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Europa und der Islam, Teil 2: Als der Westen den Orient verriet

Die Kolonialmächte fühlen sich berufen, die Moderne in den Orient zu tragen. Tatsächlich stärkt Europa die Despoten. Und verspielt das Vertrauen der islamischen Welt.

Von Peter Meroth

Ein Denkmal für den Orient-Vesteher: Peter O'Toole als "Lawrence von Arabien" im gleichnamigen Film von 1962

Ein Denkmal für den Orient-Vesteher: Peter O'Toole als "Lawrence von Arabien" im gleichnamigen Film von 1962

Die Sommersonne blendete grausam. Kein Laut war zu vernehmen, außer dem hohlen Echo der Steinplatten unterm Tritt der Kamele und dem harten Rascheln des Sandes, der vor dem heißen Wind nach Westen hinkroch. Es war ein wahrhaft erstickender Wind, von Hochofenglut. Gegen Mittag schwoll er zu einem Sturm an von solcher Trockenheit, dass unsere ausgedörrten Lippen aufsprangen und die Haut im Gesicht zerriss. Die Araber wickelten sich die Kopftücher fest über die Nasen und zogen sie von oben herunter über die Augen wie ein flappendes Visier mit schmalem Sehschlitz." So schildert T. E. Lawrence, wie er mit einer Schar Beduinen 1917 zum Angriff auf Aqaba reitet. Dort halten Türken die Stellung. Seit sie an der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns in den Ersten Weltkrieg eingetreten sind, fürchtet Großbritannien um die Sicherheit des Sueskanals, seiner lebenswichtigen Verbindung nach Indien.

Europa und der Islam - alte Mächte, neue Staaten
1918 bis 1973
1922: London erhält Mandat über Palästina

In einer Präambel garantiert der Völkerbund eine "nationale jüdische Heimstätte".

1923: Aus dem Osmanischen Reich wird die Türkei

Mustafa Kemal Atatürk wird Staatschef und lenkt das Land auf einen laizistischen Kurs.

1939: Palästina wird abgeschottet

Vor Beginn des Zweiten Weltkriegs stoppt die Mandatsmacht Großbritannien die jüdische Zuwanderung nach Palästina, sie wird bis 1947 unterbunden.

1948: Gründung Israels

Am 14. Mai proklamieren die Juden ihren eigenen Staat. Ägypten, Syrien, Jordanien, der Libanon und der Irak greifen Israel an und werden geschlagen.

1953: Sturz Mossadeghs

Die Geheimdienste Großbritanniens und der USA inszenieren die Absetzung des iranischen Premierministers.

1956: Sueskanal wird nationalisiert

Großbritannien, Frankreich und Israel intervenieren mit Truppen, müssen sich aber auf Druck von USA und UdSSR zurückziehen.

1960: Gründung der Opec

Saudi-Arabien, Kuwait, der Irak, der Iran und Venezuela schließen sich zur Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) zusammen.

1962: Algerien wird unabhängig

Nach acht Jahren Krieg wird aus Frankreichs wichtigster Kolonie ein selbstständiger Staat.

1967: Sechs-Tage-Krieg

Israel besiegt Ägypten, Syrien und Jordanien und besetzt den Golan, das Westjordanland, Ostjerusalem, Gaza und die Sinai-Halbinsel. Tausende Palästinenser fliehen.

1972: Attentat von München

Deutschland ist Schauplatz des palästinensischen Terrors. Im olympischen Dorf werden israelische Sportler als Geiseln genommen, 17 Menschen sterben bei der Befreiungsaktion auf dem Flughafen.

1973: Jom-Kippur-Krieg

Nach einem Überfall Ägyptens und Syriens erobert Israel weitere Gebiete. Etwas später drosselt die Opec die Förderung und löst eine weltweite Ölkrise aus.

