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CIA: Die tödlichen Fehler des US-Geheimdienstes I

Amerikas Agenten hätten die Anschläge vom 11. September verhindern können. CIA und deutsche Ermittler hatten einige Attentäter seit Jahren im Visier. Doch Konkurrenzkampf und Bürokratie kosteten 3066 Menschen das Leben.

Von Oliver Schröm und Dirk Laabs

Washington, 11. September 2001

CIA-Direktor George Tenet sitzt gegen 8.50 Uhr beim Frühstück im St. Regis Hotel, nur wenige Häuserblocks vom Weißen Haus entfernt. Mit am Tisch David L. Boren, der frühere Senator von Oklahoma, ein alter Freund und Förderer.

Ihm verdankt Tenet seinen Aufstieg wie kaum einem anderen. Der CIA-Direktor spricht wieder mal über sein Lieblingsthema: Osama bin Laden. Boren sorgt sich um seinen Schützling. Halb Washington zerreißt sich bereits das Maul über ihn, weil er seit Monaten vor Anschlägen warnt, ohne Beweise präsentieren zu können.

"Mr. Director, es gibt ein ernstes Problem."

Tenet räumt ein, dass er sich immer wieder geirrt hat. So hatte er für den 4. Juli, Amerikas Nationalfeiertag, einen Anschlag vorhergesagt. Damals sei nichts passiert, aber Osama bin Laden bringe ihn dennoch um den Schlaf. Das Gespräch wird jäh unterbrochen. Sicherheitsbeamte stürzen in den Frühstücksraum. "Mr. Director", sagt einer von ihnen, "es gibt ein ernstes Problem."

"Was ist denn?", fragt Tenet. Der Sicherheitsbeamte zögert. Tenet macht ihm ein Zeichen, dass er auch in Borens Anwesenheit offen sprechen könne. "Ein Turm des World Trade Center ist angegriffen worden." Ein anderer Leibwächter hält Tenet ein Handy hin. Der ruft sofort in der CIA-Zentrale in Langley an und erkundigt sich nach Details.

"Sie haben die Maschine direkt ins Gebäude gelenkt?", fragt er ungläubig. Er beordert seine engsten Mitarbeiter in den Konferenzraum und will selbst in 15 Minuten da sein. "Das sieht ganz nach bin Laden aus", sagt Tenet zu Senator Boren. Ohne dessen Reaktion abzuwarten, denkt der CIA-Chef laut nach: "Ich frage mich, ob es etwas mit dem Kerl zu tun hat, der eine Pilotenausbildung gemacht hat."

Hamburg, Dezember 1999

Thomas Volz ist bei seinen deutschen Kollegen nicht sonderlich beliebt. Wenn der gedrungene CIA-Agent wieder einmal in dem grauen Gebäude im Hamburger Johanniswall 4 vorbeischaut, verdrehen die Verfassungsschützer nur die Augen. "Der Kleine sitzt wieder beim Chef", sagen sie hinter vorgehaltener Hand.

Der CIA-Agent erhofft sich Unterstützung bei seinen Ermittlungen in der Islamistenszene der Hansestadt. Volz behandelt die Hamburger Geheimdienstler herablassend. Er lässt sie spüren, dass er sie für Tölpel hält. Darum halten sich die Deutschen mit Informationen zurück.

Der Geschäftsmann Mamoun Darkazanli

Der CIA-Agent ist erst seit ein paar Monaten in Hamburg. Offiziell ist Volz am amerikanischen Konsulat akkreditiert. Das strahlend weiße Konsulatsgebäude liegt direkt an der Außenalster. Hier wissen die wenigsten, was Volz wirklich tut. Er ist eine unauffällige Erscheinung, klein von Statur. Aber wenn sich Volz erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, verfolgt er dieses Ziel unerbittlich. Diesmal heißt es, Mamoun Darkazanli "umzudrehen".

Darkazanli ist in Syrien geboren. Der 41-Jährige lebt jedoch seit langem in Hamburg und besitzt mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft. Mit seiner deutschen Ehefrau wohnt er in einem gelb gestrichenen Mehrfamilienhaus am Uhlenhorster Weg, auf der anderen Seite der Außenalster. Seine Privatanschrift dient auch als Geschäftsadresse, und unter dieser meldete er 1993 die "Mamoun Darkazanli Import-Export Company" bei der Handelskammer an. Der Syrer betreibt danach Handel mit Waren aller Art, bevorzugt Maschinen und Elektrogeräte. Seit zwei Jahren ruht das Gewerbe.

Seit 1993 beobachtet die CIA die Islamistenszene in Deutschland. Und seit dieser Zeit hat die "Firma" auch Darkazanli im Auge. Bei Mitgliedern der Terror-Organisation al Qaeda haben die Amerikaner in Afrika die Hamburger Adresse des Syrers gefunden. Seit eineinhalb Jahren interessiert sich die CIA verstärkt für Darkazanli. Im August 1998, nach den Anschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam, sind CIA-Ermittler auf eine Spur gestoßen. Einer der Drahtzieher der Anschläge, bei denen 224 Menschen getötet und mehr als 4500 verletzt worden waren, konnte bald verhaftet werden. Es handelte sich um einen Libanesen mit US-amerikanischer Staatsbürgerschaft.

