165 Menschen starben in Mumbai beim kaltblütigsten Angriff seit 9/11. stern-Reporter recherchierten, wie die Täter aus Pakistan einsickerten und ihren teuflischen Plan umsetzten. Dabei stießen sie auf erschütternde Notizen, Überlebende und SMS-Botschaften.
Jeder der Männer trägt einen Rucksack und eine
Plastiktasche, 34 mal 50 Zentimeter groß. In den
Rucksäcken haben sie Kalaschnikow-Sturmgewehre,
Neun-Millimeter-Pistolen, Handgranaten,
500 Schuss Munition und ein unbenutztes Handy.
In jeder der Plastiktaschen, die man sich wie
kräftige Einkaufstüten vorstellen muss, steckt ein
sorgfältig verschnürtes Paket mit fünf Kilogramm
Sprengstoff. Eine schwarze, schmierige Masse,
hochexplosiv, gespickt mit Stahlkugeln, um die
verheerende Wirkung zu erhöhen. Jede Bombe hat
zwei Zündkapseln, gespeist von zwei Neun-Volt-Batterien der Marke "Duracell", und einen elektronischen
Timer.
Zehn junge Männer ziehen mit dieser Ausrüstung in eine
Stadt, die sie nicht kennen. Sie gehen in Häuser, die ihnen
fremd sind. Sie töten Menschen, denen sie nie begegnet
sind. Sie verbreiten Angst und Entsetzen. Die zehn jungen
Männer sind Terroristen, doch sie morden mit den Waffen
von Kriegern.
Sie jagen nicht Züge oder Diskotheken in die Luft wie
in Madrid oder auf Bali, sie stürzen sich nicht mit Sprengstoffgürteln
in die Menge wie im Irak oder steuern Autobomben
zu ihren Zielen wie zuletzt in Islamabad. Sie inszenieren
kein tagelanges Geiseldrama wie die Tschetschenen
in Beslan. Sie stellen keine Forderungen.
Die Täter von Mumbai treten ihren Opfern offen
gegenüber. Sie verbergen ihre Absicht nicht.
Das ist das Verstörende an den Anschlägen von
Mumbai, bei denen 165 Menschen sterben und
über 300 verletzt werden: Den Opfern erscheinen
die Täter wie coole Studenten. Doch nicht nur die
T-Shirts und Hosen der zehn jungen Männer
sind lässig, auch ihre Art zu töten ist es. Sie schießen
um sich und werfen Handgranaten wie in
einem teuflisch choreografierten Amoklauf.
"Alles wird von den Medien aufgezeichnet", feuert sie einer
der Hintermänner während der Anschläge per Handy
an. "Richtet den größtmöglichen Schaden an. Kämpft weiter!
Lasst euch nicht lebend gefangen nehmen!" Ein anderer
lobt: "Bruder Abdul, die Medien vergleichen deine Aktion
mit dem 11. September."
Sie morden nach Al-Qaida-Muster, in koordinierten Aktionen,
gleichzeitig an mehreren Orten. Zu zehnt entfachen
sie ein Inferno, das bis heute Spekulationen über heimliche
Helfer und Komplizen nährt. Tatsächlich liegt das Geheimnis
in der Kaltschnäuzigkeit des Plans, der die zehn zu
menschlichen Sprengköpfen machte.
Die jungen Männer stammen aus Pakistan, die Islamisten-
Organisation Laschkar-e-Taiba (Armee der Reinen) hat
sie ausgebildet und zu ihrer tödlichen Mission entsandt. Als
ihre Reise am 22. November beginnt, fühlen sich die jungen
Männer als Auserwählte, bereit, die Welt herauszufordern.
Von anfangs 32 Kämpfern waren sie die Elite, die sich in
einem mehrstufigen System qualifizierte: nach dreiwöchiger
Grundausbildung zunächst für ein Spezialtraining mit automatischen
Gewehren und schließlich für ein Camp im
pakistanischen Teil Kaschmirs. Dort lernten sie, Boote nach
GPS-Geräten zu navigieren, und absolvierten ein ausgiebiges
Schwimmprogramm. Neben militärischem Drill stand
auch religiöse Unterweisung auf dem Stundenplan.
Ein Anleiter, der die Terroristen später im Kampfgetümmel
von Mumbai anruft, erinnert an die Lektionen über die
Kämpfer des Propheten Mohammed, weil sie ohne Rücksicht
auf sich und andere in die Schlacht zogen: "Du magst
müde oder erschöpft sein, aber die Einheiten des Islam haben
alles zurückgelassen. Ihre Mütter, ihre Väter, ihr Zuhause.
Bruder, du musst kämpfen für den Sieg des Islam.
Sei stark!" - "Amen", antwortet der Angespornte.
Indien zeigt gleich nach den Anschlägen mit den Fingern
auf Pakistan, fordert die Auslieferung der Drahtzieher. Das
muslimische Nachbarland weist die Vorwürfe zurück. Auf
das diplomatische Säbelrasseln folgt militärisches, indische
Kampfflugzeuge dringen in den pakistanischen Luftraum
ein, und Pakistan beginnt, Truppen von der afghanischen
an die indische Grenze zu verlegen.
Während die Krise zwischen den beiden Atommächten
eskaliert, sind die Opfer des Terrors längst aus den Schlagzeilen
verschwunden. Die Angehörigen der Toten bleiben
mit ihrer Trauer ebenso allein wie die Überlebenden mit ihrem
Trauma. Dem Blutbad auf dem Bahnsteig, den Stunden
der Todesangst im Hotel. stern-Reporter haben mit Betroffenen
in Indien, Israel und Deutschland gesprochen, mit Ermittlern,
Feuerwehrleuten, Hotelangestellten, Diplomaten,
und sind den Spuren der Täter nach Pakistan gefolgt.
Gebete am MorgenPalace. An diesem Tag, der zum längsten ihres Lebens werden
soll, ist Ute Bernhard schon früh unter der Dusche.
Eine gutaussehende Frau, schulterlange dunkle Haare,
strahlend blaue Augen. Bernhard, 43, ist Stewardess von
Beruf, aber nach Indien ist sie privat gereist, zusammen mit
ihrem Lebenspartner Ralph Burkei. Mumbai ist die letzte
Station ihrer 14-tägigen Rundfahrt. Sie wohnen im Taj
Mahal Palace, Zimmer 622, es ist eine Luxussuite für 950
Euro die Nacht.
Burkei stammt aus einer wohlhabenden Familie, sein Vater
war Bauunternehmer, ein Intimus von Franz Josef
Strauß. Auch der Sohn, beteiligt an TV- und Immobilienfirmen,
langjähriges Vorstandsmitglied der CSU in der
Landeshauptstadt und beim Fußballklub 1860 München,
gilt als "notorischer Macher". Indien hat ihn schon lange
fasziniert. Als Medienunternehmer wollte er die aufstrebende
Industrienation mit ihren Computer- und Technologiekonzernen
kennenlernen, als studierter Theologe
interessierte er sich aber auch für das religiöse Leben. Drei
Tage zuvor hatte er mit Ute Bernhard die Sonntagsmesse
in der katholischen Basilika de Bom Jesus in Goa besucht.
Während sie im Bad mit Föhn und Cremes hantiert, ist
Burkei noch im Bett, um zu beten. Das sei für ihn "eine innere
Einkehr", sagt er immer, "eine Vorbereitung auf den
Tag". Der 51-Jährige hat stets seine drei Gebetbücher dabei,
blättert durch die Fürbitten, Psalmen und Litaneien. Nimmt
sich Zeit, das richtige Gebet zu finden, auch an diesem Tag,
der zum letzten seines Lebens werden wird.
200 tote Hühnchen
Rabbi Gavriel Holtzberg
zieht die Tür hinter sich zu, grüßt den Wächter, der vor dem
Haus sitzt, und wendet sich dann nach rechts. Holtzberg ist
streng orthodox gekleidet, schwarzer Anzug, schwarzer Hut,
wie immer. Er fällt auf in den verwinkelten Gassen des Viertels.
In dem Durcheinander aus verfallenden Kolonialbauten,
Slumhütten und modernen Apartmentblöcken leben
Hindus, Muslime, Sikhs, Christen, Zoroastrier und Anhänger
einer Reihe weiterer exotischer Religionen. Meist
arme, einfache Leute. Holtzberg muss links und noch einmal
rechts abbiegen. Drei, vier Minuten sind es bis zum
"Chicken Shop" am Rand eines bunten Marktes.
Der Rabbi wartet noch einen Moment vor der kleinen,
mit Wellblech gedeckten Backsteinbude - kein anderer Kunde
soll im Laden sein. Dann geht er mit dem muslimischen
Schlachter hinter die Hütte und zückt sein Messer. Damit es
koscher ist, muss die scharfe Klinge rituell gereinigt sein
und darf mit keinem anderen Blut in Berührung kommen.
Holtzberg schächtet die 200 Hühner selbst, wie immer. Der
Ladenbesitzer und seine Familie nehmen die Tiere aus und
folgen dem Rabbi dann mit einer Handkarre zum Nariman-
House. Das jüdische Zentrum hat viele Gäste, bis zu 40
kommen zu den Festessen am Sabbat. Auch während der
Woche treffen sich jüdische Gläubige zum Gebet in dem
sechsstöckigen Gebäude. Reisende aus aller Welt steigen in
der Herberge ab. Diamantenhändler, die auf religiöse Atmosphäre
und koschere Küche Wert legen, ebenso wie junge
Backpacker, die nach ihrem Militärdienst in Israel
auf große Tour gehen. Dem Rabbi und seiner
Frau sind alle willkommen, das Haus ist immer offen,
Tag und Nacht.
Fünf nummerierte Drähte
Auf dem Fischkutter "Kuber" ist es eng.
Statt der üblichen vier Mann Besatzung sind zehn
junge Männer an Bord. Kapitän Solanki ist ihre
nervöse Anspannung nicht entgangen. Für ihre
Einträge ins Logbuch verwenden sie Codewörter,
sprechen von "Bhai log" (Brüdern), wenn ein anderes
Boot auftaucht, von "Yaar log" (Freunden), wenn es
ein Schiff der Marine ist. "Der Fisch wird gefangen" heißt:
alles in Ordnung. Tatsächlich hat die "Kuber" nur 50 Kilo
Fisch an Bord, obwohl sie schon seit 13 Tagen auf See ist.
Normalerweise müsste es gut eine Tonne sein.
Solanki wähnt sich auf einer der üblichen Schmuggeltouren.
