Protokolle der Angst

21. Februar 2009, 15:36 Uhr

165 Menschen starben in Mumbai beim kaltblütigsten Angriff seit 9/11. stern-Reporter recherchierten, wie die Täter aus Pakistan einsickerten und ihren teuflischen Plan umsetzten. Dabei stießen sie auf erschütternde Notizen, Überlebende und SMS-Botschaften.

Mumbai, Anschlag, Terror, Ablauf, Protokoll

Ein Soldat hat neben einem Feuerwehrwagen am brennenden Hotel "Taj Mahal Palace" Posten bezogen©

Jeder der Männer trägt einen Rucksack und eine Plastiktasche, 34 mal 50 Zentimeter groß. In den Rucksäcken haben sie Kalaschnikow-Sturmgewehre, Neun-Millimeter-Pistolen, Handgranaten, 500 Schuss Munition und ein unbenutztes Handy. In jeder der Plastiktaschen, die man sich wie kräftige Einkaufstüten vorstellen muss, steckt ein sorgfältig verschnürtes Paket mit fünf Kilogramm Sprengstoff. Eine schwarze, schmierige Masse, hochexplosiv, gespickt mit Stahlkugeln, um die verheerende Wirkung zu erhöhen. Jede Bombe hat zwei Zündkapseln, gespeist von zwei Neun-Volt-Batterien der Marke "Duracell", und einen elektronischen Timer.

Zehn junge Männer ziehen mit dieser Ausrüstung in eine Stadt, die sie nicht kennen. Sie gehen in Häuser, die ihnen fremd sind. Sie töten Menschen, denen sie nie begegnet sind. Sie verbreiten Angst und Entsetzen. Die zehn jungen Männer sind Terroristen, doch sie morden mit den Waffen von Kriegern.

Sie jagen nicht Züge oder Diskotheken in die Luft wie in Madrid oder auf Bali, sie stürzen sich nicht mit Sprengstoffgürteln in die Menge wie im Irak oder steuern Autobomben zu ihren Zielen wie zuletzt in Islamabad. Sie inszenieren kein tagelanges Geiseldrama wie die Tschetschenen in Beslan. Sie stellen keine Forderungen.

Die Täter von Mumbai treten ihren Opfern offen gegenüber. Sie verbergen ihre Absicht nicht. Das ist das Verstörende an den Anschlägen von Mumbai, bei denen 165 Menschen sterben und über 300 verletzt werden: Den Opfern erscheinen die Täter wie coole Studenten. Doch nicht nur die T-Shirts und Hosen der zehn jungen Männer sind lässig, auch ihre Art zu töten ist es. Sie schießen um sich und werfen Handgranaten wie in einem teuflisch choreografierten Amoklauf.

"Alles wird von den Medien aufgezeichnet", feuert sie einer der Hintermänner während der Anschläge per Handy an. "Richtet den größtmöglichen Schaden an. Kämpft weiter! Lasst euch nicht lebend gefangen nehmen!" Ein anderer lobt: "Bruder Abdul, die Medien vergleichen deine Aktion mit dem 11. September."

Sie morden nach Al-Qaida-Muster, in koordinierten Aktionen, gleichzeitig an mehreren Orten. Zu zehnt entfachen sie ein Inferno, das bis heute Spekulationen über heimliche Helfer und Komplizen nährt. Tatsächlich liegt das Geheimnis in der Kaltschnäuzigkeit des Plans, der die zehn zu menschlichen Sprengköpfen machte.

Die jungen Männer stammen aus Pakistan, die Islamisten- Organisation Laschkar-e-Taiba (Armee der Reinen) hat sie ausgebildet und zu ihrer tödlichen Mission entsandt. Als ihre Reise am 22. November beginnt, fühlen sich die jungen Männer als Auserwählte, bereit, die Welt herauszufordern. Von anfangs 32 Kämpfern waren sie die Elite, die sich in einem mehrstufigen System qualifizierte: nach dreiwöchiger Grundausbildung zunächst für ein Spezialtraining mit automatischen Gewehren und schließlich für ein Camp im pakistanischen Teil Kaschmirs. Dort lernten sie, Boote nach GPS-Geräten zu navigieren, und absolvierten ein ausgiebiges Schwimmprogramm. Neben militärischem Drill stand auch religiöse Unterweisung auf dem Stundenplan.

Ein Anleiter, der die Terroristen später im Kampfgetümmel von Mumbai anruft, erinnert an die Lektionen über die Kämpfer des Propheten Mohammed, weil sie ohne Rücksicht auf sich und andere in die Schlacht zogen: "Du magst müde oder erschöpft sein, aber die Einheiten des Islam haben alles zurückgelassen. Ihre Mütter, ihre Väter, ihr Zuhause. Bruder, du musst kämpfen für den Sieg des Islam. Sei stark!" - "Amen", antwortet der Angespornte.

Indien zeigt gleich nach den Anschlägen mit den Fingern auf Pakistan, fordert die Auslieferung der Drahtzieher. Das muslimische Nachbarland weist die Vorwürfe zurück. Auf das diplomatische Säbelrasseln folgt militärisches, indische Kampfflugzeuge dringen in den pakistanischen Luftraum ein, und Pakistan beginnt, Truppen von der afghanischen an die indische Grenze zu verlegen.

Während die Krise zwischen den beiden Atommächten eskaliert, sind die Opfer des Terrors längst aus den Schlagzeilen verschwunden. Die Angehörigen der Toten bleiben mit ihrer Trauer ebenso allein wie die Überlebenden mit ihrem Trauma. Dem Blutbad auf dem Bahnsteig, den Stunden der Todesangst im Hotel. stern-Reporter haben mit Betroffenen in Indien, Israel und Deutschland gesprochen, mit Ermittlern, Feuerwehrleuten, Hotelangestellten, Diplomaten, und sind den Spuren der Täter nach Pakistan gefolgt.

Mittwoch, 26. November, 7 Uhr, Mumbai, Hotel Taj Mahal

Gebete am Morgen Palace. An diesem Tag, der zum längsten ihres Lebens werden soll, ist Ute Bernhard schon früh unter der Dusche. Eine gutaussehende Frau, schulterlange dunkle Haare, strahlend blaue Augen. Bernhard, 43, ist Stewardess von Beruf, aber nach Indien ist sie privat gereist, zusammen mit ihrem Lebenspartner Ralph Burkei. Mumbai ist die letzte Station ihrer 14-tägigen Rundfahrt. Sie wohnen im Taj Mahal Palace, Zimmer 622, es ist eine Luxussuite für 950 Euro die Nacht. Burkei stammt aus einer wohlhabenden Familie, sein Vater war Bauunternehmer, ein Intimus von Franz Josef Strauß. Auch der Sohn, beteiligt an TV- und Immobilienfirmen, langjähriges Vorstandsmitglied der CSU in der Landeshauptstadt und beim Fußballklub 1860 München, gilt als "notorischer Macher". Indien hat ihn schon lange fasziniert. Als Medienunternehmer wollte er die aufstrebende Industrienation mit ihren Computer- und Technologiekonzernen kennenlernen, als studierter Theologe interessierte er sich aber auch für das religiöse Leben. Drei Tage zuvor hatte er mit Ute Bernhard die Sonntagsmesse in der katholischen Basilika de Bom Jesus in Goa besucht. Während sie im Bad mit Föhn und Cremes hantiert, ist Burkei noch im Bett, um zu beten. Das sei für ihn "eine innere Einkehr", sagt er immer, "eine Vorbereitung auf den Tag". Der 51-Jährige hat stets seine drei Gebetbücher dabei, blättert durch die Fürbitten, Psalmen und Litaneien. Nimmt sich Zeit, das richtige Gebet zu finden, auch an diesem Tag, der zum letzten seines Lebens werden wird.

9 Uhr, Mumbai, Nariman-House

200 tote Hühnchen Rabbi Gavriel Holtzberg zieht die Tür hinter sich zu, grüßt den Wächter, der vor dem Haus sitzt, und wendet sich dann nach rechts. Holtzberg ist streng orthodox gekleidet, schwarzer Anzug, schwarzer Hut, wie immer. Er fällt auf in den verwinkelten Gassen des Viertels. In dem Durcheinander aus verfallenden Kolonialbauten, Slumhütten und modernen Apartmentblöcken leben Hindus, Muslime, Sikhs, Christen, Zoroastrier und Anhänger einer Reihe weiterer exotischer Religionen. Meist arme, einfache Leute. Holtzberg muss links und noch einmal rechts abbiegen. Drei, vier Minuten sind es bis zum "Chicken Shop" am Rand eines bunten Marktes. Der Rabbi wartet noch einen Moment vor der kleinen, mit Wellblech gedeckten Backsteinbude - kein anderer Kunde soll im Laden sein. Dann geht er mit dem muslimischen Schlachter hinter die Hütte und zückt sein Messer. Damit es koscher ist, muss die scharfe Klinge rituell gereinigt sein und darf mit keinem anderen Blut in Berührung kommen. Holtzberg schächtet die 200 Hühner selbst, wie immer. Der Ladenbesitzer und seine Familie nehmen die Tiere aus und folgen dem Rabbi dann mit einer Handkarre zum Nariman- House. Das jüdische Zentrum hat viele Gäste, bis zu 40 kommen zu den Festessen am Sabbat. Auch während der Woche treffen sich jüdische Gläubige zum Gebet in dem sechsstöckigen Gebäude. Reisende aus aller Welt steigen in der Herberge ab. Diamantenhändler, die auf religiöse Atmosphäre und koschere Küche Wert legen, ebenso wie junge Backpacker, die nach ihrem Militärdienst in Israel auf große Tour gehen. Dem Rabbi und seiner Frau sind alle willkommen, das Haus ist immer offen, Tag und Nacht.

