlt sie auf der Bank ein. Mit dem Rest soll Abdelsattar Tütüncü die Löhne der Arbeiter auszahlen, nachdem sie das Dach winterfest gemacht haben. Doch zum Treffen mit dem Bauunternehmer kommt es nicht mehr. Irgendwo südlich von Arbil verliert sich Susanne Osthoffs Spur.

Auch das Video der Entführer wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet. Zwar meldet sich sofort nach Ausstrahlung des Standbildes die allzeit bereite Schar der "Terrorexperten" zu Wort: "Das ist Zarqawis Handschrift!", weiß einer von ihnen. Weil die Entführten knien und die Entführer bewaffnet sind. Aber eine Kalaschnikow hat im Irak jeder Bauer im Schrank, völlig legal, und auch eine Panzerfaust ist unschwer zu bekommen. Kein irakischer Aufständischer trägt Handschuhe als Kampfausrüstung, und auch der Mann im weißen T-Shirt rechts im Bild mit der Panzerfaust auf der Schulter gibt Rätsel auf: Um ihre Gefährlichkeit zu unterstreichen, hätten die Entführer keine Panzerfaust ins Bild halten müssen. Da hätten sie eher, wie im Fall von Margaret Hassan oder den entführten Japanern 2003, die Angst, die Gesichter ihrer weinenden Geiseln gezeigt, mit Messern an der Kehle.

Das ganze Video

wirkt in sich untypisch, nicht schlüssig. Es fehlen die üblichen Koranverweise an der Wand dahinter, die Gruppe hat sich eben nicht als "al Qaeda, irakische Organisation" bezeichnet, wie es die Truppe um Zarqawi tut. Außerdem ist kein Internetbekenntnis aufgetaucht wie sonst üblich.

Wer ein Video aufzeichnet und übergibt, tut dies mit der Absicht der Ausstrahlung. Dies hat die ARD aber nicht getan. Mithin wäre anzunehmen, dass die Kidnapper den üblichen Weg gehen und eine zweite DVD dem Satellitensender al-Jazeera zuspielen oder ins Internet stellen.

All das ist im Fall Osthoff nicht geschehen. Auch der Name, "Brigade der Erdbeben", gibt jenseits einer möglichen Nähe zu einer anderen nur aus Internetbekenntnissen bekannten Gruppe namens "Dschihad-führende Einheiten des Erdbebens" wenig her angesichts von Hunderten stetig zerfallender und sich neu bildender Gruppen im Land, die mal kriminell, mal politisch, im Zweifelsfall beides sind.

Der Irak, wo außer den 200 Ausländern in den vergangenen zwei Jahren Tausende Iraker gekidnappt wurden, ist zum Basar für Geiseln geworden. Arbeitsteilig sind kleine Banden überall unterwegs. Bei unbedeutenden Geschäftsleuten werden Geiselnahme und Lösegeldverhandlung meist von denselben Leuten abgewickelt. Bei kostbaren Opfern, schwerreichen Firmenchefs, Politikern oder westlichen Ausländern, sind kleine Gruppen oft nicht in der Lage, dem Fahndungsdruck standzuhalten oder überhaupt auf Englisch zu verhandeln.

In solchen Fällen wird das Entführungsopfer an professionell agierende Banden verkauft, die Rückzugsgebiete, genügend Häuser, Männer und Mittel haben, um zur Not monatelang zu schachern. So wurde der französische Fernsehjournalist Alexandre Jordanov binnen vier Tagen mehrfach von einer Gruppe an die nächste weiterverkauft. Bis zum Herbst 2003 gab es laut Aussagen eines emigrierten Bewohners ein Café in Falluja, wo sich Käufer und Verkäufer trafen.

Die Gesamtzahl der Entführungen ist unmöglich zu ermitteln. Allein aus den Familien der stern-Mitarbeiter im Irak sind seit 2004 vier Menschen verschleppt worden: Ali, der Sohn eines unserer Fahrer, der nichts besaß außer seinem Auto, das er verkaufen musste, um die 3000 US-Dollar Lösegeld aufzubringen; Mohammed al-Hassouna, Vater eines der Rechercheure und Besitzer der Kawthar-Mineralwasserfabrik, der nur deshalb für 70 000 Dollar freikam, weil sein Stamm drohte, sich am Stamm der Entführer zu rächen; der Bruder eines Übersetzers, der tot aufgefunden wurde; der Bruder eines Übersetzers aus dem Kurdischen, den die Entführer nach Zahlung von 350 000 Dollar im Polizeiwagen zurückbrachten.

Es war immer ein Irrglaube, dass Deutsche von Entführungen ausgenommen wären, nur weil Deutschland sich nicht am Krieg beteiligte. Es lag eher daran, dass die wenigen Deutschen im Irak sich umsichtig verhielten. Denn schon winzige Unvorsichtigkeiten können fatal sein: mit dem Satellitentelefon auf offener Straße zu telefonieren, als Ausländer erkennbar in Geländewagen unterwegs zu sein, einen Polizisten nach dem Weg zu fragen.

Oder wie jene vier fast zeitgleich mit Osthoff entführten Mitglieder des amerikanischen "Christian Peacemaker Teams" (CPT) als offizielle Delegation in den Bagdader Vorort Ghazaliya zu fahren: eines der Zentren der Dschihadisten, wo sie dann auch umgehend auf dem Weg zur Moschee verschleppt wurden.

Während sich die "Bild"-Zeitung

bereits im selbst getexteten Entsetzen suhlt ("Wird sie geköpft?"), fordert eine Allianz ihre Freilassung, die breiter kaum sein könnte: vom sunnitischen Scheich des Duleimi-Stammes Yasin Chalifa ("Frauen sind schwache Kreaturen und müssen beschützt werden!") über Iraks kurdischen Präsidenten Jalal Talabani, die machtvolle "Vereinigung muslimischer Rechtsgelehrter", über Politiker fast aller deutschen Parteien, deutsche Muslimverbände und Paul Spiegel (Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Juden) bis zu Muqtada al-Sadr, dem radikalsten Schiitenführer im Irak.

Was ihr wirklich nützen kann im Moment, sind der Druck der sunnitischen Stämme im Land, ihr Pass, ihre Konfession und die Bereitschaft der Bundesregierung, genau das zu tun, was sie dementieren wird: zu zahlen.

Wenn es eine Konstanz gibt im dramatischen Leben von Susanne Osthoff, dann jene, dass sie dem schlimmsten Unheil in letzter Minute immer noch entkommen ist. Wenn es eine Hoffnung gibt, dann jene, dass sich daran nichts ändert.

Christoph Reuter Mitarbeit: Marc Goergen, Brigitte Zander

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