Deal mit Todesfolge

17. September 2007, 22:02 Uhr

Vor 20 Jahren starb der zurückgetretene Ministerpräsident von Schleswig- Holstein Uwe Barschel in einem Genfer Hotel. Ein neues Buch zeigt jetzt die Hintergründe. Im Mittelpunkt: eine marode Werft, Schmiergeld-Millionen und die Waffenwünsche eines Regimes, das über Leichen ging. Von Peter Sandmeyer

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So fand ein stern- Reporter am 11. Oktober 1987 den toten Uwe Barschel in der Badewanne des Zimmers 317 im Hotel "Beau-Rivage"©

Leiche Nr. 288 des Jahres 1987 war für die Genfer Kriminalpolizei kein Routinefall. Der Tote lag bekleidet in der Badewanne eines Hotelzimmers, er war von einem Reporter des deutschen Magazins stern entdeckt worden, er hieß Uwe Barschel, und er war bis vor wenigen Tagen Ministerpräsident von Schleswig-Holstein gewesen. Der Fall war delikat. Dennoch schien seine Beurteilung relativ einfach. "Keine Gewaltspuren, kein Blut", hielten aus Kiel zum Tatort geeilte Kripobeamte in ihrem Notizbuch fest. Auch die Genfer Polizisten sahen keine Anzeichen für ein Verbrechen und formulierten als Fazit ihrer Untersuchung: "Verdacht auf Selbstmord". Die Gerichtsmediziner fanden nichts, was diese Vermutung infrage hätte stellen können: Der Körper, der am Sonntag, dem 11. Oktober 1987, um 18 Uhr begutachtet wurde, wirkte äußerlich unversehrt; und das Ergebnis der toxikologischen Un- tersuchungen von Mageninhalt, Blut und Urin bestätigte die Erwartung: "Tod infolge von Vergiftung".

Auch ein Motiv für den angenommenen Suizid war schnell gefunden. Der Politiker war zurückgetreten, nachdem der "Spiegel" angebliche "schmutzige Wahlkampftricks" enthüllt hatte. Barschels Medienreferent Reiner Pfeiffer hatte behauptet, im Auftrag des Regierungschefs Detektive angeheuert zu haben, um das Privatleben des SPD-Kandidaten Björn Engholm auszuforschen; außerdem habe er versucht, dessen Steuermoral in Zweifel zu ziehen und ihm eine Aids-Infektion anzudichten. Danach hatte sich auch noch herausgestellt, dass der in die Enge getriebene CDU-Politiker für seine Gegenoffensive eigene Mitarbeiter zu falschen eidesstattlichen Versicherungen angestiftet und selbst ein falsches Ehrenwort abgegeben hatte. Jetzt war er diskreditiert, ehrlos, gescheitert. Ein Freitod als Konsequenz schien naheliegend. Und die mysteriösen Notizen, die der Tote hinterließ, wurden ihm ebenso wie das merkwürdige Spurenbild in seinem Hotelzimmer als vorsätzliche Verschleierung angerechnet. "Ein kalter Machtmensch inszeniert seinen Selbstmord als Mord, um Zwietracht in seinem Land zu säen", urteilte die Schweizer Tageszeitung "La Suisse".

Komplott gegen Barschel bewiesen

Die anklagenden Worte seiner Frau Freya und seines Bruder Eike, die gleich nach dem Auffinden der Leiche von einer Falle und von Mord gesprochen hatten, fanden kein Gehör. Die Akte der Lübecker Staatsanwaltschaft wurde geschlossen. Zwanzig Jahre sind seither vergangen. Zwanzig Jahre, in denen die erste Lesart vom Aufstieg und Ende des Uwe Barschel Schritt für Schritt revidiert werden musste. Zuerst wurde die Glaubwürdigkeit des Hauptbelastungszeugen erschüttert. Der "kontaktfreudige Vollblutjournalist" (Pfeiffer über Pfeiffer) erwies sich nicht nur als Wichtigtuer, sondern war nach Einschätzung des Kieler Landgerichts derart verlogen und unglaubwürdig, dass die Richter die Eröffnung eines Verfahrens, das sich auf ihn stützten sollte, rundweg ablehnten. Pfeiffers detailreiche Erklärung über die angeblichen Schmuddelaufträge seines Chefs Uwe Barschel war zum Teil erlogen, zum Teil nicht beweisbar, seine Erzählungen erwiesen sich weitgehend als Schwindel. Die 165.000 D-Mark Honorar, die der "Spiegel" seinem Kronzeugen gezahlt hatte, waren eine Fehlinvestition.