Diesel aus Dubai, Drogen aus Afghanistan, Gold und
Falschgeld. Das Business ist dem Kapitän nicht fremd. Drei
Schiffe seines Reeders sind zurzeit beschlagnahmt, die "Kuber"
war 2003 aufgebracht und monatelang in Karatschi
festgehalten worden, und auch Solanki selbst hat schon
mehrfach in pakistanischer Haft gesessen.
Dieses Mal war er in den Grenzgewässern bei der "al-Hussaini"
längsseits gegangen. Am 23. November wechselte seine
Crew auf das pakistanische Schiff, und er übernahm die jungen
Männer. Militärisch diszipliniert bilden sie drei Gruppen,
die jeweils zwei Stunden Wache halten. Wenn sie nicht
dran sind, können sie sich in den Kojen ausruhen oder Alltagskram
erledigen. Auf dem indischen Kutter finden sich
später pakistanische Konsumartikel: Waschmittel
der Marke
"Pak", "Medicam"-Zahnpasta, "Touch Me"-Rasiercreme,
Mineralwasser, Milchpulver und eine Tüte Knabberzeug.
Für die Wache von 8 bis 10 Uhr sind Ali, Hayazi und Umar
eingeteilt. Sie wissen, wie man navigiert, können das Ruder
übernehmen, wenn der Kapitän eine Pause braucht. Aber die
letzten Kilometer nach Mumbai steuert Solanki lieber selbst.
Während sich der Skipper auf die Route konzentriert, machen
sich die zehn jungen Männer an zehn geheimnisvollen
Paketen zu schaffen. Sie folgen einer handschriftlichen Anleitung.
Fünf nummerierte Drähte müssen sie miteinander verbinden.
Dann sind die Bomben scharf.
Jasper und Leopold Die Wärme, die
Sonne, die Ruhe - Desirée Baumann weiß
nicht, was sie mehr genießt. In der Nacht
war ihre Lufthansamaschine in Mumbai
gelandet. Die Stewardess döst am riesigen
Pool und freut sich, dem grauen November
in Bayern entflohen zu sein. Auf die Liege
neben der 21-Jährigen hat sich ein junger
Däne gelegt. Bald kommen sie ins Gespräch,
auch er ist zum ersten Mal hier. Jasper,
32, arbeitet für eine Spedition. Bestimmt haben ihre
Kolleginnen, mit denen sie am Abend zum Ausgehen verabredet
ist, nichts dagegen, wenn er mitkommt. Sie wollen ins
"Leopold Cafe" gehen. "Komisch", denkt Desirée Baumann,
"so ein bayerischer Name in Mumbai."
Sandras Liebling
In der Küche ist Großwaschtag
für Geflügel. Riwka, die Frau des Rabbis, hat Routine
darin, die Tiere zu reinigen, zu salzen und nach jüdischer
Tradition für den Sabbat vorzubereiten. Aber so viele Hühnchen
hatte sie noch nie. Riwka lächelt zu Sandra hinüber.
Ohne sie wäre das alles nicht zu schaffen.
Sandra Samuel, 44, arbeitet seit fünf Jahren für die Holtzbergs,
seit der Rabbi nach Mumbai gekommen ist, um hier
ein religiöses Zentrum der Chabad-Lubawitsch-Bewegung
aufzubauen. Die orthodoxe Gemeinde unterhält 3000 Häuser
in aller Welt. Als er vor drei Jahren das Haus im Stadtteil
Nariman kaufte, gehörte die indische Haushaltshilfe
Sandra schon zur Familie. Und als vor zwei Jahren Moshe
geboren wurde, der Augenstern der Holtzbergs, übernahm
sie wie selbstverständlich auch die Rolle des Kindermädchens.
Moshe war nun ihr Baby.
Auch jetzt ist sie es, die den Kleinen erlöst. Sandra nimmt
Moshe, der in der Küche schon unruhig wurde, und geht
mit ihm hinunter. Der Rabbi hat neben dem Carport im
Erdgeschoss einen kleinen Garten angelegt. Kein Gemüse,
nur Blumen. Moshe hat eine Schaukel da unten und eine
Rutsche. Aber er wühlt am liebsten in der Erde und reißt mit
verschmitztem Grinsen die Pflanzen raus.
Seine Mutter macht die Hälfte der Hühnchen fertig für
den Versand. Chabad-Häuser in Bangalore, Goa und Indiens
Hauptstadt Neu-Delhi haben Nachschub geordert,
die Lieferung muss noch am Abend raus. Riwka Holtzberg
stützt die Hände in die Hüften, dehnt ihren Rücken. Die 28-Jährige ist im fünften Monat schwanger.
Abenteuer zum Nachtisch
Ute Bernhard und Ralph
Burkei haben den Tipp im Reiseführer gefunden: Das
Leopold Cafe, zwei Querstraßen hinter dem "Taj", wird als
Treffpunkt mit internationalem Flair beschrieben, 1871 eröffnet
als Ölladen, dann Apotheke mit Restaurant, benannt
nach dem damaligen belgischen König Leopold II., jetzt nur
noch Restaurant, mit Bar in der dritten Etage. Unter den
großen Deckenventilatoren erzählen sich Reisende gegenseitig
ihre Abenteuer. Am Nebentisch sitzt eine Amerikanerin
im Gespräch mit vier jungen Indern. Angesteckt von der
Atmosphäre lassen auch Bernhard und Burkei die Höhepunkte
ihrer Reise Revue passieren. Die Tiger im Nationalpark,
den Strand von Goa, das märchenhafte Mausoleum
Taj Mahal, diese marmorne Liebeserklärung eines Großmoguls
an seine verstorbene Frau. Oder den Fischmarkt von
Mumbai, über den sie am Vormittag gebummelt waren.
Burkei hatte sich danach noch in das Getümmel der alten
Victoria Railway Station gestürzt. Und in der Mount Mary
Church setzten sich beide in die Bank, in der einst Mutter
Teresa und Queen Elizabeth zusammensaßen.
Der Tod des Kapitäns
Der Wind hat aufgefrischt. Das kleine Fischerboot schaukelt
bedenklich in der Dünung. Die Terroristen bereiten sich auf
den letzten Abschnitt ihrer Reise vor. Sie pumpen ein
Schlauchboot auf, mit dem sie im Schutz der Dunkelheit zur
Küste fahren und in Mumbai anlegen wollen.
Die Dämmerung dauert nur wenige Minuten in diesen
Breitengraden. Kurz bevor um 18 Uhr die Sonne untergeht,
ruft Ismail Khan, der Anführer der Bande, mit dem Satellitentelefon
in Pakistan an. Die Stimme am anderen Ende der
Leitung sagt ihm: "Wir haben unsere vier Ziegen geopfert.
Opfert ihr jetzt eure zu gegebener Zeit." Die Männer auf der
"al-Hussaini" haben die vier indischen Fischer getötet. Nun
soll auch der Kapitän der "Kuber" sterben.
Ismail Khan und ein weiterer Attentäter führen Solanki
unter Deck und schneiden ihm die Kehle durch, während
die anderen das Schlauchboot zu Wasser lassen. Plötzlich
kommt ein Schiff auf die Attentäter zu. Marine? Küstenwache?
Die Terroristen bemerken, dass einer der Seeleute sein
Fernglas auf die "Kuber" gerichtet hat.
Sie werden nervös. Obwohl ihnen jeder weitere Kontakt
untersagt ist, rufen sie über Satellitentelefon noch einmal einen
Ausbilder in Pakistan an.
"Ruhig bleiben", lautet die Order, "und
jede Konfrontation vermeiden." Ein paar Minuten
später ist die Gefahr vorüber, das andere
Schiff fährt weiter. Indiens Küstenwache
kann bis heute nicht erklären, weshalb sie
versagte, obwohl der Geheimdienst in den
Monaten vor den Anschlägen dreimal gewarnt
hatte, dass ein Terrorkommando von
Pakistan kommend Hotels in Mumbai angreifen würde.
Es ist kurz nach 19 Uhr, die jungen Männer haben es jetzt
eilig, ins Schlauchboot zu klettern und zu verschwinden. In
der Hektik machen sie zwei entscheidende Fehler, die sie
noch in der Nacht ihren Hintermännern beichten.
Gestalten am Pool
Nach kurzer Ruhepause in ihrer
Suite gehen Ute Bernhard und Ralph Burkei zum Diner
ins "Indigo", in dem schon Angelina Jolie und die Clintons
gespeist haben. Sie wollen die Reise in angenehmer Atmosphäre
ausklingen lassen. Bernhard nimmt Fisch und dazu
einen Chardonnay, Burkei bestellt ein Steak und trinkt, wie
so oft, Cola light. Er hat vor Kurzem aufgehört zu rauchen,
ohne sein Zigarrenritual sind sie schon bald mit dem Essen
fertig und beschließen, im Hotel noch zu lesen.
Burkei zieht sich mit seinen Gebetbüchern ins Bett zurück.
Bernhard steht am Fenster und sieht unten jemanden
im Pool. Es ist ein herrlich warmer Abend. Am liebsten würde
sie ihren Lebensgefährten fragen, ob er mit nach unten
geht, eine Runde schwimmen. Doch sie weiß, dass er sich
schon auf Winter, Schnee und Weihnachten freut. Schade,
denkt sie, es ist so eine romantische Tropennacht.
Entferntes Knallen reißt sie aus ihren Träumen, es ist
etwa halb zehn.
Merkwürdige Studenten
Der Name klingt nach
Villenviertel, nach schmucken Häusern in gepflegten Gärten.
Tatsächlich liegt Badhwar Park im schönsten Teil Mumbais,
auf der Halbinsel Colaba, wo auch die berühmten Sehenswürdigkeiten
und die besten Hotels der Stadt zu finden
sind. Hinter den Hochhäusern des Business-Distrikts erstreckt
sich Badhwar Park bis fast ans Meer. Doch es mündet
in einem Slum. Direkt am Wasser wohnen Fischer, die
sich nur armselige Hütten leisten können. Dutzende kleiner
Boote schaukeln im Wasser oder liegen am Ufer. An normalen
Tagen tobt hier das Leben. An diesem Abend aber wird
im Fernsehen ein Kricketspiel übertragen. Was für Inder
nicht einfach ein Sport ist, sondern heilige Leidenschaft -
zumal die indische Nationalmannschaft gegen die einstige
Kolonialmacht England antritt.
Chandra Kant Ganesh Dhanur, ein junger Fischer, gehört
zu den wenigen, die sich nicht für das Match interessieren.