Ein alter Bekannter von bin Laden

Der Libanese war ein alter Bekannter von Osama bin Laden. In den USA hatte er zur Tarnung ein Im- und Exportgeschäft aufgezogen und mit gebrauchten Autoreifen gehandelt. Bei seiner Verhaftung fiel den US-Behörden seine Visitenkarte in die Hände. Darauf hatte der libanesische Autohändler als Geschäftsanschrift eine Adresse in Hamburg angegeben. Es war die von Mamoun Darkazanli.

Zur gleichen Zeit stolperten die US-Agenten noch ein zweites Mal über den Syrer. Wegen der Anschläge auf die US-Botschaften verhaftete das Bundeskriminalamt (BKA) am 16. September 1998 im bayerischen Grüneck den mutmaßlichen Finanzchef Osama bin Ladens. CIA und FBI hatten den Mann um die halbe Welt verfolgt. Als er schließlich nach Deutschland einreiste, bat man das BKA um Amtshilfe. Die Beamten nahmen den Mann fest und lieferten ihn den US-Ermittlern aus.

Das LKA muss ihn laufen lassen

Vom Finanzchef bin Ladens führte ebenfalls eine direkte Spur zu Darkazanli. Der Syrer hatte für ihn bei der Deutschen Bank in Hamburg bis 1997 ein Konto unterhalten. Sollten über dieses Konto Gelder der al Qaeda gewaschen oder gar Terroranschläge finanziert werden? Darkazanli gab sich unschuldig. Gegenüber dem Hamburger Landeskriminalamt (LKA) räumte er zwar ein, den Verhafteten zu kennen, gab aber an, von dessen terroristischem Hintergrund nichts gewusst zu haben.

Das Konto sei nur zum Kauf einer Sendeanlage für den Sudan eingerichtet worden. Dieses Geschäft sei aber nie zustande gekommen. Das LKA hatte nichts gegen Darkazanli in der Hand und musste ihn laufen lassen. Die CIA hingegen hielt Darkazanli von da an für einen wichtigen Knotenpunkt im Netzwerk der Terroristen um Osama bin Laden.

Langley, Virginia, Mitte Dezember 1999

Seit den Anschlägen auf die US-Botschaften steht die CIA unter Erfolgsdruck. Die Attentate vor eineinhalb Jahren haben den Geheimdienst kalt erwischt. Dabei hatte Osama bin Laden die USA gewarnt: "Ich prophezeie Amerika bald einen schwarzen Tag", hatte er kurz zuvor in einem Fernsehinterview mit dem US-Sender ABC gesagt. Aber in Langley, im Hauptquartier der CIA, hatte man den Worten des saudischen Multimillionärs keinen Glauben geschenkt.

Der mächtigste Mann der Geheimdienstgemeinde

Und nun muss George Tenet um seinen Job fürchten. Erst 1997 war er zum Director of Central Intelligence ernannt worden und damit zum mächtigsten Mann in der amerikanischen Geheimdienstgemeinde aufgestiegen. Der Sohn griechischer Einwanderer hat einen für diesen Job ungewöhnlichen Werdegang. Er ist kein gelernter Nachrichtendienstler, sondern ein typischer Karriere-Beamter, wie man sie im Dunstkreis von Capitol und Weißem Haus findet. Altgediente CIA-Veteranen begegnen ihm deshalb meist skeptisch.

Von seinen Agenten fordert Tenet nach dem Desaster in Ostafrika deshalb einen Kurswechsel bei der Terrorismusbekämpfung: "Mit unseren Anstrengungen, die wir gegen Osama bin Laden unternehmen, müssen wir nun in eine neue Phase übergehen. Bislang war unsere Arbeit bemerkenswert und in einigen Fällen durchaus heroisch; bis zu dem Tag, den wir als jenen anerkennen müssen, an dem uns ein unabwendbarer Schlag zugefügt wurde, dessen Auswirkung vielleicht größer war, als wir vorher erwartet hatten", schreibt Tenet. "Wir sind nun im Krieg, und ich werde in diesem Krieg weder an Personal noch an Ressourcen sparen."

Der Plan: mehr menschliche Quellen

Der Chef lässt eine Strategie ausarbeiten, wie man am besten der neuen Art von Terrorismus begegnen könne. Das Strategiepapier nennt er schlicht "der Plan". Demnach soll die CIA in ihrem Kampf gegen al Qaeda wieder verstärkt auf Human Intelligence (HUMINT), so genannte "menschliche Quellen", zurückgreifen. Der "Plan" sieht sogar vor, das Terrornetzwerk durch eigene Undercover-Agenten zu unterwandern. Eine sehr kostspielige und zeitaufwendige Angelegenheit, denn in der CIA gibt es zu diesem Zeitpunkt kaum jemanden, der fließend Paschtu oder Arabisch spricht.