9.30 Uhr, Arabisches Meer,
70 Kilometer vor Mumbai

Fünf nummerierte Drähte Auf dem Fischkutter "Kuber" ist es eng. Statt der üblichen vier Mann Besatzung sind zehn junge Männer an Bord. Kapitän Solanki ist ihre nervöse Anspannung nicht entgangen. Für ihre Einträge ins Logbuch verwenden sie Codewörter, sprechen von "Bhai log" (Brüdern), wenn ein anderes Boot auftaucht, von "Yaar log" (Freunden), wenn es ein Schiff der Marine ist. "Der Fisch wird gefangen" heißt: alles in Ordnung. Tatsächlich hat die "Kuber" nur 50 Kilo Fisch an Bord, obwohl sie schon seit 13 Tagen auf See ist. Normalerweise müsste es gut eine Tonne sein. Solanki wähnt sich auf einer der üblichen Schmuggeltouren. Diesel aus Dubai, Drogen aus Afghanistan, Gold und Falschgeld. Das Business ist dem Kapitän nicht fremd. Drei Schiffe seines Reeders sind zurzeit beschlagnahmt, die "Kuber" war 2003 aufgebracht und monatelang in Karatschi festgehalten worden, und auch Solanki selbst hat schon mehrfach in pakistanischer Haft gesessen. Dieses Mal war er in den Grenzgewässern bei der "al-Hussaini" längsseits gegangen. Am 23. November wechselte seine Crew auf das pakistanische Schiff, und er übernahm die jungen Männer. Militärisch diszipliniert bilden sie drei Gruppen, die jeweils zwei Stunden Wache halten. Wenn sie nicht dran sind, können sie sich in den Kojen ausruhen oder Alltagskram erledigen. Auf dem indischen Kutter finden sich später pakistanische Konsumartikel: Waschmittel der Marke "Pak", "Medicam"-Zahnpasta, "Touch Me"-Rasiercreme, Mineralwasser, Milchpulver und eine Tüte Knabberzeug. Für die Wache von 8 bis 10 Uhr sind Ali, Hayazi und Umar eingeteilt. Sie wissen, wie man navigiert, können das Ruder übernehmen, wenn der Kapitän eine Pause braucht. Aber die letzten Kilometer nach Mumbai steuert Solanki lieber selbst. Während sich der Skipper auf die Route konzentriert, machen sich die zehn jungen Männer an zehn geheimnisvollen Paketen zu schaffen. Sie folgen einer handschriftlichen Anleitung. Fünf nummerierte Drähte müssen sie miteinander verbinden. Dann sind die Bomben scharf.

12.30 Uhr, Hotel Oberoi

Jasper und Leopold Die Wärme, die Sonne, die Ruhe - Desirée Baumann weiß nicht, was sie mehr genießt. In der Nacht war ihre Lufthansamaschine in Mumbai gelandet. Die Stewardess döst am riesigen Pool und freut sich, dem grauen November in Bayern entflohen zu sein. Auf die Liege neben der 21-Jährigen hat sich ein junger Däne gelegt. Bald kommen sie ins Gespräch, auch er ist zum ersten Mal hier. Jasper, 32, arbeitet für eine Spedition. Bestimmt haben ihre Kolleginnen, mit denen sie am Abend zum Ausgehen verabredet ist, nichts dagegen, wenn er mitkommt. Sie wollen ins "Leopold Cafe" gehen. "Komisch", denkt Desirée Baumann, "so ein bayerischer Name in Mumbai."

14.00 Uhr, Nariman-House

Sandras Liebling In der Küche ist Großwaschtag für Geflügel. Riwka, die Frau des Rabbis, hat Routine darin, die Tiere zu reinigen, zu salzen und nach jüdischer Tradition für den Sabbat vorzubereiten. Aber so viele Hühnchen hatte sie noch nie. Riwka lächelt zu Sandra hinüber. Ohne sie wäre das alles nicht zu schaffen. Sandra Samuel, 44, arbeitet seit fünf Jahren für die Holtzbergs, seit der Rabbi nach Mumbai gekommen ist, um hier ein religiöses Zentrum der Chabad-Lubawitsch-Bewegung aufzubauen. Die orthodoxe Gemeinde unterhält 3000 Häuser in aller Welt. Als er vor drei Jahren das Haus im Stadtteil Nariman kaufte, gehörte die indische Haushaltshilfe Sandra schon zur Familie. Und als vor zwei Jahren Moshe geboren wurde, der Augenstern der Holtzbergs, übernahm sie wie selbstverständlich auch die Rolle des Kindermädchens. Moshe war nun ihr Baby. Auch jetzt ist sie es, die den Kleinen erlöst. Sandra nimmt Moshe, der in der Küche schon unruhig wurde, und geht mit ihm hinunter. Der Rabbi hat neben dem Carport im Erdgeschoss einen kleinen Garten angelegt. Kein Gemüse, nur Blumen. Moshe hat eine Schaukel da unten und eine Rutsche. Aber er wühlt am liebsten in der Erde und reißt mit verschmitztem Grinsen die Pflanzen raus. Seine Mutter macht die Hälfte der Hühnchen fertig für den Versand. Chabad-Häuser in Bangalore, Goa und Indiens Hauptstadt Neu-Delhi haben Nachschub geordert, die Lieferung muss noch am Abend raus. Riwka Holtzberg stützt die Hände in die Hüften, dehnt ihren Rücken. Die 28-Jährige ist im fünften Monat schwanger.

16.00 Uhr, Mumbai, Leopold Cafe

Abenteuer zum Nachtisch Ute Bernhard und Ralph Burkei haben den Tipp im Reiseführer gefunden: Das Leopold Cafe, zwei Querstraßen hinter dem "Taj", wird als Treffpunkt mit internationalem Flair beschrieben, 1871 eröffnet als Ölladen, dann Apotheke mit Restaurant, benannt nach dem damaligen belgischen König Leopold II., jetzt nur noch Restaurant, mit Bar in der dritten Etage. Unter den großen Deckenventilatoren erzählen sich Reisende gegenseitig ihre Abenteuer. Am Nebentisch sitzt eine Amerikanerin im Gespräch mit vier jungen Indern. Angesteckt von der Atmosphäre lassen auch Bernhard und Burkei die Höhepunkte ihrer Reise Revue passieren. Die Tiger im Nationalpark, den Strand von Goa, das märchenhafte Mausoleum Taj Mahal, diese marmorne Liebeserklärung eines Großmoguls an seine verstorbene Frau. Oder den Fischmarkt von Mumbai, über den sie am Vormittag gebummelt waren. Burkei hatte sich danach noch in das Getümmel der alten Victoria Railway Station gestürzt. Und in der Mount Mary Church setzten sich beide in die Bank, in der einst Mutter Teresa und Queen Elizabeth zusammensaßen.

16.00 Uhr, Arabisches Meer, vier Seemeilen vor Mumbai

Der Tod des Kapitäns Der Wind hat aufgefrischt. Das kleine Fischerboot schaukelt bedenklich in der Dünung. Die Terroristen bereiten sich auf den letzten Abschnitt ihrer Reise vor. Sie pumpen ein Schlauchboot auf, mit dem sie im Schutz der Dunkelheit zur Küste fahren und in Mumbai anlegen wollen. Die Dämmerung dauert nur wenige Minuten in diesen Breitengraden. Kurz bevor um 18 Uhr die Sonne untergeht, ruft Ismail Khan, der Anführer der Bande, mit dem Satellitentelefon in Pakistan an. Die Stimme am anderen Ende der Leitung sagt ihm: "Wir haben unsere vier Ziegen geopfert. Opfert ihr jetzt eure zu gegebener Zeit." Die Männer auf der "al-Hussaini" haben die vier indischen Fischer getötet. Nun soll auch der Kapitän der "Kuber" sterben. Ismail Khan und ein weiterer Attentäter führen Solanki unter Deck und schneiden ihm die Kehle durch, während die anderen das Schlauchboot zu Wasser lassen. Plötzlich kommt ein Schiff auf die Attentäter zu. Marine? Küstenwache? Die Terroristen bemerken, dass einer der Seeleute sein Fernglas auf die "Kuber" gerichtet hat. Sie werden nervös. Obwohl ihnen jeder weitere Kontakt untersagt ist, rufen sie über Satellitentelefon noch einmal einen Ausbilder in Pakistan an. "Ruhig bleiben", lautet die Order, "und jede Konfrontation vermeiden." Ein paar Minuten später ist die Gefahr vorüber, das andere Schiff fährt weiter. Indiens Küstenwache kann bis heute nicht erklären, weshalb sie versagte, obwohl der Geheimdienst in den Monaten vor den Anschlägen dreimal gewarnt hatte, dass ein Terrorkommando von Pakistan kommend Hotels in Mumbai angreifen würde. Es ist kurz nach 19 Uhr, die jungen Männer haben es jetzt eilig, ins Schlauchboot zu klettern und zu verschwinden. In der Hektik machen sie zwei entscheidende Fehler, die sie noch in der Nacht ihren Hintermännern beichten.

19.15 Uhr, Taj Mahal Palace

Gestalten am Pool Nach kurzer Ruhepause in ihrer Suite gehen Ute Bernhard und Ralph Burkei zum Diner ins "Indigo", in dem schon Angelina Jolie und die Clintons gespeist haben. Sie wollen die Reise in angenehmer Atmosphäre ausklingen lassen. Bernhard nimmt Fisch und dazu einen Chardonnay, Burkei bestellt ein Steak und trinkt, wie so oft, Cola light. Er hat vor Kurzem aufgehört zu rauchen, ohne sein Zigarrenritual sind sie schon bald mit dem Essen fertig und beschließen, im Hotel noch zu lesen. Burkei zieht sich mit seinen Gebetbüchern ins Bett zurück. Bernhard steht am Fenster und sieht unten jemanden im Pool. Es ist ein herrlich warmer Abend. Am liebsten würde sie ihren Lebensgefährten fragen, ob er mit nach unten geht, eine Runde schwimmen. Doch sie weiß, dass er sich schon auf Winter, Schnee und Weihnachten freut. Schade, denkt sie, es ist so eine romantische Tropennacht. Entferntes Knallen reißt sie aus ihren Träumen, es ist etwa halb zehn.

