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Deal mit Todesfolge

Vor 20 Jahren starb der zurückgetretene Ministerpräsident von Schleswig- Holstein Uwe Barschel in einem Genfer Hotel. Ein neues Buch zeigt jetzt die Hintergründe. Im Mittelpunkt: eine marode Werft, Schmiergeld-Millionen und die Waffenwünsche eines Regimes, das über Leichen ging.

Von Peter Sandmeyer

Leiche Nr. 288 des Jahres 1987 war für die Genfer Kriminalpolizei kein Routinefall. Der Tote lag bekleidet in der Badewanne eines Hotelzimmers, er war von einem Reporter des deutschen Magazins stern entdeckt worden, er hieß Uwe Barschel, und er war bis vor wenigen Tagen Ministerpräsident von Schleswig-Holstein gewesen. Der Fall war delikat. Dennoch schien seine Beurteilung relativ einfach. "Keine Gewaltspuren, kein Blut", hielten aus Kiel zum Tatort geeilte Kripobeamte in ihrem Notizbuch fest. Auch die Genfer Polizisten sahen keine Anzeichen für ein Verbrechen und formulierten als Fazit ihrer Untersuchung: "Verdacht auf Selbstmord". Die Gerichtsmediziner fanden nichts, was diese Vermutung infrage hätte stellen können: Der Körper, der am Sonntag, dem 11. Oktober 1987, um 18 Uhr begutachtet wurde, wirkte äußerlich unversehrt; und das Ergebnis der toxikologischen Un- tersuchungen von Mageninhalt, Blut und Urin bestätigte die Erwartung: "Tod infolge von Vergiftung".

Auch ein Motiv für den angenommenen Suizid war schnell gefunden. Der Politiker war zurückgetreten, nachdem der "Spiegel" angebliche "schmutzige Wahlkampftricks" enthüllt hatte. Barschels Medienreferent Reiner Pfeiffer hatte behauptet, im Auftrag des Regierungschefs Detektive angeheuert zu haben, um das Privatleben des SPD-Kandidaten Björn Engholm auszuforschen; außerdem habe er versucht, dessen Steuermoral in Zweifel zu ziehen und ihm eine Aids-Infektion anzudichten. Danach hatte sich auch noch herausgestellt, dass der in die Enge getriebene CDU-Politiker für seine Gegenoffensive eigene Mitarbeiter zu falschen eidesstattlichen Versicherungen angestiftet und selbst ein falsches Ehrenwort abgegeben hatte. Jetzt war er diskreditiert, ehrlos, gescheitert. Ein Freitod als Konsequenz schien naheliegend. Und die mysteriösen Notizen, die der Tote hinterließ, wurden ihm ebenso wie das merkwürdige Spurenbild in seinem Hotelzimmer als vorsätzliche Verschleierung angerechnet. "Ein kalter Machtmensch inszeniert seinen Selbstmord als Mord, um Zwietracht in seinem Land zu säen", urteilte die Schweizer Tageszeitung "La Suisse".

Komplott gegen Barschel bewiesen

Die anklagenden Worte seiner Frau Freya und seines Bruder Eike, die gleich nach dem Auffinden der Leiche von einer Falle und von Mord gesprochen hatten, fanden kein Gehör. Die Akte der Lübecker Staatsanwaltschaft wurde geschlossen. Zwanzig Jahre sind seither vergangen. Zwanzig Jahre, in denen die erste Lesart vom Aufstieg und Ende des Uwe Barschel Schritt für Schritt revidiert werden musste. Zuerst wurde die Glaubwürdigkeit des Hauptbelastungszeugen erschüttert. Der "kontaktfreudige Vollblutjournalist" (Pfeiffer über Pfeiffer) erwies sich nicht nur als Wichtigtuer, sondern war nach Einschätzung des Kieler Landgerichts derart verlogen und unglaubwürdig, dass die Richter die Eröffnung eines Verfahrens, das sich auf ihn stützten sollte, rundweg ablehnten. Pfeiffers detailreiche Erklärung über die angeblichen Schmuddelaufträge seines Chefs Uwe Barschel war zum Teil erlogen, zum Teil nicht beweisbar, seine Erzählungen erwiesen sich weitgehend als Schwindel. Die 165.000 D-Mark Honorar, die der "Spiegel" seinem Kronzeugen gezahlt hatte, waren eine Fehlinvestition.

"Wenn Barschel zurückgekommen wäre, dann wäre ich ausgewandert", gestand Pfeiffer später ein. Die fünf Druckseiten umfassende "Spiegel"-Titelgeschichte, die auf seiner Darstellung basierte, ist schon lange aus den Archiven entfernt worden und für die Öffentlichkeit gesperrt Als Nächstes platzte die Legende vom unschuldigen Opfer. Björn Engholm war frühzeitig über die Machenschaften informiert gewesen. Sein Pressesprecher, Klaus Nilius, hatte konspirativ mit Pfeiffer zusammengearbeitet; Engholms Sozialminister Günther Jansen hatte den Barschel-Mitarbeiter später sogar heimlich mit 50.000 D-Mark belohnt. Jansen trat zurück, auch Engholm - inzwischen Ministerpräsident und SPD-Bundesvorsitzender - warf 1993 das Handtuch. Niemand hatte Barschels Behauptung eines Komplottes gegen ihn geglaubt. Doch plötzlich war dieses Komplott bewiesen. Damit war aber auch die These erschüttert, sein Tod sei das Eingeständnis eigener Schuld, ein "Bilanz-Selbstmord". Schon 1992 hatte sich der stern des Falles Barschel erneut angenommen. Die Rechercheergebnisse und weitere toxikologische Gutachten sprachen für das, was Barschels Witwe und sein Bruder immer wieder beteuert hatten: Der Tod des Politikers sei kein Selbstmord gewesen.