Im Dezember 1999 ist vom "Plan" noch nicht viel in die Tat umgesetzt. Dabei häufen sich in Langley die Meldungen, dass al Qaeda nun auch Anschläge innerhalb der USA plane. Die CIA hat allen Grund, die Warnungen diesmal ernst zu nehmen. Durch Zufall ist der Polizei erst vor wenigen Tagen an der Grenze zu Kanada ein Al-Qaeda-Aktivist mit 50 Kilogramm Sprengstoff ins Netz gegangen. Der Mann war unterwegs nach Los Angeles, wo er während der Millenniumsfeierlichkeiten einen Bombenanschlag auf den internationalen Flughafen verüben sollte. In Langley herrscht seitdem höchste Alarmstufe.

Bereits am 11. Dezember hat ein CIA-Agent ein Eiltelegramm an die Zentrale nach Langley geschickt. Darin empfiehlt er, das Außenministerium sowie die Einwanderungsbehörde und die Bundespolizei, das FBI, zu bitten, alle als Terroristen identifizierten Personen auf ihre Fahndungsliste zu setzen, auch wenn nur ihre Deck- und Vornamen bekannt sind.

Sie kennen nur einen Vornamen

Zu diesem Zeitpunkt verfolgt die CIA die Spur mindestens eines Mannes, der sich später als Al-Qaeda-Mitglied herausstellen soll. Sie kennen nur seinen Vornamen Khalid. Er ist den Agenten aufgefallen, weil er in einer konspirativen Wohnung von wichtigen Al-Qaeda-Männern ein- und ausging. Noch wissen sie nicht, dass Khalid ein Visum für die USA besitzt, ausgestellt auf dem US-Konsulat in Jeddah in Saudi-Arabien am 7. April 1999. Es ist gültig bis zum 6. April 2000. Damit kann er nach Belieben in den USA ein- und ausreisen. Erst drei Wochen später werden sie die genaue Identität des Mannes erfahren.

Hamburg, Ende Dezember 1999

Thomas Volz sieht in der prekären Situation der CIA seine Chance, sich zu profilieren. Falls es ihm gelänge, Darkazanli als Informanten für die "Firma" zu gewinnen, würde das seine Karriere sicher befördern. Allerdings steht er vor keiner leichten Aufgabe. Volz hat zwar Adresse und Telefonnummer des Syrers, aber er weiß, dass er für alles Weitere fremde Hilfe benötigt. Mit Geld allein lässt sich ein überzeugter Islamist kaum dazu bewegen, für die CIA zu arbeiten.

CIA bittet Verfassungsschutz um Unterstützung

Ohne ein Druckmittel hat man schlechte Karten. Und Volz hat in Deutschland nichts gegen Darkazanli in der Hand. Er kann ihm weder mit Verhaftung noch mit Ausweisung drohen. Von Rechts wegen ist es Volz sogar untersagt, ohne Einverständnis der deutschen Behörden einen Spitzel anzuwerben. Dem CIA-Agenten bleibt also nichts anderes übrig, als im Dezember 1999 das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) in Hamburg um Unterstützung zu bitten.

Der Hamburger Verfassungsschutz residiert mitten in der Stadt, nicht weit vom Bahnhofsviertel und der Al-Kuds-Moschee, wo sich Darkazanli gern mit seinen Freunden trifft. Das LfV Hamburg ist eine der kleinsten Verfassungsschutzbehörden der Bundesrepublik. Ende 1999 hat es insgesamt 125 Mitarbeiter, einschließlich Sekretärinnen und Schreibkräfte. Die Abteilung für Ausländerextremismus beschäftigt zehn Mitarbeiter, die neben der Islamistenszene noch andere radikale Gruppierungen wie etwa die kurdische PKK oder die türkischen Extremisten um Milli Görös beobachten.

Die Abteilung ist hoffnungslos unterbesetzt; nur ein Mitarbeiter spricht Arabisch. Abhörmaßnahmen sind deshalb von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil es einfach zu lange dauert, bis die aufgezeichneten Gespräche ausgewertet sind. Darkazanli ist der Behörde als fanatischer Muslim bekannt. Als Volz seinen Plan vorträgt, ihn "umzudrehen", winken die Deutschen nur ab.

Die Deutschen sind genervt

Ihren Informationen nach ist der Syrer weder mit Geld noch mit anderen Mitteln dazu zu bewegen, mit den deutschen Behörden zusammenzuarbeiten. Für völlig ausgeschlossen halten es die Verfassungsschützer, dass Darkazanli seine Glaubensbrüder ausgerechnet an die CIA, den Geheimdienst des Erzfeindes, verraten könne.

Volz teilt die Skepsis seiner deutschen Kollegen keineswegs. Er bleibt hartnäckig. Immer wieder wird er in der Hamburger Behörde wegen Darkazanli vorstellig. Die Deutschen aus der Abteilung "Ausländerextremismus" sind deswegen schon genervt. Als sie ihm wieder einmal erklären, dass sie seinen Plan für aussichtslos halten, knallt ihnen Volz ein Handbuch des Anfängerlehrgangs der CIA auf den Tisch. Darin könnten sie nachlesen, wie man Spitzel anwirbt.

