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Spiegel, 03.02.2003: Schröders Spiel

Nach 100 Tagen wissen die Deutschen nicht, was die Regierung mit dieser Republik vorhat. Ein Programm ist kaum zu erkennen, nur ein Regierungsstil: mal vor, mal zurück. Eine Riege von alten Bekannten führt das Land, verschwippt und verschworen, seit sie vor drei Jahrzehnten aufgebrochen sind, die Republik umzustürzen - inzwischen verbinden sie vor allem die Rituale der Macht.

Von Matthias Geyer Horand Knaup, Hartmut Palmer, Gerd Rosenk

Der ovale Tisch, der im Großen Kabinettssaal des Bundeskanzleramts steht, ist neun Meter lang und 3,35 Meter breit, seine Platte ist vier Zentimeter dick und aus rotem Buchenholz. 18 Sessel umstellen den Tisch, sie sind mit schwarzem Leder bezogen und haben hohe Lehnen. An jedem Platz: eine silberfarbene Kaffeekanne und eine schwarze Schale, in der ein gespitzter Bleistift liegt.

Es ist ein Mittwochmorgen im Januar, kurz nach halb zehn, in Berlin tagt das Kabinett. Deutschland wird regiert. Gerhard Schröders Platz ist genau in der Mitte, da, wo der Tisch am breitesten ist. Er blättert in Papieren. Schräg gegenüber sitzt Otto Schily. Er hat auch Papiere dabei. Joschka Fischer sitzt neben Schröder. Fischer und Schröder gucken sich an. Ein Dialog ohne Worte. Es geht darum, wer zuerst reden soll. Auf der Tagesordnung stehen große Dinge. Das Europa der Zukunft. Es gibt nur zwei in diesem Saal, die über solche Sachen sprechen dürfen. Schröder oder Fischer. Schröder nickt kurz und sagt: "Joschka, mach du das." Joschka Fischer hält einen Vortrag. Er spricht darüber, was der deutsche Bundeskanzler mit dem französischen Präsidenten über das kommende Europa ausgehandelt hat. "Doppelspitze", "Kommissionspräsident", "Ratspräsident", "Schröder-Chirac-Papier". Wie Fischer eben redet. Als er fertig ist, fällt sein Körper in den Sessel zurück, Fischer liegt jetzt mehr, als dass er sitzt. Er hat die Arme vor dem Bauch gekreuzt, er guckt durch seine Brille hindurch ins Unendliche, seine Mundwinkel sind nach unten gebogen. Fischer sieht aus, als gäbe es nichts mehr zu sagen.

Er weiß, was jetzt passiert, alle an diesem Tisch wissen das. Otto Schily bittet ums Wort. Schily bittet immer ums Wort, wenn Fischer geredet hat.
Der Bundesminister des Inneren sagt kühl: "Ich danke dem Herrn Außenminister für seine sehr ausführliche und kompetente Berichterstattung." Schily macht eine Pause. Die Pause heißt: aber.
"Aber", sagt Schily, "bei aller Freude über die vom Herrn Bundeskanzler erzielte Übereinkunft möchte ich doch darauf hinweisen, dass es gut wäre, etwas früher konsultiert zu werden." Er sage das in seiner Eigenschaft "als Verfassungsminister". Es sei ihm wichtig, darauf hinzuweisen, sagt Schily.

Fischer guckt ins Unendliche. Schröder blättert in seinen Papieren.
Außen am Tisch sitzt die Familienministerin Renate Schmidt. Sie beugt sich nach links, zum Verteidigungsminister Peter Struck, und sagt in sein Ohr: "Wenn es nicht so nette Männer gäbe wie dich, dann würde ich jetzt nur noch sagen: Männer."

Renate Schmidt ist neu im Kabinett. Als sie zum ersten Mal in dieser Runde saß, verstand sie nicht, warum sich Menschen, die sich seit 30 Jahren kennen, mit "Sie" anreden und mit "Herr Minister".

Ulla Schmidt ist schon seit zwei Jahren Gesundheitsministerin, sie hat die Spielregeln einmal so erklärt: "Es ist immer das Gleiche: Zuerst redet der Kanzler, dann kommt der Außenminister. Und dann meldet sich 'Mister Staat', pinkelt den Außenminister an und richtet noch eine Ergebenheitsadresse an den Kanzler." Jetzt weiß Renate Schmidt, wie Deutschland regiert wird. 100 Tage ist die wieder gewählte Koalition im Amt, und noch nie ist eine deutsche Regierung während der ersten 100 Tage so tief gefallen. Sie machte eine Politik, die kein Wähler verstand. Es ging mal um die Vermögensteuer und mal um die Zinssteuer, es ging mal mit den Gewerkschaften und mal gegen sie. Es ging mal gegen Reiche und mal gegen Arme, es ging mal um linke Politik und mal um rechte Politik. Diese Politik lasse kein System erkennen, meinen die Kommentatoren. Aber das stimmt nicht. Gerhard Schröder hatte immer sein eigenes System. Er hat mal einen Satz gesagt, der dieses System gut beschreibt: "Die Frage, ob ein prinzipieller Beschluss in jeder konkreten Situation durchgehalten werden kann, muss differenziert betrachtet werden."

Die einzige Konstante im System Schröder ist der Richtungswechsel, und das einzige Ziel heißt: oben bleiben.

Die Wirtin

Wahrscheinlich hat alles bei Heike Stollenwerk angefangen. Sie ist eine große Frau mit einem eckigen Gesicht, sie raucht Roth-Händle ohne Filter und trinkt Weißwein, auch schon mal am Nachmittag. Sie sitzt an einem Tisch im "Zwiebelfisch", sie geht gern in diese Gaststätte am Berliner Savignyplatz, weil der "Zwiebelfisch" eine Geschichte hat. Die Kneipe war ein kleines Sammelbecken der linken Protestbewegung, damals zum Ende der sechziger Jahre, und Heike Stollenwerk zapfte hinter dem Tresen.

Weil Berlin eingemauert war und die Protestler bald in die Institutionen marschierten, zog Heike Stollenwerk mit ihrem Mann nach Bonn. Sie eröffneten eine Kneipe, in der noch einmal etwas beginnen sollte. Sie nannten sie "Provinz". Die "Provinz" war klein und eng, aber sie hatte eine gute Lage. Gegenüber war das Kanzleramt. Gegenüber herrschte Helmut Kohl. Man hatte ihn immer im Blick von hier aus. Heike Stollenwerk erzählt von einem Tag im September 1983. "Irgendwann am Abend ging die Tür auf, und Gerhard Schröder kam rein. Er brachte neue Gäste mit, es waren junge Abgeordnete von den Grünen. Sie gingen hinter ihm her. Joschka Fischer, Hubert Kleinert, Otto Schily." Seit diesem Abend kamen sie immer wieder.