20.30 Uhr, Mumbai, Badhwar Park

Merkwürdige Studenten Der Name klingt nach Villenviertel, nach schmucken Häusern in gepflegten Gärten. Tatsächlich liegt Badhwar Park im schönsten Teil Mumbais, auf der Halbinsel Colaba, wo auch die berühmten Sehenswürdigkeiten und die besten Hotels der Stadt zu finden sind. Hinter den Hochhäusern des Business-Distrikts erstreckt sich Badhwar Park bis fast ans Meer. Doch es mündet in einem Slum. Direkt am Wasser wohnen Fischer, die sich nur armselige Hütten leisten können. Dutzende kleiner Boote schaukeln im Wasser oder liegen am Ufer. An normalen Tagen tobt hier das Leben. An diesem Abend aber wird im Fernsehen ein Kricketspiel übertragen. Was für Inder nicht einfach ein Sport ist, sondern heilige Leidenschaft - zumal die indische Nationalmannschaft gegen die einstige Kolonialmacht England antritt. Chandra Kant Ganesh Dhanur, ein junger Fischer, gehört zu den wenigen, die sich nicht für das Match interessieren. Nach dem Abendessen setzt er sich mit ein paar Freunden an den betonierten Strand. Plötzlich rast ein Boot in die Bucht, es hält direkt auf die Gruppe zu. Erst im allerletzten Moment wird es langsamer. Acht Männer springen heraus, sie nehmen ihre Schwimmwesten ab und werfen sie zurück in das gelbe Schlauchboot. Sie hieven große Rucksäcke auf ihre Schultern. Einer der Fischer fragt, wer sie sind. "Frag lieber nicht so viel, wir sind Studenten", herrscht ihn einer an. Die acht Männer sprinten zur Straße und verschwinden. Die zwei, die im Boot geblieben sind, wenden und preschen mit aufheulendem Motor davon. Sie fahren zum Nordende der Bucht. Die Fischer sehen, wie sie an den Steinbrocken anlegen, die hier als Wellenbrecher dienen, ihre Rucksäcke aufnehmen, das Boot ins Meer stoßen und zur Strandpromenade hochklettern. Auf dem Marine Drive sind es nur wenige Minuten bis zum Hotel Trident/Oberoi.

21 Uhr, Mumbai, Hotel Oberoi

Ein Tisch am Fenster Auch Bauunternehmer Apurva Parikh könnte von seinem großen Apartment mit Meerblick bequem zu Fuß zum Oberoi gehen, doch seine Freunde haben einen etwas weiteren Weg, sie holen ihn mit dem Auto ab. Der eine ist ebenfalls im Immobilien-Business erfolgreich, der andere ist Rechtsanwalt. Die drei wohlsituierten Herren, alle Ende 50, stehen sich so nah wie Brüder, sie haben fast jeden Urlaub miteinander verbracht. An diesem Mittwoch sind sie als Strohwitwer unterwegs. Parikhs Frau ist zu einem Kongress in Poona, die Frau des Anwalts nach London gereist, und die Gattin des zweiten Baulöwen hat ein Damenkränzchen in Mumbai. Die drei Männer kommen um 21.05 Uhr im "Kandahar" an. Das Restaurant im Hotel Oberoi ist für sie wie ein zweites Wohnzimmer. Von den 80 Plätzen ist etwa die Hälfte besetzt. Parikh und seine Freunde haben einen Tisch direkt am Fenster, mit Blick auf die Lichter des Ara- bischen Meers. Sie ordern ihren Lieblings- Scotch, Cardhu, einen zwölf Jahre alten Single Malt. Da es lange dauert, bis der Whisky kommt, beschweren sie sich beim Kellner und ordern gleich noch einen Doppelten. Kaum haben sie den ersten Schluck genommen, hören sie Schüsse aus Richtung Lobby.

21 Uhr, Leopold Cafe

Jasper, Desirée Baumanns dänischer Freund, ist willkommen im Kreis der Lufthansa- Crew. Zu sechst drängen sie sich um einen Tisch in der Ecke. Sie lassen sich eine indische Platte mit Spinat, Fisch und Knoblauchbrot schmecken. Desirée Baumann sitzt an der Wand, mit Blick auf die Bar und den vorderen Teil des Lokals. Es ist voll, der ganze Raum vibriert von einem bunten Sprachengewirr. Eine Inderin mit langen schwarzen Haaren fällt Desirée Baumann auf. Die hübscheste Inderin, die ich je gesehen habe, denkt sie. Die sechs wollen umziehen, in die Bar eine Treppe höher, dort soll später noch eine Kollegin zu ihnen stoßen. Sie bestellen die Rechnung und sind noch damit beschäftigt, nach deutscher Sitte genau auszurechnen, was jeder Einzelne zu bezahlen hat, als plötzlich das Licht ausgeht.

21 Uhr, Nariman-House

Krachen im jüdischen Zentrum Der Wächter vor dem jüdischen Zentrum räumt seinen Stuhl in den Carport. Wie immer um diese Zeit geht er zum Abendessen nach Hause. Bis zum nächsten Morgen bleibt sein Posten unbesetzt. In der Nacht gibt es für ihn ohnehin nichts zu tun, auch tags hat er hauptsächlich die Straßenkinder zu verscheuchen, wenn sie mit ihrem Lärm den Thora-Unterricht oder die Gebete stören. Sandra hat den kleinen Moshe nach oben gebracht. Die Privaträume der Holtzbergs liegen im fünften Stock. Während sie ihn fürs Bett fertig macht, erzählt sie ihm noch einige Geschichten. Gegen 21.15 Uhr geht sie wieder nach unten. Im 4. Stock sind drei Zimmer für Übernachtungsgäste, im 3. Stock Seminar- und Aufenthaltsräume mit ein paar Notschlafplätzen. Im 2. Stock der Gebetsraum und das Büro des Rabbi. Im ersten Stock Küche und Speisesaal. Gavriel und Riwka Holtzberg haben gerade ein Dutzend Gäste verabschiedet, als Sandra dazukommt. Zwei junge Rabbiner sind noch da, eine 70-jährige Mexikanerin und Yocheved Orpaz, 62. Sie hat in Indien Verwandte besucht und muss in der Nacht noch zum Flughafen, um nach Israel zurückzufliegen. Sandra hilft Riwka und Chaky, dem anderen indischen Hausangestellten, den Tisch abzuräumen. Es muss Viertel vor zehn sein. Ohrenbetäubendes Krachen erfüllt das Haus, die Wände zittern, da steht auch schon ein Terrorist in der Tür. Er zielt auf Sandra.

21 Uhr, Mumbai, Crime Department

Ein teuflischer Plan Joint Commissioner Rakesh Maria, der Chefermittler der Kripo von Mumbai, verlässt sein Büro an diesem Mittwoch früher als sonst. Sein 21-jähriger Sohn, ein Basketballtalent, reist am Abend mit seiner Mannschaft zu einem wichtigen Spiel, der stolze Vater will ihm noch ein paar gute Ratschläge mit auf den Weg geben. Maria ist um 21.20 Uhr zu Hause, kaum hat er den Sohn verabschiedet, läutet um 21.50 Uhr sein Handy. Ein Alarm nach dem anderen geht bei der Polizei ein. Schüsse und Explosionen überall in der City. Die Notrufzentrale bricht fast zusammen.

Die Terroristen haben sich in fünf Gruppen aufgeteilt. Zwei Männer sind zum Trident/Oberoi marschiert, die einst getrennten Hotels sind zu einem Großbetrieb mit 877 Zimmern verbunden. In einem Gebüsch neben dem Haupteingang zum Trident-Tower verstecken die Attentäter einen RDX-Sprengsatz mit Zeitzünder, dann gehen sie durch das Portal und schießen mit ihren Kalaschnikows um sich. Sie wechseln ins Oberoi und feuern ins Restaurant Kandahar. Die anderen fahren mit dem Taxi zu ihren Zielen, jeweils zwei nehmen einen Wagen. In zwei Taxis verstecken sie unterwegs Bomben, die Zeitzünder stellen sie auf 90 Minuten ein. Die ahnungslosen Fahrer sollen zu Todesboten werden, den Terror weiter in der Stadt verbreiten, für neues Chaos sorgen, während die anderen Angriffe längst laufen.

Am Leopold Cafe eröffnen die Terroristen von beiden Eingängen aus das Feuer und dringen dann in das Lokal ein. Das Nariman-Kommando kommt mit dem Taxi nur bis zum Rand des Gassengewirrs, in dem das jüdische Zentrum liegt. Die Attentäter steigen an einer Kreuzung aus, auf ihrem Weg passieren sie eine Tankstelle, an der sie eine Zeitzünderbombe deponieren. Dann stürmen sie das Haus.

Zwei Terroristen lassen sich am Hotel Taj Mahal Palace absetzen. Sie verfahren nach dem gleichen Schema wie ihre Komplizen am Oberoi, verstecken einen Sprengsatz mit Zeitzünder neben dem Haupteingang, gehen danach in die Lobby und richten ein Massaker an, schon in den ersten Minuten sterben 20 Menschen.

Ismail Khan, der Anführer der Islamisten, und Adschmal Amir haben es auf die Victoria Railway Station abgesehen - Mumbais Hauptbahnhof, ein Umschlagplatz für 3,5 Millionen Passagiere täglich.

21.20 Uhr, Oberoi

Die Geiseln im 19. Stock Kellner eilen, das Restaurant Kandahar zu schließen. Die Kugeln schlagen durch die Tür, eine Bedienung wird am Arm getroffen. Parikh und seine Freunde flüchten in die Küche. Durch eine Glasfront sehen sie, wie einer der Terroristen im Gastraum um sich schießt. Sie wollen über die Feuertreppe aus der Küche fliehen, doch von unten kommen Rufe: "Bleibt oben, bleibt oben." Der Rechtsanwalt versucht, seine Frau anzurufen. Die Terroristen sind inzwischen zu zweit im Restaurant. "Handy wegwerfen", befehlen sie, "Gürtel ablegen, mitkommen." Zusammen mit etwa 17 anderen Gästen werden Parikh und seine Freunde ins Treppenhaus getrieben, immer weiter nach oben. Beißender Qualm vernebelt den Aufgang. Parikh kann kaum atmen, spuckt in sein Taschentuch, das er sich vor Mund und Nase presst. Die Gesichter der Geiseln sind schwarz vor Ruß.