Nach dem Abendessen setzt er sich mit ein paar Freunden an
den betonierten Strand. Plötzlich rast ein Boot in die Bucht,
es hält direkt auf die Gruppe zu. Erst im allerletzten Moment
wird es langsamer. Acht Männer springen heraus, sie nehmen
ihre Schwimmwesten ab und werfen sie zurück in das gelbe
Schlauchboot. Sie hieven große Rucksäcke auf ihre Schultern.
Einer der Fischer fragt, wer sie sind. "Frag lieber nicht so viel,
wir sind Studenten", herrscht ihn einer an. Die acht Männer
sprinten zur Straße und verschwinden.
Die zwei, die im Boot geblieben sind, wenden und preschen
mit aufheulendem Motor davon. Sie fahren zum
Nordende der Bucht. Die Fischer sehen, wie sie an den Steinbrocken
anlegen, die hier als Wellenbrecher dienen, ihre
Rucksäcke aufnehmen, das Boot ins Meer stoßen und zur
Strandpromenade hochklettern. Auf dem Marine Drive sind
es nur wenige Minuten bis zum Hotel Trident/Oberoi.
Ein Tisch am Fenster
Auch Bauunternehmer
Apurva Parikh könnte von seinem großen Apartment mit
Meerblick bequem zu Fuß zum Oberoi gehen, doch seine
Freunde haben einen etwas weiteren Weg, sie holen ihn mit
dem Auto ab. Der eine ist ebenfalls im Immobilien-Business
erfolgreich, der andere ist Rechtsanwalt. Die drei wohlsituierten
Herren, alle Ende 50, stehen sich so nah wie Brüder, sie
haben fast jeden Urlaub miteinander verbracht. An diesem
Mittwoch sind sie als Strohwitwer unterwegs. Parikhs Frau
ist zu einem Kongress in Poona, die Frau des Anwalts nach
London gereist, und die Gattin des zweiten Baulöwen hat ein
Damenkränzchen in Mumbai.
Die drei Männer kommen um 21.05 Uhr im "Kandahar"
an. Das Restaurant im Hotel Oberoi ist für sie wie ein
zweites Wohnzimmer. Von den 80 Plätzen ist etwa die Hälfte
besetzt. Parikh und seine Freunde haben einen Tisch
direkt am Fenster, mit Blick auf die Lichter des Ara-
bischen Meers. Sie ordern ihren Lieblings-
Scotch, Cardhu, einen zwölf Jahre alten Single
Malt. Da es lange dauert, bis der Whisky
kommt, beschweren sie sich beim Kellner und
ordern gleich noch einen Doppelten. Kaum haben
sie den ersten Schluck genommen, hören
sie Schüsse aus Richtung Lobby.
Jasper, Desirée Baumanns
dänischer Freund, ist willkommen im Kreis der Lufthansa-
Crew. Zu sechst drängen sie sich um einen Tisch in
der Ecke. Sie lassen sich eine indische Platte mit Spinat,
Fisch und Knoblauchbrot schmecken. Desirée Baumann
sitzt an der Wand, mit Blick auf die Bar und den vorderen
Teil des Lokals. Es ist voll, der ganze Raum vibriert von
einem bunten Sprachengewirr. Eine Inderin mit langen
schwarzen Haaren fällt Desirée Baumann auf. Die hübscheste
Inderin, die ich je gesehen habe, denkt sie.
Die sechs wollen umziehen, in die Bar eine Treppe höher,
dort soll später noch eine Kollegin zu ihnen stoßen. Sie bestellen
die Rechnung und sind noch damit beschäftigt, nach
deutscher Sitte genau auszurechnen, was jeder Einzelne zu
bezahlen hat, als plötzlich das Licht ausgeht.
Krachen im jüdischen Zentrum
Der Wächter vor dem jüdischen
Zentrum räumt seinen Stuhl in den Carport. Wie immer
um diese Zeit geht er zum Abendessen nach Hause. Bis zum
nächsten Morgen bleibt sein Posten unbesetzt. In der Nacht
gibt es für ihn ohnehin nichts zu tun, auch tags hat er hauptsächlich
die Straßenkinder zu verscheuchen, wenn sie mit
ihrem Lärm den Thora-Unterricht oder die Gebete stören.
Sandra hat den kleinen Moshe nach oben gebracht. Die
Privaträume der Holtzbergs liegen im fünften Stock. Während
sie ihn fürs Bett fertig macht, erzählt sie ihm noch einige
Geschichten. Gegen 21.15 Uhr geht sie wieder nach unten.
Im 4. Stock sind drei Zimmer für Übernachtungsgäste,
im 3. Stock Seminar- und Aufenthaltsräume mit ein paar
Notschlafplätzen. Im 2. Stock der Gebetsraum und das Büro
des Rabbi. Im ersten Stock Küche und Speisesaal.
Gavriel und Riwka Holtzberg haben gerade ein Dutzend
Gäste verabschiedet, als Sandra dazukommt. Zwei junge
Rabbiner sind noch da, eine 70-jährige Mexikanerin und
Yocheved Orpaz, 62. Sie hat in Indien Verwandte besucht
und muss in der Nacht noch zum Flughafen, um nach Israel
zurückzufliegen. Sandra hilft Riwka und Chaky, dem anderen
indischen Hausangestellten, den Tisch abzuräumen.
Es muss Viertel vor zehn sein. Ohrenbetäubendes Krachen
erfüllt das Haus, die Wände zittern, da steht auch schon ein
Terrorist in der Tür. Er zielt auf Sandra.
Ein teuflischer Plan
Joint Commissioner
Rakesh Maria, der Chefermittler der Kripo von Mumbai,
verlässt sein Büro an diesem Mittwoch früher als sonst. Sein
21-jähriger Sohn, ein Basketballtalent, reist am Abend mit
seiner Mannschaft zu einem wichtigen Spiel, der stolze Vater
will ihm noch ein paar gute Ratschläge mit auf den Weg
geben. Maria ist um 21.20 Uhr zu Hause, kaum hat er den
Sohn verabschiedet, läutet um 21.50 Uhr sein Handy.
Ein Alarm nach dem anderen geht bei der Polizei ein.
Schüsse und Explosionen überall in der City. Die Notrufzentrale
bricht fast zusammen.
Die Terroristen haben sich in fünf Gruppen aufgeteilt.
Zwei Männer sind zum Trident/Oberoi marschiert, die einst
getrennten Hotels sind zu einem Großbetrieb mit 877 Zimmern
verbunden. In einem Gebüsch neben dem Haupteingang
zum Trident-Tower verstecken die Attentäter einen
RDX-Sprengsatz mit Zeitzünder, dann gehen sie durch das
Portal und schießen mit ihren Kalaschnikows um sich. Sie
wechseln ins Oberoi und feuern ins Restaurant Kandahar.
Die anderen fahren mit dem Taxi zu ihren Zielen, jeweils
zwei nehmen einen Wagen. In zwei Taxis verstecken sie unterwegs
Bomben, die Zeitzünder stellen sie auf 90 Minuten
ein. Die ahnungslosen Fahrer sollen zu Todesboten werden,
den Terror weiter in der Stadt verbreiten, für neues Chaos sorgen,
während die anderen Angriffe längst laufen.
Am Leopold Cafe eröffnen die Terroristen von beiden Eingängen
aus das Feuer und dringen dann in das Lokal ein.
Das Nariman-Kommando kommt mit dem Taxi nur bis
zum Rand des Gassengewirrs, in dem das jüdische Zentrum
liegt. Die Attentäter steigen an einer Kreuzung aus, auf ihrem
Weg passieren sie eine Tankstelle, an der sie eine Zeitzünderbombe
deponieren. Dann stürmen sie das Haus.
Zwei Terroristen lassen sich am Hotel Taj Mahal Palace
absetzen. Sie verfahren nach dem gleichen Schema wie ihre
Komplizen am Oberoi, verstecken einen Sprengsatz mit
Zeitzünder neben dem Haupteingang, gehen danach in die
Lobby und richten ein Massaker an, schon in den ersten
Minuten sterben 20 Menschen.
Ismail Khan, der Anführer der Islamisten, und Adschmal
Amir haben es auf die Victoria Railway Station abgesehen -
Mumbais Hauptbahnhof, ein Umschlagplatz für 3,5 Millionen
Passagiere täglich.
Die Geiseln im 19. Stock
Kellner eilen, das Restaurant Kandahar
zu schließen. Die Kugeln schlagen durch die Tür, eine
Bedienung wird am Arm getroffen. Parikh und seine
Freunde flüchten in die Küche. Durch eine Glasfront sehen
sie, wie einer der Terroristen im Gastraum um sich schießt.
Sie wollen über die Feuertreppe aus der Küche fliehen,
doch von unten kommen Rufe: "Bleibt oben, bleibt oben."
Der Rechtsanwalt versucht, seine Frau anzurufen. Die Terroristen
sind inzwischen zu zweit im Restaurant. "Handy
wegwerfen", befehlen sie, "Gürtel ablegen, mitkommen."
Zusammen mit etwa 17 anderen Gästen werden Parikh und
seine Freunde ins Treppenhaus getrieben, immer weiter
nach oben. Beißender Qualm vernebelt den Aufgang. Parikh
kann kaum atmen, spuckt in sein Taschentuch, das er
sich vor Mund und Nase presst. Die Gesichter der Geiseln
sind schwarz vor Ruß.
Der Anwalt geht am Ende der Gruppe, er versucht mit dem
Terroristen hinter ihm zu reden, zu verhandeln, bietet ihm
Geld. Die Antwort ist kurz und verachtend: "Denk
mal an die Babri-Moschee!" Da ahnt Parikh
Furchtbares. Hindu-Fundamentalisten zerstörten
1992 das jahrhundertealte Heiligtum an einem
Nebenfluss des Ganges. Darauf erhoben sich die
Muslime, mehr als 3000 Menschen kamen um.
Ganz oben, im 19. Stock, fummeln die Terroristen
ein Handy aus einem ihrer riesigen Rucksäcke.
Eine Geisel soll die SIM-Card einsetzen. Der
Mann zittert so stark, dass er es zunächst nicht schafft. "Mach
schon, sonst knall ich dich ab", herrscht ihn der Terrorist an.
Als das Gerät endlich funktioniert, muss der Mann auch noch
eine Nummer wählen. "Jetzt ist alles vorbei", flüstert Parikh
seinen Freunden zu. Da hat der Terrorist sein Telefonat beendet
und nickt seinem Komplizen zu: "Mach sie alle kalt."
