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Ludwig-Holger Pfahls: Jäger der Mächtigen?

Fünf Jahre dauerte die Jagd auf Ex-Staatssekretär Ludwig-Holger Pfahls. Nach seiner Festnahme könnte er zum Jäger werden: Er weiß vieles über die Mächtigen der Republik.

Genau um Mitternacht schauten sich Jäger und Gejagter im Schein einer Pariser Straßenlaterne zum ersten Mal in die Augen. Und gaben sich die Hand. "Ich bin der, der Sie fünf Jahre lang verfolgt hat", sagte Klaus Langer*. "Dr. Pfahls", stellte sich Ludwig-Holger Pfahls vor. "Hat das denn sein müssen?", fragte Langer. "Das waren fünf verschenkte Jahre für Sie." Pfahls nickte: "Da haben Sie Recht. Ich dachte, ich käme damit durch."

Klaus Langer, 56 Jahre alt, 1,86 Meter groß, ist ein äußerst aufmerksamer Mann. Auffallend sind vor allem seine Augen, große Augen, ständig in Bewegung. Er hat Pfahls überall gesucht. In China und auf den Philippinen, in Indonesien und Südafrika.Langer ist Zielfahnder des Wiesbadener Bundeskriminalamtes (BKA). Und war von Anfang an zuständig für die Fahndungssache 14-91/99. Sein Auftrag: die Festnahme des seit Juli 1999 flüchtigen deutschen Staatsbürgers Dr. Ludwig-Holger Pfahls, ehemals Präsident des Bundesverfassungsschutzes und Rüstungsstaatssekretär im Verteidigungsministerium.

"Mein bislang schwierigster Fall"

Für den erfahrenen BKA-Beamten war 14-91/99 "mein bislang schwierigster Fall - ein Fall, der mir wirklich in die Knochen gegangen ist". Dass er Pfahls irgendwann fasst, war für ihn immer klar: "Sonst können Sie diese Arbeit nicht machen." Er fasste Pfahls am Dienstag vergangener Woche. Um 12.50 Uhr hatten ihn französische Polizeibeamte festgenommen, befragt und abends zur Durchsuchung seiner Wohnung im Haus Nr. 17 an der Rue Dupleix mitgenommen. Langer war nachmittags nach Paris geflogen, wo er um 24 Uhr auf Ludwig-Holger Pfahls traf. Der sagte ihm, er wolle so schnell wie möglich nach Deutschland zurück.

Hier dürften nun, wenn Ludwig-Holger Pfahls reinen Tisch machen sollte, einflussreiche Leute zittern - vor allem Wirtschaftsführer und Politiker. Denn Pfahls ist eine Schlüsselfigur in einem undurchsichtigen Geflecht wirtschaftlicher und politischer Interessen. Es geht um Schmiergelder und Provisionen, um Korruption und Betrug. Um unglaublich viel Geld, das verdient wurde mit der Lieferung von "Fuchs"-Panzern nach Saudi-Arabien, dem Verkauf der militärischen Hinterlassenschaft der DDR, dem Erwerb der Leuna-Raffinerie durch den französischen Staatskonzern Elf Aquitaine. Und es geht um den Daimler-Konzern.

Pfahls, geboren am 13. Dezember 1942, war Assistent beim Bayerischen Obersten Landesgericht und Staatsanwalt, bis der bayerische CSU-Ministerpräsident Franz Josef Strauß auf den vielversprechenden Beamten aufmerksam wurde und ihn zum Leiter seines Büros machte. 1985 berief man den Strauß-Günstling zum Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Köln.

Die "Fuchs"-Panzer-Affäre

1987 wechselte das CSU-Mitglied Pfahls auf Empfehlung von Strauß als Staatssekretär ins Verteidigungsministerium, wo er knapp zwei Jahre später aufstieg: zum "Staatssekretär I", verantwortlich unter anderem für die gesamte Rüstung der Bundeswehr und im Ministerium zuständig für Angelegenheiten des Bundessicherheitsrates. In dieser Funktion war er 1991 auch mit der Lieferung von 36 "Fuchs"-Panzern an Saudi-Arabien befasst. Dem umstrittenen Export musste der Bundessicherheitsrat zustimmen, weil die Genehmigung nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz erforderlich war. Saudi-Arabien zahlte dem deutschen Thyssen-Konzern dafür die abenteuerlich hohe Summe von 234 Millionen Dollar, umgerechnet 446,4 Millionen Mark.