"In diesem Raum hat ein Kampf stattgefunden"

Denn die vier chemischen Substanzen, die zu seinem Ende geführt hatten, waren nicht gleichzeitig aufgenommen worden. Als dem Körper das tödliche Schlafmittel Cyclobarbital zugeführt wurde, mussten die anderen Wirkstoffe Barschel schon in einen narkotischen Dämmerzustand versetzt haben. Unter diesen war auch Pyrithyldion, ein Medikament, das seit 1983 in der Bundesrepublik nicht mehr zugelassen und 1987 weder auf Gran Canaria, Barschels Urlaubsort, noch in der Schweiz erhältlich war. Der Stoff war aus guten Gründen aus dem Verkehr gezogen worden: In den 60er und 70er Jahren hatten Kriminelle ihn als K.-o.-Tropfen benutzt, um ihre Opfer bewusstlos zu machen. 1993 leitete dann die Lübecker Staatsanwaltschaft ein "Todesermittlungsverfahren Uwe Barschel" ein. Erst jetzt konnte sie den liegengebliebenen alten Hinweisen nachgehen und nach neuen suchen; sie ließ die Asservate aus dem Genfer Hotelzimmer noch einmal akribisch untersuchen und wertete die Indizien und Spuren am Tatort erneut aus. Nach drei Jahren Ermittlungsarbeit war sich der Leiter der Ermittlungsgruppe, der ebenso erfahrene wie nüchterne Staatsanwalt Sönke Sela, sicher: "In diesem Raum hat ein Kampf stattgefunden."

Vieles spricht dafür, dass es in der Nacht vom 10. zum 11. Oktober 1987 im Zimmer 317 des "Beau-Rivage" zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen ist: schon die Tatsache, dass der Tote in der Badewanne noch Portemonnaie, Bargeld, Kreditkarten und Schlüssel in den Hosentaschen hatte; dann ein abgerissener Hemdknopf; der eine Schuh, zugeschnürt vor der Zwischentür zum Zimmer liegend, der andere Meter weiter weg, vor der Badewanne, durchnässt und geöffnet; ein Handtuch, verschmutzt mit einer Substanz, die nicht aus dem Hotelzimmer stammen konnte; Schleifspuren auf dem Badevorleger; eine Rotweinflasche, die Barschel beim Zimmerservice bestellt hatte und die spurlos verschwand; die Tatsache, dass keine Fingerabdrücke gesichert werden konnten, alle Gegenstände waren sorgfältig abgewischt; zwei Weingläser, das eine mehrfach zerbrochen im Abfalleimer, das andere gesäubert auf dem Marmor des Waschtischs; ein Whiskey-Fläschchen aus der Minibar, das mit Wasser ausgespült worden war, in dem man aber trotzdem Reste das Wirkstoffes Diphenhydramin feststellen konnte - eine der Substanzen, die im Leichnam Barschels gefunden wurde; der Verlauf seiner Vergiftung; und schließlich ein anfangs übersehenes und nicht erklärbares Hämatom am Hinterkopf des Toten. Alle Merkmale sprachen für Mord.

Doch keine Spur führte zu einem Mörder. Die entscheidende Frage, warum Uwe Barschel sterben musste, blieb ohne Antwort. Als die Lübecker Ermittler deswegen 1998 auf Anweisung des Kieler Generalstaatsanwaltes ihre Arbeit einstellen mussten, überließen sie das Feld wieder den Spekulanten und Nonsens- Produzenten, die der ungeklärte Tod in Genf magisch anzog. Spinner, Betrüger, Verschwörungstheoretiker und Dunkelmänner aller Schattierungen sorgten für einen stetig wachsenden Legendenschatz rund um Leben und Sterben des Kieler Politikers. Mal hatte die Stasi Barschel umgebracht, mal die Nato-Geheimorganisation "Gladio"; Männer der CIA sollten die Hände im Spiel gehabt haben, dann wieder die Häscher des Mullah- Regimes in Teheran oder die Agenten des israelischen Geheimdienstes - wie es der abtrünnige Mossad-Mann Victor Ostrovsky behauptete, der auch gleich eine besonders fantastische Tatversion mitlieferte: Barschel sei betäubt, dann in einen künstlichen Fieberanfall versetzt und schließlich in eine mit Eis gefüllte Badewanne gelegt worden, um eine tödliche Herzattacke auszulösen.

Er litt unter sehr starkem Stress

Nichts von alledem hielt der Nachprüfung stand. Das Aktenzeichen 705 Js 33247/87 blieb ungelöst. Jetzt aber, zum 20. Jahrestag der Genfer Todesnacht, gibt es neue Erkenntnisse, die den wahrscheinlichen Hintergrund zum ersten Mal aufhellen können. Die Journalisten Rudolf Lambrecht und Leo Müller haben sich viele Jahre mit dem Fall Barschel beschäftigt, die längste Zeit davon für den stern. In den vergangenen Jahren sind sie auf unbekannte Details und neue Informationen gestoßen, die vieles an der Person Barschels und von den Vorgängen des Jahres 1987 in neuem Licht erscheinen lassen. Zum ersten Mal fügt sich die Masse der vielen Einzelheiten zu einem Mosaik zusammen, das ein plausibles Bild ergibt. Lambrecht und Müller beginnen mit einer einfachen Feststellung: Der Uwe Barschel, der 1987 zum Wahlkampf und zur Verteidigung seiner Führungsposition gegen den sozialdemokratischen Herausforderer Björn Engholm antrat, war angeschlagen, ein Mann, der unter schwerem Druck stand.