Ein Aufstand der Araber gegen die verhasste osmanische Herrschaft würde den Feind entscheidend schwächen. Mit der Aussicht auf ein großarabisches Reich stachelt England sie zum Kampf auf. Lawrence soll die rivalisierenden Stämme einigen. Er spricht fließend Arabisch. Er kennt das Land. Schon als Archäologe in Syrien hatte er davon geträumt, den Menschen, die jahrhundertelang von korrupten osmanischen Beamten schikaniert und ausgebeutet worden waren, ihre Würde wiederzugeben. Besonders einem jungen Mann, den er als Wächter bei Grabungen kennengelernt hatte.

Freiheit ist ein annehmbares Geschenk

"Mein stärkster Beweggrund war ein persönlicher", schreibt er später im Rückblick auf all die Strapazen. "Ich mochte einen bestimmten Araber sehr gern, und ich dachte, Freiheit für sein Volk sei ein annehmbares Geschenk." In jenen Jahren ist Lawrence der bejubelte wagemutige Soldat. 1962, in dem mit sieben Oscars ausgezeichneten Leinwandepos "Lawrence von Arabien", erscheint er zerrissen zwischen Selbstzweifeln und Allmachtsfantasien. Heute sieht ihn die schwule Gemeinde als einen ihrer frühen Helden.

Doch ganz gleich, in welcher Rolle: T. E. Lawrence wird für Generationen zum Botschafter des Orients, seiner Geheimnisse, seiner Faszination. Sogar den Adel und die Bürger in den Salons des Empire, die Beduinen für undisziplinierte Wilde halten, kann er mit den Kampfszenen beeindrucken. "Wie besessen jagten wir unsere Kamele über die Höhe und den Hang hinunter dem Feind entgegen", schreibt er in seinen Erinnerungen. "Der Hang war nicht allzu steil für einen Kamelgalopp, aber doch steil genug, um bei dieser tollen Jagd jede Herrschaft über das Tier zu verlieren; und dennoch brachten es die Araber fertig, rechts und links herauszuschwenken und in die türkischen Massen zu feuern."

Der Verrat des Westens ist komplett

Doch aller Wagemut nützt nichts. Als die Araber Damaskus einnehmen, ist ihr Land bereits unter den Großmächten aufgeteilt. Gemäß dem Sykes-Picot-Abkommen fallen Syrien und der Libanon im Wesentlichen Frankreich zu, Großbritannien sichert sich den Irak und Jordanien (siehe Karte, Seite 4). Palästina wird einem internationalen Mandat unterstellt, und die Balfour-Deklaration garantiert den Juden darin eine "nationale Heimstätte". Damit ist der Verrat des Westens komplett - für die Araber ein Trauma bis heute. Für die ganze islamische Welt so verachtenswert wie die Kreuzzüge.

Wie kurzsichtig die brutale Interessenpolitik ist, wollen die Siegermächte nicht wahrhaben. Sie kamen als Befreier und gehen als Unterdrücker. Sie wollen ihre Einflusssphären sichern und verspielen alles Vertrauen. Mit jeder Intervention in der islamischen Welt entfernt sich Europa in den kommenden Jahren immer weiter von seinem Anspruch, Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie zu mehren.

Das Osmanische Reich bricht ein

Vorerst aber geht Englands Kalkül auf. Das Osmanische Reich bricht an allen Fronten ein. Mustafa Kemal zeichnet 1922 vor der Nationalversammlung in Ankara ein schonungsloses Bild des Niedergangs: "Die Osmanen, die Türken unter dem Regime früherer Zeiten, haben sich gezwungen gesehen, den Rückzug anzutreten, nachdem sie bis vor die Tore von Wien gekommen waren, weil sie es nicht verstanden, Klugheit und Vorsicht zu zeigen, sondern sich vielmehr von ihren Gefühlen und ihrem Ehrgeiz beherrschen ließen. Danach konnten sie sich auch in Budapest nicht halten. Sie wichen weiter zurück, sie wurden bei Belgrad besiegt und gezwungen, auch von dort zurückzugehen. Sie gaben den Balkan preis. Sie ließen uns als Erbe dieses von den Feinden überfallene Vaterland."