Politisiert worden waren sie in einer Zeit, als Walter Ulbricht in Ost-Berlin Militärparaden abnahm und Rudi Dutschke in West-Berlin den Ku'damm rauf- und runterlief. Sie hatten die gleichen Träume - make love, not war; raus aus der Nato; Bildung statt Bomben; Ami, go home; enteignet Springer; stoppt die Notstandsgesetze; nieder mit dem Polizeistaat. Und sie hatten die gleichen Feindbilder - den Schah von Persien, CIA, BND, Nixon, Strauß, Kiesinger. Und später Schmidt.

Als Kanzler wollte Helmut Schmidt US- Raketen nach Mitteleuropa holen und die Atomenergie ausbauen. Über die 68er sagte Schmidt einmal: "Sie bestreiten alles, nur nicht ihren Lebensunterhalt."
Dann wurde Helmut Kohl Kanzler, und sie hatten ein neues Feindbild. Kohl wollte Adenauers Republik zurück, ein Land mit einem großen Jägerzaun drum herum, mit Troddeln an der Wohnzimmerlampe und richtigen "Familljen" am Esstisch.

Es war die Zeit, in der die Grünen mit der Politik anfingen. Otto Schily und Joschka Fischer gehörten zu ihnen. Sie wollten eine andere Republik. Es gab junge Sozialdemokraten, die dasselbe wollten. Gerhard Schröder, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Renate Schmidt, Hans Eichel. Sie wussten nicht genau, wie die Republik, die sie wollten, aussehen sollte. Aber sie wollten sie gestalten. In der "Provinz" entwarfen sie das neue Deutschland. Auch Heide Simonis war da, die Frau, die heute Ministerpräsidentin in Schleswig-Holstein ist. Sie war damals Bundestagsabgeordnete der SPD. Sie hatte nicht viel zu tun mit den neuen Männern, sie beobachtete sie nur. "Jeder hatte seinen Platz, und keiner pinkelte dem anderen ins Revier. Sie ließen schon damals keinen Zweifel daran, dass sie gottgesandt waren", sagt Simonis. Manchmal kam auch Doris Köpf in die "Provinz", sie war Redakteurin bei der "Bild"-Zeitung.

Joschka Fischer thronte schon damals zurückgelehnt an seinem Tisch und guckte ins Unendliche. Er saß in der Kneipe, wie er heute im Großen Kabinettssaal sitzt, aber er steckte noch nicht in dreiteiligen Anzügen. "Ich hatte selten das Bedürfnis, mit ihm zu reden, weil er eh alles besser wusste", sagt Simonis.

Otto Schily trug schon damals gebügelte Oberhemden und Krawatte. Er sagte zu allen "Sie", er beschwerte sich, dass die Küche schon um elf Uhr abends geschlossen wurde, er wollte kein Bier trinken, er wollte Rotwein aus der Toskana. "Er erzählte den anderen immer, was sie wieder falsch gemacht haben", sagt Simonis.

Gerhard Schröder war schon damals ein geselliger Mensch. Er mochte das Bier, und einmal, als er zu viel hinuntergekippt hatte, ging er raus, über die Straße zum Kanzleramt, griff an die Gitterstäbe des Zauns, rüttelte daran und schrie: "Ich will da rein."

Der SPD-Abgeordnete Claus Grobecker aus Bremen kam auch oft in die "Provinz". Er war ein bekannter Gewerkschafter. Eines Abends nahm er einen Bierdeckel und malte einen Pfeil darauf, der von links unten nach rechts oben zeigte. Grobecker sagte: "Das wird euer Weg sein: links unten einsteigen, rechts oben ankommen."

Schily kam aus einer großbürgerlichen Familie, er war Rechtsanwalt, er hatte in den siebziger Jahren die Terroristin Gudrun Ensslin verteidigt, er war schon jemand. Fischer hatte in den siebziger Jahren Frankfurter Häuser besetzt und auf der Straße gegen den Staat gekämpft. Sein Vater war Metzger. Schröders Mutter war Putzfrau. Schröder hatte das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht und dann Jura studiert.

Als sie in Heike Stollenwerks Kneipe zusammenkamen, arbeitete sich Schröder gerade in der SPD nach vorn, Schily stand an der Spitze der grünen Fraktion, und Fischer war bei den Grünen Parlamentarischer Geschäftsführer. Fischer war Schilys Knecht.

Aber Fischer war brillant. Fischer konnte reden. "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch", sagte er zum damaligen Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen. "Eine unglaubliche Alkoholikerversammlung, die teilweise ganz ordinär nach Schnaps stinkt", sagte er über den Deutschen Bundestag.

Schröder empfand wie Fischer, aber er konnte es nicht so schön ausdrücken. Eines Nachts saßen Gerhard Schröder und Joschka Fischer an einem Tisch in der "Provinz" und entwarfen auf Bierdeckeln das Kabinett der Zukunft. Auf den Bierdeckeln war Schröder Bundeskanzler, Fischer war Außenminister und Schily war Justizminister. Aber gegenüber saß Kohl im Kanzleramt und schlug Wurzeln.

Fischer ging nach Hessen, er wurde Umweltminister der ersten rot-grünen Koalition und ließ sich in weißen Turnschuhen vereidigen. Schily kam nicht weiter bei den Grünen. Deshalb ging er 1989 zur SPD. Schröder zog nach Niedersachsen, er wollte Ministerpräsident werden. Vorher reiste er nach Kuba und ließ sich von Fidel Castro erklären, wie man Wahlen gewinnt. Zum Abschied schenkte ihm Castro eine Kiste mit Cohiba-Zigarren.

Die drei Männer aus der "Provinz" und ihre Mitstreiter mussten lange warten; sie kamen schließlich in Bonn an die Macht, weil die Deutschen Kohl nicht mehr wollten. Als sie endlich gewählt waren, schrieben sie über ihren Koalitionsvertrag: "Aufbruch und Erneuerung - Deutschlands Weg ins 21. Jahrhundert". Sie senkten die Steuern, kappten die Neuverschuldung, sie beschlossen den Atomausstieg, sie änderten das Staatsbürgerschaftsrecht, sie erlaubten die Homo-Ehe. Es gab viele kleine gesellschaftliche Reformen, aber keine große Reform der Gesellschaft. Was Kohl liegen gelassen hatte, ließen sie auch liegen. Sie wollten ja wieder gewählt werden. Der Arbeitsmarkt war kaputt, das Bildungssystem war kaputt, das Gesundheitssystem war kaputt.

Sie wären deshalb vier Jahre später beinahe abgewählt worden. Sie durften bleiben, weil die Ost- und Norddeutschen Stoiber nicht wollten. Jetzt steht über ihrem Koalitionsvertrag: "Erneuerung - Gerechtigkeit - Nachhaltigkeit". Die Probleme des Landes sind inzwischen so groß, dass sie nur in einer anderen Republik gelöst werden können: Der Sozialstaat muss abgebaut werden. Aber: Das Gegenteil, den Sozialstaat ausbauen, wollten diejenigen, die in den Sechzigern aufbrachen, die Republik zu verändern.