Ein paar Gründe dafür liegen auf der Hand: Engholm, der smarte SPD-Softi, kam an beim Wahlvolk, seine Umfragewerte stiegen; Barschel, eher Karrierist und harter Hund als geliebter Landesvater, musste um die CDU-Mehrheit in Schleswig-Holstein fürchten. In Niedersachsen rüstete sich Gerhard Schröder zum Kampf gegen Ernst Albrecht, in Bonn sah man schon die CDU-Vorherrschaft im Bundesrat kippen und verlangte vollen Einsatz von Barschel, der aber noch unter den Folgen eines knapp überlebten Flugzeugabsturzes litt. Soweit ist der Druck, der auf ihm lastete, nachvollziehbar: das übliche politische Geschäft, anstrengend gewiss, aber keineswegs bedrohlich. Doch die Signale, die seine Umgebung von Barschel empfing, waren zusehends die eines Mannes im psychischen Ausnahmezustand. "Er litt unter sehr starkem Stress, den ich persönlich niemals ertragen könnte", erinnert sich seine Ehefrau Freya.

"Es entwickelt sich eine Art Scheißegal-Gefühl"

Seinen Fahrer Karl-Heinz Prosch machte Barschels Verhalten im Dienstwagen so nervös, dass er sich nicht mehr richtig auf die Fahrt konzentrieren konnte. Auch der Berliner Unternehmer und Freund Barschels, Rolf Lechner, beobachtete bei ihm im Lauf der Jahre, "dass er zunehmend unter psychischem Stress stand". Wie hoch der Druck gewesen sein muss, ist auch an dem Mittel zu erkennen, das Barschel dagegen einsetzte: Tavor, ein starker Tranquilizer, deutlich stärker als Valium. Werbeslogan: "Tavor entzieht der Angst den Boden." Alle paar Wochen musste der Hausarzt ein neues Rezept für Barschel ausstellen. 1980 hatte der Politiker mit zwei Milligramm täglich begonnen, schluckte zwei Jahre später schon die anderthalbfache Menge und hatte im Herbst 1987 eine durchschnittliche Tagesdosis von 10,4 Milligramm erreicht. Eine Einnahme über lange Zeit, heißt es im Lehrbuch für Psychiatrie und Psychotherapie, führe "zu einem Persönlichkeitswandel, zu Gleichgültigkeit und Antriebsverlust".

Der Hamburger Psychiatrieprofessor Michael Stark präzisiert: "Es entwickelt sich eine Art Scheißegal-Gefühl, die normale Affektsteuerung geht verloren." Genau das beobachtete die verstörte Umgebung immer wieder an Uwe Barschel: plötzliche Wechsel von Leutseligkeit zu Wut, grundloses verächtliches Verhalten, jähe Ausbrüche, sogar körperliche Attacken, wie gegen seinen ersten Fahrer Horst Rissmann, der nach nur sechs Wochen entnervt bat, als Chauffeur Barschels abgelöst zu werden. Woher rührte dieser Druck? Was setzte ihn so unter Stress? Als Lambrecht und Müller die Kalendarien des Ministerpräsidenten durchgingen und Personen seines engsten Umfeldes befragten - manche sprechen erst heute -, stießen sie auf die Spuren eines rätselhaften Doppellebens. Schon als Barschel noch keine vier Wochen im Amt war, begann er, eine Technik des Abtauchens zu entwickeln, die sein Vorzimmer und seine Personenschützer immer wieder in Ratlosigkeit stürzte. Er ließ kurzfristig alle Termine eines Tages streichen, und weder seiner Sekretärin noch dem Chef der Staatskanzlei war klar, was er an diesem Tag trieb.

Barschel lebte zwei Leben

Er flog immer wieder in die Schweiz - niemand aus seiner Umgebung hatte eine Ahnung, wohin und weshalb. Auch die Abrechnung solcher Reisen erfolgte nicht über die Landesregierung. Er ließ sich wiederholt zu Treffen im Hotel Vier Jahreszeiten in Hamburg fahren - keiner wusste, mit wem. Manchmal schüttelte er seine Personenschützer in regelrechter Profimanier ab, indem er beispielsweise seine Schwester Folke besuchte und nach einer halben Stunde durch die Hintertür verschwand - während seine Bewacher vor dem Haupteingang warteten, bis in der Wohnung das Licht ausging und sie begriffen, dass der Ministerpräsident längst auf und davon war. Selbst seinem Referenten und späteren Bürochef Gerd-Harald Friedersen gelang es nicht, Transparenz in die Tage seines Herrn zu bringen. Immer wieder befahl Barschel plötzliche Programmänderungen und ließ seinen Mitarbeiter im Dunkeln über das, was er tatsächlich unternahm. Barschel lebte zwei Leben.

Neben dem offiziellen Terminkalender führte er offenkundig eine geheime Agenda, und neben den offiziellen Fahrten im Dienstwagen gab es Touren, die auf seine ausdrückliche Anweisung nicht im Fahrtenbuch vermerkt werden durften. Einige führten in die DDR. Ohne vorherige Ankündigung, ohne Visum, ohne Begleitschutz, ohne Kontrolle am Grenzübergang. Der Schlagbaum hob sich bei Annäherung der Dienstlimousine wie von Geisterhand. Beide Barschel-Fahrer, Horst Rissmann und Karl- Heinz Prosch, haben Fahrten erlebt, auf denen ihr Chef sich zu Treffen in Rostock und Warnemünde chauffieren ließ. Mit wem, verriet er nicht. Rissmann wurde sogar allein wieder nach Hause geschickt. Wie Barschel zurück nach Kiel gelangt ist, hat er nie erfahren. Über diese DDR-Eskapaden von Uwe Barschel, die inzwischen auch durch den Hallenchef des Hotels "Neptun" in Warnemünde bestätigt sind, existieren bislang keine Stasi-Unterlagen. Jetzt tauchte ein bisher nicht bekanntes Dokument aus Eisenach auf: das Protokoll einer getarnten Stasi-Vernehmung, in der die Freundin einer Rezeptionistin des "Neptun"-Hotels von den seltsamen Aufenthalten Barschels dort berichtet.