"Hoffentlich tut es nicht weh"
Scheiben bersten, Handgranaten
explodieren. Nach dem ersten Knall liegt Desirée Baumann
auf dem Boden. Jasper liegt auf ihr, die Lufthansa-Crew
sucht hinter dem umgekippten Tisch Deckung. Die Beine
einer Kollegin ragen schutzlos in den Raum. Eine andere
flüstert trotzig: "Nein, so sterbe ich nicht. Das akzeptiere ich
nicht." Thomas, der Steward in der Frauenrunde, sagt:
"Scheiße, übers Fenster kommen wir nicht raus, zu hoch."
Und Heidrun, die Kollegin, die eben noch die Rechnung in
der Hand hatte, stöhnt: "Das gibt's doch nicht. Wann
kommt endlich die Polizei?"
Sie ist die Einzige, die am Tisch vorbei den Eingangsbereich
sehen kann. "O Gott, jetzt kommt er", sagt sie. "Er lädt nach."
Desirée Baumann hört das Knirschen der Sohlen auf zersplittertem
Glas. Die Schritte kommen näher. Dann sieht sie den
Angreifer. Er hat sein Gesicht mit einem rot-weißen Palästinensertuch
verhüllt und trägt einen Patronengurt über der
Schulter. Einen halben Meter entfernt bleibt er stehen. "Die
nächsten Kugeln sind für uns", denkt sie und wird ganz ruhig.
"Du kannst es eh nicht ändern. Hoffentlich tut es nicht weh."
Heidrun sieht, wie die Schüsse die Gruppe am Nachbartisch
treffen. Das Blut der hübschen Inderin fließt in einem
kleinen Bächlein auf die Lufthansa-Crew zu. Heidruns
Bluse wird nass, färbt sich schwarzrot. Das
Handy der Inderin liegt neben ihrem Kopf. Es
klingelt in die Stille einer kurzen Feuerpause.
Dann peitschen wieder Schüsse durch das Lokal.
Als eine Minute lang kein weiterer Schuss fällt,
gibt Thomas das Kommando: "Raus hier." Heidrun
rutscht in der Blutlache aus. Desirée Baumann
kommt kaum über den Tisch. Sie will noch
der hübschen Inderin aufhelfen. Deren dunkle
Augen starren sie an. Sie ist tot.
Die sechs rennen auf die Straße und flüchten
um die Ecke in einen Hauseingang, später in eine
Billigpension und verbarrikadieren sich dort in
einem schmuddeligen Zimmer. Aus der Ferne
hören sie erneute Explosionen und Schüsse.
Versteck in der Küche
Sandra Samuel schlägt dem
Terroristen, der auf sie angelegt hat, die Tür vor der Nase zu.
Der Schuss bleibt irgendwo in der Wand stecken. Als der
Sprengsatz an der Tankstelle hinter dem jüdischen Zentrum explodiert, bebt das Gebäude, ohrenbetäubender
Lärm schockt die Bewohner. Sandra greift zum Telefon der
kleinen Küche, sie hört den Rabbi sprechen, am Apparat im
zweiten Stock, dann ein Gewirr von Stimmen. Sie legt den
Hörer auf und reißt das Kabel aus der Wand. Sie hat Angst,
das Telefon könnte sonst klingeln. Zusammen mit Chaky
versteckt sie sich hinter dem Kühlschrank.
Gavriel Holtzberg ist mit dem israelischen Konsulat in
Mumbai verbunden. Der Rabbi spricht Hebräisch. Er
sucht Rat, Hilfe, Informationen, irgendeine Erklärung für
die Schießerei und die Explosionen. "Hamatzav lo tov", sagt
er - die Lage ist nicht gut. Es sind seine letzten Worte.
Massaker in der Lobby
Ein polnischer Gast will
gerade das Hotel verlassen, da fällt ihm ein junger Mann
auf, der einen schweren Rucksack trägt. "Das sind mindestens
30 Kilo", denkt der Pole und bietet dem Unbekannten
an, ihm beim Absetzen der Last zu helfen. Der Mann
schweigt, stellt den Rucksack auf den Boden, holt eine
Kalaschnikow heraus, zielt auf den Polen, blickt ihm in die
Augen, richtet das Sturmgewehr dann auf einen anderen
Hotelgast direkt neben ihm und drückt ab. Der Pole flieht,
blutbesudelt, kann sich ins "The Chambers" retten, einen
Club für Geschäftsleute, in dem später auch Restaurantbesucher
Zuflucht finden.
Shilpa Daryanani, 23, will einer Japanerin helfen, die bei
der Schießerei im Leopold verletzt wurde und sich nun ins
Taj flüchtet. Shilpa folgt der Frau, sieht, wie
die Terroristen um sich schießen, mit dem
Mund Handgranaten
abziehen und sie in den
Raum werfen. In einer Rauchwolke rennt sie
zur nächsten Tür, versteckt sich im Restaurant
Zodiac Grill.
Von der Lobby gehen die Attentäter quer
durchs Erdgeschoss des Taj, schießen im
Pool-Restaurant und in der "Starboard Bar"
um sich, dann nehmen sie sich den ersten
Stock vor. Die 35 Gäste einer Hochzeitsgesellschaft
im "Crystal Ballroom" entkommen. Drei Asiaten
versuchen, aus einem der kleinen Säle zu schleichen, sie sterben
im Kugelhagel der Kalaschnikows.
Im 6. Stock ist von dem Anschlag nur ein Krachen wie
von Feuerwerkskörpern zu hören. Ute Bernhard geht auf
den Flur. Auch ein anderer Hotelgast ist aus seinem Zimmer
gekommen. "Merkwürdig, dieses Knallen", sagt er, "gehen
wir besser wieder rein."
Fünf Minuten später wieder lautes Knallen. Bernhard,
die als Stewardess schon Notfallkurse absolviert hat, wird
klar, "dass das eine Situation ist, die zur Evakuierung führen
kann". Der Satz geht ihr im Lehrbuch-Deutsch durch
den Kopf. Sie fordert ihren Lebensgefährten auf, sich anzuziehen.
Die zwei Terroristen vom Leopold Cafe sind nun auch
zum Taj gekommen, in der Gasse zum Hotel haben sie auf
halbem Weg vor einer belebten Bar einen Sprengsatz mit
Zeitzünder versteckt. Sie werfen Handgranaten in die
Passage zum Taj Tower, dem 1973 erbauten Bettenturm,
dann gehen sie durch den Hintereingang in den altehrwürdigen,
denkmalgeschützten Palast aus dem Jahr 1903.
Ihr Ziel ist der 6. Stock.
Die Stimme aus dem Lautsprecher
Taxifahrer Israel Ansari, 35,
hält vor dem Eingang des Hauptbahnhofs, den auch die
meisten Inder nach seinem alten Namen Victoria Station
nennen. Ansari lässt Bruder, Schwester, Schwager und fünf
Neffen aussteigen. Eine achtköpfige, fröhliche Muslimsippe
auf dem Weg ins Heimatdorf. "Ich parke in einer Nebenstraße",
sagt er, "dann helfe ich euch mit dem Gepäck." Der
siebenjährige Firoz will lieber mit dem Onkel gehen. "Nein,
hilf deiner Mama. Ich bin gleich wieder da", sagt Ansari.
Kurz nach der Familie des Taxifahrers kommen zwei junge
Männer mit schweren Rucksäcken in die Bahnhofshalle.
Dem Verkäufer am vegetarischen Fast-Food-Stand "Re-Fresh" fallen die coolen T-Shirts der beiden auf. "Eilig
haben die's nicht", denkt der Kioskbetreiber, der noch die
letzten Samosas und Sandwiches loswerden möchte, bevor
er um 22 Uhr schließt. Da hämmern die ersten Salven aus
den Kalaschnikows der Terroristen gegen die Glaswände des
Kiosks. Der Verkäufer wirft sich hinter den Tresen.
Bablu Deepak, 32, sitzt als Ansager in einer gläsernen Kabine
über der Bahnhofsdirektion. Von dort sieht er, wie das
Blut über den Boden spritzt, hört Menschen kreischen, sieht
sie laufen und wie gefällte Bäume zu Boden sinken. Bablu
geht auf die Knie, damit ihn die Terroristen von unten nicht
wahrnehmen, und warnt die Reisenden: "Achtung, Achtung,
hier ist eine Schießerei im Gange ... Explosionen. Verlassen
Sie bitte fluchtartig den Bahnhof!"
Dann ruft er über das rote Stationstelefon die Kollegen in
der Nahverkehrshalle an. Ihre Sprecherkabine hängt wie ein
Nest in den steinernen Säulen. Durch das neogotische Bogenfenster
sehen die drei Bahnangestellten, wie sich einer
der Terroristen unter ihnen vor Gleis 4 postiert und seine
AK47 durchlädt. Die drei ducken sich auf den Fußboden.
"Alles okay", sagt der Bahnelektriker seiner Frau am Handy,
obwohl um sie herum Krieg herrscht.
Ein Kollege fummelt eine Pappe zurecht und springt auf,
um sie als Sichtblende vor die Fenster zu klemmen. Einer
der Attentäter entdeckt ihn und feuert eine Salve auf die
Kabine. Eine Kugel bleibt in der Rückwand stecken.
Auf Gleis 4 fährt ein Vorortzug ein. Der Ansager, liegt am
Boden, starr vor Panik. "Du musst die Leute warnen!", schreit
der Elektriker, "sonst gibt es 1000 Tote." Der Ansager robbt
zitternd ans Mikrofon, dann reißt er sich zusammen: "Bitte
verlassen Sie den Bahnhof sofort auf der Rückseite von Gleis
1." Wieder und wieder tönt die Stimme des Ansagers durch
die Halle.
Die Attentäter verlassen den Bahnhof über eine Fußgängerbrücke,
immer wieder feuern sie Salven aus ihren Kalaschnikows
auf Gebäude und Passanten und ziehen weiter
Richtung Cama-Hospital.
Hilflose Polizei
Taxifahrer Ansari
hört die Schüsse und die Detonationen der Handgranaten
im Bahnhof, sieht Menschen panisch aus dem Gebäude
rennen. Er ist halb wahnsinnig vor Sorge um seine Angehörigen.
Aber er kann nicht mehr hinein, die Bahnpolizei
hat sofort die Zugänge abgeriegelt.
Wie an jedem Werktag wachen rund 60 Ordnungshüter
über die Victoria Station. Doch die meisten Bahnpolizisten
sind nur mit dem Lathi ausgerüstet, einem massiven Holzknüppel.