Heike Stollenwerks Kneipe ist inzwischen abgerissen. Die Wirtin ist arbeitslos, sie wohnt jetzt in Berlin. Manchmal sieht sie ihre Kundschaft von damals im Fernsehen. "Die Typen sind genauso wie damals", sagt sie, "nur mutloser."

Die Posten

"Hat einer was dagegen, wenn ich rauche? Muss er nur sagen, ich hör sofort auf." Zwischen den Zähnen von Gerhard Schröder klemmt eine Cohiba-Zigarre. Er nimmt sie nicht aus dem Mund, wenn er spricht.

Oktober 2002, der letzte Tag der rot-grünen Koaltionsverhandlungen in der Berliner SPD-Zentrale. In den Tagen vorher war es um die "Sachthemen" gegangen, und wenn es klemmte, warfen sich Schröder und Fischer kleine Zettelchen über den Tisch. Sie saßen sich immer gegenüber. Jetzt geht es um die Posten.
Es geht um Posten in der Wirklichkeit, nicht um Posten auf Bierdeckeln.

"Komm, Joschka, lass uns mal hochgehen", sagt Schröder. Sie verziehen sich ins Büro des SPD-Vorsitzenden im sechsten Stock. Sie reden eine Dreiviertelstunde lang. Unten saugt Kerstin Müller an Zigaretten. Müller war Fraktionschefin der Grünen, aber sie will jetzt mehr, sie will Staatsministerin im Auswärtigen Amt werden. Auch Rezzo Schlauch muss versorgt werden, der andere Fraktionschef der Grünen. Vielleicht Staatssekretär im Wirtschaftsministerium? Jürgen Trittin wirkt etwas angestrengt. Die Zuständigkeiten seines Umweltressorts sind noch nicht geklärt.

Dann kommen Schröder und Fischer zurück. Schröder bleibt mit seinen Leuten im großen Verhandlungszimmer, Fischer geht mit den Grünen in den Besprechungsraum, der im SPD-Haus für den Koalitionspartner reserviert ist.

Irgendwann steht Schröder vor dem Zimmer der Grünen. Es hakt. "Ich muss Joschka noch mal sprechen", sagt er. Sie gehen in ein kleines Büro, das gerade frei ist. Jetzt reden sie noch mal. Es geht um die allerletzten Posten. Jeder Posten ist wichtig. In einer parlamentarischen Demokratie geht es nicht nur darum, Mehrheiten zu bekommen, sondern auch darum, Mehrheiten zu behalten. Man braucht Leute, die einem folgen. Man braucht Fraktionsdisziplin. Gerhard Schröder musste während der Afghanistan-Krise im Herbst 2001 die Vertrauensfrage stellen, weil die Fraktionsdisziplin aufgeweicht war. Man braucht die richtigen Leute auf den richtigen Posten, damit so was nicht noch mal passiert. Schröder und Fischer sprechen lange miteinander.

Dann kommen sie raus. Sie sehen aus wie Frank Bsirske und Otto Schily nach einer durchverhandelten Tarifnacht. Sie nicken ihren Leuten zu. Die Regierung steht.

Der Aufsteiger

Immer wenn das Parlament der Bundesrepublik Deutschland über wichtige Anträge abstimmen muss, tutet im Bundestag eine Sirene. Das klingt so, als wäre gerade irgendwo ein Feuer ausgebrochen. Die Abgeordneten laufen dann aus der Lobby und den Snackbars in den Plenarsaal und gucken engagiert.

Jürgen Trittin sitzt in der Bundestags-Cafeteria und kaut auf einem Croissant, während es tutet. Er ist ganz ruhig. Er beobachtet die Abgeordneten über einen Monitor, der in der Cafeteria hängt. Wer wirklich wichtig ist, muss nicht als Erster zur Abstimmung laufen. Trittin ist Umweltminister, und damit ist er wichtig.

Je näher die Bundestagswahl kam, desto wichtiger wurde er. Je tiefer die Werte für Rot-Grün sanken, desto toller fand Schröder seinen Umweltminister. Er band das, wofür Trittin steht, wie eine Schleife um seine Reden: Atomausstieg, Dosenpfand, Umweltschutz. Im Wahlkampf entdeckte der Kanzler so etwas wie eine rot-grüne Kultur. Ein gemeinsames Projekt.

Viele sagen, Schröder habe die Wahl gewonnen, weil er die rot-grüne Großstadtkultur gegen Stoibers semi-bayerische Gemütlichkeitswelt ausspielte.

Kulturwahlkampf? Jürgen Trittin grinst ein bisschen. "Es war auch Kulturwahlkampf, Kampf um die kulturelle Hegemonie. Und von Hegemonie versteht der Kanzler was." Rot-grünes Projekt? Trittin hat von dem Tag an nicht mehr daran geglaubt, als Oskar Lafontaine 1999 aus dem Finanzministerium floh. "Es ist rationaler, von Koalitionen zwischen Konkurrenten zum gemeinsamen Vorteil zu sprechen, als die leichte Rede vom rot-grünen Projekt zu pflegen", sagt er.

Als Schröder 1986 zum ersten Mal Ministerpräsident in Niedersachsen werden will, ist Trittin Fraktionschef der Grünen in Hannover. Schröder spricht von einer "rotgrünen Option". Er schreckt damit Johannes Rau auf, der die SPD als Kanzlerkandidat ein halbes Jahr später bei der Bundestagswahl zu einer eigenen Mehrheit führen will. Rau schickt seine beiden Berater Bodo Hombach und Wolfgang Clement nach Hannover. Sie sollen Schröder die rot-grünen Phantasien austreiben.

Hillu Schröder, damals noch Schröders Ehefrau, hat das, was dann passiert, in ihrem Buch "Auf eigenen Füßen" so aufgeschrieben: "Hombach, Clement und Gerd nahmen sich drei Liegestühle und zogen sich auf die Terrasse zurück. Gerd sagte nicht viel. Als die beiden gegangen waren, sagte Gerd mit zerknirschtem Gesicht: 'Ich kann hier nicht gegen Rau Wahlkampf machen.'"

Ein paar Wochen danach sagt Gerhard Schröder in einem Interview mit Radio Luxemburg: "Ich glaube nicht, dass die Grünen bündnisfähig sind."

Drei Jahre später, 1989, sitzen Gerhard Schröder und Jürgen Trittin häufig in der Gaststätte "Plümecke" zusammen, von der es heißt, sie mache die beste Currywurst in Hannover. Sie entwerfen eine Strategie, mit der sie zusammen die Landtagswahl im nächsten Jahr gewinnen wollen. Die Strategie geht so: Die SPD rückt in die Mitte, um auf dem Land Stimmen einzusammeln, die Grünen bleiben links, um in den Städten zu gewinnen.

Trittin sagt: "Ich habe damals gelernt: Manchmal koaliert man einfacher mir rechten als mit linken Sozialdemokraten." Trittin war immer ein Anhänger von Oskar Lafontaine, bis er mit Gerhard Schröder in Niedersachsen gewann. Er wurde Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten. Er war ein Grüner, aber er stimmte für die Teststrecke von Mercedes und für die Vertiefung der Ems.
Unter Schröder lernte Trittin, dass man Programme opfern muss, um nach oben zu kommen und oben zu bleiben.