Spezielle Geschäftsbeziehung in der DDR

Es habe keine vorherige Zimmerbuchung gegeben, die Hotelleitung war von der Ankunft überrascht, Barschel bekam ein Apartment "aus dem Sonderkontingent", es wurde kein Meldeschein ausgefüllt. Der Aufenthalt habe einem Treffen mit "zwei männlichen Personen aus Berlin, die beim Außenhandelsministerium arbeiteten", und zwei "Herren aus der BRD" gegolten. "Dr. B. fahre auch manchmal mit den DDR-Leuten in deren Pkw weg und käme erst nach Stunden zurück." Nebenher berichtet die Zeugin, dass Dr. B. "Wert auf Kontakte mit attraktiven jungen Frauen lege, die er auch mit auf sein Zimmer nehme". Das Personal in der Bar und an der Rezeption sei zu äußerster Diskretion angehalten worden, "die Stasi habe wenig Interesse, die Besuche des Dr. B. im Hotel würden bekannt". Ganz anders war das Verhalten der Staatssicherheit bei offiziellen Aufenthalten des Politikers in der DDR. Wenn er mit Parteifreunden oder Delegationen zu Besuch war, trieben die Observanten jedes Mal gigantischen Aufwand, um alles unter Kontrolle zu behalten und jedes Wort und jeden Damenkontakt des Ministerpräsidenten mitzubekommen.

Doch solche Observationen, von denen Barschel natürlich wusste, ließen ihn offenbar kalt. Er schien auch keinerlei Angst vor kompromittierenden Situationen oder einer Sexfalle zu haben, wie sie beispielsweise den Berliner CDU-Politiker Heinrich Lummer in Bedrängnis brachte. Barschel verhielt sich kaltschnäuzig und so sicher, als wisse er sich gegen jeden Erpressungsversuch geschützt. Auf Tavor und das dadurch verursachte "Scheißegal-Gefühl" allein kann das nicht zurückgehen. Barschel muss Wissen gehabt haben, das für die DDR wichtig war und ihn unangreifbar machte. "Es musste eine spezielle Verbindung zur DDR-Führung geben, das ihm dieses Gefühl der Sicherheit vermittelte", schreiben Lambrecht und Müller. Ein Gefühl der Sicherheit, das aber offenbar begleitet war von einem wachsenden Gefühl schwerster Bedrängnis. Die Ursache dafür dürften ein besonderes Geschäft und eine spezielle Geschäftsbeziehung gewesen sein.

Schwere Last mit Amtsantritt

Als Barschel am 14. Oktober 1982 als Nachfolger von Gerhard Stoltenberg - der Finanzminister im Kabinett Kohl wurde - zum neuen Ministerpräsidenten des nördlichsten Bundeslandes gewählt wurde, übernahm er eine schwere Last. Die Howaldtswerke/ Deutsche Werft AG (HDW), einer der größten Arbeitgeber des Landes, waren so gut wie pleite. Die Arbeiten auf dem Werftgelände am Kieler Ostufer mussten Anfang 1983 eingestellt werden, 3.000 Arbeiter, ein Viertel der Belegschaft, wurden entlassen - und das ausgerechnet in einem Wahljahr und in einem Betrieb, der zu einem Viertel dem Bundesland Schleswig-Holstein gehörte. Den Rest besaß die Salzgitter AG, ein Bundesunternehmen. Am Überleben dieser Werft konnte das Überleben der CDU-Regierung in Kiel hängen. Barschel wusste das. Und erreichte mit intensivem Einsatz, dass das Land den angeschlagenen Betrieb mit 90 Millionen D-Mark "Kapitalerhöhung" unterstützte.

Doch das konnte nur eine Lösung auf Zeit sein. Was den Schiffbauern vor allem fehlte, waren Aufträge, insbesondere für U-Boote. Eine Order aus Indien hatten sie noch abwickeln können - unter Zahlung von 111,9 Millionen D-Mark "Akquisitionsaufwendungen" - im Klartext: Schmiergeldern -, die über verschiedene Schweizer Konten an unbekannte Empfänger geflossen waren. Doch ein vorgesehener Großauftrag aus dem Iran war nach dem Machtwechsel in Teheran geplatzt, die 253 Millionen, die der Schah als Vorkasse geleistet hatte, waren zum größten Teil als Bestechungsgelder in den Iran zurückgeflossen. Neben Regressforderungen der Mullahs drohten in Kiel nun Kurzarbeit und Leerstand in den Werfthallen. Das Protokoll einer Vorstandssitzung des Salzgitter-Konzerns vom 11. Juli 1983 hält fest: "Wenn keine zufriedenstellende Beschäftigung beim U-Boots- Bau erreicht wird, muss in drei Jahren eine Liquidation von HDW erwogen werden."