Diese Feinde waren die Griechen. Sie hatten sich rechtzeitig den Alliierten angeschlossen, die ihnen 1919 erlaubten, Inseln und Küste der Ägäis samt Izmir zu besetzen. Kemal, ein Offizier und Kriegsheld, hatte einst gegen den Sultan aufbegehrt, war unehrenhaft aus der Armee entlassen und zum Tode verurteilt worden. Doch die Nationalversammlung wählte ihn zu ihrem Vorsitzenden. "Um unsere Rettung, unsere Unabhängigkeit sicherzustellen", mahnt er das Parlament im Mai 1922, "gibt es nur ein einziges Mittel, einen einzigen Entschluss, und kann es nichts anderes geben: Das ist, uns mit dem Feind zu schlagen."

Offizier und Kriegsheld: Mustafa Kemal bekommt von seinem dankbaren Volk den "Atatürk" verliehen - Vater der Türken

Offizier und Kriegsheld: Mustafa Kemal bekommt von seinem dankbaren Volk den "Atatürk" verliehen - Vater der Türken

"Es lebe Kemal Pascha"

Heimlich hat er eine neue Armee aufgebaut. Am 26. August erfolgt der "Große Angriff". "Zweieinhalb Stunden lang stießen wir mit unseren Bajonetten in die Brust des Feindes", berichtet Kemal später dem Parlament. Das Protokoll verzeichnet "Lachen und Beifall", als er im Stil eines orientalischen Märchenerzählers fortfährt: "Dann trat die Nacht ein, und ihre Schwärze beeilte sich gleichsam, diesen furchtbaren Anblick vor den Blicken der Welt zu verbergen."

In Izmir beobachtet ein armenischer Arzt von der Veranda aus, wie die siegreichen Truppen einziehen: "Einheimische Türken winken mit türkischen Fahnen und schreien: 'Es lebe Kemal Pascha.' Die Reiter sind furchterregend. Die am Kai versammelten Armenier und Griechen beobachten mit Schrecken den Einmarsch der türkischen Soldaten; sie packen ihre Kinder und Bündel und ergreifen die Flucht. Die Türken versuchen sie zu beruhigen: 'Fürchtet euch nicht! Wir haben bis jetzt mit Christen brüderlich zusammengelebt. Auch in Zukunft wird es nicht anders sein.'"

Was danach geschieht, hat Jeffrey Eugenides zur Schlüsselszene von "Middlesex" gemacht, seinem großen Roman über das Schicksal griechischer Emigranten. In seiner Schilderung tauchen am 13. September 1922 um ein Uhr nachts im Fackelschein die Schattenrisse türkischer Soldaten auf. Der Wind weht jetzt nach Süden, weg vom türkischen Norden, hin zum armenischen, jüdischen und griechischen Viertel. Funken fliegen, überall erblühen Feuer. Kaum löscht die Feuerwehr einen Brand, lodert anderswo ein neuer auf. Ein Feuer dringt in eine Bäckerei, frisst sich in den Wohntrakt, rast ins Haus hinauf und über die Veranda ins Haus dahinter.

Die Brände reichen über die ganze Stadt

Auch hier ist alles wie zum Brennen geschaffen - das Damastsofa mit seinen langen Fransen, die Beistelltische aus Mahagoni und die Lampenschirme aus Chintz. Die Hitze zieht die Tapeten bahnenweise ab. Jedes Haus setzt seinen Nachbarn in Brand. Bald bilden alle Brände eine große Feuerwand, die über die ganze Stadt reicht. Es gibt kein Entrinnen, schreibt Eugenides. "Menschen beten, heben die Arme, flehen Schiffe im Hafen an. Suchscheinwerfer schweifen übers Wasser, erfassen Schwimmende, Ertrinkende. Kegomaste! Kegomaste!, schreien Leute. Wir brennen! Wir brennen!"

