General Motors braucht seine deutsche Tochter. Nur wie lange noch? Nach dem Börsengang des US-Autobauers steigt der Renditedruck. Bei Opel grassiert erneut die Angst vor dem Untergang. Eine Analyse. Von Kristina Gnirke, Margret Hucko, Matthias Ruch

Der Charme von Lena soll das trübe Image von Opel aufbessern© Opel
In einem der strahlendsten Momente der Geschichte von General Motors ist es bei Opel zappenduster. Auf Kinostühlen sitzen die Führungskräfte der deutschen Tochter im abgedunkelten Rüsselsheimer Auditorium und schauen gebannt auf die Leinwand. Still wird es um Opel-Chef Nick Reilly, als die Liveschalte nach New York beginnt. Die Opelaner wissen: An diesem 18. November 2010 entscheidet sich auch ihre Zukunft.
Als GM-Chef Dan Akerson dann zum Börsengang des Konzerns die berühmte Glocke an der New Yorker Wall Street läutet, sind Zusammenbruch und Staatseinstieg mit einem Mal Geschichte. Der Autokonzern ist wieder in der Hand privater Investoren. Ein Comeback, das den Opelanern nicht nur Gutes verheißt.
Ging es GM bisher ums Überleben, beginnt nun die Jagd nach Rendite. Der Konzern muss den neuen Eignern beweisen, dass sich ihre Investition lohnt. Das weiß auch Opel-Betriebsratschef Klaus Franz: "Der Druck wird dramatisch zunehmen."
Jüngst sagte GM-Strategiechef Stephen Girsky der Branchenzeitung "Automobilwoche", das Rüsselsheimer Traditionsunternehmen müsse so schnell wie möglich wieder profitabel werden. Dafür reichten Kostensenkungen alleine nicht aus. Auf der Weltkarte des einstigen Branchenprimus GM ist das von Opel geführte Europageschäft das einzige mit roten Zahlen. Die Angst ist zurück in Rüsselsheim. Nur knapp hat Opel die schwere Wirtschaftskrise überlebt. Die drohende Insolvenz, die zähen Verhandlungen um einen neuen Eigentümer, das Gefeilsche um Staatshilfen haben das Image der GM-Tochter schwer beschädigt. Opels Verlust schwillt 2010 auf 1,4 Mrd. Euro an, der Marktanteil in Deutschland sinkt von 8,5 auf 7,5 Prozent. 1995 hatte Opel noch doppelt so viel.
Es fehlen neue Märkte, Modelle und Motoren. "2011 und 2012 werden Opels Schicksalsjahre", sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management. Fifty-fifty sei Opels Chance, wieder in die Spur zu kommen. Für die deutsche Traditionsfirma beginnt abermals der Kampf ums Überleben.
Frühestens in vier Jahren wird Opel den Rückstand zur Konkurrenz aufholen, schätzen Experten. Jahrelang spendierte GM der deutschen Tochter zu wenig Geld für moderne Produkte, die Hängepartie um einen möglichen Verkauf verschlimmerte die Situation noch. Es wird dauern, bis Corsa, Astra und Insignia so sparsam fahren wie Renault Clio, VW Golf und Ford Mondeo. Zusätzliche Modellvarianten, die neue Kunden ansprechen könnten, lassen ebenfalls auf sich warten.
Haben die Amerikaner so lange Geduld? Oder gewinnt die alte Anti-Opel-Fraktion in Detroit die Oberhand, die im Hintergrund gerade ihren Einfluss zurückzugewinnen versucht? Der liegen eher die Konzernmarken wie Chevrolet oder Buick am Herzen.
Gefunden in der Onlineausgabe der Financial Times Deutschland