Der Anwalt geht am Ende der Gruppe, er versucht mit dem Terroristen hinter ihm zu reden, zu verhandeln, bietet ihm Geld. Die Antwort ist kurz und verachtend: "Denk mal an die Babri-Moschee!" Da ahnt Parikh Furchtbares. Hindu-Fundamentalisten zerstörten 1992 das jahrhundertealte Heiligtum an einem Nebenfluss des Ganges. Darauf erhoben sich die Muslime, mehr als 3000 Menschen kamen um. Ganz oben, im 19. Stock, fummeln die Terroristen ein Handy aus einem ihrer riesigen Rucksäcke. Eine Geisel soll die SIM-Card einsetzen. Der Mann zittert so stark, dass er es zunächst nicht schafft. "Mach schon, sonst knall ich dich ab", herrscht ihn der Terrorist an. Als das Gerät endlich funktioniert, muss der Mann auch noch eine Nummer wählen. "Jetzt ist alles vorbei", flüstert Parikh seinen Freunden zu. Da hat der Terrorist sein Telefonat beendet und nickt seinem Komplizen zu: "Mach sie alle kalt."

21.25 Uhr, Leopold Cafe

"Hoffentlich tut es nicht weh" Scheiben bersten, Handgranaten explodieren. Nach dem ersten Knall liegt Desirée Baumann auf dem Boden. Jasper liegt auf ihr, die Lufthansa-Crew sucht hinter dem umgekippten Tisch Deckung. Die Beine einer Kollegin ragen schutzlos in den Raum. Eine andere flüstert trotzig: "Nein, so sterbe ich nicht. Das akzeptiere ich nicht." Thomas, der Steward in der Frauenrunde, sagt: "Scheiße, übers Fenster kommen wir nicht raus, zu hoch." Und Heidrun, die Kollegin, die eben noch die Rechnung in der Hand hatte, stöhnt: "Das gibt's doch nicht. Wann kommt endlich die Polizei?"

Sie ist die Einzige, die am Tisch vorbei den Eingangsbereich sehen kann. "O Gott, jetzt kommt er", sagt sie. "Er lädt nach." Desirée Baumann hört das Knirschen der Sohlen auf zersplittertem Glas. Die Schritte kommen näher. Dann sieht sie den Angreifer. Er hat sein Gesicht mit einem rot-weißen Palästinensertuch verhüllt und trägt einen Patronengurt über der Schulter. Einen halben Meter entfernt bleibt er stehen. "Die nächsten Kugeln sind für uns", denkt sie und wird ganz ruhig. "Du kannst es eh nicht ändern. Hoffentlich tut es nicht weh." Heidrun sieht, wie die Schüsse die Gruppe am Nachbartisch treffen. Das Blut der hübschen Inderin fließt in einem kleinen Bächlein auf die Lufthansa-Crew zu. Heidruns Bluse wird nass, färbt sich schwarzrot. Das Handy der Inderin liegt neben ihrem Kopf. Es klingelt in die Stille einer kurzen Feuerpause. Dann peitschen wieder Schüsse durch das Lokal. Als eine Minute lang kein weiterer Schuss fällt, gibt Thomas das Kommando: "Raus hier." Heidrun rutscht in der Blutlache aus. Desirée Baumann kommt kaum über den Tisch. Sie will noch der hübschen Inderin aufhelfen. Deren dunkle Augen starren sie an. Sie ist tot.

Die sechs rennen auf die Straße und flüchten um die Ecke in einen Hauseingang, später in eine Billigpension und verbarrikadieren sich dort in einem schmuddeligen Zimmer. Aus der Ferne hören sie erneute Explosionen und Schüsse.

21.30 Uhr Nariman-House

Versteck in der Küche Sandra Samuel schlägt dem Terroristen, der auf sie angelegt hat, die Tür vor der Nase zu. Der Schuss bleibt irgendwo in der Wand stecken. Als der Sprengsatz an der Tankstelle hinter dem jüdischen Zentrum explodiert, bebt das Gebäude, ohrenbetäubender Lärm schockt die Bewohner. Sandra greift zum Telefon der kleinen Küche, sie hört den Rabbi sprechen, am Apparat im zweiten Stock, dann ein Gewirr von Stimmen. Sie legt den Hörer auf und reißt das Kabel aus der Wand. Sie hat Angst, das Telefon könnte sonst klingeln. Zusammen mit Chaky versteckt sie sich hinter dem Kühlschrank. Gavriel Holtzberg ist mit dem israelischen Konsulat in Mumbai verbunden. Der Rabbi spricht Hebräisch. Er sucht Rat, Hilfe, Informationen, irgendeine Erklärung für die Schießerei und die Explosionen. "Hamatzav lo tov", sagt er - die Lage ist nicht gut. Es sind seine letzten Worte.

21.35 Uhr, Taj Mahal Palace

Massaker in der Lobby Ein polnischer Gast will gerade das Hotel verlassen, da fällt ihm ein junger Mann auf, der einen schweren Rucksack trägt. "Das sind mindestens 30 Kilo", denkt der Pole und bietet dem Unbekannten an, ihm beim Absetzen der Last zu helfen. Der Mann schweigt, stellt den Rucksack auf den Boden, holt eine Kalaschnikow heraus, zielt auf den Polen, blickt ihm in die Augen, richtet das Sturmgewehr dann auf einen anderen Hotelgast direkt neben ihm und drückt ab. Der Pole flieht, blutbesudelt, kann sich ins "The Chambers" retten, einen Club für Geschäftsleute, in dem später auch Restaurantbesucher Zuflucht finden.

Shilpa Daryanani, 23, will einer Japanerin helfen, die bei der Schießerei im Leopold verletzt wurde und sich nun ins Taj flüchtet. Shilpa folgt der Frau, sieht, wie die Terroristen um sich schießen, mit dem Mund Handgranaten abziehen und sie in den Raum werfen. In einer Rauchwolke rennt sie zur nächsten Tür, versteckt sich im Restaurant Zodiac Grill.

Von der Lobby gehen die Attentäter quer durchs Erdgeschoss des Taj, schießen im Pool-Restaurant und in der "Starboard Bar" um sich, dann nehmen sie sich den ersten Stock vor. Die 35 Gäste einer Hochzeitsgesellschaft im "Crystal Ballroom" entkommen. Drei Asiaten versuchen, aus einem der kleinen Säle zu schleichen, sie sterben im Kugelhagel der Kalaschnikows.

Im 6. Stock ist von dem Anschlag nur ein Krachen wie von Feuerwerkskörpern zu hören. Ute Bernhard geht auf den Flur. Auch ein anderer Hotelgast ist aus seinem Zimmer gekommen. "Merkwürdig, dieses Knallen", sagt er, "gehen wir besser wieder rein."

Fünf Minuten später wieder lautes Knallen. Bernhard, die als Stewardess schon Notfallkurse absolviert hat, wird klar, "dass das eine Situation ist, die zur Evakuierung führen kann". Der Satz geht ihr im Lehrbuch-Deutsch durch den Kopf. Sie fordert ihren Lebensgefährten auf, sich anzuziehen. Die zwei Terroristen vom Leopold Cafe sind nun auch zum Taj gekommen, in der Gasse zum Hotel haben sie auf halbem Weg vor einer belebten Bar einen Sprengsatz mit Zeitzünder versteckt. Sie werfen Handgranaten in die Passage zum Taj Tower, dem 1973 erbauten Bettenturm, dann gehen sie durch den Hintereingang in den altehrwürdigen, denkmalgeschützten Palast aus dem Jahr 1903. Ihr Ziel ist der 6. Stock.

21.45 Uhr, Victoria Station

Die Stimme aus dem Lautsprecher Taxifahrer Israel Ansari, 35, hält vor dem Eingang des Hauptbahnhofs, den auch die meisten Inder nach seinem alten Namen Victoria Station nennen. Ansari lässt Bruder, Schwester, Schwager und fünf Neffen aussteigen. Eine achtköpfige, fröhliche Muslimsippe auf dem Weg ins Heimatdorf. "Ich parke in einer Nebenstraße", sagt er, "dann helfe ich euch mit dem Gepäck." Der siebenjährige Firoz will lieber mit dem Onkel gehen. "Nein, hilf deiner Mama. Ich bin gleich wieder da", sagt Ansari. Kurz nach der Familie des Taxifahrers kommen zwei junge Männer mit schweren Rucksäcken in die Bahnhofshalle. Dem Verkäufer am vegetarischen Fast-Food-Stand "Re-Fresh" fallen die coolen T-Shirts der beiden auf. "Eilig haben die's nicht", denkt der Kioskbetreiber, der noch die letzten Samosas und Sandwiches loswerden möchte, bevor er um 22 Uhr schließt. Da hämmern die ersten Salven aus den Kalaschnikows der Terroristen gegen die Glaswände des Kiosks. Der Verkäufer wirft sich hinter den Tresen. Bablu Deepak, 32, sitzt als Ansager in einer gläsernen Kabine über der Bahnhofsdirektion. Von dort sieht er, wie das Blut über den Boden spritzt, hört Menschen kreischen, sieht sie laufen und wie gefällte Bäume zu Boden sinken. Bablu geht auf die Knie, damit ihn die Terroristen von unten nicht wahrnehmen, und warnt die Reisenden: "Achtung, Achtung, hier ist eine Schießerei im Gange ... Explosionen. Verlassen Sie bitte fluchtartig den Bahnhof!"

Dann ruft er über das rote Stationstelefon die Kollegen in der Nahverkehrshalle an. Ihre Sprecherkabine hängt wie ein Nest in den steinernen Säulen. Durch das neogotische Bogenfenster sehen die drei Bahnangestellten, wie sich einer der Terroristen unter ihnen vor Gleis 4 postiert und seine AK47 durchlädt. Die drei ducken sich auf den Fußboden. "Alles okay", sagt der Bahnelektriker seiner Frau am Handy, obwohl um sie herum Krieg herrscht.

Ein Kollege fummelt eine Pappe zurecht und springt auf, um sie als Sichtblende vor die Fenster zu klemmen. Einer der Attentäter entdeckt ihn und feuert eine Salve auf die Kabine. Eine Kugel bleibt in der Rückwand stecken. Auf Gleis 4 fährt ein Vorortzug ein. Der Ansager, liegt am Boden, starr vor Panik. "Du musst die Leute warnen!", schreit der Elektriker, "sonst gibt es 1000 Tote." Der Ansager robbt zitternd ans Mikrofon, dann reißt er sich zusammen: "Bitte verlassen Sie den Bahnhof sofort auf der Rückseite von Gleis 1." Wieder und wieder tönt die Stimme des Ansagers durch die Halle.

Die Attentäter verlassen den Bahnhof über eine Fußgängerbrücke, immer wieder feuern sie Salven aus ihren Kalaschnikows auf Gebäude und Passanten und ziehen weiter Richtung Cama-Hospital.