Der Schuldner

In Klaus Uwe Benneters Büro gibt es Klaus Uwe Benneter gleich zweimal. Einmal in echt und einmal in Pappe, lebensgroß. Es sieht so aus, als sei Klaus Uwe Benneter wichtig.
Der Mann ist Schröders Freund.
Vor einem Vierteljahrhundert war Benneter, der heute einen dreiteiligen Anzug mit Nadelstreifen trägt, Chef bei den Jusos. Er spielte eine merkwürdige Rolle. Es hieß, er sei ein Kommunist, der die SPD unterwandern wolle. Man nannte ihn "Benni Bürgerschreck".

Benneter war nie Kommunist. Er redete als Bundesvorsitzender der Jungsozialisten nur, als wäre er einer. Er flog aus der Partei und wurde dadurch, wie er heute sagt, "über Nacht weltberühmt". Sein Nachfolger als Juso-Chef war Gerhard Schröder.

Als Juso-Chef wird Schröder zum Bundeskanzler Helmut Schmidt vorgelassen. Als er in Schmidts Arbeitszimmer kommt, brüllt der Kanzler gerade in den Telefonhörer. Dann legt er auf. "Dass man diesen Arschlöchern immer die Welt erklären muss!", sagt Schmidt danach und erzählt, dass er eben mit Leonid Breschnew telefoniert habe. Vor Breschnew habe er übrigens Jimmy Carter am Apparat gehabt, sagt Schmidt. Mit Carter sei es genauso gewesen wie mit Breschnew.

Gerhard Schröder ist tief beeindruckt. Er berichtet seinen Kollegen Freimut Duve, Renate Schmidt und Michael Müller bei einer gemeinsamen Zugfahrt, was er im Kanzleramt erlebt hat. Müller ist heute stellvertretender Fraktionschef der SPD; er glaubt, dass diese Geschichte erklärt, warum Helmut Schmidt für Schröder ein Vorbild ist.

Schröder durfte nur deshalb in Helmut Schmidts Arbeitszimmer, weil er auf den Posten gerutscht war, den Klaus Uwe Benneter verloren hatte. Er vergisst keine Menschen, die ihm mal behilflich waren. 1983 setzt er sich bei Willy Brandt für die Rückkehr seines Kumpels in die SPD ein.

Benneter hat danach eine stille Karriere in der SPD gemacht. Im Sommer vergangenen Jahres kämpfte er um einen Platz im Bundestag. Und wieder war Gerhard Schröder zu Diensten. Er kam während des Wahlkampfs zu Besuch, man setzte sich in einem Schrebergarten zusammen, es waren auch Pressefotografen dabei. Sogar Doris, die Ehefrau des Kanzlers, war im Einsatz, sie las in Benneters Berliner Wahlkreis aus ihrem Buch "Der Kanzler wohnt im Swimmingpool" Geschichten vor. Benneter bekam seinen Platz im Bundestag.

Jetzt zahlt er zurück, jetzt muss er Schröder helfen. Benneter ist Vorsitzender im Lügenausschuss geworden, den die Union im Bundestag durchgesetzt hat. Es geht um falsche Versprechungen und falsche Zahlen, es geht um Schröders Ansehen - "Benni Bürgerschreck" muss es jetzt richten.

Der Kronprinz

Joschka Fischer macht während der Koalitionsverhandlungen einen Scherz. Der Außenminister fragt den Finanzminister: "Sag mal, Hans, willst du deine Steuerprüfer eigentlich auch auf die Flohmärkte schicken?" Fischer sorgt für Heiterkeit in der rotgrünen Runde, nur Hans Eichel lacht nicht mit. Sein Kopf zuckt, er sagt: "Natürlich mach ich das. Was glaubt ihr, wie viel da umgesetzt wird?"

Sie reden gerade über das Thema "Umsatzsteuer bei Privatgeschäften". Hans Eichel hat das in seine "Giftliste" geschrieben; in seiner "Giftliste" stehen lauter solche Sachen; überall will der Finanzminister die Vergünstigungen streichen.

Eichels "Giftliste" nervt auch den Bundeskanzler. "Hans, nun hör doch mal auf damit", sagt Gerhard Schröder. Hans Eichel war mal der Star in Schröders Kabinett. Das war zu einer Zeit, in der es vor allem darauf ankam, Geld zu sparen. Eichel war der Kronprinz, auserkoren, die SPD in eine Große Koalition zu führen. Jetzt ist er nur noch der Spar-Hansel.

Schröders neuer Star hat viele Qualitäten. Wolfgang Clement war vor 20 Jahren auch gelegentlich Gast in der Bonner Kneipe "Provinz". Schröder imponierte, dass Clement ein Glas Bier schneller austrinken kann als andere ein Glas Schnaps. Das liegt daran, dass Clement nicht schlucken muss, wenn er trinkt. Clement kann das Zäpfchen in seinem Rachen nach oben klappen und die Flüssigkeit einfach laufen lassen.

Wolfgang Clement kann Sachen, die sonst eigentlich keiner kann.
Er soll den Arbeitsmarkt sanieren.
Es geht um 4,2 Millionen Menschen ohne Job. Die Deutschen haben Schröder gewählt, weil sie glaubten, dass er das in den Griff kriegen würde. Wer die Macht hat, muss alles in den Griff kriegen. Die Arbeitslosigkeit, das Gesundheitssystem, das Bildungssystem. Man kann das alles gar nicht in den Griff kriegen. Man kann nur so tun, als könnte man es, andernfalls verliert man die Macht. Ein halbes Jahr vor der Wahl hat Schröder so getan, als könnte er den Arbeitsmarkt reparieren. Er erfand die Kommission von Peter Hartz. Hartz sagte erstaunliche Dinge, etwa, dass man die Arbeitslosigkeit bis 2005 halbieren könne.

Zwei Wochen nach der Wahl erfand Schröder den Superminister Wolfgang Clement, der das Konzept von Peter Hartz in die Wirklichkeit transportieren sollte. Clement sagte Dinge, die unwirklich klangen, etwa, dass er daran glaube, in Deutschland bis 2010 Vollbeschäftigung zu bekommen. Schröders Minister merken an kleinen Gesten, wen der Kanzler gerade besonders braucht. "Die meisten grüßt er nur flüchtig vor der Sitzung, Clement haut er auf die Schulter", sagt ein Minister.

Aber es ist gefährlich, neben Gerhard Schröder zu groß zu werden. Der Kanzler hat seinen neuen Star schon vorsichtig zurechtgerückt. "Pass auf", sagte er zu Clement, "sonst mache ich dich noch zu meinem Kronprinzen."

Die Rote

Wenn Heidemarie Wieczorek-Zeul an ihrem Schreibtisch im 10. Stock sitzt und aus dem Fenster guckt, kann sie ein paar Reste der Nazi-Zeit sehen. Vor dem Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung liegt ein Trümmergrundstück, das mit Büschen und Bäumen überwuchert ist. Hier stand früher Adolf Hitlers Reichssicherheitshauptamt, heute ist es die Gedenkstätte "Topografie des Terrors".