Mit eingefädelt hatte den Mega-Deal der Kauferinger Geschäftsmann Karlheinz Schreiber, ebenfalls ein Strauß-Spezi, der sich heute im kanadischen Toronto dem Zugriff der deutschen Justiz entzieht. Fast 220 Millionen Mark wurden aus dem Kaufpreis der Saudis als Schmiergelder verteilt. Schreiber erhielt 24,4 Millionen Mark, die er teilweise weitergeleitet haben soll - so an zwei Thyssen-Manager, an Strauß-Sohn Max, an den damaligen CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep. Dessen Verhaftung löste im Herbst 1999 die CDU-Spendenaffäre aus. Aus dem Schreiber-Topf soll auch Ludwig-Holger Pfahls bedient worden sein - mit 3,8 Millionen Mark.

Im Februar 1992 schied er aus dem Verteidigungsministerium aus und heuerte bei der damaligen Daimler-Benz AG an - zunächst als Chef der Tochtergesellschaft Mercedes-Benz Belgien mit Sitz in Brüssel, später, ab Mai 1998, als Präsident von Daimler-Chrysler in Südostasien. Als die Staatsanwälte 1999 einen Haftbefehl gegen den ehemaligen Staatssekretär wegen Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung erwirkten, setzte sich Pfahls ab. Er hatte offenbar einen Tipp "von Münchner Freunden und Förderern" (BKA-Aktenvermerk) erhalten.

Fluchtpunkt Hongkong

Pfahls reiste nach Taiwan, flog dann nach Hongkong - mit drei taiwanesischen Geheimagenten und zwei Deutschen: dem Geschäftsmann Dieter Holzer, der Millionen-Provisionen für den Verkauf der ostdeutschen Leuna-Raffinerie an den französischen Elf-Aquitaine-Konzern kassiert und sie teilweise an andere Helfer weitergeleitet haben soll, und dessen Sohn Nikolaus. Am 3. Juli 1999, sagt Holzer, habe er Pfahls auf dem Flughafen von Hongkong, wo ihn zwei Chinesen in Empfang genommen hätten, zum letzten Mal gesehen.

Wo Pfahls von Hongkong aus hingereist ist, bleibt bis heute unklar. Nikolaus Holzer, sein ehemaliger Assistent bei Daimler-Chrysler in Singapur, hatte seinem Ex-Chef über die Mercedes-Vertretung in Taipeh Tickets für sieben verschiedene Ziele besorgt. Die gehört zum Imperium des Pfahls-Freundes Cho Kun Lau, ein Multimilliardär, der als einflussreicher Pate des Kraftfahrzeuggeschäfts in Südostasien gilt. Einer der Männer, mit denen Pfahls in Hongkong verschwand, soll ein malaysischer Anwalt gewesen sein, der als engster Vertrauter Cho Kun Laus gilt.

Warum tauchte Pfahls ab? Dieter Holzer sagt, er habe versucht, seinen Freund zu überreden, sich der deutschen Justiz zu stellen. Der, so Holzer, sei zunächst nicht abgeneigt gewesen. Aber dann habe er sich anders entschieden: Er wolle nicht ins Gefängnis, auch nicht für kurze Zeit. Selbst wenn er die Panzer-Geschichte aus der Welt schaffen könne, wisse er nicht, was die Staatsanwälte sonst noch aus der Tasche ziehen könnten.Pfahls-Freunde glauben zu wissen, dass er damit die Leuna-Affäre meinte. Die Entscheidung zur Flucht habe er zu einem Zeitpunkt getroffen, als in den Medien plötzlich sein Name im Zusammenhang mit Schmiergeldzahlungen im Leuna-Komplex auftauchte.

Der Leuna-Verkauf

Dieter Holzer und sein Geschäftspartner Pierre Lethier, ein ehemals hochrangiger Mitarbeiter des französischen Geheimdienstes DGSE, waren beim Verkauf der Leuna-Raffinerie an den französischen Staatskonzern Elf Aquitaine als Vermittler tätig gewesen und hatten dafür kassiert - Holzer rund 50 Millionen Mark und Lethier 30 Millionen Mark. Weil Staatsanwälten in der Schweiz und in Frankreich diese Provisionszahlungen zu hoch erschienen und der Verdacht bestand, dass Holzer damit auch Politiker bestochen haben könnte, ermittelten sie - und stießen dabei auch auf Ludwig-Holger Pfahls.