Afrika als letzte Chance

Dasselbe Protokoll vermerkt auch, wie das Ende der Werft abgewendet werden und die Lösung der Krise aussehen könnte: "Vollbeschäftigt wäre die U-Boot-Kapazität von HDW, wenn die 6 Boote für den Iran gebaut und Boote nach Südafrika geliefert werden könnten." Doch in Bonn hatte man damals kein Interesse daran, dass die HDW dem antiwestlichen Iran submarines Kriegsgerät lieferte. Also wurde Südafrika zum Sehnsuchtsziel der U-Boot-Exporteure. Dessen weißes Apartheid-Regime war zwar von den UN geächtet und durfte laut Resolution 418 des Sicherheitsrates nicht mit "Waffen und dazugehörigem Material aller Art" unterstützt werden, aber die Regierung Botha hatte in Deutschland dennoch viele Freunde und Fürsprecher, unter ihnen den CSU-Chef und bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Sie schätzten die Zahlungskraft der reichen Südafrikaner, und sie sahen in ihnen die letzte Bastion des Westens gegen die kommunistische Überrollung Afrikas.

Allenfalls taktische Gründe waren also zu berücksichtigen, wenn man diesem ideologischen Bündnisgenossen, der auch noch gut und zuverlässig zahlte, unter die Arme griff. Man musste nur klug taktieren und vorsichtig operieren. Und geschickt die Grauzone ausnutzen, die sich bot, weil die UN-Resolution nie in ganzer Schärfe in deutsches Recht umgesetzt wurde. Akribisch zeichnen Rudolf Lambrecht und Leo Müller in ihrem Buch nach, auf welchen Wegen und mit welchen Mitteln das UN-Embargo umgangen und der U-Boot-Deal mit Südafrika eingefädelt wurde. Der eine Weg war die Einflussnahme auf die Entscheidungsträger in Bonn. Nachdem Barschel seinen Wirtschaftsminister Jürgen Westphal ans Kap geschickt hatte, um seine Unterstützung für das Geschäft zu erklären, gaben sich HDW-Vertreter und Lobbyisten im Bonner Finanz-, Wirtschafts- und Außenministerium die Klinke in die Hand.

Für Devisen tat die DDR alles

Selbst Bundeskanzler Helmut Kohl wurde brieflich von Franz Josef Strauß bedrängt, sich für die "große Lösung mit Lieferung von Hardware im Vertragswert von etwa 475 Millionen Mark" nach Südafrika einzusetzen. Gleichzeitig beschritten die beteiligten deutschen Unternehmen und ihre südafrikanischen Partner einen zweiten Weg, um ihr Geschäft auch dann abwickeln zu können, wenn es im Bundessicherheitsrat auf Widerstand stoßen sollte. Sie tarnten und legendierten es wie eine geheimdienstliche Operation. Das Typen-Kürzel "IK 97" für die geplanten Boote wurde durch "IK 91 (USA)" ersetzt, um den Anschein zu erwecken, die USA seien das Bestimmungsland. Blaupausen der U-Boot-Konstruktionen wurden mikroverfilmt, per Pkw in die südafrikanische Botschaft in Bonn befördert und von dort als Diplomatengepäck außer Landes geschafft. Und für Bootskomponenten, deren Export genehmigungspflichtig war, wurde nach Exportmöglichkeiten über Drittländer gesucht. Eine Linie führte über den heimlichen Militärpartner Südafrikas: Israel. Auch von dort wurden in Kiel U-Boote bestellt, sodass bei Hindernissen für den Afrikaexport ein problemloser Umwegtransport möglich war.

Eine andere Lieferungslinie, die sich bereits bewährt hatte, führte über die DDR. Dorthin wurden zum Beispiel westdeutsche Stahlpressen geliefert und nach Demontage der Herstellerschilder an südafrikanische Rüstungsunternehmen weitergeleitet. Die waren zwar ideologische Todfeinde, zahlten aber gut - für Devisen tat die DDR alles. Der Motorenhersteller MTU machte es sich noch einfacher: Große Dieselmotoren, die leicht für den U-Boot-Antrieb umrüstbar waren, wurden als "Pumpenantriebs-Aggregate" für die Exploration von Gasfeldern an die Südspitze Afrikas geliefert. Beide Wege wurden mit viel Geld geebnet. Die Südafrikaner zahlten bereitwillig. Im August 1984 entrichteten die HDW und das ebenfalls beteiligte Lübecker Ingenieursbüro IKL zusammen schon mal 4,7 Millionen D-Mark "Provisionen"; die Empfänger blieben geheim. Vermittler der Zahlungen waren Schweizer Anwälte oder Rüstungslobbyisten wie der Strauß-Freund Siegfried Zoglmann, dem weitere 60 Millionen als Provision zugesagt waren, um sie an unbekannte Adressaten mit Konten in der Schweiz oder Liechtenstein weiterzuleiten.

Barschel erhielt Millionenbetrag aus südafrikanischem Geldtopf

Dass unter den Empfängern der Zahlungen auch deutsche Politiker waren, ergibt sich aus der Eile, auf die der Lobbyist drängte, und der Begründung, die er dafür nannte: "Politische Ämter sind oft kurzlebig." Namen konnten auch im später eingesetzten U-Boot-Untersuchungsausschuss nicht ermittelt werden. Die Mehrheit von CDU/ CSU und FDP verhinderte die Aufklärung. Ein führender Manager des damaligen südafrikanischen Rüstungskonzerns Armscor und enger Mitarbeiter der Botha-Regierung hat jetzt mit Lambrecht und Müller zum ersten Mal über diese Geldflüsse gesprochen. Zahlungen in Höhe von rund 150 Millionen D-Mark habe Südafrika damals geleistet, 100 Millionen allein nach der Lieferung der MTUMotoren, die als Deckmantel für Schmiergeldzahlungen benutzt wurden. Diese 100 Millionen, so der Südafrikaner, seien über die Schweiz zur Firma Marine Services auf der britischen Kanalinsel Jersey geflossen; von dort sei dann ein Millionenbetrag abgezweigt und auf Konten von Liechtensteinischen Stiftungen transferiert worden, die der CDU gehörten. "Alle wurden geschmiert", betont der Rüstungsmanager, "Firmenvertreter" und die regierenden Parteien "in München, Bonn und Kiel".