Es ist Zufall, dass die Ministerin Wieczorek-Zeul hier ihren Dienstsitz hat. Aber es passt zu ihrer politischen Biografie.

Sie ist eine von den 68ern, die wegen der verdrängten Nazi-Geschichte in Konflikt mit der Kriegsgeneration geraten und so in die Politik gekommen waren. Sie wurde aus Protest "links", sie war in den siebziger Jahren Juso-Chefin und wurde "die rote Heidi" genannt. Jetzt ist sie Ministerin, die rote Heidi ist oben, aber aufsässig wirken inzwischen nur noch ihre fanatisch kolorierten Haare. "Ich bin eine kontinuierliche Person", sagt sie. Heidemarie Wieczorek-Zeul hat Gerhard Schröder nie getraut.

Er war ein linker Sponti, als er bei den Jusos anfing. Dann schloss er einen Pakt mit Benneters autoritären "Stamokaps", plötzlich war der Sponti Schröder an der Seite der "Kommunisten". Wieczorek-Zeul nannte es "ein perverses Bündnis". Sie gehörte, wie Rudolf Scharping, zu den "Reformsozialisten", die auch "links" waren, aber der SPD näher als die anderen Jusos. So bunt ging es mal zu bei den Sozialdemokraten.

Reformsozialisten und Stamokaps stritten sich um die Frage, wie man den kapitalistischen Staat verändern könne. Durch Reformen, sagten die Reformsozialisten. Durch Revolution, sagten die Stamokaps. Schröder sagte mal dies und mal das. Schröder hatte mit Theorien nichts zu schaffen.

"Für Inhalte war er nie zuständig, aber er kapierte schnell, was nützt und was schadet", sagt Johano Strasser, der damals für die Reformsozialisten Papiere schrieb. Strasser sah aus wie Paul Breitner und redete wie Marx und Feuerbach.

Es ging aber gar nicht so sehr um Theorien, es ging vor allem darum, wer die Mehrheit hat: Schröder oder Scharping, Wieczorek-Zeul oder Schröder, Scharping oder Wieczorek-Zeul. Die Duelle fingen in der Sandkiste an, bei den Jusos, und wurden später auf den Parteitagen der SPD zu Ende gefochten.

1993 kandidierten Schröder, Scharping und Wieczorek-Zeul um den Parteivorsitz in der SPD. Die Rechten waren für Scharping, die Linken waren gespalten. Sie wählten entweder Schröder oder Wieczorek-Zeul - deshalb gewann Scharping. Schröder glaubte, dass Wieczorek-Zeul nur deshalb antrat, um ihn zu verhindern.

Heute sitzt sie jeden Mittwoch morgen um halb zehn im Großen Kabinettssaal, zwei Plätze neben Schröder. Er hat sie zur Ministerin gemacht, weil er sie brauchte, für den linken Rand und für die Kirchen. Auch Manfred Stolpe wurde so Minister - er wurde für den Osten gebraucht.

"Die rote Heidi" unterliegt jetzt der Kabinettsdisziplin, sie macht keinen Ärger mehr. Wenn sie doch mal im Bundessicherheitsrat gegen Rüstungsexporte stimmt, rollt Gerhard Schröder die Augen zur Decke. So was hält er aus. Vor kurzem ist Heidemarie Wieczorek-Zeul 60 Jahre alt geworden. Gerhard Schröder schenkte ihr im Kabinett einen Strauß mit rosa Rosen. Und sagte zu ihr: "Na, Heidi, hättste auch nich gedacht, wa?"

Der Schrei

Der Name Heide Simonis hat nie auf einer Kabinettsliste gestanden, die Gerhard Schröder entworfen hat. Nicht mal auf denen, die in der Kneipe "Provinz" auf Bierdeckel geschrieben wurden. Sie war Stammgast in diesem Lokal, aber keine von den Frauen, die den Männern zuhörten. Sie hatte ihre eigenen Bierdeckel.
Jetzt ist sie seit fast zehn Jahren Ministerpräsidentin in Schleswig-Holstein.

Es ist acht Uhr an einem Freitagmorgen im Dezember, als Heide Simonis in die Berliner Landesvertretung ihres Bundeslandes kommt. Nachher muss sie in den Bundesrat, dort stimmen die Landesregierungen über das Hartz-Konzept ab. Sie hat wenig geschlafen, sie hatte keine gute Nacht. Der vergangene Abend wirkte noch nach. Gerhard Schröder hatte sich da mit den Ministerpräsidenten der SPD getroffen. Schröder wollte sie auf Linie bringen, sie sollten zustimmen, alle.

Heide Simonis sagte, dass sie sich enthalten werde. Sie fand es nicht richtig, was die Bundesregierung aus dem Hartz-Konzept gemacht hatte. Sie fand, dass die Regierung dieses Konzept verwässert habe. Dass sie zu viel Rücksicht auf die Traditionalisten in der Partei und den Gewerkschaften genommen habe. Dass Politik nicht immer nur darin bestehen dürfe, zwischen unterschiedlichen Interessen zu moderieren. Dass es manchmal harte Entscheidungen geben müsse, nicht immer nur runde Tische.
Schröder schrie sie an. Simonis musste den Raum verlassen. Sie ertrug das nicht.

Der Kamerad

Peter Struck steht neben Gerhard Schröder im Berliner Schloss Bellevue. Sie beobachten, wie Johannes Rau dem Verteidigungsminister Rudolf Scharping die Entlassungsurkunde überreicht. Rau hält eine freundliche Abschiedsrede. Am Ende der Rede läuft Scharping mit seiner Entlassungsurkunde unter dem Arm auf Gerhard Schröder zu und streckt den anderen Arm nach vorn. Schröder hält seine Hand hin, drückt zu und guckt zur Seite. Dann flieht er.

Scharping war mit seiner Geliebten und der "Bunten" auf Mallorca baden gegangen, aber Schröder musste zu ihm halten: "Den kann ich doch gar nicht entlassen. Dann würde sich seine Freundin von ihm trennen." Dann ging Rudolf Scharping mit dem Einflüsterer Moritz Hunzinger beim Herrenausstatter einkaufen. Und Deutschland brauchte einen neuen Verteidigungsminister. "Peter, du musst das jetzt machen", sagte Schröder zu Peter Struck.

Peter Struck hat sich nie richtig gegen Gerhard Schröder gewehrt. Bevor Schröder Ministerpräsident in Niedersachsen wurde, stellte er Struck einen Posten als Finanzminister in Aussicht. Schröder sagte Struck, er werde ihn anrufen. Er rief nicht an. Struck wurde Fraktionsgeschäftsführer - Schröder nannte ihn "den Vertreter des organisierten Mittelmaßes". Irgendwann in dieser Zeit traf Schröder Strucks Ehefrau Brigitte, und die sagte ihm: "Wir sind auf dich nicht angewiesen. Für den Peter gehe ich notfalls putzen." Seitdem hat Schröder Respekt vor Frau Struck.