Volz versucht es schließlich auf eigene Faust. Als die Hamburger Ermittler davon Wind bekommen, machen sie dem CIA-Agenten unmissverständlich klar, dass sein Alleingang in ihren Augen Spionage ist. Volz sieht ein, dass ihm die Hände gebunden sind. Wenn er keinen diplomatischen Skandal provozieren will, muss er vorerst die Finger von Darkazanli lassen. Wutentbrannt bricht er die Operation ab.

Der Verdächtige lebt von Sozialhilfe

Aber Darkazanli ist nicht der einzige Islamist in Hamburg, für den sich die CIA brennend interessiert. Seit Jahren hat die "Firma" ein Auge auf einen Landsmann von Darkazanli geworfen, den sie als einen der wichtigsten Kontaktmänner und Anwerber der al Qaeda in Deutschland ausgemacht hat: Mohammed Haydar Zammar. Er wurde 1961 im syrischen Aleppo geboren, ist aber in Hamburg aufgewachsen und besitzt seit 1982 die deutsche Staatsbürgerschaft. Zammar ist sechsfacher Familienvater und lebt von Sozialhilfe und Kindergeld. Er gehört in der Organisation von Osama bin Laden zu den Männern der ersten Stunde. Bereits 1991 kämpfte er in Afghanistan für die Mudschaheddin, 1995 ist er in Bosnien. Seit Mitte der 90er Jahre pendelt Zammar nach Informationen der CIA ständig zwischen Hamburg und Afghanistan. Er hält engen Kontakt mit einem der Operationschefs der al Qaeda und sorgt für Nachschub an Rekruten, denen dann in den afghanischen Lagern das Handwerk des Terrors beigebracht wird. Allerdings hält es die CIA nicht für nötig, die deutschen Verfassungsschützer über die Bedeutung des Syrers für das Netzwerk der al Qaeda zu informieren.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) bekommt schließlich von seinen türkischen Kollegen den Hinweis, dass Zammar von Hamburg aus ein "dubioses Reisebüro" betreibe. Nach Informationen vom Bosporus organisiere der Mann Flüge für radikale Muslime via Istanbul oder Ankara nach Afghanistan. Die Verfassungsschützer hielten Zammar zunächst für den Kopf einer Schleuserbande.

Ein religiöser Fanatiker

Als sie jedoch Zammar und dessen Umfeld in Hamburg genauer unter die Lupe nehmen, merken sie, dass der gebürtige Syrer kein gewöhnlicher Krimineller ist - sondern ein religiöser Fanatiker, der vor allem in der Al-Kuds-Moschee beim Hamburger Hauptbahnhof agitiert. Dort zeigt der bärtige Mann offen seine Verehrung für Osama bin Laden, den er in Afghanistan persönlich kennen gelernt haben will.

Stolz erzählt er den überwiegend jungen Besuchern, wie ihm in den Camps in Afghanistan und Pakistan der Umgang mit Waffen und Sprengstoff beigebracht worden sei, und ruft seine Zuhörer dazu auf, ihren religiösen Pflichten nachzukommen; sie sollten in den Heiligen Krieg ziehen und die Ungläubigen bekämpfen. Er selbst habe das bereits getan - in Bosnien und Afghanistan an der Seite der Mudschaheddin.

Aber solche Aussagen können deutsche Verfassungsschützer nicht beeindrucken. Maulhelden wie Zammar sind in den einschlägigen Moscheen häufig anzutreffen. Allerdings bekommt der Verfassungsschutz 1998 einen Hinweis aus Italien auf den Tisch, der ihn dazu veranlasst, sich Zammar noch einmal genauer anzuschauen. In Turin sind islamistische Extremisten verhaftet worden, die nach Angaben italienischer Behörden kurz davor standen, Anschläge gegen amerikanische Einrichtungen in Europa zu verüben.

In der Wohnung der Männer hat man ein riesiges Waffen- und Munitionsarsenal gefunden, dazu Perücken, falsche Bärte und eine Adressenliste. Auf dieser war die Hamburger Anschrift und Mobilnummer von Mohammed Haydar Zammar verzeichnet, versehen mit dem Vermerk "Fratello Mohammed" sowie dem Zusatz "Abu al-Hassan", der Vater von Hassan.

"Operation Zartheit"

Die deutschen Ermittler haben schnell herausgefunden, dass Zammar einen Sohn mit Namen Hassan hat. Beim BfV in Köln muss man nun umdenken. Allem Anschein nach hat der Maulheld aus Hamburg zumindest Kontakt zu mutmaßlichen Terroristen. Eine umfangreiche Überwachung wird eingeleitet. Die Ausspähaktion bekommt den Decknamen "Operation Zartheit", was einer gewissen Ironie nicht entbehrt. Schließlich ist Zammar fast zwei Meter groß und zirka 140 Kilogramm schwer. Für die Aktion setzen die Ermittler ihr gesamtes nachrichtendienstliches Repertoire ein. Zammar wird observiert, Spitzel fragen seine Umgebung über ihn aus, und immer wenn "Bruder Haydar", wie Zammar in der Szene genannt wird, zum Hörer greift oder angerufen wird, schaltet sich beim Verfassungsschutz automatisch ein Tonbandgerät ein.