Auch einen deutschen Manager, der die Geschäfte der Südafrikaner auf deutscher Seite miterlebt hat, haben Rudolf Lambrecht und Leo Müller erstmals zum Reden bewegt. Der erfuhr damals: Uwe Barschel habe einen Millionenbetrag aus dem südafrikanischen Geldtopf erhalten und dann für seine Wahlkämpfe verbraucht. Der Ministerpräsident habe sich persönlich in das U-Boot-Geschäft eingeschaltet und sich für dessen korrekte Abwicklung verbürgt. Deswegen sei den Südafrikanern daran gelegen gewesen, ihn an der Regierung zu halten. Die Daten der Anbahnung des U-Boot-Deals passen mit Barschels verschwiegenen Trips in die Schweiz nahtlos zusammen. Am 23. August 1983, einem Dienstag, flog der Regierungschef nach Zürich, am darauffolgenden Dienstag nach Genf, zwei Tage später wieder nach Zürich und am 7. September abermals nach Zürich, immer in unbekannter Mission. In der Schweiz, so erzählen die damals Beteiligten, seien die Verhandlungen geführt und die Zahlungsflüsse verabredet worden. Und der größte Teil der Gelder sei dann über die damalige United Overseas Bank in Zürich geleitet worden, ein Geldinstitut, über das der südafrikanische militärische Geheimdienst DMI "Beeinflussungsoperationen" in Europa finanzierte.

Die Dinge liefen nicht gut für Barschel

Ob auch das Geld jener angeblichen CDU-"Spender", deren Identität Helmut Kohl bis heute nicht preisgeben will, letztlich aus der U-Boot-Allianz mit Südafrika und Israel stammt, bleibt Spekulation. Sicher ist, dass die Parteikassen der CDU und der FDP jahrelang von Schwarzgeldkonten in Zürich und Vaduz gefüllt wurden und ein geschicktes Verschleierungssystem dafür sorgte, dass Millionenzahlungen für Wahlkämpfe und Werbung an den offiziellen Büchern der Parteien vorbei erfolgten. Damit wurde nicht nur gegen die Bestimmung des Parteiengesetzes verstoßen, nach der "Großspenden" ab 20.000 D-Mark deklariert werden mussten, sondern möglicherweise auch gegen jenen Paragrafen, der Parteienfinanzierung aus dem Ausland generell verbietet. Ein solcher Verstoß, wäre er bekannt geworden, hätte das Ende der Regierung Kohl bedeutet, wahrscheinlich auch das Aus für die CDU-Herrschaft in Bonn.Diese Gefahr bestand, als die Bundesregierung das illegale U-Boot-Geschäft Ende 1985 aus außenpolitischen Gründen doch unterbinden musste.

Jetzt drohten wegen der bereits erfolgten Lieferungen auch juristische Ermittlungen, und es war nur eine Frage der Zeit, wann die Öffentlichkeit von dem Deal und seinen vielen Facetten erfuhr. In Kiel, Lübeck und Bonn wurde heftig an Schadensbegrenzung gearbeitet. Und prompt war der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein wieder in verdeckter Mission unterwegs. "Di - Do MP nicht zu erreichen" trug sein Bürochef Gerd- Harald Friedersen für die Tage nach dem 25. März 1986 in den Terminplaner Barschels ein. Die Dinge liefen nicht gut für Barschel. Auf höchster Ebene war gegen seinen Willen beschlossen worden, das Geschäft und die Affäre so geräuschlos wie möglich zu beenden. Um den Staatsanwälten zuvorzukommen, beauftragte Bundesfinanzminister Stoltenberg die Oberfinanzdirektion in Kiel mit einer Prüfung des U-Boot-Geschäfts. Gleichzeitig wurde der HDW-Vorstandsvorsitzende Klaus Ahlers als Bauernopfer ausgeguckt Das entscheidende Gespräch zwischen ihm, Salzgitter-Chef Ernst Pieper und Uwe Barschel im November 1986 wurde von der Stasi belauscht. Im Protokoll heißt es: "Offensichtlich ist Ahlers bereit, die Verantwortung für den illegalen Verkauf der U-Boot- Konstruktionsunterlagen an Südafrika sowie daraus resultierende eventuelle Sanktionen allein auf sich zu nehmen und damit das Management sowohl der HDW als auch der Salzgitter AG zu entlasten."

Im Gegenzug habe man ihm "eine sehr großzügige Regelung des Ausscheidens" zugesagt. Ahlers verweigert bis heute jede Auskunft. "Ich gebe keine Interviews", ließ er auf Anfrage wissen, "ich könnte sonst meine Altersversorgung gefährden." Mit seinem Rücktritt gerieten die Bonner Politiker und das Management elegant aus der Schusslinie, und das ganze Verfahren wurde mit - moderaten - Bußgeldzahlungen gegen die HDW und das Lübecker Ingenieurskontor abgeschlossen. Doch für Barschel sah es finster aus. In Bonn hatte ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss zur U-Boot-Affäre seine Arbeit begonnen, der ihm noch gefährlich werden konnte; und noch gefährlicher konnten die "Geschäftsfreunde" am Kap werden, die sehr viel Geld bezahlt, aber den Gegenwert dafür nicht bekommen hatten. Südafrika war ein Staat, der Bürgerkrieg gegen seine eigene schwarze Bevölkerung führte. Und die Mittel, die er dabei einsetzte, wurden zum Teil erst durch die unter Nelson Mandela eingesetzten "Wahrheitskommissionen" bekannt. Durch sie erfuhr die Öffentlichkeit beispielsweise von der Existenz des Labors "Delta G Scientific" auf einem unscheinbaren fabrikähnlichen Gelände bei Pretoria.