Jetzt ist ihr Mann Verteidigungsminister. Am 20. Juli des vorigen Jahres wird er in sein Amt eingeführt. In Berlin findet das öffentliche Gelöbnis von Rekruten statt. Struck schreitet die Reihen ab, und Schröder schreitet an seiner Seite. Struck findet sich bedeutend. "Guck mal", sagt er leise zum Bundeskanzler, "alles meine Jungs."
"Ja", antwortet der Bundeskanzler, "aber nur in Friedenszeiten."

Gerhard Schröder war der erste deutsche Regierungschef nach dem Zweiten Weltkrieg, der deutsche Soldaten in den Kampf gegen einen souveränen Staat schickte. Als er 1998 gewählt war, flog er mit Joschka Fischer zum Antrittsbesuch bei Bill Clinton, und als sie zurückkamen, stand fest, dass sich Deutschland am Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien beteiligen würde. Es gab Widerstände gegen diese neue Außenpolitik - aber es war am Anfang einer Legislaturperiode. Es gab noch viel Zeit bis zur nächsten Wahl.

Vier Jahre später will George W. Bush in den Irak einmarschieren, und in Deutschland gibt es schlechte Umfragen für die SPD. Gerhard Schröder ist jetzt gegen Krieg und trifft die Mehrheitsmeinung im Land. Natürlich ist auch Verteidigungsminister Peter Struck gegen Krieg. Er trägt das in seinen Reden auf den Marktplätzen vor und bekommt, wie er überrascht erzählt, zum ersten Mal in seinem Leben stehenden Applaus.

Im Kabinett berichtet Struck von einer Reise in die USA. Er sagt, dass er sich mit Donald Rumsfeld getroffen habe. Es sei ein gutes Treffen gewesen.
Dann spricht Joschka Fischer. Fischer sagt, er habe vor Strucks Reise mit Colin Powell geredet. Wahrscheinlich sei das hilfreich gewesen für Struck.
Otto Schily meldet sich. Schily sagt, dass auch er jetzt wieder gut mit den Amerikanern könne. Eben erst habe er wieder Kontakt gehabt, mit dem CIA-Direktor.

Struck nickt. Dann sagt er noch, dass er sich beim Bundeskanzler bedanken möchte, weil der mit George W. Bush telefoniert habe. Das Telefonat habe bestimmt dazu beigetragen, dass seine Reise in die USA gelungen war. So wird regiert in Deutschland.

Das Frühstück

An jedem ersten Mittwoch eines Monats lässt die Kultur-Staatsministerin Christina Weiss in ihrem Büro einen Frühstückstisch für sieben Personen decken. Es sind nur Frauen, die zu ihr kommen. Renate Schmidt, die Familienministerin. Edelgard Bulmahn, die Bildungsministerin. Brigitte Zypries, die Justizministerin. Heidemarie Wieczorek-Zeul, die Entwicklungshilfeministerin. Renate Künast, die Landwirtschaftsministerin. Und Ulla Schmidt, die Gesundheitsministerin.

Die Frauen nennen diese Runde "das Weiberfrühstück". Es findet bei Christina Weiss statt, weil ihr Büro im Bundeskanzleramt ist. Ganz nah an der Macht. Es liegt im achten Stock, man muss von hier aus nur in den Fahrstuhl steigen und zwei Etagen runterfahren, dann ist man im Großen Kabinettssaal. Sie treffen sich am frühen Morgen, vor der Kabinettssitzung mit Gerhard Schröder. Es geht darum, sich gegenseitig Mut zu machen.

Es ist nicht einfach, Ministerin unter Gerhard Schröder zu sein. Seine Kabinettssitzungen dauern manchmal nur eine halbe Stunde, und die ist oft schon rum, wenn erst der Kanzler, dann der Außenminister und dann der Innenminister gesprochen haben.

Seit der Pisa-Studie ist Edelgard Bulmahn eine wichtige Ministerin geworden. Es gibt viel zu sagen zum Thema Bildung - und genau davor fürchtet sich der Kanzler. Wenn Edelgard Bulmahn den Finger in die Luft hebt, weil sie etwas sagen möchte, kommt es vor, dass Gerhard Schröder seinen Körper zur Seite dreht, damit es so aussieht, als würde er den Finger nicht sehen. Aber Edelgard Bulmahn gibt niemals auf, und Schröder sagt schließlich: "Edelgard - aber bitte ganz kurz."

Von denen, die bei Christina Weiss zum Frühstück kommen, ist Heidemarie Wieczorek-Zeul die Frau mit der größten Erfahrung. "Wenn du wirklich was erreichen willst", sagt sie, "dann musst du Doris anrufen."
Als in Mosambik die Menschen ertranken, war die Ministerin für Entwicklungshilfe betroffen. Sie rief bei Doris an und sagte, sie finde, Deutschland müsse ein paar Hubschrauber nach Mosambik schicken.
Im Kabinett fand Schröder das dann auch.

Der Designer

Es ist nicht Joschka Fischers Aufgabe, den Menschen zu erklären, wie Deutschland funktionieren muss. Fischer ist Außenminister, und für das große Ganze des Landes ist der Bundeskanzler zuständig.

Aber der Außenminister liebt es, sich auch seine Gedanken zu machen darüber, wie das große Ganze aussehen muss. Und was man tun muss, um in dem großen Ganzen auch noch Wahlen zu gewinnen.

Das Ergebnis solcher Überlegungen nennt er dann "Grand Design". Er erklärt mit großer Leidenschaft, dass in einem "Grand Design" alles mit allem zusammenhängt: die Weltwirtschaft und die Konjunktur, die demografische Entwicklung und die Rente, die Deutsche Einheit und Europa. Fischer kann sein "Grand Design" in druckreifen Sätzen formulieren, und er formuliert es ständig. Beim Joggen, beim Kaffeetrinken, vor dem Essen, nach dem Essen. Manchmal spricht er auch mit Gerhard Schröder darüber.

Aber immer nur dann, wenn kein anderer zuhört. Fischer erteilt keine öffentlichen Ratschläge mehr. So sehr er früher die Hierarchien bekämpft hat, so sehr hat er jetzt begriffen, dass er Hierarchien respektieren muss. Er spielt keine Spiele, die er nicht gewinnen kann. Er respektiert Schröder nicht als Schröder, er respektiert Schröder als Kanzler.

Als Schröder im Wahlkampf den Begriff vom "deutschen Weg" benutzte, saß Fischer in seinem Büro, hielt die Hände vor das Gesicht und sagte: "Es ist so furchtbar." Öffentlich sagte er erst mal gar nichts zum "deutschen Weg". Später sagt er einem britischen Reporter: "Forget it."