21.55 Uhr, Platz vor der Victoria Station

Hilflose Polizei Taxifahrer Ansari hört die Schüsse und die Detonationen der Handgranaten im Bahnhof, sieht Menschen panisch aus dem Gebäude rennen. Er ist halb wahnsinnig vor Sorge um seine Angehörigen. Aber er kann nicht mehr hinein, die Bahnpolizei hat sofort die Zugänge abgeriegelt.

Wie an jedem Werktag wachen rund 60 Ordnungshüter über die Victoria Station. Doch die meisten Bahnpolizisten sind nur mit dem Lathi ausgerüstet, einem massiven Holzknüppel. Amir und Khan töten drei der unbewaffneten Beamten und einen Polizisten, der mit dem Revolver auf sie schießt. Als dessen Magazin leer ist, geht einer der Attentäter auf ihn zu und streckt ihn nieder.

Eine Überwachungskamera zeichnet auf, wie ein Polizist seine Deckung aufgibt, während ein Terrorist auf ihn zukommt. Der Mann spurtet zu einem Kollegen, der hinter einer Säule mit seinem Gewehr hantiert. Beherzt nimmt der Polizist dem Kollegen die Waffe ab und legt an, doch kein Schuss fällt. Das Gewehr hat Ladehemmung. Ein anderer Polizist kann dreimal mit seinem Gewehr schießen, dann versagt auch dieses Museumsstück.

Am Hotel Oberoi trifft die Polizei um 22.07 Uhr ein, am Taj bereits um 22.05 Uhr. Doch es sind nur acht Mann. Erst im Laufe der Nacht bekommen sie Verstärkung. Auch Spezialeinheiten werden entsandt, "Marcos", Marinekommandos. Sie haben nur Gewehre, kennen sich in Mumbai nicht aus und müssen sich von der Feuerwehr sechs Handscheinwerfer ausleihen, weil sie keine starken Taschenlampen dabeihaben. Sie können nicht viel mehr tun, als den Tatort absichern und warten.

Niemand scheint imstande, die Terroristen zu stoppen.

22 Uhr, Oberoi

Die Hand an der Kehle Die Terroristen halten Parikh und die anderen Geiseln mit ihren Kalaschnikows in Schach. Sie sortieren die beiden Frauen aus, stellen die 15 Männer nebeneinander mit dem Gesicht zur Wand. Apurva Parikh steht zwischen seinen beiden Freunden. "Setz dich langsam nieder", flüstert er dem Bauunternehmer zu. Die Terroristen schießen von der Treppe aus, ziehen die Salven von links nach rechts und von rechts nach links. Parikh spürt einen Treffer im Nacken und stürzt zu Boden. Seine Freunde und andere Männer fallen auf ihn, zuoberst liegt ein Sikh, dessen Turban sich löst und sich wie ein Leichentuch über sie legt. Überall fließt Blut, Parikh muss würgen.

Er versucht, seinen Kopf zu heben. Einer über ihm zischt: "Ruhe da unten!" Parikh hört, wie seine Freunde ihren letzten Atem aushauchen. Panik erfasst ihn. Er spürt etwas an seinem Hals, der Sikh drückt ihm die Kehle zu. Parikh beißt ihn in die Hand.

Die Terroristen kommen wieder den Gang entlang. Bevor sie mit den beiden Frauen verschwinden, schießen sie noch einmal. Zwei Kugeln erwischen Parikh am Rücken. Er versucht, seine Freunde anzusprechen. Keine Antwort. "Wir hätten besser doch ins Taj gehen sollen", denkt er.

22.10 Uhr, Taj Mahal Palace

Granaten und Trommelfeuer Ute Bernhard und Ralph Burkei wagen sich auf den Flur, wieder fallen Schüsse. Diesmal irgendwo in der Nähe. Sie flüchten zurück ins Zimmer. Ute Bernhard macht sich später Notizen über die bangen Stunden: "Es sind Schüsse und Handgranaten zu hören. Stimmen, Klopfen, Schreie. Stehen am Fenster, um irgendetwas zu erkennen. Sehen keine Polizei, kein Militär, nichts. Keine Sirenen, nichts. Hoffen auf die Dicke der Wände. Unsere größte Angst: dass jemand die Tür mit einer Handgranate durchbricht und uns einzeln erschießt. Suchen Zuflucht unterm Bett. Liegen ewig eng beieinander."

Momente ihres gemeinsamen Lebens gehen ihr durch den Kopf. Wie sie sich 2005 bei einem Abendessen in Berlin kennengelernt haben. Wie ihre Liebe sie beide traf, wie ein Blitz, unvorbereitet. Sie vor Kurzem geschieden, er noch verheiratet. Ein Ehemann, der vor seiner Frau kein Geheimnis um die neue Liebe macht. Und die Frau scheint es zu akzeptieren. Ute Bernhards 16-jähriger Sohn lebt bei ihrem Exmann. Demnächst will sie zu Burkei nach München ziehen, ihre Berliner Wohnung aufgeben. Den Neuanfang wagen.

"Plötzlich wieder Granaten und Trommelfeuer", notiert Ute Bernhard. "Sehe große Bedrohung durch Ausbruch von Feuer. Wir beraten uns. Ralph erkundet Möglichkeit, aus dem Fenster auf einen schmalen Sims zu steigen." Sie haben die Suite verbarrikadiert. Stühle, Tische, Nachttische vor die Tür gestellt. Licht aus, Fernseher aus. Anruf von der Rezeption: "Auf keinen Fall Tür aufmachen, auf Klopfen nicht reagieren."

22.20 Uhr, im Norden von Mumbai

Die Bombe unterm Sitz Aus dem Taxi ruft Lakshmi Narayan Goyal seinen Cousin an. Seine Stimme überschlägt sich, seine Erzählung ist wirr. Im Lauf des Gesprächs wird Goyal etwas ruhiger. Der Geschäftsmann aus Hydarabad hatte in Mumbai zu tun und wollte mit dem Nachtzug um 21.50 Uhr nach Hause fahren. Doch er verpasste den Zug und geriet mitten in das Massaker in der Victoria Station. Er blieb unverletzt und ist nun unterwegs zu dem Cousin im Mumbaier Vorort Kandavili, der gern bereit ist, ihn bei sich aufzunehmen. Dann ruft Goyal seine Tochter in Hydarabad. Er kündigt an, dass er über Nacht in Mumbai bleibt, schildert auch ihr die Schießerei und sein Glück, dem Anschlag entkommen zu sein. Um 22.48 Uhr bricht der Anruf abrupt ab. Als das Taxi durch den Stadtteil Vile Parle fährt, gut 15 Kilometer von der Victoria Station entfernt, explodiert der Sprengsatz, den die Terroristen bei ihrer Fahrt zum Bahnhof unter den Fahrersitz geschoben hatten. Taxifahrer Mohammed Umar Abdul Khalif, ein Muslim, kann nur anhand seines Führerscheins identifiziert werden, Goyal anhand von Geschäftsunterlagen aus seiner Tasche.

Kurz darauf fliegt das zweite Taxi in die Luft. Es hält gerade an einer roten Ampel in der Nähe des Hafens, als der Timer die Zündung auslöst. Der Fahrer und zwei Fußgänger sterben.

22.40 Uhr, Cama-Hospital

Das Baby muss warten Im Kreißsaal des Krankenhauses im 3. Stock liegt die 23-jährige Nasrin Sheikh. Die Wehen hatten schon vor Stunden eingesetzt, da ist sie noch zu Fuß den weiten Weg zum Hospital gegangen. Die staatliche Klinik ist für Mumbais arme Mütter kostenlos. "Hoffentlich ist es ein Mädchen", sagt die junge Muslimin, es ist ihre dritte Geburt.

Sie hört Krach auf der Straße. Eine Hochzeit, denkt Nasrin. Jetzt dröhnt das Geknalle durch das Krankenhaus. Khan und Amir sind durch den Hintereingang eingedrungen, haben die beiden dort postierten Wachmänner erschossen und den Fahrstuhlführer als Geisel genommen. Vom 6. Stock treiben sie ihn vor sich die Treppe hinunter. Von unten kommt ihnen ein Trupp Polizisten entgegen. Die Terroristen werfen Handgranaten, schwer verletzt liefern ihnen die Polizisten mehrere Minuten lang ein Feuergefecht.

Nasrin hört die Explosion im Kreißsaal. Ihre Wehen werden immer stärker. "Man sieht ja schon den Kopf ", sagt die Hebamme. In die Schüsse auf dem Flur mischen sich Schreie. "O Gott, Terroristen! Die wollen uns alle umbringen", ruft eine Schwester. Jemand macht das Licht aus, lässt die verängstigten Angehörigen anderer Frauen herein, die gerade entbunden haben. Die Tür wird von innen verbarrikadiert. Eine heftige Wehe schüttelt Nasrin. Da drückt die Hebamme mit aller Kraft das Baby zurück in ihren Bauch. Die junge Frau schreit auf vor Schmerz, ein Arzt hält ihr den Mund zu: "Sei ruhig, sonst werden wir alle sterben." Dann pressen sie der Gebärenden die Beine zusammen, geben ihr eine Spritze und schieben sie in ein unbenutztes Badezimmer. Eine Freundin stopft ihr ein Stück Stoff in den Mund. Nasrin betet stumm zu Allah.

Vor dem Hospital jagt der Antiterrorchef der Mumbaier Polizei mit einem Toyota-Qualis durch die Straße, um den Attentätern den Fluchtweg abzuschneiden. Neben ihm sitzen zwei seiner engsten Mitarbeiter, im Fond drängen sich vier einfache Polizisten. Ihnen haben die Superbullen den Geländewagen abgenommen. Als sie die Terroristen hinter einem Baum entdecken, feuern sie in James-Bond-Manier aus dem fahrenden Auto. Ismael Khan wartet kaltblütig ab. Dann tritt er aus der Deckung. Mit einer Salve durchsiebt er den Wagen. Die Terroristen zerren die drei Topbeamten aus dem Wagen, nehmen ihnen die Waffen ab, lassen sie sterbend auf der Straße liegen, preschen davon. Im Fahren schießen sie auf alles, was sich auf der Straße bewegt. Vermutlich ist es ein Querschläger ihrer eigenen Kugeln, der den Toyota stoppt. Plattfuß. Sie kapern kurzerhand das Auto eines jungen Inders und rasen weiter in Richtung Küstenstraße.