Am 31. Januar 1999 meldet sich bei Zammar ein Marwan. Der Anrufer erkundigt sich nach dessen Befinden und dem Wohlergehen der Brüder; sein Gesprächspartner erzählt von seiner Arbeitslosigkeit und der Möglichkeit einer Umschulung auf Staatskosten. Marwan berichtet von seinem Studium in Bonn; Zammar bittet ihn, bald nach Hamburg zu kommen. Der Anrufer verspricht, spätestens im Mai, wenn er seine Prüfungen beendet habe, in die Hansestadt zu ziehen. Das scheinbar belanglose Telefonat veranlasst die Verfassungsschützer dennoch, die Nummer des Anrufers zu ermitteln. Ergebnis: Der Anruf aus Bonn kam von einem Mobiltelefon, das in den Vereinigten Arabischen Emiraten angemeldet ist.

Dürftige Informationen für die CIA

Die deutschen Verfassungsschützer halten den Anrufer offensichtlich für so wichtig, dass sie ihre dürftigen Informationen der CIA zur Verfügung stellen, die Marwan nicht nur Verbindungen zu Zammar, sondern auch zu dessen Landsmann Darkazanli nachweisen können. Jedenfalls wird ab dem Frühjahr 1999 in den Datenbanken der CIA ein "Marwan", Student in Deutschland und Staatsbürger der Vereinigten Arabischen Emirate, als wichtiger Kontaktmann von Zammar und Darkazanli geführt. Der Student heißt mit vollständigem Namen Marwan al-Shehhi und wird zweieinhalb Jahre später jene Boeing steuern, die in den Südturm des World Trade Center kracht.

Die deutschen Verfassungsschützer führen derweil die "Operation Zartheit" fort. Dabei stellen sie fest, dass Zammar die Hamburger Telefonnummer 76 75 18 30 anwählt - den Anschluss einer Wohngemeinschaft von arabischen Studenten in der Marienstraße 54 in Hamburg-Harburg. Der Telefonanschluss ist angemeldet auf Said Bahaji, einen Deutsch-Marokkaner und Studenten der Elektrotechnik.

Ebenfalls in der Wohnung gemeldet sind der Ägypter Mohammed Atta, Stadtplanungsstudent, sowie Ramzi Binalshibh, Jemenit und Gelegenheitsstudent. Der Marokkaner Mounir el-Motassadeq, Student der Elektrotechnik, und der Libanese Ziad Jarrah, der Flugzeugbau studiert, verkehren regelmäßig in der Wohngemeinschaft.

Den Verfassungsschützern entgeht nicht, dass sich zumindest Bahaji und el-Motassadeq regelmäßig mit Zammar treffen. Die Beamten des BfV schreiben deshalb die beiden zur Grenzfahndung aus. Ihre Personalien - Name, Wohnsitz und Reisepassnummer - werden in das Polizei-Informations-System INPOL eingegeben. So können Aufenthalt oder Reisewege überprüft werden, ohne dass die beiden davon etwas bemerken. Und INPOL funktioniert zuverlässig.

Von Fuhlsbüttel nach Afghanistan

Als etwa el-Motassadeq später einmal vom Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel aus mit dem Flug TK 1662 nach Istanbul fliegt, wird das BfV umgehend davon unterrichtet. Die Beamten des BfV wissen natürlich, dass die Stadt am Bosporus nicht das eigentliche Reiseziel el-Motassadeqs ist, sondern nur der übliche Zwischenstopp nach Afghanistan, in die Camps von Osama bin Laden.

Am frühen Morgen des 21. September 1999 ruft Zammar um 8.33 Uhr in der Marienstraße 54 an. Zur Überraschung der Agenten nimmt jedoch nicht einer der dort gemeldeten Studenten den Hörer ab, sondern Marwan al-Shehhi, der ihnen vor neun Monaten als Kontaktperson von Zammar aufgefallen ist. Der Araber hat anscheinend seine Ankündigung wahr gemacht und ist nach Hamburg umgezogen. Zusammen mit Atta und Jarrah plant er, demnächst nach Afghanistan zu reisen.

Offensichtlich ist Zammar über die Reisepläne seiner Freunde unterrichtet. Jedenfalls bittet ihn Marwan al-Shehhi um seinen Segen. "Vergiss uns nicht in deinem Gebet", sagt al-Shehhi. "Du auch... grüß die anderen Brüder ganz herzlich", antwortet Zammar. "Einen Moment, Said [Bahaji] will mit dir reden." "Salam aleikum, Bruder", meldet sich Bahaji. "Es ist schön, deine Stimme zu hören." "Wo bist du, Mensch?", fragt Zammar den Deutsch-Marokkaner. "Ich habe dich lange nicht gesehen. Ich war bei euch in Harburg und habe die Brüder besucht. Ich habe sogar bei ihnen übernachtet. Dich habe ich aber nicht gesehen."