Bevor Gerhard Schröder Bundeskanzler wurde, war das Leben leichter für Joschka Fischer. Er durfte über Schröder sagen, was er über ihn dachte. 1997 dachte er so über Schröder: "Wenn die Mehrheit es morgen erfordert, dass er sich zu Kaiser Wilhelm stilisiert, würde er sich einen wunderbaren Zwirbelbart zulegen. Und wenn es notwendig wäre, als bayerischer König Ludwig II. ins Kanzleramt zu kommen, würde er im Starnberger See schwimmen und einen Schwan küssen."

Im selben Jahr unterhielten sie sich miteinander darüber, was passieren würde, wenn sie an die Macht kämen. Schröder sagte: "Dein Programm ist mit niemandem in der SPD zu machen, noch nicht mal mit unseren Linksaußen." Fischer antwortete: "Hochwohlgeboren scheint es nicht mehr gewohnt zu sein, dass es andere Meinungen gibt." Schröder: "In einer rot-grünen Konstellation muss klar sein: Der Größere ist der Koch, der Kleinere ist Kellner."

Es ist jetzt klar. Seit Gerhard Schröder Bundeskanzler ist, hat Joschka Fischer aufgehört, sich an ihm abzuarbeiten. Um glücklich zu sein, braucht Fischer allerdings immer Menschen, die meinen, sie wären größer als er - damit er ihnen zeigen kann, wie klein sie eigentlich sind. Ein Segen für ihn, dass es Otto Schily gibt.

Die Rivalen

Es gibt Tage, an denen rot-grüne Konferenzen aus irgendwelchen Gründen im Auswärtigen Amt stattfinden müssen. Solche Tage sind Joschka Fischers schönste Tage. Es ist halb zehn an einem Dienstagmorgen, als im Konferenzraum von Joschka Fischers Ministerium eine solche Zusammenkunft im Gang ist. Fischer ist noch nicht da, er hat nebenan in seinem Arbeitszimmer zu tun. Schily sitzt auf Fischers Stuhl. Irgendwann kommt Fischer doch noch. Er stellt sich neben Schily und sagt: "Das ist mein Stuhl." Schily rührt sich nicht.

Fischer sagt: "Ich habe es nicht gern, wenn sich jemand in meinem Haus auf meinen Platz setzt."
Jetzt erst merkt Schily, dass es Fischer ernst ist. Er guckt von seinem Papier auf. Er ist beleidigt. Er sagt: "Ich kann ja gleich wieder gehen." Fischer antwortet: "Ich habe nichts dagegen."

Joschka Fischer hält Freundschaften im Politikbetrieb für schädlich. Über Schily sagt er aber: "Der ist mein Freund." Zu Fischers und Schilys Freundschaft gehört auch, dass sie mal Rivalen waren. Und sind.

Es ist kurz nach zehn an einem Mittwochmorgen, als Gerhard Schröder die Kabinettssitzung schließen will. Da kommt Otto Schily durch die Tür. Er hat sich verspätet. Schröder sagt: "Ich freue mich, dass es auch dem Herrn Innenminister noch gelungen ist, unsere Kabinettssitzung pünktlich zu ihrem Ende zu erreichen." Schily steht mitten im Raum. Er mag keine Späße, die auf seine Kosten gehen. Schily wird in dieser Runde eigentlich nie laut, aber diesmal kann er nicht anders. "Es ist doch nicht das Privileg des Bundesaußenministers, zu spät zu kommen!"

Während der Koalitionsverhandlungen im Oktober ist auf Schilys Ausbrüche Verlass. "Er schreit unter äußerster körperlicher Anstrengung und läuft dabei hochrot an. Es ist einfach nur peinlich bei so einem Mann in diesem Alter", sagt einer, der dabei war. Schily ist jetzt 70 Jahre, der Bundeskanzler bat ihn, als Innenminister weiterzumachen. Schily muss eigentlich keinem mehr beweisen, dass er eine große Nummer ist. Aber er kann nicht anders. Wenn es um Schilys Themen geht, sagt Gerhard Schröder vorher zu den anderen: "Behandelt den Otto bitte pfleglich." Denn bei Schilys Themen wird erkennbar, wie schnell die kulturellen Gemeinsamkeiten von Rot und Grün an Grenzen stoßen.

Während der Gespräche zwischen Sozialdemokraten und Grünen geht es auch um die Frage, ob Deutschland den Besitz von Haschisch in kleinen Mengen legalisieren soll. Schily schüttelt den Kopf. "Suchtgefährdung", murmelt er. Rezzo Schlauch von den Grünen meint, einem Familienvater, der samstags eine Kiste Bier ins Auto packt, um für die Woche versorgt zu sein, werde auch nicht gleich der Führerschein abgenommen, weil er schleichend suchtgefährdet sei.

Schilys Stimme schwillt langsam an. "Vorsicht vor Einstiegsdrogen! Das landet immer beim Heroin", sagt er. Es gibt Sozialdemokraten, die sehen das genauso. Schlauch ruft schließlich: "Nehmt doch endlich mal zur Kenntnis, dass Haschisch nicht gespritzt wird."
Schröder rollt die Augen zur Decke und sagt dann: "Komm, Otto, lass mal."
Joschka Fischer lauert noch.

Dann wird das Thema "Graffiti-Sprüher" besprochen. Schily will, dass die Schmiererei in Zukunft härter bestraft wird. Die Grünen gucken sich stumm in die Augen.

Dann redet Fritz Kuhn für seine Partei. Kuhn hatte mal eine Professur an einer Hochschule für Gestaltung. Er sagt, an dieser Hochschule habe es viele begabte Graffiti-Künstler gegeben. "Wir haben die Wahl auf dem kulturellen Ticket gewonnen. Wir sollten uns nicht zum Spottobjekt sämtlicher Off-Künstler machen." Jetzt brüllte Schily. "Das ist doch krank!"
Das ist der Moment, auf den Joschka Fischer gewartet hat. Er drückt seine Sessellehne etwas nach hinten, er lächelt verhalten und sagt: "Ach, lasst mal gut sein mit den Graffiti. Es reicht doch, wenn ab und zu die Bullen kommen und mal einen mitnehmen."

Der Aussteiger

Hubert Kleinert gehörte einmal dazu. Als er 1983 für die Grünen in den Bundestag zog, trug er rote Hosen und hatte lange Haare. Er war damals so etwas wie der strategische Kopf der Grünen. Kleinert war Fischers Freund, zusammen tranken sie in Heike Stollenwerks "Provinz", er respektierte Otto Schily und kannte Gerhard Schröder. Kleinerts Freundschaft zu Joschka Fischer ist vergangen. Kleinert macht keine Politik mehr. Er ist im Café "Einstein", um zu frühstücken. Ein paar hundert Meter weiter sitzt Fischer auf der Regierungsbank, der Bundestag debattiert die Haushaltslage, es geht um rot-grüne Löcher, die man stopfen muss.

Kleinert sagt: "1990 hätte Rot-Grün als Generationenprojekt gepasst. Heute ist es nur noch eine Mehrheitskoalition." 1990 war die Katastrophe von Tschernobyl erst vier Jahre alt, in der Bundesrepublik Deutschland war die Forderung nach einer ökologischen Erneuerung mehrheitsfähig geworden, aber 1990 wählte auch der Osten. Der Osten wollte keinen Umweltschutz. Der Osten wollte einen VW Golf. Der Osten wollte Kohl.