"Ich blickte auf eine beispiellose Tragödie, die mein Herz erzittern ließ", notiert ein türkischer Journalist, der zum Augenzeuge des Infernos wird. "Warum haben wir Izmir verbrannt?", fragt er. "Fürchteten wir uns etwa davor, uns vor den Minoritäten nicht schützen zu können? Als während des Ersten Weltkriegs die Armenier deportiert wurden, haben wir aus derselben Furcht heraus alle ihre Quartiere in den anatolischen Städten verbrannt. Das hat nicht einfach mit reiner Zerstörungswut zu tun. Daran hat auch ein Minderwertigkeitsgefühl Anteil."

Für Griechen ist die "Katastrophe von Smyrna", wie sie die Stadt nennen, die zweite Vertreibung aus dem Paradies. Eine Teufelei der Muslime gegen Christen und Juden, ein Sieg der Unkultur über die Kultur.

Ankara auf Augenhöhe mit den Siegermächten

Der überraschend schnelle Erfolg ermöglicht Ankara, endlich auf Augenhöhe mit den Siegermächten des Weltkriegs zu verhandeln. Die Türkei bekommt sogar Territorien jenseits des Bosporus zurück. Am 2. November 1922 hebt das Parlament das Sultanat auf, das Osmanische Reich ist Geschichte.

1934 ehrt die Nationalversammlung Mustafa Kemal mit dem Titel "Atatürk"- Vater der Türken. Er krempelt das Land um, schließt Koranschulen und Scharia-Gerichte. Die Türkei soll ein moderner, säkularer Staat werden. Und der Nationalismus seine neue Religion.

Für einen Moment scheint es, als wäre der Islam auf dem Rückzug. Als sei die Religion, die einst Künste und Wissenschaften beflügelte, während im christlichen Mittelalter die Inquisition regierte, so sehr im Feudalismus verhaftet, dass sie nun mit den Kalifen und Sultanen von der politischen Bühne verbannt wäre.

Der Sueskanal verband und trennte das Morgenland und das Abendland gleichzeitig - dafür sorgten nicht nur die Engländer

Der Sueskanal verband und trennte das Morgenland und das Abendland gleichzeitig - dafür sorgten nicht nur die Engländer

Ölreichtum und Wahhabismus

Doch unbemerkt vom Westen, der noch nicht besessen ist von seinem künftigen Ölhunger, hat sich auf der Arabischen Halbinsel der Clan der al-Sauds den Wahhabismus zunutze gemacht, eine strenge Auslegung des Islam, die das armselige Leben der Beduinen zum wahrhaft seligen erklärt, Vergnügungen verdammt und Pilgerorte wie heilige Bäume, Steine, Gräber auslöschen will. Mit dieser Ideologie mehrt die Wüstendynastie nach und nach ihre Macht. 1924 erobert Abd al Aziz Ibn Saud Mekka und Medina, seine Truppen schänden die Gräber der Haschemiten, die als Nachfahren des Propheten seit Jahrhunderten über die heiligen Stätten herrschten. Bis heute wird der 1932 gegründete Staat Saudi-Arabien neben seinem Ölreichtum vom Kleister aus Klan-Interessen und Wahhabismus zusammengehalten.

Auch in Ägypten, das die Engländer wie eine Kolonie behandeln, gärt es. Nicht nur Muslime rebellieren, sondern auch koptische Christen, in Kairo kommt es gar zur ersten Frauendemonstration der arabischen Welt. Ganz im Stillen, bei einem Treffen mit sechs Gefährten, beginnt der Lehrer Hasan al Banna 1928 den Kampf gegen Fremdherrschaft und westliche Dekadenz. Seine Muslimbruderschaft wird eine der stärksten islamistischen Gruppen im Nahen Osten werden, Vorbild für Generationen von jungen Extremisten. Ihre fünf Grundsätze lauten: "Gott ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unser Gesetz. Der Dschihad ist unser Weg. Der Tod für Gott ist unser nobelster Wunsch."