Einer will noch heiraten

Bahaji hat seine Gründe, weshalb er nicht mehr in der Männer-WG in der Marienstraße wohnt. Er will bald heiraten, und zwar noch bevor sich die anderen auf den Weg nach Afghanistan machen. Zammar scheint dafür Verständnis zu haben. Er erkundigt sich, ob Bahaji auch standesamtlich heiraten wolle. Danach beendet Zammar das Telefonat mit den Worten: "Grüß mir Mohammed Amir [Atta] und die anderen Brüder."

Die Hochzeit findet am 9. Oktober 1999 in der Al-Kuds-Moschee am Hamburger Steindamm statt. Trauzeuge ist Zammar. Darkazanli, ein Freund des Bräutigams, ist ebenso gekommen wie Männer aus dem Umfeld der Wohngemeinschaft in der Marienstraße. Bald nach der Feier reisen Atta, al-Shehhi und Jarrah für mehrere Monate nach Afghanistan. Der andere Teil der Studentenclique fliegt erst später. Nur Ramzi Binalshibh geht nicht nach Afghanistan. Der charismatische Kopf der Hamburger Zelle hat eine wichtige Verabredung in Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysias.

Kuala Lumpur, 5. Januar 2000

Als Khalid al-Mihdhar in der Hauptstadt Malaysias eintrifft, ist es drückend heiß. Der Januar ist in dem südostasiatischen Land der heißeste Monat des Jahres, das Thermometer klettert dann auf durchschnittlich 31 Grad im Schatten. Doch in der riesigen Ankunftshalle des internationalen Flughafens von Kuala Lumpur ist es angenehm kühl.

Der Saudi fällt nicht auf

Ohne Probleme passiert al-Mihdhar die Passkontrolle. Der 25-jährige Saudi fällt nicht weiter auf. Von jeher ist Malaysia ein Einwanderungsland und Kuala Lumpur ein Schmelztiegel der Nationalitäten und Religionen. Mehr als 50 Prozent der Einwohner sind Muslime, die andere Hälfte setzt sich aus Hindus, Buddhisten und Christen zusammen. Obwohl er schon seit geraumer Zeit der al Qaeda angehört, hat al-Mihdhar keine Bedenken, unter seiner wahren Identität zu reisen. Er ist sich sicher, noch auf keiner internationalen Fahndungsliste zu stehen.

Dies ist wohl auch einer der Gründe, weshalb er von der Führung der al Qaeda für die anstehende Operation ausgewählt wurde. Zudem hat al-Mihdhar bereits Mut und Entschlossenheit im Kampf gegen die so genannten Ungläubigen bewiesen, als er Mitte der 90er Jahre in Bosnien aufseiten der Mudschaheddin kämpfte.

Und noch etwas spricht für al-Mihdhar. Durch die Verwandtschaft seiner Ehefrau ist er aufs Engste mit dem Terrornetzwerk verbunden. Sein Schwiegervater unterhält im Jemen eine konspirative Wohnung, die einer der wichtigsten Knotenpunkte der al Qaeda für Operationen im ostafrikanischen Raum ist. Und sein Schwiegervater ist nicht der Einzige in der Familie seiner Frau, der den "Bayat", einen Treueschwur, auf Osama bin Laden abgelegt hat und mit ganzem Herzen für die Organisation arbeitet.

Eine schlagfertige Zelle in Hamburg

Seit mehr als fünf Jahren lebt Ramzi Binalshibh, einer ihrer Cousins, in Deutschland und hat zusammen mit anderen Glaubensbrüdern in Hamburg eine schlagfertige Zelle aufgebaut. Ein bisschen scheint es in der Familie von al-Mihdhars Ehefrau zuzugehen wie bei der Mafia. Wer dazugehört, egal ob durch Geburt oder Heirat, steht al Qaeda zumindest nahe und vergöttert deren Anführer Osama bin Laden.

In der Ankunftshalle des Flughafens von Kuala Lumpur wird al-Mihdhar bereits erwartet. Ein Al-Qaeda-Gefolgsmann fährt ihn nach Bandar Sungai Long, eine Retortensiedlung 30 Autominuten von Kuala Lumpur entfernt. Dort ist al-Mihdhar in einer konspirativen Wohnung mit Binalshibh verabredet und mit Tawfiq bin Attash, einem der ranghöchsten Operationschefs der al Qaeda. Ende der 80er Jahre hat der Jemenit mit Osama bin Laden in Afghanistan gegen die Rote Armee gekämpft und dabei ein Bein verloren, weshalb er auch "der Einbeinige" genannt wird.

Die CIA ist ihm auf den Fersen

Al-Mihdhar merkt nicht, dass er seit seiner Abreise aus Saudi-Arabien auf Schritt und Tritt überwacht wird. Die CIA hat sich an seine Fersen geheftet. Agenten von insgesamt acht Basen und Außenbüros im arabischen und asiatischen Raum sind an der Observation beteiligt. Sie hoffen, dass der junge Saudi sie zu hochrangigen Mitgliedern der al Qaeda führt. Um sicherzustellen, dass sie den Terroristen notfalls auch um die halbe Welt verfolgen können, hat die CIA zusätzliche Hilfe von einem halben Dutzend befreundeter ausländischer Nachrichtendienste angefordert.