Jetzt geht es um den Umbau des Sozialstaats, und Kleinert sagt, die gesellschaftliche Wirklichkeit habe mit dem, "was in den achtziger Jahren an Plänen und Visionen herumschwirrte", nichts mehr zu tun. Es gebe kein Generationenprojekt mehr. Es gebe nur noch Minister, die einer Generation angehören.

Und diese Minister seien so geworden wie ihre Väter, sagt Kleinert. Sie halten gestanzte Reden wie die Väter, sie lassen sich Doktorhüte aufsetzen wie die Väter. "Sie sehen leider so aus, als ob sie nichts mehr ernst nähmen - außer sich selbst und ihre Karrieren", sagt Kleinert.

Wenn Kleinert heute auf die Regierungsbank guckt, geht ihm Max Weber durch den Kopf und dessen Erkenntnis, die Grundtorheit des Politikers sei der Kult um die Macht. "Der reine Machtpolitiker ist als solcher zwar stark, tatsächlich aber wirkt er ins Leere und Sinnlose. Die Anbetung der Macht als solche nennt Weber die verderblichste Verzerrung der Politik überhaupt", sagt der Ex-Politiker Kleinert.

Der Schöpfer

Freitagabend, Joschka Fischer ist irgendwo in der Welt mit dem Flugzeug unterwegs. Otto Schily sitzt in seinem Büro in der 12. Etage des Bundesinnenministeriums. Schily steckt eine Zigarre der Marke 1492 in Brand, sie kostet im Laden 6,40 Euro pro Stück. Wahrscheinlich hat er sie nicht selbst gekauft. Er weiß nicht, was Zigarren kosten. Als er es erfährt, sagt er: "Passt eigentlich nicht in die Zeit, 6 Euro 40 einfach zu verbrennen." Er guckt etwas verwundert seinem Qualm hinterher.

Aber darum geht es nicht. Es geht um Schilys Verhältnis zu Joschka Fischer.
"Ach ja", sagt Schily und rutscht tief in seinen Sessel. Ist schon viel drüber geschrieben worden, sagt er. Muss man alles nicht so ernst nehmen. Schily möchte den Eindruck machen, als würde ihn das Thema langweilen.
Fischer, Fischer. Schily guckt an die Wand. Weiß eigentlich jemand, wie das anfing mit Fischer? Mit ihm fing es an, mit Schily, sagt Schily.

"Damals rief mich mein Freund Rupert von Plottnitz an und sagte: Achte mal auf den. Guck dir den mal an." So war das. Natürlich hätte er selbst damals der erste grüne Minister werden können in Hessen, sagt Schily. Fischer sei zu ihm gekommen und habe gesagt: Mach du das doch. Aber er habe nicht gewollt. Er habe es langweilig gefunden, Landesminister zu sein, sagt er.
Schily sitzt wieder gerade in seinem Stuhl. Er spricht jetzt immer schneller.

Er hat damals eine lange Unterhaltung mit dem hessischen Ministerpräsidenten Holger Börner geführt. "Börner wollte wissen, ob dieser Fischer Minister werden kann oder nicht. Ich habe ihm erklärt, dass Fischer Vertrauen verdient. Börner war schließlich überzeugt. Damals hab ich die Hebamme gespielt." Er hätte auch sagen können: Fischer wäre nichts ohne mich. Eigentlich habe ich ihn erschaffen. Aber so etwas sagt Schily nicht.

Die rot-grüne Koalition - war auch er. "Ich habe immer gesagt: Die SPD ist der geborene Koalitionspartner der Grünen." Fischer habe das nicht gleich kapiert, "er ist erst später auf die Richtung eingeschwenkt", sagt Schily, nur so, falls das jemand nicht weiß.
"Otto, kneif mich, ich glaub es nicht", raunte Joschka Fischer, als er am 27. Oktober 1998 vereidigt wurde. Fischer war jetzt Minister, Schily war Minister und Schröder Kanzler. Das Bierdeckel-Kabinett.

Fischer sah das Flugzeug, mit dem er von jetzt an in die Welt fliegen würde, und sagte: "Das ist jetzt alles meins." Schily hat nicht so viel, Schily ist weniger als Fischer. Vom Protokoll her, sagt Schily, stimme das vielleicht. Vom Protokoll her kommt erst der Kanzler, dann der Vizekanzler, dann der Innenminister. "Aber vom Protokoll hängt das Gewicht nicht ab."
Schily bläst die Reste seiner 1492 in die Luft und kratzt sich am Bauch.

Der Unterschied

Gerhard Schröder läuft durch sein Büro, das so groß ist wie ein kleines Einfamilienhaus. Er muss bis ganz ans Ende, weil da der Humidor steht. Er kommt mit einer Cohiba zurück, 25,90 Euro das Stück, im Laden. Wahrscheinlich muss auch Gerhard Schröder nicht in den Laden, um sich eine Cohiba zu kaufen.

Der Bundeskanzler fällt in ein Sofa, die Vorzimmerdame bringt einen Aschenbecher aus Zinn und eine Streichholzschachtel. "Ich nehm noch'n Espresso", sagt Schröder.

Das Gespräch mit SPIEGEL-Journalisten geht um die Anfänge von Rot und Grün. Schröder erinnert sich nur noch dunkel an die Geschichten aus der Bonner Kneipe, die gegenüber von Kohls Kanzleramt lag. Es sind Geschichten von gestern, er hat viele vergessen. Sie sind nicht mehr wichtig, wichtig ist: Gerds Thekenmannschaft regiert das Land. Wenn man ihn fragt, was übrig geblieben sei von damals, ein gemeinsames Projekt oder nur die Mitstreiter, sagt er erst mal: "Also, dieses Wir-Gefühl von damals, das gibt es im Kabinett immer noch."

Dann klingelt das Telefon. Kofi Annan will den Bundeskanzler sprechen. Man muss sein Büro verlassen, wenn Kofi Annan in der Leitung ist, und wenn man zurückkommt, denkt Gerhard Schröder in großen Linien.

Er sagt: "Also, es wird ja immer verlangt, dass man Visionen hat. Ich sach: Wir müssen lernen, dass wir viel verändern müssen, um es zu erhalten. Es geht darum, das Gesellschaftsmodell des Sozialstaats unter völlig veränderten Bedingungen aufrecht zu erhalten. Das ist das rot-grüne Projekt. Ist das keine Vision?"
Es könnte auch eine Vision von Edmund Stoiber sein.
Schröder sagt: "Aber die anderen wollen es nicht und können es nicht."

Es ist wieder wie damals.
Damals fragte Heike Stollenwerk, die Wirtin aus der "Provinz", ihren Stammgast Gerhard Schröder, was eigentlich der Unterschied sei zwischen der CDU und der SPD.
Schröder antwortete: "Wir sind einfach die Netteren."