Amir und Khan töten drei der unbewaffneten Beamten
und einen Polizisten, der mit dem Revolver auf sie
schießt. Als dessen Magazin leer ist, geht einer der Attentäter
auf ihn zu und streckt ihn nieder.
Eine Überwachungskamera zeichnet auf, wie ein Polizist
seine Deckung aufgibt, während ein Terrorist auf ihn zukommt.
Der Mann spurtet zu einem Kollegen, der hinter
einer Säule mit seinem Gewehr hantiert. Beherzt nimmt
der Polizist dem Kollegen die Waffe ab und legt an, doch
kein Schuss fällt. Das Gewehr hat Ladehemmung. Ein anderer
Polizist kann dreimal mit seinem Gewehr schießen,
dann versagt auch dieses Museumsstück.
Am Hotel Oberoi trifft die Polizei um 22.07 Uhr ein,
am Taj bereits um 22.05 Uhr. Doch es sind nur acht Mann.
Erst im Laufe der Nacht bekommen sie Verstärkung. Auch
Spezialeinheiten werden entsandt, "Marcos", Marinekommandos.
Sie haben nur Gewehre, kennen sich in Mumbai
nicht aus und müssen sich von der Feuerwehr sechs Handscheinwerfer
ausleihen, weil sie keine starken Taschenlampen
dabeihaben. Sie können nicht viel mehr tun, als den
Tatort absichern und warten.
Niemand scheint imstande, die Terroristen zu stoppen.
Die Hand an der Kehle
Die Terroristen halten Parikh und die anderen
Geiseln mit ihren Kalaschnikows in Schach. Sie sortieren
die beiden Frauen aus, stellen die 15 Männer nebeneinander
mit dem Gesicht zur Wand. Apurva Parikh steht zwischen
seinen beiden Freunden. "Setz dich langsam nieder", flüstert
er dem Bauunternehmer zu. Die Terroristen schießen von
der Treppe aus, ziehen die Salven von links nach rechts und
von rechts nach links. Parikh spürt einen Treffer im Nacken
und stürzt zu Boden. Seine Freunde und andere
Männer fallen auf ihn, zuoberst liegt ein
Sikh, dessen Turban sich löst und sich wie ein
Leichentuch über sie legt. Überall fließt Blut,
Parikh muss würgen.
Er versucht, seinen Kopf zu heben. Einer
über ihm zischt: "Ruhe da unten!" Parikh
hört, wie seine Freunde ihren letzten Atem
aushauchen. Panik erfasst ihn. Er spürt etwas
an seinem Hals, der Sikh drückt ihm die Kehle zu. Parikh
beißt ihn in die Hand.
Die Terroristen kommen wieder den Gang entlang. Bevor
sie mit den beiden Frauen verschwinden, schießen sie
noch einmal. Zwei Kugeln erwischen Parikh am Rücken. Er
versucht, seine Freunde anzusprechen. Keine Antwort.
"Wir hätten besser doch ins Taj gehen sollen", denkt er.
Granaten und Trommelfeuer
Ute Bernhard und Ralph Burkei
wagen sich auf den Flur, wieder fallen Schüsse. Diesmal irgendwo
in der Nähe. Sie flüchten zurück ins Zimmer. Ute
Bernhard macht sich später Notizen über die bangen Stunden:
"Es sind Schüsse und Handgranaten zu hören. Stimmen,
Klopfen, Schreie. Stehen am Fenster, um irgendetwas
zu erkennen. Sehen keine Polizei, kein Militär, nichts. Keine
Sirenen, nichts. Hoffen auf die Dicke der Wände. Unsere
größte Angst: dass jemand die Tür mit einer Handgranate
durchbricht und uns einzeln erschießt. Suchen Zuflucht unterm
Bett. Liegen ewig eng beieinander."
Momente ihres gemeinsamen Lebens gehen ihr durch den
Kopf. Wie sie sich 2005 bei einem Abendessen in Berlin kennengelernt
haben. Wie ihre Liebe sie beide traf, wie ein Blitz,
unvorbereitet. Sie vor Kurzem geschieden, er noch verheiratet.
Ein Ehemann, der vor seiner Frau kein Geheimnis um die
neue Liebe macht. Und die Frau scheint es zu akzeptieren. Ute
Bernhards 16-jähriger Sohn lebt bei ihrem Exmann. Demnächst
will sie zu Burkei nach München ziehen, ihre Berliner
Wohnung aufgeben. Den Neuanfang wagen.
"Plötzlich wieder Granaten und Trommelfeuer", notiert
Ute Bernhard. "Sehe große Bedrohung durch Ausbruch von
Feuer. Wir beraten uns. Ralph erkundet Möglichkeit, aus
dem Fenster auf einen schmalen Sims zu steigen."
Sie haben die Suite verbarrikadiert. Stühle,
Tische, Nachttische vor die Tür gestellt. Licht
aus, Fernseher aus. Anruf von der Rezeption:
"Auf keinen Fall Tür aufmachen, auf Klopfen
nicht reagieren."
Die Bombe unterm Sitz
Aus dem
Taxi ruft Lakshmi Narayan Goyal seinen Cousin
an. Seine Stimme überschlägt sich, seine Erzählung
ist wirr. Im Lauf des Gesprächs wird
Goyal etwas ruhiger. Der Geschäftsmann aus
Hydarabad hatte in Mumbai zu tun und wollte
mit dem Nachtzug um 21.50 Uhr nach Hause fahren. Doch er
verpasste den Zug und geriet mitten in das Massaker in der
Victoria Station. Er blieb unverletzt und ist nun unterwegs zu
dem Cousin im Mumbaier Vorort Kandavili, der gern bereit
ist, ihn bei sich aufzunehmen. Dann ruft Goyal seine Tochter
in Hydarabad. Er kündigt an, dass er über Nacht in Mumbai
bleibt, schildert auch ihr die Schießerei und sein Glück, dem
Anschlag entkommen zu sein. Um 22.48 Uhr bricht der Anruf
abrupt ab. Als das Taxi durch den Stadtteil Vile Parle fährt,
gut 15 Kilometer von der Victoria Station entfernt, explodiert
der Sprengsatz, den die Terroristen bei ihrer Fahrt zum Bahnhof
unter den Fahrersitz geschoben hatten. Taxifahrer Mohammed
Umar Abdul Khalif, ein Muslim, kann nur anhand
seines Führerscheins identifiziert werden, Goyal anhand von
Geschäftsunterlagen aus seiner Tasche.
Kurz darauf fliegt das zweite Taxi in die Luft. Es hält gerade
an einer roten Ampel in der Nähe des Hafens, als der
Timer die Zündung auslöst. Der Fahrer und zwei Fußgänger
sterben.
Das Baby muss warten
Im Kreißsaal des Krankenhauses
im 3. Stock liegt die 23-jährige Nasrin Sheikh. Die
Wehen hatten schon vor Stunden eingesetzt, da ist sie noch
zu Fuß den weiten Weg zum Hospital gegangen. Die staatliche
Klinik ist für Mumbais arme Mütter kostenlos. "Hoffentlich
ist es ein Mädchen", sagt die junge Muslimin, es ist
ihre dritte Geburt.
Sie hört Krach auf der Straße. Eine Hochzeit, denkt Nasrin.
Jetzt dröhnt das Geknalle durch das Krankenhaus.
Khan und Amir sind durch den Hintereingang eingedrungen,
haben die beiden dort postierten Wachmänner erschossen
und den Fahrstuhlführer als Geisel genommen. Vom 6.
Stock treiben sie ihn vor sich die Treppe hinunter. Von unten
kommt ihnen ein Trupp Polizisten entgegen. Die Terroristen
werfen Handgranaten, schwer verletzt liefern ihnen die Polizisten
mehrere Minuten lang ein Feuergefecht.
Nasrin hört die Explosion im Kreißsaal. Ihre Wehen werden
immer stärker. "Man sieht ja schon den Kopf ", sagt die
Hebamme. In die Schüsse auf dem Flur mischen sich
Schreie. "O Gott, Terroristen! Die wollen uns alle umbringen",
ruft eine Schwester. Jemand macht das Licht aus, lässt
die verängstigten Angehörigen anderer Frauen herein, die
gerade entbunden haben. Die Tür wird von innen verbarrikadiert.
Eine heftige Wehe schüttelt Nasrin. Da drückt die
Hebamme mit aller Kraft das Baby zurück in ihren Bauch.
Die junge Frau schreit auf vor Schmerz, ein Arzt hält ihr den
Mund zu: "Sei ruhig, sonst werden wir alle sterben." Dann
pressen sie der Gebärenden die Beine zusammen, geben ihr
eine Spritze und schieben sie in ein unbenutztes Badezimmer.
Eine Freundin stopft ihr ein Stück Stoff in den Mund.
Nasrin betet stumm zu Allah.
Vor dem Hospital jagt der Antiterrorchef der Mumbaier
Polizei mit einem Toyota-Qualis durch die Straße, um den
Attentätern den Fluchtweg abzuschneiden. Neben ihm sitzen
zwei seiner engsten Mitarbeiter, im Fond drängen sich vier
einfache Polizisten. Ihnen haben die Superbullen den Geländewagen
abgenommen. Als sie die Terroristen hinter einem
Baum entdecken, feuern sie in James-Bond-Manier aus dem
fahrenden Auto. Ismael Khan wartet kaltblütig ab. Dann tritt
er aus der Deckung. Mit einer Salve durchsiebt er den Wagen.
Die Terroristen zerren die drei Topbeamten aus dem Wagen,
nehmen ihnen die Waffen ab, lassen sie sterbend auf der Straße
liegen, preschen davon. Im Fahren schießen sie auf alles,
was sich auf der Straße bewegt. Vermutlich ist es ein Querschläger
ihrer eigenen Kugeln, der den Toyota stoppt. Plattfuß.
Sie kapern kurzerhand das Auto eines jungen Inders und
rasen weiter in Richtung Küstenstraße.
Dort nimmt ein unbewaffneter Motorradpolizist die Verfolgung
auf, setzt seine Maschine vor den koda, stoppt ihn,
reißt die Tür auf. Von einer Straßensperre 150 Meter weiter
sind Polizisten hinzugeeilt. Sie töten Khan. Adschmal Amir
hebt erst die Hände, wirft sich dann nach hinten und zieht
die Kalaschnikow hoch. Acht Kugeln treffen den Motorrad-
Cop in die Brust. Noch im Sterben drückt der den Lauf nach
unten. Sein schwerer Körper fällt auf Amir, klemmt ihn im
Auto ein. Ein Polizeivideo zeigt, wie die Polizisten den Attentäter
anschließend aus dem Auto reißen, ihn zu Boden
werfen und mit Schlagstöcken auf ihn einprügeln.