Das große Interesse der CIA an al-Mihdhar kommt nicht von ungefähr: Seit eineinhalb Jahren hört sie das Telefon in der Wohnung seines Schwiegervaters Ahmad Muhammad al-Hada ab - und weiß inzwischen, dass über dessen Anschluss 967-1-200578 in Sanaa wichtige Operationen oder Zusammenkünfte der al Qaeda abgewickelt werden.

Ende August 1998 sind die Ermittler auf diese Wohnung gestoßen. Damals fahndete man zusammen mit der amerikanischen Bundespolizei FBI nach den Drahtziehern der Bombenanschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania. Auf eine erste heiße Spur waren die US-Ermittler bereits unmittelbar nach den Anschlägen gestoßen, nachdem in London per Fax ein Bekennerschreiben eingegangen war.

Binnen weniger Stunden war es gelungen, den Absender herauszufinden. Es handelte sich um einen Anschluss in Baku, Aserbaidschan. Von dort führte eine direkte Spur zu al-Mihdhars Schwiegervater im Jemen: Kurz nach den Anschlägen war dessen Telefon in Sanaa angerufen worden. Der CIA kam dies verdächtig vor, man ermittelte den Inhaber des Anschlusses sowie die Adresse und überwachte fortan Haus und Telefon. Kurz nach den Anschlägen auf die US-Botschaften kam auf dem Anschluss noch ein Anruf von einem Satellitentelefon an, das die CIA schon seit längerem Osama bin Laden zuordnete. Spätestens jetzt war der CIA klar, dass der Telefonanschluss ein "heißer Draht" zur Führungsebene der al Qaeda war.

Hektische Betriebsamkeit

Im Dezember 1999 registrierten CIA-Agenten hektische Betriebsamkeit in der konspirativen Wohnung von al-Mihdhars Schwiegervater. Aus den Versatzstücken abgefangener Telefonate wurde deutlich, dass sich ein hochrangiger Operationschef von al Qaeda mit anderen Terroristen der Organisation treffen wollte. Ein "Khalid" und ein "Nawaf" sollten ebenfalls an dem Treffen teilnehmen. In Langley ging man davon aus, dass auch diese beiden wichtige Mitglieder der al Qaeda waren, die sich mit ihrem Kommandeur verabredet hatten, um einen Anschlag vorzubereiten.

Allerdings war es den Agenten vor Ort zunächst nicht möglich, die vollständigen Namen der beiden herauszufinden. Es gelang ihnen jedoch, zumindest "Khalid" zu identifizieren, einen Saudi, etwa Mitte zwanzig, mit schwarzen Haaren und einem leichten Oberlippenbart. Sofort wurde der Mann observiert: Es war al-Mihdhar.

Aber erst als al-Mihdhar nach Malaysia reiste, konnte die CIA seine volle Identität aufklären. Bei einer Passkontrolle am Flughafen wurde eine Kopie seines Ausweises angefertigt, ohne dass der Terrorist etwas davon bemerkte. Auf diese Weise kam die CIA an sein Foto und seine Personalien. Sein vollständiger Name lautet Khalid bin Muhammad bin Abdallah al-Mihdhar, geboren 1975 in Saudi-Arabien. Mit Entsetzen stellen die Agenten fest: Der Mann besitzt bereits ein gültiges US-Visum. Sie müssen davon ausgehen, dass er dieses Papier nutzen wird, um in die Vereinigten Staaten einzureisen und einen Terroranschlag vorzubereiten oder selbst zu begehen.

Langley, 6. Januar 2000

Gleich nach der Ankunft von al-Mihdhar in Kuala Lumpur mailt der örtliche CIA-Resident an die Zentrale in Langley: "Khalid identifiziert. In Malaysia eingetroffen." Die Information wird umgehend weitergereicht an das Counterterrorist Center. Das CTC verfügt über eine riesige Datenbank. Sie enthält alle relevanten Informationen aus den vergangenen zwei Jahrzehnten zum Thema Terrorismus.

Die lebende Legende von Langley

Die Spezialabteilung wurde bereits 1986 gegründet. Seit einem knappen Jahr leitet sie Cofer Black, ein Veteran in Sachen Terrorabwehr. Black gilt als lebende Legende in Langley. Während seiner langen Karriere als CIA-Agent war er von 1993 bis 1995 im Sudan stationiert. Damals hatte er maßgeblichen Anteil an der Verhaftung von Carlos, dem Schakal. Der Venezolaner war seinerzeit der meistgesuchte Terrorist der Welt. Mehr als 20 Jahre lang hatte sich der Lohnkiller diverser Diktatoren und Despoten seinen Häschern entziehen können - bis ihn Black in Khartum aufstöberte.

In Khartum hielt sich damals auch Osama bin Laden auf, der dort ehemalige Mudschaheddin aus Afghanistan um sich scharte. Das Treiben des saudischen Multimillionärs weckte auch das Interesse von Cofer Black, der aber kurz darauf den Sudan verlassen musste - angeblich hatte Osama bin Laden befohlen, den CIA-Agenten zu ermorden. Black jedenfalls erzählt gern die Geschichte, dass "die Strolche von diesem Osama bin Laden mich doch einfach abknallen wollten."