Dort nimmt ein unbewaffneter Motorradpolizist die Verfolgung auf, setzt seine Maschine vor den koda, stoppt ihn, reißt die Tür auf. Von einer Straßensperre 150 Meter weiter sind Polizisten hinzugeeilt. Sie töten Khan. Adschmal Amir hebt erst die Hände, wirft sich dann nach hinten und zieht die Kalaschnikow hoch. Acht Kugeln treffen den Motorrad- Cop in die Brust. Noch im Sterben drückt der den Lauf nach unten. Sein schwerer Körper fällt auf Amir, klemmt ihn im Auto ein. Ein Polizeivideo zeigt, wie die Polizisten den Attentäter anschließend aus dem Auto reißen, ihn zu Boden werfen und mit Schlagstöcken auf ihn einprügeln.

22.49 Uhr, Taj Mahal Palace,
Suite 622

Stille Post Burkei schickt eine SMS nach München, an Max Strauß, den Sohn von Franz Josef Strauß: "Wir sind hier im Hotel in Mumbai im 6. Stock, und im ganzen Hotel ist Schießerei, nichts geht mehr, und keiner weiß, was ist." Die gleiche Mitteilung geht an den Anwalt und Ex-CSU-Schatzmeister Aribert Wolf und später auch an einen Freund in Starnberg. Insgesamt 26 SMS versendet Ralph Burkei in dieser Nacht, oft parallel an mehrere Adressaten.

Der Freund in Starnberg ist der Einzige, der sofort reagiert. Bald tauscht Burkei im Fünf-Minuten-Takt SMS-Botschaften mit ihm aus. Nach und nach bekommen die Eingeschlossenen etwas Klarheit über ihre Lage. "Es gab Anschläge in mehreren Hotels, wir sollen uns im Zimmer verschanzen", flüstert Burkei.

Nur einmal traut er sich noch zu telefonieren, gegen Mitternacht ruft er den deutschen Konsul in Mumbai an, schildert ihre Lage, gibt ihren Standort durch. Minuten später eine neue Nachricht: Fünf-Sterne-Hotels sind betroffen, Kämpfe in der Lobby. Hintergründe sind noch unklar. In Deutschland ist es jetzt kurz nach 20 Uhr, Mumbai ist Topthema beim amerikanischen Nachrichtensender CNN: Terroranschläge! Die Kämpfe im Taj Mahal sind noch in vollem Gange. Bernhard und Burkei lesen die Mitteilungen schweigend. Auch aus Deutschland kommt immer wieder der Rat: Bleibt, wo Ihr seid, verhaltet Euch ruhig. Wer immer da draußen lauert, soll denken, das Zimmer sei unbewohnt. Zwischendrin meldet sich Burkeis Ehefrau Claudia: "Alles okay? Du bist doch in Goa?"

"Nicht mehr. Im Hotel verbarrikadiert, kann nicht telefonieren, will leise sein", antwortet Ralph Burkei. "Du hast wohl mit Abenteuerurlaub gebucht ...", schreibt seine Frau. Dann schaltet sie die Nachrichten ein, zwei Minuten später die besorgte Nachfrage: "Bist Du im Oberoi?" Antwort: "Nein, im Taj, wenige Meter neben uns ist gerade eine Bombe explodiert." Getöse und Rauch. Ute Bernhard und Ralph Burkei wissen nicht, woher der Qualm kommt, schließen vorsichtshalber die Fenster. "Im Fernsehen ist gerade ein Report von Eurem Hotel. Soldaten sind schon da", simst Claudia Burkei. Auch der Freund aus Starnberg meldet sich wieder: Angriffe auf Bahnhof und Hotels. Im Taj werden Attentäter im Pool-Bereich vermutet. "Unser Zimmer ist direkt über dem Pool", antwortet Burkei. "Gab es Tote?" 55 Menschen sind zu diesem Zeitpunkt tot, erfährt Burkei, mehr als 200 verletzt.

"Ich habe Dich unendlich lieb", schreibt Ute Bernhard ihrem Sohn per SMS nach Berlin. "Du weißt, wo meine Unterlagen sind - für alle Fälle."

Donnerstag, 27. November, 1.08 Uhr, Taj Mahal Palace

Telefon-Terror Während die Opfer heimlich SMS tippen, telefonieren die Täter zum Teil offen vor ihren Geiseln mit Anleitern in Pakistan. Die Terroristen haben neue SIM-Cards, die indische Mittelsmänner besorgten. Die Nummern haben sie erst in der Nacht der Anschläge aktiviert, kein Geheimdienst sollte sie vorher erfassen können. Für die Gespräche benutzen sie eine Internettelefonverbindung, die über vorgeschaltete österreichische Nummern zu einem virtuellen Anschluss in den USA führt und von dort nach Pakistan weitergeleitet wird. Oder umgekehrt von Pakistan zu den Terroristen. Die 238,78 Dollar für die österreichischen DID-Nummern (Direct Inward Dialing) überwies eine italienische Filiale der Western-Union-Bank, die auf internationalen Zahlungsverkehr spezialisiert ist. Der Einzahler des Betrags, so wird später ermittelt, hat sich mit pakistanischem Pass ausgewiesen. Für die virtuelle US-Nummer, ebenfalls eingerichtet beim Anbieter Callphonex, kommt das Geld über den Finanzdienstleister Moneygram im Auftrag eines "Mohammed Ashfaq" aus Pakistan.

Trotz der Verschleierungsversuche werden die Gespräche aufgezeichnet. Indische Behörden rühmen sich, die Nummern während der Attacke isoliert und die Terroristen belauscht zu haben. Tatsächlich wurden Inhalte der Telefonate erst publik, nachdem der US-Geheimdienst den Indern Material zur Verfügung gestellt hatte. Die Polizei veröffentlichte nur einige Auszüge daraus.

Um 1.08 Uhr, als Burkei die erste Antwort auf seine SMS bekommt, meldet sich bei den Attentätern im Taj einer der Hintermänner aus Pakistan.

Anleiter: "Wie viele Geiseln habt ihr?"
Terrorist: "Wir hatten einen aus Belgien, den haben wir getötet. Dann hatten wir einen Kerl aus Bangalore. Es hat einige Mühe gekostet, den unter Kontrolle zu bringen."
Anleiter: "Ich hoffe, unter denen ist kein Muslim?"
Terrorist: "Nein, keiner."
Beim nächsten Anruf um 1.26 Uhr geht es offenbar um die "Kuber" und ihren Kapitän.
Anleiter: "Was habt ihr mit dem Toten gemacht?"
Terrorist: "Zurückgelassen."
Anleiter: "Habt ihr die Verriegelungen für das Wasser unten nicht aufgemacht" (um das Schiff zu versenken)?
Terrorist: "Nein, wir haben die Verriegelungen nicht aufgemacht. Wir haben sie einfach so gelassen, denn wir waren in Eile. Wir haben einen großen Fehler gemacht."
Anleiter: "Welchen großen Fehler?"
Terrorist: "Als wir in das Boot gestiegen sind, waren die Wellen ziemlich hoch. Ein anderes Boot ist gekommen. Jeder war alarmiert, dass die Marine gekommen ist. Jeder ist schnell gesprungen. In diesem Durcheinander ist das Satellitentelefon von Ismail zurückgeblieben."
Während des Telefonats drängen die Hintermänner in Pakistan ihre Vollstrecker im Taj, die nächste Stufe des Terrors einzuleiten. Für die Gäste, die sich in ihren Zimmern verstecken, soll der Hotelpalast zur Hölle werden.
Anleiter: "Legt ihr Feuer oder nicht?"
Terrorist: "Ich werde gleich die Matratzen anzünden."
Elf Minuten später haken die Hintermänner nach:
Anleiter: "Versucht, den Ort in Brand zu stecken!"
Terrorist: "Wir haben in vier Räumen Feuer gelegt."
Anleiter: "Die Menschen sollen Hals über Kopf flüchten, wenn sie die Flammen sehen. Werft alle 15 Minuten oder so Handgranaten. Es wird sie terrorisieren."

3 Uhr, Taj Mahal Palace

Feuer unterm Dach Ute Bernhard und Ralph Burkei hören die Attentäter über sich im Dachstuhl rumoren. Dann kommen die Geräusche vom Flur im 6. Stock. Die Terroristen treten gegen die Türen. Bernhard und Burkei verstecken sich wieder unter dem Bett. Fünfeinhalb Stunden harren sie jetzt aus. 330 Minuten.

Aus Deutschland kommen aufmunternde Nachrichten. Truppen ziehen auf, es gibt einen Plan, das Hotel zu evakuieren. Burkeis Zweifel wachsen: "Wie sollen wir da rauskommen?" Wiederholt berichtet er in seinen SMS von Handgranatenexplosionen. Sein Freund spricht ihm Mut zu. "Ist lieb von Dir", antwortet Burkei, "aber jetzt ist die Bude voller Rauch."

"Der Rauch wird schlimmer", schreibt Ute Bernhard in ihren Notizen. "Ich gebe uns nasse Tücher und verstecke mich hinter der Gardine. Hämmern an der Tür. Sinke in die Ecke, bin gelähmt von der Vorstellung, was passieren wird." Um 3.15 Uhr setzt Burkei eine Reihe SMS ab. "Die Bude brennt, es ist aus."

3.15 Uhr, vor dem Hotel

Konsularischer Beistand Auch der deutsche Konsul bekommt Burkeis Nachricht. Martin Thümmel ist geschockt. Als sich der Münchner Medienunternehmer zum ersten Mal gemeldet hatte, wirkte er gefasst, bewies noch Galgenhumor: So habe er sich das Ende seiner Indienreise auch wieder nicht vorgestellt. Aber das war vor drei Stunden. Thümmel hat die gewaltige Explosion gehört, die inzwischen das Taj Mahal erschütterte. Er steht vor der Absperrung zu dem Luxushotel. Thümmel hat in dieser Nacht schon vieles organisiert, aber hier sind ihm die Hände gebunden.