Ex-Schlapphut Pierre Lethier nämlich war am 18. April 1992 an Bord eines Elf-Aquitaine-Flugzeuges mit Elf-Manager Hubert Le Blanc Bellevaux nach München geflogen, um dann zum Tegernsee weiterzufahren - zu Ludwig-Holger Pfahls. Dort wartete auch Dieter Holzer. Holzer, gut bekannt mit Daimler-Chef Jürgen Schrempp, war es offenbar auch, der die Anstellung Pfahls' bei Daimler maßgeblich betrieben hatte. Elf-Manager Le Blanc Bellevaux unterbreitete dem ehemaligen Staatssekretär am Tegernsee die Kaufpläne seines Konzerns und bat ihn, seine Kontakte in Bonn dafür zu nutzen.

Und Pfahls funktionierte. Bereitete ein Gespräch von Elf-Chef Loik Le Floch Prigent im Kanzleramt vor. Und war auch sonst behilflich, wo es ging. Bis er im Dezember 1992 von Lethier per Fax die Meldung erhielt, "dass die deutsche Entscheidung über die an Elf gewährten Hilfen besiegelt wurde". Das Milliarden-Geschäft Leuna war perfekt. Holzer bestreitet, dass er in dieser Sache jemals Geld an Pfahls überwiesen habe. Aber in Holzers Umgebung heißt es auch: "Pfahls hatte einen speziellen Auftrag von Le Floch Prigent und wurde dafür auch bezahlt."

Pfahls im Visier der Franzosen

Die französische Justiz jedenfalls ging davon aus, dass Pfahls von Holzer zwölf Millionen Mark bekommen habe. Holzer und Lethier wurden im vergangenen Jahr wegen ihrer Geschäfte im Fall Elf/Leuna zu jeweils 15 Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. Die Berufungsverhandlung soll im Herbst stattfinden. Nicht ausgeschlossen, dass in Paris nun ein eigenes Strafverfahren gegen Ludwig-Holger Pfahls eröffnet wird. Und auch in Deutschland zieht der Fall Pfahls weitere Kreise. Ins Visier der Justiz könnte jetzt einer der mächtigsten deutschen Wirtschaftsbosse kommen: Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp.

Denn Ludwig-Holger Pfahls hatte, wie aus Augsburger Ermittlungsakten hervorgeht, 1991 neben seinen Staatssekretärsbezügen von 152.927 Mark weitere Einkünfte: 12.030 Mark aus einem Beratervertrag mit der Deutschen Aerospace AG (Dasa). In der Dasa hatte der Konzern seine Luft- und Raumfahrtaktivitäten und wesentliche Teile der Verteidigungstechnik zusammengefasst. Damaliger Vorstandsvorsitzender der Dasa: Jürgen Schrempp. Wofür der beamtete Staatssekretär Pfahls Geld von einem Rüstungsunternehmen bekam, wollte der stern von Daimler-Chrysler wissen. Die vielsagende Antwort einer Konzernsprecherin: "Kein Kommentar."

Schrempp und Pfahls kannten sich schon länger. Am 12. Juli 1989 trafen sich - nach Angaben beteiligter Personen gegenüber dem stern - im Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) auf der Bonner Hardthöhe hochrangige BMVg-Angehörige unter Führung von Ludwig-Holger Pfahls mit Vertretern der Industrie. Thema: Vorgaben, Stand und Kostenentwicklung des Rüstungsprojektes "Jäger 2000" (auch: "Jäger 90", heute "Eurofighter"). Die Sitzung dauerte fast bis Mitternacht. Federführend auf Industrieseite: Jürgen Schrempp.

"Es ist seine Handschrift"

Die Positionen lagen zunächst weit auseinander. Etwa gegen 20 Uhr verließen Pfahls und Schrempp die große Runde. In einem abgeschlossenen Nebenraum wurde auf die Schnelle eine Vereinbarung zwischen Schrempps Konzern und dem Ministerium schriftlich abgefasst. Wo unter Pfahls' Vorgängern noch knochenhart verhandelt werden musste, konnte Schrempp die Bedingungen - beispielsweise Preise und Gewährleistungsbedingungen für das "Jäger"-Projekt - in wichtigen Punkten zu seinen Gunsten "diktieren". "Es ist seine Handschrift", wunderten sich damalige Beteiligte. Pfahls habe das abgenickt und für den Bund zusätzliche Risiken des Geschäftes in Kauf genommen - zulasten des Staates. Einwände erfahrener BMVg-Experten waren an diesem Abend nicht gefragt, erinnern sich Sitzungsteilnehmer.