Die Öffentlichkeit glaubte Unschuldsbeteuerungen des Politikers nicht

Unter strengster Geheimhaltung hatten dort handverlesene Wissenschaftler und Offiziere der Special Forces an der systematischen Erforschung von Chemiegiften gearbeitet. Reizgase, die sich gegen Aufständische einsetzen ließen, Narkotika und Substanzen, mit denen sich der Widerstand von Gefangenen brechen ließ, geeignete Stoffe für Killer-Einsätze - alles war erforscht worden. Und später eingesetzt. Gegen Gefangene der namibischen Befreiungsbewegung Swapo beispielsweise, aber auch gegen Männer aus den eigenen Reihen wie den Agenten Victor M. de Fonseca. Der war zum Risiko geworden, weil er Außenstehenden von den geheimen Einsätzen der Special Forces berichtet hatte. Ein Kollege "impfte" eine Flasche Limonade und bot sie Fonseca auf einer gemeinsamen Autofahrt an. Wenige Tage später war er tot. Anfang 1987 häuften sich die Arztbesuche Uwe Barschels.

Verspannungen, Rückenschmerzen, Stress, Angst. Der Politiker, der seine Zusagen gegenüber den Südafrikanern nicht eingehalten, ihr Geld aber verbraucht hatte, war in einer bedrohlichen Lage. Es gab nur eine Chance: Wenn er die eingegangenen Verpflichtungen noch zu einem akzeptablen Ende bringen wollte, dann musste er die Kontrolle behalten. Das hieß: seinen Einfluss. Also die politische Macht. Der Druck stieg. Und ausgerechnet in dieser prekären Situation geriet Uwe Barschel in die Turbulenzen einer ganz anderen Affäre, die ein Ränkeschmied hinter seinem Rücken inszeniert hatte: der Mann, von dem er sich Witz im Wahlkampf und unkonventionelle Schützenhilfe gegen die SPD erhofft hatte, der vom Springer-Verlag empfohlene Reiner Pfeiffer. Nicht das UBoot- Geschäft brachte Barschel ins Straucheln, sondern Pfeiffers Intrigenspiel im September 1987. Die Öffentlichkeit glaubte den Unschuldsbeteuerungen des Politikers nicht. Partei und Fraktion rückten von ihm ab. Dann auch die eigenen Freunde in Bonn - die, von denen er genau wusste, in welche Machenschaften und Manipulationen sie verwickelt waren und aus welchen schwarzen Kassen sie sich bedient hatten.

"Wenn ich auspacke, wackelt Bonn"

"Wenn die Bonner mich fallen lassen, lernen die mich kennen", donnerte er am Telefon gegenüber einem Parteifreund zwei Wochen vor seinem Tod. Die Stasi hörte das Gespräch mit. Im privaten Umfeld fielen ähnliche Bemerkungen. "Wenn ich auspacke, wackelt Bonn." Mehrfach telefonierte Barschel mit Franz Josef Strauß, den er auf seiner Seite hatte und womöglich als Vermittler einschalten wollte. Klar war auf jeden Fall: Uwe Barschel war nicht bereit, kampflos abzutreten. Und er war inzwischen so Tavor-gesteuert, dass es ihm zusehends schwerer fiel, auf die Realität angemessen zu reagieren. Trotz der Tranquilizer hatte er in diesen Tagen Angst. Nach dem Telefongespräch mit einem Unbekannten im September 1987, erzählt seine Frau, war er so verstört wie damals, als sein Name auf einer "Todesliste" der "Roten Armee Fraktion" (RAF) aufgetaucht war. Obwohl er bereits zurückgetreten war, bat er um verstärkten Personenschutz.

Den geheimnisvollen Unbekannten "Robert Roloff ", der Barschel nach Genf gelockt und ihm angeblich belastendes Material über Pfeiffer angeboten hatte, wollte er dann aber unbedingt allein treffen. Das Angebot seines in der Nähe lebenden Bruders, ihn zu begleiten, lehnte er ab. Nicht einmal sein Hotel gab er preis. "Ich bin im Hilton", sagte er zu Eike Barschel am Telefon seines Zimmers im "Beau-Rivage". Und seine Frau rief er erst gar nicht an. Uwe Barschel war wieder einmal abgetaucht. Um wen zu treffen? Was zu verhandeln? Er sei nach Genf bestellt worden, sagte zu Lambrecht und Müller der deutsche Manager, der damals in hoher Position und sensibler Funktion an Deals mit Südafrika beteiligt war und über lange Zeit engen Kontakt zu den Geschäftspartnern vom Kap hatte. Und "Geschäftspartner" hieß in diesem Bereich meistens: Mitarbeiter des Geheimdienstes.

"War es ein Mord aus Staatsräson?"