"Wenn Barschel zurückgekommen wäre, dann wäre ich ausgewandert", gestand Pfeiffer später ein. Die fünf Druckseiten umfassende "Spiegel"-Titelgeschichte, die auf seiner Darstellung basierte, ist schon lange aus den Archiven entfernt worden und für die Öffentlichkeit gesperrt Als Nächstes platzte die Legende vom unschuldigen Opfer. Björn Engholm war frühzeitig über die Machenschaften informiert gewesen. Sein Pressesprecher, Klaus Nilius, hatte konspirativ mit Pfeiffer zusammengearbeitet; Engholms Sozialminister Günther Jansen hatte den Barschel-Mitarbeiter später sogar heimlich mit 50.000 D-Mark belohnt. Jansen trat zurück, auch Engholm - inzwischen Ministerpräsident und SPD-Bundesvorsitzender - warf 1993 das Handtuch. Niemand hatte Barschels Behauptung eines Komplottes gegen ihn geglaubt. Doch plötzlich war dieses Komplott bewiesen. Damit war aber auch die These erschüttert, sein Tod sei das Eingeständnis eigener Schuld, ein "Bilanz-Selbstmord". Schon 1992 hatte sich der stern des Falles Barschel erneut angenommen. Die Rechercheergebnisse und weitere toxikologische Gutachten sprachen für das, was Barschels Witwe und sein Bruder immer wieder beteuert hatten: Der Tod des Politikers sei kein Selbstmord gewesen.

"In diesem Raum hat ein Kampf stattgefunden"

Denn die vier chemischen Substanzen, die zu seinem Ende geführt hatten, waren nicht gleichzeitig aufgenommen worden. Als dem Körper das tödliche Schlafmittel Cyclobarbital zugeführt wurde, mussten die anderen Wirkstoffe Barschel schon in einen narkotischen Dämmerzustand versetzt haben. Unter diesen war auch Pyrithyldion, ein Medikament, das seit 1983 in der Bundesrepublik nicht mehr zugelassen und 1987 weder auf Gran Canaria, Barschels Urlaubsort, noch in der Schweiz erhältlich war. Der Stoff war aus guten Gründen aus dem Verkehr gezogen worden: In den 60er und 70er Jahren hatten Kriminelle ihn als K.-o.-Tropfen benutzt, um ihre Opfer bewusstlos zu machen. 1993 leitete dann die Lübecker Staatsanwaltschaft ein "Todesermittlungsverfahren Uwe Barschel" ein. Erst jetzt konnte sie den liegengebliebenen alten Hinweisen nachgehen und nach neuen suchen; sie ließ die Asservate aus dem Genfer Hotelzimmer noch einmal akribisch untersuchen und wertete die Indizien und Spuren am Tatort erneut aus. Nach drei Jahren Ermittlungsarbeit war sich der Leiter der Ermittlungsgruppe, der ebenso erfahrene wie nüchterne Staatsanwalt Sönke Sela, sicher: "In diesem Raum hat ein Kampf stattgefunden."

Vieles spricht dafür, dass es in der Nacht vom 10. zum 11. Oktober 1987 im Zimmer 317 des "Beau-Rivage" zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen ist: schon die Tatsache, dass der Tote in der Badewanne noch Portemonnaie, Bargeld, Kreditkarten und Schlüssel in den Hosentaschen hatte; dann ein abgerissener Hemdknopf; der eine Schuh, zugeschnürt vor der Zwischentür zum Zimmer liegend, der andere Meter weiter weg, vor der Badewanne, durchnässt und geöffnet; ein Handtuch, verschmutzt mit einer Substanz, die nicht aus dem Hotelzimmer stammen konnte; Schleifspuren auf dem Badevorleger; eine Rotweinflasche, die Barschel beim Zimmerservice bestellt hatte und die spurlos verschwand; die Tatsache, dass keine Fingerabdrücke gesichert werden konnten, alle Gegenstände waren sorgfältig abgewischt; zwei Weingläser, das eine mehrfach zerbrochen im Abfalleimer, das andere gesäubert auf dem Marmor des Waschtischs; ein Whiskey-Fläschchen aus der Minibar, das mit Wasser ausgespült worden war, in dem man aber trotzdem Reste das Wirkstoffes Diphenhydramin feststellen konnte - eine der Substanzen, die im Leichnam Barschels gefunden wurde; der Verlauf seiner Vergiftung; und schließlich ein anfangs übersehenes und nicht erklärbares Hämatom am Hinterkopf des Toten. Alle Merkmale sprachen für Mord.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 38/2007

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