Stille Post
Burkei schickt eine
SMS nach München, an Max Strauß, den Sohn von Franz
Josef Strauß: "Wir sind hier im Hotel in Mumbai im
6. Stock, und im ganzen Hotel ist Schießerei, nichts geht
mehr, und keiner weiß, was ist." Die gleiche Mitteilung geht
an den Anwalt und Ex-CSU-Schatzmeister Aribert Wolf
und später auch an einen Freund in Starnberg. Insgesamt
26 SMS versendet Ralph Burkei in dieser Nacht, oft parallel
an mehrere Adressaten.
Der Freund in Starnberg ist der Einzige, der sofort reagiert.
Bald tauscht Burkei im Fünf-Minuten-Takt SMS-Botschaften
mit ihm aus. Nach und nach bekommen die Eingeschlossenen
etwas Klarheit über ihre Lage. "Es gab Anschläge
in mehreren Hotels, wir sollen uns im Zimmer verschanzen",
flüstert Burkei.
Nur einmal traut er sich noch zu telefonieren, gegen Mitternacht
ruft er den deutschen Konsul in Mumbai an,
schildert ihre Lage, gibt ihren Standort durch.
Minuten später eine neue Nachricht: Fünf-Sterne-Hotels sind betroffen, Kämpfe in der
Lobby. Hintergründe sind noch unklar.
In Deutschland ist es jetzt kurz nach 20
Uhr, Mumbai ist Topthema beim amerikanischen
Nachrichtensender CNN: Terroranschläge!
Die Kämpfe im Taj Mahal sind noch
in vollem Gange. Bernhard und Burkei lesen
die Mitteilungen schweigend. Auch aus
Deutschland kommt immer wieder der Rat:
Bleibt, wo Ihr seid, verhaltet Euch ruhig. Wer immer da
draußen lauert, soll denken, das Zimmer sei unbewohnt.
Zwischendrin meldet sich Burkeis Ehefrau Claudia: "Alles
okay? Du bist doch in Goa?"
"Nicht mehr. Im Hotel verbarrikadiert, kann nicht telefonieren,
will leise sein", antwortet Ralph Burkei.
"Du hast wohl mit Abenteuerurlaub gebucht ...", schreibt
seine Frau. Dann schaltet sie die Nachrichten ein, zwei Minuten
später die besorgte Nachfrage: "Bist Du im Oberoi?"
Antwort: "Nein, im Taj, wenige Meter neben uns ist gerade
eine Bombe explodiert." Getöse und Rauch. Ute Bernhard
und Ralph Burkei wissen nicht, woher der Qualm
kommt, schließen vorsichtshalber die Fenster.
"Im Fernsehen ist gerade ein Report von Eurem Hotel.
Soldaten sind schon da", simst Claudia Burkei.
Auch der Freund aus Starnberg meldet sich wieder: Angriffe
auf Bahnhof und Hotels. Im Taj werden Attentäter im
Pool-Bereich vermutet. "Unser Zimmer ist direkt über dem
Pool", antwortet Burkei. "Gab es Tote?"
55 Menschen sind zu diesem Zeitpunkt tot, erfährt
Burkei, mehr als 200 verletzt.
"Ich habe Dich unendlich lieb", schreibt Ute Bernhard ihrem
Sohn per SMS nach Berlin. "Du weißt, wo meine Unterlagen
sind - für alle Fälle."
Telefon-Terror
Während die Opfer heimlich SMS tippen, telefonieren die
Täter zum Teil offen vor ihren Geiseln mit Anleitern in Pakistan.
Die Terroristen haben neue SIM-Cards, die indische
Mittelsmänner besorgten. Die Nummern haben sie erst in
der Nacht der Anschläge aktiviert, kein Geheimdienst sollte
sie vorher erfassen können. Für die Gespräche benutzen sie
eine Internettelefonverbindung, die über vorgeschaltete österreichische
Nummern zu einem virtuellen Anschluss in
den USA führt und von dort nach Pakistan weitergeleitet
wird. Oder umgekehrt von Pakistan zu den Terroristen.
Die 238,78 Dollar für die österreichischen DID-Nummern
(Direct Inward Dialing) überwies eine italienische
Filiale der Western-Union-Bank, die auf internationalen
Zahlungsverkehr spezialisiert ist. Der Einzahler des Betrags,
so wird später ermittelt, hat sich mit pakistanischem Pass
ausgewiesen. Für die virtuelle US-Nummer, ebenfalls eingerichtet
beim Anbieter Callphonex, kommt das Geld über
den Finanzdienstleister Moneygram im Auftrag eines "Mohammed
Ashfaq" aus Pakistan.
Trotz der Verschleierungsversuche werden die Gespräche
aufgezeichnet. Indische Behörden rühmen sich, die Nummern
während der Attacke isoliert und die Terroristen belauscht
zu haben. Tatsächlich wurden Inhalte der Telefonate erst publik, nachdem der US-Geheimdienst den Indern
Material zur Verfügung gestellt hatte. Die Polizei veröffentlichte
nur einige Auszüge daraus.
Um 1.08 Uhr, als Burkei die erste Antwort auf seine SMS
bekommt, meldet sich bei den Attentätern im Taj einer der
Hintermänner aus Pakistan.
Anleiter: "Wie viele Geiseln habt ihr?"
Terrorist: "Wir hatten einen aus Belgien, den haben wir
getötet. Dann hatten wir einen Kerl aus Bangalore. Es hat einige
Mühe gekostet, den unter Kontrolle zu bringen."
Anleiter: "Ich hoffe, unter denen ist kein Muslim?"
Terrorist: "Nein, keiner."
Beim nächsten Anruf um 1.26 Uhr geht es offenbar um
die "Kuber" und ihren Kapitän.
Anleiter: "Was habt ihr mit dem Toten gemacht?"
Terrorist: "Zurückgelassen."
Anleiter: "Habt ihr die Verriegelungen für das Wasser
unten nicht aufgemacht" (um das Schiff zu versenken)?
Terrorist: "Nein, wir haben die Verriegelungen nicht aufgemacht.
Wir haben sie einfach so gelassen, denn wir waren
in Eile. Wir haben einen großen Fehler gemacht."
Anleiter: "Welchen großen Fehler?"
Terrorist: "Als wir in das Boot gestiegen sind, waren die
Wellen ziemlich hoch. Ein anderes Boot ist gekommen. Jeder
war alarmiert, dass die Marine gekommen ist. Jeder ist
schnell gesprungen. In diesem Durcheinander ist das Satellitentelefon
von Ismail zurückgeblieben."
Während des Telefonats drängen die Hintermänner in
Pakistan ihre Vollstrecker im Taj, die nächste Stufe des Terrors
einzuleiten. Für die Gäste, die sich in ihren Zimmern
verstecken, soll der Hotelpalast zur Hölle werden.
Anleiter: "Legt ihr Feuer oder nicht?"
Terrorist: "Ich werde gleich die Matratzen anzünden."
Elf Minuten später haken die Hintermänner nach:
Anleiter: "Versucht, den Ort in Brand zu stecken!"
Terrorist: "Wir haben in vier Räumen Feuer gelegt."
Anleiter: "Die Menschen sollen Hals über Kopf flüchten,
wenn sie die Flammen sehen. Werft alle 15 Minuten oder so
Handgranaten. Es wird sie terrorisieren."
Feuer unterm Dach
Ute Bernhard und Ralph Burkei
hören die Attentäter über sich im Dachstuhl rumoren. Dann
kommen die Geräusche vom
Flur im 6. Stock. Die Terroristen
treten gegen die Türen. Bernhard
und Burkei verstecken sich
wieder unter dem Bett. Fünfeinhalb
Stunden harren sie jetzt aus.
330 Minuten.
Aus Deutschland kommen
aufmunternde Nachrichten.
Truppen ziehen auf, es gibt einen
Plan, das Hotel zu evakuieren.
Burkeis Zweifel wachsen:
"Wie sollen wir da rauskommen?" Wiederholt berichtet er
in seinen SMS von Handgranatenexplosionen. Sein Freund
spricht ihm Mut zu. "Ist lieb von Dir", antwortet Burkei,
"aber jetzt ist die Bude voller Rauch."
"Der Rauch wird schlimmer", schreibt Ute Bernhard in
ihren Notizen. "Ich gebe uns nasse Tücher und verstecke
mich hinter der Gardine. Hämmern an der Tür. Sinke in die
Ecke, bin gelähmt von der Vorstellung, was passieren wird."
Um 3.15 Uhr setzt Burkei eine Reihe SMS ab. "Die Bude
brennt, es ist aus."
Konsularischer Beistand
Auch der deutsche Konsul bekommt
Burkeis Nachricht. Martin Thümmel ist geschockt.
Als sich der Münchner Medienunternehmer zum ersten Mal
gemeldet hatte, wirkte er gefasst, bewies noch Galgenhumor:
So habe er sich das Ende seiner Indienreise auch wieder nicht
vorgestellt. Aber das war vor drei Stunden. Thümmel hat die
gewaltige Explosion gehört, die inzwischen das Taj Mahal erschütterte.
Er steht vor der Absperrung zu dem Luxushotel.
Thümmel hat in dieser Nacht schon vieles organisiert, aber
hier sind ihm die Hände gebunden.
Seit 22.05 Uhr ist der Konsul im Katastropheneinsatz.
Aus der Nachbarschaft des Leopold holte er einen Deutschen
ab, der dem Überfall auf das Café entkommen war.
Eine Mafia-Fehde, vermutete Thümmel. Doch als er die
Schüsse und Detonationen aus Richtung Taj hörte, rief er
seinen Chef an. Generalkonsul Walter Stechel versetzte erst
das gesamte Personal der deutschen Vertretung in Mumbai
in Alarm, dann den Krisenstab in Berlin. Thümmel hastete
zu Fuß zu dem Hotelpalast. Dort herrschte Panik. Auf den
Handys der Konsulatsangehörigen liefen Hunderte von Gesprächen
ein, Hilferufe von Touristen, bange Fragen aus
Deutschland. Eine Gruppe pensionierter Verlagsmanager,
die zum Glück anderswo gegessen hatten, können nicht in
ihre Zimmer im Taj zurück. Der Generalkonsul bringt die
elf bei sich und bei Mitarbeitern unter. Dann kümmert sich
das Konsulat um die Deutschen, die mit anderen Gästen im
Restaurant Indigo auf Anraten des Personals unter den
Tischen liegen. Im Oberoi sitzen eine Crew der Lufthansa
und zwei Frauen des Auswärtigen Amts fest. Im Taj hat sich
die EU-Abgeordnete Erika Mann mit einem internationalen
Pulk in eine Küche gerettet. Im Zodiac Grill sind über 40
Menschen eingeschlossen, darunter drei Deutsche, zwei Österreicher.