Gegen Zusicherung von Informantenschutz hat der Manager jetzt bei einem Anwalt eine Erklärung über sein Wissen abgegeben. "Die Gesprächspartner aus Südafrika sagten, Barschel sei in Genf zur Rede gestellt worden, wie es denn jetzt weitergehe. Da das Geld ausgegeben war, konnte er es nicht zurückzahlen. Er habe Zusagen nicht einhalten können." Möglicherweise hat er auch die Zusage verweigert, über sein Wissen absolutes Stillschweigen zu bewahren - für die Geheimdienstler des Apartheid- Regimes ein inakzeptables Risiko. In der Erklärung des deutschen Managers heißt es: „Die Südafrikaner, die aus sicherheitspolitischen Gründen unbedingt UBoote haben wollten, fühlten sich von Barschel verraten. Barschel sei Gift in die Fußsohlen gespritzt worden, was nicht entdeckt worden sei." Wenn es so war, dann ist in Genf nicht nur ein "Verräter liquidiert", sondern auch eine Zeitbombe für Kanzler Kohl und seine Partei entschärft worden. Und dann kann es nicht sein, dass der deutsche Dienst, der den U-Boot-Deal beobachtend begleitet hatte und für die Nachrichtenbeschaffung im Ausland zuständig war, nichts von diesem Treffen in Genf wusste.

Der BND muss Kenntnis von dem haben, was in Genf geschehen ist. Dass es so ist, dafür sprechen nicht zuletzt die Seltsamkeiten, die Uwe Barschels Bruder Eike ebenso erlebt hat wie die Staatsanwaltschaft in Lübeck. Eike Barschel, langjähriger Vorstand beim Schweizer Konzern Wild Leitz, zu dessen Geschäftsbereich auch der Export von Wehrtechnologie gehört, wurde 1988 zu seinem Verwaltungsratspräsidenten bestellt und unverblümt darauf hingewiesen, dass er für das Unternehmen zu einer Belastung geworden sei. Hintergrund dieses Gespräches, das zur Vertragsauflösung führte: Dem Vorgesetzten war vom BND die Information zugespielt worden, dass die von Eike Barschel immer wieder öffentlich vertretene Ansicht, sein Bruder sei ermordet worden, die Exportchancen von Wild Leitz beeinträchtige. Nicht minder merkwürdig war, was der Leitende Oberstaatsanwalt Heinrich Wille erlebte, als er in Lübeck einen runden Tisch aller potenziellen Wissensträger zum Fall Barschel einberief. Der BND entsandte seinen Abteilungsleiter Volker Foertsch in das Gremium, ausgerechnet den Mann, der für die Abschirmung des BND nach außen zuständig war. Der Spezialist für Verdunkelung sollte zur Aufhellung beitragen - ein Witz. "Die Lübecker Ermittler hatten keine echte Chance", lautet das Fazit von Lambrecht und Müller. Damit bleibt weiter die Frage offen, die Barschels Witwe Freya gern an Helmut Kohl richten würde: "War es ein Mord aus Staatsräson?"

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Hallo, ich habe am 20 März 15 einen Vertrag über 12 Monate mit einem Fitness-Studio abgeschlossen. Die Kosten (9,98 € 14-Tägig, 39,99€ Verwaltung einmalig, 19,99 Trainer und Servicepauschale Jährlich) sollten per Einzugsermächtigung abgebucht werden. Kürzlich bekam ich überraschend einen Brief von einem Inkassobüro mit der Zahlungsaufforderung für die gesamten 12 Monate inkl. der Verwaltung und Servicepauschale + Auslagen des Gläubigers (63,38€), Zinsen (1,42€), Geschäftsgebühr (45€), Auskunftskosten (5€) , Auslagenpauschale (9€) Hauptforderung 320,28€ Offene Forderung 444,08€ Nach dem ich mich bei der Firma erkundet habe, sagten sie mir, dass Zahlung zurückgegangen ist da mein Konto nicht gedeckt sei. Fakt war das sie einen Zahhlendreher in der Kontonummer hatten obwohl im meinem Durchschlag die Richtige Kontonummer angegeben wurde. Aber im Original hat jemand aus einer 3 eine 8 geändert. Nach Überprüfung konnte ich Feststellen das es diese Kontonummer gar nicht gibt und das diese vom System gar nicht angenommen wird. Spätestens da hätte man mich doch hinweisen oder fragen können was mit dem Konto sei. Es kam nie ein zu einem Zahhlungsrückgang, noch zu einer Zahlungserinnerung Mahnung seitens des Fitnessstudios. Die AGB´s habe ich nie zu Gesicht nie bekommen und auch nicht gelesen - diese stehen (nach meiner Recherche) im Internet aber auch nicht definiert wie man in Zahlungsverzug kommt. Leider habe ich unterschrieben das sie mir bekannt sind. Dies steht ganz kleingedruckt im Durchschlag. Ich habe der Firma vorgeschlagen die offenen Beiträge bis jetzt zu bezahlen und für die Zukunft eine neue Einzugsermächtigung zu erteilen, was sie aber abgelehnt haben und mir gesagt haben ich soll dies mit dem Inkassobüro klären. Der Fitnessvertrag ist somit gesperrt seit einem Monat. Da ich aber mit den Gebühren, Mahnspesen von dem Inkassobüro nicht einverstanden bin weiß ich nicht ob ich diese bezahlen muss. Ich habe dem Inkassobüro auch vorgeschlagen die offenen Beiträge zu begleichen und diese dann wie vertraglich vereinbart abgebucht werden. Sie haben mir angeboten diese in einem Jahr zu einem monatlichen Beitrag von 35€ abzuzahlen. Dies währen Mehrkosten von 100€, ist das rechtens? Bitte Antworten sie mir in einer Sprache die ich auch versteh - mit langen Gesetzestexten kann ich leider nicht umgehen Und was Sie denken was ich tun soll was rechtens ist. Vielen Dank im Voraus

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