Es dauert einige Zeit, bis sich Sayyid Qutb den Muslimbrüdern anschließt. Er ist ein liberaler Schriftsteller und Politiker, später propagiert er den Islam, mit leicht sozialistischen Anklängen, zur Lösung der erbarmungswürdigen sozialen Missstände in Ägypten. Um ihn umzustimmen, sendet ihn die Regierung 1948 auf Studienreise in die USA. Er kehrt zurück, entsetzt über die sexuelle Freizügigkeit, den egoistischen Individualismus, Materialismus und Rassismus.

Jeder Muslim soll immer und überall den Kampf führen

Auch seine Hoffnungen in die Revolution der Freien Offiziere um Gamal Abd al Nasser 1952 werden rasch enttäuscht. Dessen Regime bietet zwar den Briten die Stirn, aber unterdrückt die Opposition. Die Muslimbruderschaft, der er inzwischen angehört, wird verboten. Qutb wird 1966 in Ägypten hingerichtet. Zuvor entwickelt er im Gefängnis seine Lehre vom Islam als einem umfassenden System, das auch alle irdischen Lebensverhältnisse regelt. Den Dschihad, die Pflicht der Gläubigen, ein frommes Leben zu führen und in Bedrängnis auch gemeinsam mit anderen zu den Waffen zu greifen, definiert er schärfer: Für sein Ideal, die weltweite Herrschaft des wahren Islam, der die Menschen von der Versklavung durch den Menschen erlöst, müsse jeder Muslim immer und überall den Kampf führen. Qutb schafft damit einen Grundpfeiler des Islamismus, eine Ideologie, die Gewalt und Terror gebiert. Auch in Pakistan, das sich 1947 von Indien löst, um den idealen islamischen Staat zu schaffen, kommen nicht gütige, gottesfürchtige Herrscher an die Macht, sondern Despoten. Was aber hat der Westen dem entgegenzusetzen? Im Nahen Osten hat er nicht nur Verrat an den arabischen Kampfgenossen begangen, sondern auch an den eigenen Werten und in kolonialer Arroganz ein Pulverfass zurückgelassen.

Als Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Libanon, Irak und Syrien dem Staat Israel 1948 noch in dessen Gründungsnacht den Krieg erklären, schauen die Strategen in London, Paris und Washington den folgenden Kämpfen nur zu. 700.000 Menschen fliehen oder werden vertrieben, für die Palästinenser wird die "Nakba", die Katastrophe, zur ewig schwärenden Wunde. Doch wozu eingreifen? Der Konflikt bleibt regional. Israel kann sich behaupten.

Sorge um "Stabilität der Verhältnisse"

Und als sich in Syrien und im Irak durch Putsche und politische Morde in Serie immer autoritärere Regime etablieren, gilt die Sorge der freien Welt vornehmlich der "Stabilität der Verhältnisse".

Gegen die einzig demokratische Regierung allerdings, die je im Iran regierte, setzen Großbritannien und die USA 1953 ihre Geheimdienste in Marsch. Premier Mohammed Mossadegh hatte der Anglo-Iranian Oil Company vorrechnen lassen, dass sie das Öl seines Landes zum 10- bis 13-Fachen über den Produktionskosten verkaufe. Trotzdem wollten die Briten den darbenden Iranern "nicht einen Penny mehr" zugestehen. Als ihre Ölanlagen verstaatlicht werden, bereiten CIA und MI6 einen Umsturz vor.

Nach Gutdünken teilen die Kolonialmächte den Orient unter sich auf, ohne Rücksicht au Tradition und Geschichte

Nach Gutdünken teilen die Kolonialmächte den Orient unter sich auf, ohne Rücksicht au Tradition und Geschichte

Bezahlte Demonstranten sorgen für Unruhen

Um Unruhen zu schüren, schicken die Agenten in Teheran schließlich bezahlte Demonstranten auf die Straße. Vornweg Muskelmänner aus Ringerklubs, manche schwenken Hanteln, andere jonglieren. Kleine Halunken sind dabei und gefürchtete Schutzgeld-Eintreiber. Eine stadtbekannte Bordellmutter ist mit ihren Mädchen gekommen, unter ihnen die kulleräugige Azam und Zuckerlippen-Zeynab. Sie verteilen Geldscheine an Passanten, immer mehr schließen sich an.