Ein Münchner Touristik-Unternehmer sendet
aus dem Restaurant eine Liste ihrer Namen.
Martin Thümmel sieht den Rauch, der den 6. Stock des
Taj einhüllt. Er weiß, dass Burkei und Bernhard jetzt in unmittelbarer
Lebensgefahr sind.
Am Abgrund
"Ralph ist jetzt souverän", notiert
Ute Bernhard, "wirft seine geliebten Stofftiere Ewald
und Bill - das kleine, braune Bärchen und den großen Affen
mit der Banane - aus dem Fenster, damit sie nicht verbrennen.
Befiehlt mir, ihm zu folgen. Er steigt aus dem Fenster.
Ich hätte nie gedacht, dass das geht: über den Sims balancieren
und dann die Wand hinunter."
Vier Stockwerke müssen sie nach unten, bis zum Betondach
des Pool-Restaurants. Die Fassade hat kleine backsteinverzierte
Nischen. In den Vertiefungen finden sie mit
den Füßen Halt, an den Ziegeln mit den Händen. Doch zwischen
den Etagen wölben sich breite Friese vor, die Überhänge
vergrößern den Abstand zum nächsten Backsteintritt
auf etwa zwei Meter.
"Ralph ist schon ziemlich weit unten. Schwarze Wolken
kommen aus unserem Zimmer. Ich hänge an der Wand,
atme die frische Luft. Von Stock zu Stock wird der Abstieg
schwieriger. Ich bin zu klein. Kann mich nicht sicher festhalten.
Er sagt: ,Lass dir Zeit.‘ Plötzlich höre ich ihn rufen:
,Ich springe jetzt.‘ Ein Schrei. Er wollte auf die Füße springen,
kommt aber falsch auf. Hat fürchterliche Schmerzen.
Sein Becken sei zertrümmert, ruft er: 'Ich spüre mein rechtes
Bein nicht mehr. Ich werde wohl nie
wieder laufen können.'"
Ute Bernhard steigt weiter ab. Sie ist
eine sportliche Frau, war mehrfach
Deutsche und Europa-Meisterin im
Kickboxen, zweimal sogar Vizeweltmeisterin.
"Komme von der vierten auf
die dritte Etage nicht weiter", notiert sie
später im Flieger nach Frankfurt, wo sie
versucht, sich ihre Erinnerungen von
der Seele zu schreiben. "Plötzlich werden
Scheiben in mehreren Zimmern
unter mir zerschlagen. Junge Männer
hangeln sich die Regenrinne hinunter. Hilfeschreie von überallher.
Hotelangestellte rufen von unten, ich soll in ihr Tuch
springen, schätzungsweise zehn Meter in die Tiefe. Ralph fordert
mich auf, langsam weiterzuklettern. Mit Mühe schaffe
ich es. An der letzten Etage geht es nicht weiter. Eine Frau ist
da an einem Fenster, kopfschüttelnd und panisch. Ich hätte
das Fenster einschlagen und reingehen können, aber dann
wäre ich von Ralph getrennt gewesen. Also bin ich doch gesprungen,
aus zirka fünf Metern ins Tuch."
Doch das Tuch ist nur ein Bettlaken. Und die Männer
können es nicht festhalten, Bernhard knallt mit dem Rücken
auf das Betondach. "Endloser Schmerz … Robbe zu
Ralph rüber."
Burkei hat Kontakt zu Konsul Thümmel, sucht nach
Rettungswegen. Doch seine Brille ist zerbrochen, er kann
sein Handydisplay nicht mehr lesen. Ute Bernhard hilft
ihm, so gut sie kann. Plötzlich sind die beiden allein, sie
fühlen sich wie auf dem Präsentierteller für die Terroristen.
Die Hotelangestellten und die anderen Gäste sind verschwunden.
Der 6. Stock des Taj brennt, Funken stieben,
glühende Teile fallen herunter.
Keine Antwort
Konsul Thümmel beschwört den Einsatzleiter
der Feuerwehr, Burkei und die anderen Menschen
auf der Rückseite des Taj zu retten. P. D. Karguppikar, 56, ein
drahtiger Mann mit Errol-Flynn-Schnurrbart, ist seit 1 Uhr
mit 300 Mann vor Ort. Immer wieder werfen die Terroristen
Handgranaten auf sie. An der Vorderseite, wo die Feuerwehrleute
Hebebühnen dicht an die Hauswand manövrieren können,
gelingt es ihnen, Gäste aus dem Gebäude zu holen. Im
Innenhof aber müssten sie über das angebaute Restaurant
hinweg Leitern ausfahren - im Schussfeld der Kalaschnikows.
Das will Karguppikar nicht riskieren.
Thümmel bearbeitet den Feuerwehrchef weiter. Gegen 6
Uhr willigt der ein, zusammen mit dem Konsul den Innenhof
zu inspizieren. Sie schleichen bis an den Pool. Thümmel ruft
mit gedämpfter Stimme Burkeis Namen. Keine Antwort.
Kaum haben sich die beiden zurückgezogen, ruft Ute
Bernhard an. Sie hat die anderen Gäste und Hotelangestellten
in Zimmer 226 gefunden und konnte einige überreden,
Burkei auf das Laken zu betten und durchs Fenster vorsichtig
in den Raum zu heben. Nun will sie wissen, in welche Zimmer
sie wechseln müssten, um von der Vorderseite evakuiert zu
werden. Thümmel fragt Karambir Singh Kang, den Generalmanager
des Taj. Auch er steht vor dem Hotel, auch seine
Frau und seine beiden Söhne sind in dem 6. Stock - verbarrikadiert
in einem Badezimmer. Er empfiehlt Nummer 219
oder 220, von dort müsste es möglich sein, Burkei zu bergen.
Das falsche Zimmer
Irgendwo draußen fallen Schüsse.
Die Leute wollen aus Zimmer 226 nicht weg. Ute Bernhard
ist verzweifelt. Was nützt ihr die Information, wenn
ihr keiner hilft, Ralph Burkei in Zimmer 219 oder 220 zu
tragen. Ein Hotelangestellter meldet sich. Er weiß, wo 220
ist. Jetzt folgen alle. Sie schleppen Burkei im Laken mit, steigen
durch ein schmales Fenster. In Zimmer 220 riecht es
nach Rauch. "Lasst ihr mich hier verbrennen?", fragt Burkei.
"Nein", sagt seine Partnerin, "ich bring dich hier raus." Doch
auch 220 ist ein Zimmer zum Innenhof. Der Manager hat
sich in der Aufregung offenbar vertan.
"Ralph hat wahnsinnige Schmerzen, verlangt Morphium",
notiert Ute Bernhard. "Weitere Telefonate." Zimmer 252 soll
die Rettung bringen. Sie müssen über den Flur, durch knöcheltiefes
Wasser. Neben seinem Sturmgewehr liegt ein toter
Terrorist auf dem Boden. Ute Bernhard muss eine Feuerwehrleiter
hinuntersteigen, Burkei wird schließlich mit einer
Hebebühne aus dem 1. Stock geholt. Mit Mühen bugsieren
ihn Sanitäter in einen kleinen Krankenwagen, sie sitzt halb
liegend daneben und hält seine Hand. "Ich glaube, ab da hat
Ralph den Schmerz besiegt", schreibt sie. "Er
lächelte, als durchschreite er etwas."
6.53 Uhr, Hotel Trident/Oberoi - Als über
Mumbai die Sonne aufgeht, liegt Apurva
Parikh noch immer unter den Toten begraben.
Der Bauunternehmer hört Stimmen.
Männer nähern sich. Mit einer Kamera filmen
sie den Leichenberg. Mit einem Handy machen sie Fotos.
Einer sagt: "Vier schlafen wohl nur." Doch nichts weiter
geschieht.
Parikh weiß, dass außer ihm noch drei weitere Geiseln
überlebt haben. In der Nacht haben sie sich gegenseitig Mut
zugeflüstert. Sie warten noch lange, bis sie sich trauen aufzustehen.
Sie schnappen kurz frische Luft, reichen sich die
Hände. Der Sikh entschuldigt sich, dass er Parikh
die Kehle zudrückte. Der Bauunternehmer
hat viel Blut verloren, die Treffer am Genick
und am Rücken waren nur Streifschüsse,
doch eine Kugel steckt noch in der Hüfte. Die
vier müssen sich wieder verkriechen, denn immer
noch sind Terroristen im Hotel. Es wird
noch 24 Stunden dauern, bis Antiterroreinheiten
sie aus einem Geräteraum befreien. Bis
auch die Lufthansa-Crew und die Mitarbeiterinnen
des deutschen Außenministeriums aus
dem Oberoi geführt werden, gezeichnet von
30 Stunden in ständiger Angst.
7.45 Uhr, Breach Candy Hospital. Eine halbe Stunde nach
seiner Rettung aus dem Taj stirbt Ralph Burkei. Lange noch
versuchen die Ärzte, ihn mit Herzmassagen ins Leben zurückzuholen,
doch es ist zu spät.
9.30 Uhr, Hotel Taj Mahal. Spezialeinheiten stürmen das
Hotel, erlösen Gäste, die sich noch versteckt halten. Im
6. Stock, wo das Feuer, genährt von der stilvollen Holzvertäfelung,
so heftig wütete, hielten die dicken Zimmertüren
stand. Frau und Söhne des Hotelmanagers hätten im Badezimmer
überleben können. Doch sie werden auf dem Flur
gefunden, erschossen. Suite 622 allerdings, die von Bernhard
und Burkei, brannte vollständig aus.
10 Uhr, Nariman-House. Sandra Samuel saß die ganze
Nacht wie paralysiert hinter dem Kühlschrank. Auch Chaky
hat sich regungslos in die Ecke gekauert. Ein Wimmern löst
Sandra aus ihrer Erstarrung. Moshe!