Seit 22.05 Uhr ist der Konsul im Katastropheneinsatz. Aus der Nachbarschaft des Leopold holte er einen Deutschen ab, der dem Überfall auf das Café entkommen war. Eine Mafia-Fehde, vermutete Thümmel. Doch als er die Schüsse und Detonationen aus Richtung Taj hörte, rief er seinen Chef an. Generalkonsul Walter Stechel versetzte erst das gesamte Personal der deutschen Vertretung in Mumbai in Alarm, dann den Krisenstab in Berlin. Thümmel hastete zu Fuß zu dem Hotelpalast. Dort herrschte Panik. Auf den Handys der Konsulatsangehörigen liefen Hunderte von Gesprächen ein, Hilferufe von Touristen, bange Fragen aus Deutschland. Eine Gruppe pensionierter Verlagsmanager, die zum Glück anderswo gegessen hatten, können nicht in ihre Zimmer im Taj zurück. Der Generalkonsul bringt die elf bei sich und bei Mitarbeitern unter. Dann kümmert sich das Konsulat um die Deutschen, die mit anderen Gästen im Restaurant Indigo auf Anraten des Personals unter den Tischen liegen. Im Oberoi sitzen eine Crew der Lufthansa und zwei Frauen des Auswärtigen Amts fest. Im Taj hat sich die EU-Abgeordnete Erika Mann mit einem internationalen Pulk in eine Küche gerettet. Im Zodiac Grill sind über 40 Menschen eingeschlossen, darunter drei Deutsche, zwei Österreicher. Ein Münchner Touristik-Unternehmer sendet aus dem Restaurant eine Liste ihrer Namen. Martin Thümmel sieht den Rauch, der den 6. Stock des Taj einhüllt. Er weiß, dass Burkei und Bernhard jetzt in unmittelbarer Lebensgefahr sind.

3.20 Uhr, Taj Mahal Palace

Am Abgrund "Ralph ist jetzt souverän", notiert Ute Bernhard, "wirft seine geliebten Stofftiere Ewald und Bill - das kleine, braune Bärchen und den großen Affen mit der Banane - aus dem Fenster, damit sie nicht verbrennen. Befiehlt mir, ihm zu folgen. Er steigt aus dem Fenster. Ich hätte nie gedacht, dass das geht: über den Sims balancieren und dann die Wand hinunter."

Vier Stockwerke müssen sie nach unten, bis zum Betondach des Pool-Restaurants. Die Fassade hat kleine backsteinverzierte Nischen. In den Vertiefungen finden sie mit den Füßen Halt, an den Ziegeln mit den Händen. Doch zwischen den Etagen wölben sich breite Friese vor, die Überhänge vergrößern den Abstand zum nächsten Backsteintritt auf etwa zwei Meter.

"Ralph ist schon ziemlich weit unten. Schwarze Wolken kommen aus unserem Zimmer. Ich hänge an der Wand, atme die frische Luft. Von Stock zu Stock wird der Abstieg schwieriger. Ich bin zu klein. Kann mich nicht sicher festhalten. Er sagt: ,Lass dir Zeit.‘ Plötzlich höre ich ihn rufen: ,Ich springe jetzt.‘ Ein Schrei. Er wollte auf die Füße springen, kommt aber falsch auf. Hat fürchterliche Schmerzen. Sein Becken sei zertrümmert, ruft er: 'Ich spüre mein rechtes Bein nicht mehr. Ich werde wohl nie wieder laufen können.'"

Ute Bernhard steigt weiter ab. Sie ist eine sportliche Frau, war mehrfach Deutsche und Europa-Meisterin im Kickboxen, zweimal sogar Vizeweltmeisterin. "Komme von der vierten auf die dritte Etage nicht weiter", notiert sie später im Flieger nach Frankfurt, wo sie versucht, sich ihre Erinnerungen von der Seele zu schreiben. "Plötzlich werden Scheiben in mehreren Zimmern unter mir zerschlagen. Junge Männer hangeln sich die Regenrinne hinunter. Hilfeschreie von überallher. Hotelangestellte rufen von unten, ich soll in ihr Tuch springen, schätzungsweise zehn Meter in die Tiefe. Ralph fordert mich auf, langsam weiterzuklettern. Mit Mühe schaffe ich es. An der letzten Etage geht es nicht weiter. Eine Frau ist da an einem Fenster, kopfschüttelnd und panisch. Ich hätte das Fenster einschlagen und reingehen können, aber dann wäre ich von Ralph getrennt gewesen. Also bin ich doch gesprungen, aus zirka fünf Metern ins Tuch."

Doch das Tuch ist nur ein Bettlaken. Und die Männer können es nicht festhalten, Bernhard knallt mit dem Rücken auf das Betondach. "Endloser Schmerz … Robbe zu Ralph rüber."

Burkei hat Kontakt zu Konsul Thümmel, sucht nach Rettungswegen. Doch seine Brille ist zerbrochen, er kann sein Handydisplay nicht mehr lesen. Ute Bernhard hilft ihm, so gut sie kann. Plötzlich sind die beiden allein, sie fühlen sich wie auf dem Präsentierteller für die Terroristen. Die Hotelangestellten und die anderen Gäste sind verschwunden. Der 6. Stock des Taj brennt, Funken stieben, glühende Teile fallen herunter.

4 Uhr, vor dem Hotel

Keine Antwort Konsul Thümmel beschwört den Einsatzleiter der Feuerwehr, Burkei und die anderen Menschen auf der Rückseite des Taj zu retten. P. D. Karguppikar, 56, ein drahtiger Mann mit Errol-Flynn-Schnurrbart, ist seit 1 Uhr mit 300 Mann vor Ort. Immer wieder werfen die Terroristen Handgranaten auf sie. An der Vorderseite, wo die Feuerwehrleute Hebebühnen dicht an die Hauswand manövrieren können, gelingt es ihnen, Gäste aus dem Gebäude zu holen. Im Innenhof aber müssten sie über das angebaute Restaurant hinweg Leitern ausfahren - im Schussfeld der Kalaschnikows. Das will Karguppikar nicht riskieren.

Thümmel bearbeitet den Feuerwehrchef weiter. Gegen 6 Uhr willigt der ein, zusammen mit dem Konsul den Innenhof zu inspizieren. Sie schleichen bis an den Pool. Thümmel ruft mit gedämpfter Stimme Burkeis Namen. Keine Antwort. Kaum haben sich die beiden zurückgezogen, ruft Ute Bernhard an. Sie hat die anderen Gäste und Hotelangestellten in Zimmer 226 gefunden und konnte einige überreden, Burkei auf das Laken zu betten und durchs Fenster vorsichtig in den Raum zu heben. Nun will sie wissen, in welche Zimmer sie wechseln müssten, um von der Vorderseite evakuiert zu werden. Thümmel fragt Karambir Singh Kang, den Generalmanager des Taj. Auch er steht vor dem Hotel, auch seine Frau und seine beiden Söhne sind in dem 6. Stock - verbarrikadiert in einem Badezimmer. Er empfiehlt Nummer 219 oder 220, von dort müsste es möglich sein, Burkei zu bergen.

5.45 Uhr, Taj Mahal Palace

Das falsche Zimmer Irgendwo draußen fallen Schüsse. Die Leute wollen aus Zimmer 226 nicht weg. Ute Bernhard ist verzweifelt. Was nützt ihr die Information, wenn ihr keiner hilft, Ralph Burkei in Zimmer 219 oder 220 zu tragen. Ein Hotelangestellter meldet sich. Er weiß, wo 220 ist. Jetzt folgen alle. Sie schleppen Burkei im Laken mit, steigen durch ein schmales Fenster. In Zimmer 220 riecht es nach Rauch. "Lasst ihr mich hier verbrennen?", fragt Burkei. "Nein", sagt seine Partnerin, "ich bring dich hier raus." Doch auch 220 ist ein Zimmer zum Innenhof. Der Manager hat sich in der Aufregung offenbar vertan.

"Ralph hat wahnsinnige Schmerzen, verlangt Morphium", notiert Ute Bernhard. "Weitere Telefonate." Zimmer 252 soll die Rettung bringen. Sie müssen über den Flur, durch knöcheltiefes Wasser. Neben seinem Sturmgewehr liegt ein toter Terrorist auf dem Boden. Ute Bernhard muss eine Feuerwehrleiter hinuntersteigen, Burkei wird schließlich mit einer Hebebühne aus dem 1. Stock geholt. Mit Mühen bugsieren ihn Sanitäter in einen kleinen Krankenwagen, sie sitzt halb liegend daneben und hält seine Hand. "Ich glaube, ab da hat Ralph den Schmerz besiegt", schreibt sie. "Er lächelte, als durchschreite er etwas."

Am Morgen danach

6.53 Uhr, Hotel Trident/Oberoi - Als über Mumbai die Sonne aufgeht, liegt Apurva Parikh noch immer unter den Toten begraben. Der Bauunternehmer hört Stimmen. Männer nähern sich. Mit einer Kamera filmen sie den Leichenberg. Mit einem Handy machen sie Fotos. Einer sagt: "Vier schlafen wohl nur." Doch nichts weiter geschieht.

Parikh weiß, dass außer ihm noch drei weitere Geiseln überlebt haben. In der Nacht haben sie sich gegenseitig Mut zugeflüstert. Sie warten noch lange, bis sie sich trauen aufzustehen. Sie schnappen kurz frische Luft, reichen sich die Hände. Der Sikh entschuldigt sich, dass er Parikh die Kehle zudrückte. Der Bauunternehmer hat viel Blut verloren, die Treffer am Genick und am Rücken waren nur Streifschüsse, doch eine Kugel steckt noch in der Hüfte. Die vier müssen sich wieder verkriechen, denn immer noch sind Terroristen im Hotel. Es wird noch 24 Stunden dauern, bis Antiterroreinheiten sie aus einem Geräteraum befreien. Bis auch die Lufthansa-Crew und die Mitarbeiterinnen des deutschen Außenministeriums aus dem Oberoi geführt werden, gezeichnet von 30 Stunden in ständiger Angst.

7.45 Uhr, Breach Candy Hospital. Eine halbe Stunde nach seiner Rettung aus dem Taj stirbt Ralph Burkei. Lange noch versuchen die Ärzte, ihn mit Herzmassagen ins Leben zurückzuholen, doch es ist zu spät.