Am Ende dieses denkwürdigen 19. August 1953 muss sich Mossadegh den Putschisten ergeben, Schah Reza Pahlawi, der sich mit Soraya in einem Luxushotel in Rom in Sicherheit gebracht hatte, kann zurückkehren, den Iran vor der angeblichen kommunistischen Gefahr retten. Er wirft alle liberal denkenden Menschen in die Kerker.

Kein demokratischer Iran als Vorbild

"Amerikas Eingreifen hatte einerseits schreckliche Folgen für den Iran, andererseits bedrohen die Folgen heute Amerikas Sicherheit", schreibt der US-Autor Stephen Kinzer. Und Europas, sollte man anfügen. Ein demokratischer Iran "hätte ein Modell für die ganze Region sein können"- stattdessen wird das Land zum Gottesstaat.

Es ist die Angst vor dem Sozialismus, die auch zur nächsten Intervention führt, 1956 in Ägypten. Als Nasser vom Westen kein Geld für den Assuan-Staudamm bekommt, nationalisiert er den Sueskanal, um mit den Einnahmen sein Prestigeprojekt zu finanzieren. In der Operation "Musketier" greifen Israel, England und Frankreich gemeinsam an. Als Bomben auf Sues fallen, lässt Nasser 40 Schiffe versenken und blockiert den Kanal.

Im Herbst pfeift Amerika die Angreifer zurück. Der Westen prangert den Einsatz sowjetischer Panzer gegen den Aufstand der Ungarn an, da passt das Beispiel imperialistischer Aggression der Alliierten nicht ins Bild. US-Präsident Eisenhower fühlt sich blamiert, er ist in der Endphase des Wahlkampfs, er hofft auf eine zweite Amtszeit. Großbritannien muss klein beigeben, sein Glanz als Weltmacht ist verblasst, es ist finanziell von Amerika abhängig. Frankreich sieht sich um die Chance betrogen, Nasser zu stürzen und damit den algerischen Befreiungskampf zu schwächen, den dieser unterstützt. Doch es sind nicht fremde Einflüsse, die den Konflikt in Algerien anheizen.

Die Kolonialmacht Paris regiert in Nordafrika mit zu harter Hand, ohne Rücksicht auf Religion und Traditionen. Acht Jahre währt der Algerienkrieg, mit Terror und Attentaten auf der einen, Verschleppung und Folter auf der anderen Seite. Bis das Land Anfang Juli 1962 unabhängig wird, haben die Franzosen 30.000, die Algerier bis zu einer Million Tote zu beklagen. Mit den Algerien-Flüchtlingen beginnt die massive Zuwanderung von Muslimen nach Frankreich.

Amerika eilt Israel zur Hilfe

Im Ringen um Ressourcen und Einfluss kann sich der Westen lange auf seine technische und wirtschaftliche Überlegenheit stützen. Auch Israel profitiert davon, als es im Sechs-Tage-Krieg 1967 eine arabische Übermacht niederringt, ebenso 1973 im Jom-Kippur-Krieg, als amerikanische Militärhilfe gerade noch rechtzeitig eintrifft, um eine Niederlage abzuwenden.

Da aber drehen die Araber den Spieß um. Um den arabischen Brüdern beizuspringen, machen sie die Abhängigkeit der Industriestaaten vom Öl zu ihrer Waffe. Die Golfstaaten und Saudi-Arabien drosseln die Produktion. Im Oktober 1973 verdoppelt sich der Ölpreis, bis Ende des Jahres erhöht ihn die Organisation Erdöl exportierender Länder Länder (Opec) um 300 Prozent. Selbst der Schah, den die westlichen Länder stets hofierten, erklärt: "Sie werden erkennen müssen, dass das Zeitalter ihres gewaltigen Fortschritts und ihres noch gewaltigeren Reichtums, das auf billigem Öl beruhte, vorbei ist."

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