Überhaupt ist Black ein Mann markiger Worte. "Wir sind im Krieg", sagt er in Anlehnung an das Memorandum seines Chefs George Tenet und ergänzt: "Wir im CTC sind uns dessen bewusst. Daher geben wir alles, was wir haben. Wir, die CIA, sind die erste Speerspitze der Vereinigten Staaten im Kampf gegen die terroristische Bedrohung. Wir sind bereit, diesen brutalen Job zu erledigen."

Hinweise auf Anschläge

Auch nach außen hin scheut sich Black nicht, die Gefahren des Terrorismus deutlich auszusprechen. In einer Ausschusssitzung des Repräsentantenhauses hat er zum Entsetzen vieler Abgeordneter darauf hingewiesen, dass Osama bin Laden und dessen Anhänger längst dazu übergegangen seien, auch Anschläge innerhalb der Vereinigten Staaten vorzubereiten. Cofer Black lässt sich über den Fortgang der Operation in Malaysia ständig auf dem Laufenden halten. Tenet, der CIA-Direktor, ist ebenfalls informiert.

Die Operation ist Chefsache. Black wie Tenet sind also darüber unterrichtet, dass sich unter den Terroristen in Kuala Lumpur auch solche befinden, die über ein gültiges US-Visum verfügen und damit jederzeit ungehindert in die Vereinigten Staaten einreisen können, wenn sie nicht umgehend auf die Fahndungslisten gesetzt werden und sowohl State Department, Einwanderungsbehörde als auch FBI und Zoll umfassend darüber unterrichtet werden.

Aber das FBI wird über die Operation in Malaysia nur bruchstückhaft informiert. "Die Operation läuft noch", schreibt der CIA-Verbindungsbeamte in einer E-Mail an seinen Ansprechpartner beim FBI. "Bislang sind eine Menge verdächtiger Aktivitäten beobachtet worden. Aber dabei wurden keine Beweise festgestellt, die auf einen drohenden Anschlag oder ein kriminelles Vorgehen hindeuten", schreibt er und verspricht: "Sobald relevante Informationen verfügbar sein sollten, wird die CIA berichten." Mit keiner Silbe wird gegenüber dem FBI erwähnt, dass sich unter den Terroristen in Malaysia auch einer befindet, der ein gültiges US-Visum besitzt.

Kuala Lumpur, 7. Januar 2000

Gelegentlich verlassen al-Mihdhar und seine Komplizen das Apartment in Bandar Sungai Long und werden von einem malaysischen Statthalter der al Qaeda nach Kuala Lumpur zum Shopping gefahren. Für die malaysischen Sicherheitsbeamten, die die CIA vor Ort unterstützen, ist dies eine gute Gelegenheit, die Terroristen zu fotografieren. Wie normale Touristen schlendern sie durch die Millionenstadt und bestaunen die Petrona Zwillingstürme, die höchsten Gebäude der Welt. Gelegentlich suchen sie ein Internetcafé auf, wo sie Stunden vor den Computern verbringen.

Beschattungsoperation der CIA

Nachdem die Terroristen am 8. Januar 2000 Malaysia wieder verlassen haben, stellt der malaysische Sicherheitsdienst die Ergebnisse der dreitägigen Beschattungsoperation dem CIA zur Verfügung. Darunter sind Fotos, auf denen "der Einbeinige" zusammen mit al-Mihdhar zu sehen ist, sowie Schnappschüsse von Binalshibh. Am 9. Januar haben die CIA-Analytiker in Langley sämtliche Informationen über die Operation in Malaysia auf dem Tisch, einschließlich Fotos und Namen der Teilnehmer an dem Terrorgipfel. Dazu zählt auch der Saudi Nawaf al-Hazmi, ein Jugendfreund von al-Mihdhar, der sich ebenfalls schon in Bosnien verdient gemacht und 1998 nach einem Aufenthalt in einem afghanischen Trainingscamp den Schwur auf Osama bin Laden abgelegt hatte.

Aber zu diesem Zeitpunkt sind die Terroristen längst in verschiedene Himmelsrichtungen verschwunden.

Angelegenheit als beendet betrachtet

Die Mitarbeiter des malaysischen Sicherheitsdienstes können sich darüber nur wundern. Über die wahren Hintergründe der Operation waren sie von der CIA nicht eingeweiht worden. Aber sie sind selbst seit geraumer Zeit mit dem Problem al Qaeda konfrontiert und wissen, worum es ging. Längst ist ihnen bekannt, dass die Terrororganisation auch im südostasiatischen Raum über ein funktionierendes Netz und sogar über eigene Trainingscamps verfügt.

Der Sicherheitsdienst bietet deshalb den amerikanischen Agenten an, auch nach der Abreise der ausländischen Terroristen den malaysischen Statthalter der al Qaeda weiter zu beschatten. Vielleicht werde ja die von ihm angemietete Wohnung in Bandar Sungai Long für weitere konspirative Treffen von al Qaeda genutzt. Aber die CIA-Agenten lehnen dankend ab. In Langley habe man sich "entschieden, die Angelegenheit als beendet zu betrachten".

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