9.30 Uhr, Hotel Taj Mahal. Spezialeinheiten stürmen das Hotel, erlösen Gäste, die sich noch versteckt halten. Im 6. Stock, wo das Feuer, genährt von der stilvollen Holzvertäfelung, so heftig wütete, hielten die dicken Zimmertüren stand. Frau und Söhne des Hotelmanagers hätten im Badezimmer überleben können. Doch sie werden auf dem Flur gefunden, erschossen. Suite 622 allerdings, die von Bernhard und Burkei, brannte vollständig aus.

10 Uhr, Nariman-House. Sandra Samuel saß die ganze Nacht wie paralysiert hinter dem Kühlschrank. Auch Chaky hat sich regungslos in die Ecke gekauert. Ein Wimmern löst Sandra aus ihrer Erstarrung. Moshe! Sie hört den Kleinen im 2. Stock. Wie ist er von seinem Bett bloß die vielen Treppen heruntergekommen? Sie tastet sich nach oben. Die Treppe ist von Trümmern übersät. Der Zweijährige steht bei seiner Mutter, sein Vater liegt neben ihr in einer Blutlache, unter einem Tisch ragen die Beine eines Mannes hervor. Sandra schnappt Moshe, packt im Davonrennen seine Puppe, die auf einem Schutthaufen liegt, macht Chaky Dampf, der ihr nun folgt. Mit dem Kind auf dem Arm flieht sie aus dem Haus.

Um das jüdische Zentrum entbrennt ein zäher Krieg. Spezialeinheiten gehen in Stellung. Die Terroristen wehren eine Angriffswelle nach der anderen ab, töten und verletzen mehrere Polizisten und Soldaten. Während der Belagerung gibt einer der Attentäter dem TV-Sender India News ein Telefoninterview. Er wird live auf Sendung geschaltet, obwohl an ihm alle Fragen des Moderators abprallen. Der Anrufer spult stur sein Statement ab, einen pathetischen Aufruf an indische Muslime, sich gegen die Hindu-Unterdrücker zu erheben. Ganz im Stil der Bekenner-E-Mail einer Gruppe angeblicher "Deccan-Mujahedin", die von einem russischen Server abgesetzt wurde und die Anschläge als Werk von Islamisten des Hochplateaus in Zentralindien erscheinen lassen sollte. Nicht nur India News, auch viele andere der 70 konkurrierenden Stationen in Mumbai machen sich mit ihrer Sensationsgier zu Handlangern der Terroristen. Die können ihre Handgranaten gezielt dahin werfen, wo den TV-Bildern zufolge Polizei und Feuerwehr aufziehen. Aus dem indischen Fernsehen erfahren die Hintermänner in Pakistan, dass sich drei Minister und ein Kabinettssekretär im Oberoi aufhalten. Per Telefon geben sie dem Kommando den Auftrag zur Geiselnahme: "Findet die drei, vier Personen, und dann verlangt von Indien, was immer ihr wollt." Auch die Attentäter im Nariman- House sind durch TV-Berichte übereifriger Reporter vorgewarnt: Als sich Antiterrortruppen vom Hubschrauber abseilen und übers Dach eindringen wollen, landen sie in einem Hagel von Handgranaten.

Die "Black Cats" werden das jüdische Zentrum schließlich auf ihre Art befreien. Die Spezialeinheit der Nationalgarde erklärt den Rabbi, seine Frau und ihre paar Gäste, die nach der Flucht von Sandra, Moshe und Chaky noch im Haus waren, für tot. Dann feuern die Antiterrortruppen Raketen in das Gebäude.

14 Uhr, Deutsches Generalkonsulat. Neben Burkei sind noch zwei weitere Deutsche ums Leben gekommen - Daphne, 67, und Jürgen S., 68, Rentner aus dem niederrheinischen Goch starben im Leopold. Für die Überlebenden beginnt der Kampf mit der Bürokratie. Bei der deutschen Vertretung melden sich 38 Hotelgäste ohne Pass. Die indische Visa-Stelle in Mumbai verlangt persönliches Erscheinen mit vier Passfotos. Bitte ausschließlich während der Amtszeit von 10 bis 14 Uhr. Eine Zumutung für die verstörten Touristen, die alles verloren haben. Generalkonsul Walter Stechel schaltet die deutsche Botschaft in Neu- Delhi ein. Nach deren Intervention stimmen die indischen Beamten einer Ausnahmeregelung zu und machen sogar Überstunden.

21 Uhr, Sahar International Airport. Mit einer Sondermaschine der Lufthansa starten die ersten Terroropfer Richtung Heimat. Desirée Baumann ist an Bord, sie und ihre Crew fliegen diesmal als Passagiere. Auch Ute Bernhard hat es noch geschafft, den Flieger zu erreichen, obwohl ihr nacheinander der Krankenwagen und ein eigens bestelltes Taxi davongefahren waren. Sie darf nur liegend transportiert werden. In einem Frankfurter Krankenhaus stellt sich später heraus, dass sie vier Lenden- und Brustwirbel gebrochen hat. Sie werden mit Platinstäben stabilisiert.

Samstag, 30. November, 8 Uhr, Crime Department. Adschmal Amir hat sich von den Prügeln im Polizeigewahrsam einigermaßen erholt. Jetzt übernehmen Spezialisten des indischen Geheimdienstes das Verhör.

Die Beamten, die den Terroristen zuerst in die Finger bekommen hatten, waren brutal, konnten aber kaum mehr als den Namen aus ihm herausholen, und selbst der war falsch. Azam Amir Kasav, schrieben sie in ihren Bericht, und später Mohammad Ajmal Amir Kasab. Doch sie hatten ihn nach der Kastenzugehörigkeit gefragt. Und aus seiner Antwort "Qasai" - Metzger - den in Indien häufigen Kastennamen "Qasab" abgeleitet. Die Leute vom Geheimdienst versorgen erst einmal die Wunden des Häftlings. Dann setzen sie ihn unter Drogen, spielen ihm die flehende Stimme einer Frau vor - angeblich seine Mutter. Adschmal Amirs Widerstand bricht zusammen. Er packt aus.

Der 21-Jährige erzählt von seiner Jugend in Faridkot, einem kleinen Ort in Pakistan. Von seinem Vater, der mit Knabbersachen, die er von einer Karre verkauft, seine Frau und die fünf Kinder nicht ernähren kann. Mit 18 haut Amir zum zweiten Mal ab von zu Hause. Schlägt sich mit kleinen Diebstählen und Einbrüchen durch. Als er versucht, an Waffen zu kommen, gerät er in Kontakt zu der verbotenen Terrororganisation Laschkar-e-Taiba (LeT). Auf einem Markt in Rawalpindi rekrutiert ihn einer der Islamisten. Amir schwärmt von dem gepflegten Rasen im ersten Camp, das er durchläuft. Es liegt versteckt auf einem weitläufigen Gelände des Wohlfahrtsverbands Jamaat ud-Dawa, der schon lange als Tarnadresse der LeT gilt. Der Eifer des Jungen überzeugt die Ausbilder. Die nächste Trainingseinheit leitet Zaki ur-Rahman Lachwi. Die ideologische Unterweisung erteilt LeT-Gründer Mufti Hafiz Muhammad Said.

Das Ziel der Anschläge erfahren die Jungterroristen erst Mitte September 2008. Von da an werden sie von der Außenwelt abgeschottet. In einem Haus nahe Karatschi studieren sie im Internet den Stadtplan von Mumbai, sehen Videos von den Sehenswürdigkeiten der Stadt, vom Bahnhof, von den Hotels - und träumen davon, Tausende Inder zu töten.

Nachlese

Am Tag nach den Anschlägen entdeckt ein Hubschrauber der Küstenwache die "Kuber". Der Fischkutter treibt im Meer. Unter Deck liegt die Leiche des Kapitäns Solanki. Im Taj Mahal Palace sammelt die Polizei vier Kalaschnikows ein, acht Magazine, drei Pistolen und 27 Handgranaten, die nicht detoniert sind.

Von den zehn Sprengsätzen der Terroristen haben vier versagt. Die zwei am Taj Mahal Palace kann die Polizei entschärfen. Die Bombe am Oberoi wird unter einer Schutzdecke kontrolliert gezündet. Der vierte Sprengsatz wird Tage später gefunden - in einem Rucksack in der Gepäckaufbewahrung der Victoria Station.

Nasrin Sheikh wird aus dem Cama-Hospital entlassen. In der Nacht um 2.15 Uhr hatte sie ihre Tochter Daulati doch noch gesund zur Welt gebracht.

Am 15. Dezember fliegt Ute Bernhard mit einer Stützmanschette um den Oberkörper zur Totenmesse für ihren Lebensgefährten. Ralph Burkei wird in der von ihm selbst erbauten Kapelle neben seinem Wohnhaus im Salzburger Land beigesetzt. In einem Hotel treffen sich Familie, Freunde und Bekannte, um bei einem Essen Abschied zu nehmen. Burkeis Ehefrau Claudia lädt auch die Partnerin ihres Mannes dazu ein. Ute Bernhard vermutet, dass Ralph Burkei an inneren Blutungen gestorben ist. Das Ergebnis der Obduktion erfährt sie nicht. Der Bericht geht nur an die Familie. Kurz vor Weihnachten besucht Jasper die Stewardess Desirée Baumann in deren Heimatort bei Nürnberg. Hin und wieder schreiben sich die beiden noch E-Mails.

Am 30. Dezember wird auf dem Ölberg in Jerusalem ein vierjähriges Kind beerdigt. Dov, Sohn von Rabbi Gavriel und Riwka Holtzberg - Moshes Bruder. Er hatte unter einem Gendefekt gelitten, wurde in Israel in einem Heim behandelt. Die Großeltern kümmerten sich um ihn. Bei ihnen lebt nun Moshe. Auch Sandra, das Kindermädchen, wohnt mit im Haus. Sandra will bei Moshe bleiben, ihrem Baby. "Bis er sich selbst versorgen kann", sagt sie.

Namas Bhojani, Nadeem Aslam Chaudhry, Rupp Doinet, Teja Fiedler, Markus Flohr, Steffen Gassel, Peter Meroth, Tilman Müller, Bajjeet Parmar, Asim Rafiqui, Ashwin Raman, Joachim Rienhardt, Kerstin Schneider, Swantje Strieder, Megha Swamy, Jay Ullal, Sascha Zastiral

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 08/2009

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