Sie hört den Kleinen im 2. Stock. Wie ist er von seinem
Bett bloß die vielen Treppen heruntergekommen? Sie tastet
sich nach oben. Die Treppe ist von Trümmern übersät. Der
Zweijährige steht bei seiner Mutter, sein Vater liegt neben
ihr in einer Blutlache, unter einem Tisch ragen die Beine
eines Mannes hervor. Sandra schnappt Moshe, packt im
Davonrennen seine Puppe, die auf einem Schutthaufen
liegt, macht Chaky Dampf, der ihr nun folgt. Mit dem Kind
auf dem Arm flieht sie aus dem Haus.
Um das jüdische Zentrum entbrennt ein zäher Krieg. Spezialeinheiten
gehen in Stellung. Die Terroristen wehren eine
Angriffswelle nach der anderen ab, töten und verletzen mehrere
Polizisten und Soldaten. Während der Belagerung gibt
einer der Attentäter dem TV-Sender India News ein Telefoninterview.
Er wird live auf Sendung geschaltet, obwohl an ihm
alle Fragen des Moderators abprallen. Der Anrufer spult stur
sein Statement ab, einen pathetischen Aufruf an indische
Muslime, sich gegen die Hindu-Unterdrücker zu erheben.
Ganz im Stil der Bekenner-E-Mail einer Gruppe angeblicher
"Deccan-Mujahedin", die von einem russischen Server abgesetzt
wurde und die Anschläge als Werk von Islamisten des
Hochplateaus in Zentralindien erscheinen lassen sollte.
Nicht nur India News, auch viele andere der 70 konkurrierenden
Stationen in Mumbai machen sich mit ihrer Sensationsgier
zu Handlangern der Terroristen. Die können ihre
Handgranaten gezielt dahin werfen, wo den TV-Bildern zufolge
Polizei und Feuerwehr aufziehen. Aus dem indischen
Fernsehen erfahren die Hintermänner in Pakistan, dass sich
drei Minister und ein Kabinettssekretär im Oberoi aufhalten.
Per Telefon geben sie dem Kommando den Auftrag zur Geiselnahme:
"Findet die drei, vier Personen, und dann verlangt
von Indien, was immer ihr wollt." Auch die Attentäter im Nariman-
House sind durch TV-Berichte übereifriger Reporter
vorgewarnt: Als sich Antiterrortruppen vom Hubschrauber
abseilen und übers Dach eindringen wollen, landen sie in
einem Hagel von Handgranaten.
Die "Black Cats" werden das jüdische Zentrum schließlich
auf ihre Art befreien. Die Spezialeinheit der Nationalgarde
erklärt den Rabbi, seine Frau und ihre paar Gäste, die
nach der Flucht von Sandra, Moshe und Chaky noch im
Haus waren, für tot. Dann feuern die Antiterrortruppen
Raketen in das Gebäude.
14 Uhr, Deutsches Generalkonsulat. Neben Burkei sind
noch zwei weitere Deutsche ums Leben gekommen - Daphne,
67, und Jürgen S., 68, Rentner aus dem niederrheinischen
Goch starben im Leopold. Für die Überlebenden
beginnt der Kampf mit der Bürokratie. Bei der deutschen
Vertretung melden sich 38 Hotelgäste ohne Pass. Die indische
Visa-Stelle in Mumbai verlangt persönliches Erscheinen mit vier Passfotos. Bitte ausschließlich
während der Amtszeit von 10 bis 14 Uhr.
Eine Zumutung für die verstörten Touristen,
die alles verloren haben. Generalkonsul Walter
Stechel schaltet die deutsche Botschaft in Neu-
Delhi ein. Nach deren Intervention stimmen
die indischen Beamten einer Ausnahmeregelung
zu und machen sogar Überstunden.
21 Uhr, Sahar International Airport. Mit einer
Sondermaschine der Lufthansa starten
die ersten Terroropfer Richtung Heimat.
Desirée Baumann ist an Bord, sie und ihre
Crew fliegen diesmal als Passagiere. Auch Ute
Bernhard hat es noch geschafft, den Flieger zu erreichen,
obwohl ihr nacheinander der Krankenwagen und ein eigens
bestelltes Taxi davongefahren waren. Sie darf nur liegend
transportiert werden. In einem Frankfurter Krankenhaus
stellt sich später heraus, dass sie vier Lenden- und
Brustwirbel gebrochen hat. Sie werden mit Platinstäben
stabilisiert.
Samstag, 30. November, 8 Uhr, Crime Department. Adschmal
Amir hat sich von den Prügeln im Polizeigewahrsam einigermaßen
erholt. Jetzt übernehmen Spezialisten des indischen
Geheimdienstes das Verhör.
Die Beamten, die den Terroristen zuerst in die Finger bekommen
hatten, waren brutal, konnten aber kaum mehr als
den Namen aus ihm herausholen, und selbst der war falsch.
Azam Amir Kasav, schrieben sie in ihren Bericht, und später
Mohammad Ajmal Amir Kasab. Doch sie hatten ihn nach
der Kastenzugehörigkeit gefragt. Und aus seiner Antwort
"Qasai" - Metzger - den in Indien häufigen Kastennamen
"Qasab" abgeleitet. Die Leute vom Geheimdienst versorgen
erst einmal die Wunden des Häftlings. Dann setzen sie ihn
unter Drogen, spielen ihm die flehende Stimme einer Frau
vor - angeblich seine Mutter. Adschmal Amirs Widerstand
bricht zusammen. Er packt aus.
Der 21-Jährige erzählt von seiner Jugend in Faridkot,
einem kleinen Ort in Pakistan. Von seinem Vater, der mit
Knabbersachen, die er von einer Karre verkauft, seine Frau
und die fünf Kinder nicht ernähren kann. Mit 18 haut Amir
zum zweiten Mal ab von zu Hause. Schlägt sich mit kleinen
Diebstählen und Einbrüchen durch. Als er versucht, an
Waffen zu kommen, gerät er in Kontakt zu der verbotenen
Terrororganisation Laschkar-e-Taiba (LeT). Auf einem
Markt in Rawalpindi rekrutiert ihn einer der Islamisten.
Amir schwärmt von dem gepflegten Rasen im ersten
Camp, das er durchläuft. Es liegt versteckt auf einem weitläufigen
Gelände des Wohlfahrtsverbands Jamaat
ud-Dawa, der schon lange als Tarnadresse der
LeT gilt. Der Eifer des Jungen überzeugt die
Ausbilder. Die nächste Trainingseinheit leitet
Zaki ur-Rahman Lachwi. Die ideologische Unterweisung
erteilt LeT-Gründer Mufti Hafiz
Muhammad Said.
Das Ziel der Anschläge erfahren die
Jungterroristen erst Mitte September 2008.
Von da an werden sie von der Außenwelt abgeschottet.
In einem Haus nahe Karatschi studieren sie im
Internet den Stadtplan von Mumbai, sehen Videos von den
Sehenswürdigkeiten der Stadt, vom Bahnhof, von den Hotels
- und träumen davon, Tausende Inder zu töten.
Am Tag nach den Anschlägen entdeckt ein Hubschrauber
der Küstenwache die "Kuber". Der Fischkutter treibt im
Meer. Unter Deck liegt die Leiche des Kapitäns Solanki.
Im Taj Mahal Palace sammelt die Polizei vier Kalaschnikows
ein, acht Magazine, drei Pistolen und 27 Handgranaten,
die nicht detoniert sind.
Von den zehn Sprengsätzen der Terroristen haben vier
versagt. Die zwei am Taj Mahal Palace kann die Polizei entschärfen.
Die Bombe am Oberoi wird unter einer Schutzdecke
kontrolliert gezündet. Der vierte Sprengsatz wird Tage
später gefunden - in einem Rucksack in der Gepäckaufbewahrung
der Victoria Station.
Nasrin Sheikh wird aus dem Cama-Hospital entlassen.
In der Nacht um 2.15 Uhr hatte sie ihre Tochter Daulati
doch noch gesund zur Welt gebracht.
Am 15. Dezember fliegt Ute Bernhard mit einer Stützmanschette
um den Oberkörper zur Totenmesse für ihren
Lebensgefährten. Ralph Burkei wird in der von ihm selbst
erbauten Kapelle neben seinem Wohnhaus im Salzburger
Land beigesetzt. In einem Hotel treffen sich Familie, Freunde
und Bekannte, um bei einem Essen Abschied zu nehmen.
Burkeis Ehefrau Claudia lädt auch die Partnerin ihres Mannes
dazu ein. Ute Bernhard vermutet, dass Ralph Burkei an
inneren Blutungen gestorben ist. Das Ergebnis der Obduktion
erfährt sie nicht. Der Bericht geht nur an die Familie.
Kurz vor Weihnachten besucht Jasper die Stewardess
Desirée Baumann in deren Heimatort bei Nürnberg. Hin
und wieder schreiben sich die beiden noch E-Mails.
Am 30. Dezember wird auf dem Ölberg in Jerusalem ein
vierjähriges Kind beerdigt. Dov, Sohn von Rabbi Gavriel
und Riwka Holtzberg - Moshes Bruder. Er hatte unter
einem Gendefekt gelitten, wurde in Israel in einem Heim
behandelt. Die Großeltern kümmerten sich um ihn. Bei ihnen
lebt nun Moshe. Auch Sandra, das Kindermädchen,
wohnt mit im Haus. Sandra will bei Moshe bleiben, ihrem
Baby. "Bis er sich selbst versorgen kann", sagt sie.
Namas Bhojani, Nadeem Aslam Chaudhry, Rupp Doinet,
Teja Fiedler, Markus Flohr, Steffen Gassel, Peter Meroth,
Tilman Müller, Bajjeet Parmar, Asim Rafiqui, Ashwin
Raman, Joachim Rienhardt, Kerstin Schneider, Swantje
Strieder, Megha Swamy, Jay Ullal, Sascha Zastiral
Pakistan hat erstmals offiziell eine Verbindung zu den Terroristen von Mumbai eingeräumt. Ein Sprecher des Außenministeriums bestätigte, dass der einzige überlebende Terrorist aus Pakistan stammt. Das Eingeständnis schlug so hohe Wellen, dass ein hochrangiger Sicherheitsberater seinen Hut nehmen musste.
Die pakistanische Armee hat ein Terrorcamp der Extremistengruppe Lashkar-e-Taiba ausgehoben, die für das Massaker von Mumbai verantwortlich sein soll. Mehrere mutmaßliche Terrorhelfer sollen bei der Razzia in Kaschmir festgenommen worden sein - darunter offenbar auch der Drahtzieher der Anschläge.