Erst vergangene Woche ist bekannt geworden, dass der Bund nach Auslieferung des Eurofighters nahezu keine Ansprüche etwa auf Nachbesserung oder Gewährleistung an das Dasa-Nachfolgeunternehmen EADS haben werde. Der "Jäger"-Deal war für den heutigen Daimler-Chrysler-Boss ein ebenso prestigeträchtiges wie lukratives Geschäft. Gesamtwert für alle Konsortialbeteiligten: 50 Milliarden Euro. Das größte Rüstungsprojekt in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Stuttgarter Konzern blieb mit Pfahls in Kontakt. Schon im Herbst 1990 handelte der damalige Daimler-Personalvorstand Hans-Wolfgang Hirschbrunn einen Vertrag zwischen dem Rüstungsstaatssekretär und dessen späterem Arbeitgeber aus. Nach seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst sollte Pfahls zunächst in Brüssel tätig werden - für ein Jahresgehalt von 680.000 Mark und der Zusage für ein späteres "Ruhegehalt" zwischen 13.000 und 15.000 Mark. Daimler-Chrysler bestätigte dem stern, "dass Vertragsverhandlungen vor seinem Eintritt in ein Arbeitsverhältnis stattgefunden haben". Zu weiteren Details wolle man sich nicht äußern.

Aufgeflogen war der Vorgang im Augsburger Prozess gegen den Strauß-Sohn Max. Da stand als Zeuge auch der Steuerfahnder Winfried Kindler vor Gericht. Kindler, der in jahrelanger akribischer Kleinarbeit die Geldbewegungen in der Spürpanzer-Affäre entschlüsselt hatte, war auch zu der Eintragung "HP alt: 1 Mio" befragt worden, die er bei Durchsicht des Kalenders von Rüstungslobbyist Karlheinz Schreiber entdeckt hatte. Kindler hatte lange überlegt und dann geantwortet. Er sage dazu nur so viel: Zwischen Herrn Pfahls und Daimler-Benz habe es schon während dessen Amtszeit als Staatssekretär einen ausgehandelten Arbeitsvertrag gegeben. Was bedeutet dann "HP alt: 1 Mio"? War Schreiber beauftragt worden - etwa von Dieter Holzer, der ihn bei Schrempp empfohlen haben soll -, Holger Pfahls (HP) eine Million Mark zuzustecken? Wofür? Für die Hilfe beim "Jäger 90"-Projekt? Oder für die Unterstützung bei einem ganz anderen Geschäft?

Geschäfte mit Daimler-Benz geplant

Fast zeitgleich zum Panzer-Deal verhandelte der Konzern mit dem saudischen Ministerium für Verteidigung und Luftfahrt über die Lieferung von 17 Mercedes-Sattelzugmaschinen mit Aufliegern der französischen Firma Lohr. Die Lkw sollten mit den Aufliegern zu Panzertransportern umgerüstet werden. Eindeutig militärisches Material also - und daher ein Projekt, mit dem sich auch Pfahls befassen musste. Dieses Geschäft mit der Bezeichnung "SN1" war "der Schlüssel für alles", wie es in einem internen Daimler-Papier vom April 1991 steht. Weitere Geschäfte mit den Saudis, die für Mercedes-Benz sowie die Firmen Lohr und Marrel "innerhalb der nächsten sechs Monate ein Gesamtauftragsvolumen von 700 Millionen Mark bringen dürften", waren bereits avisiert. Am 15. Dezember 1990 wurde der Vertrag geschlossen. Der Kontrakt weist nur Mercedes-Benz als Vertragspartner der Saudis aus. Damit war der Konzern offenbar als Generalunternehmer auch für die Auflieger aus Frankreich verantwortlich, die aus den Lkw Panzertransporter machten. Kaufpreis: 15 Millionen Mark. Doch plötzlich war ein Konkurrent im Spiel: Ein anderes deutsches Unternehmen, die bayerische Firma Gima, hatte von den Saudis ebenfalls einen Auftrag zur Lieferung von Mercedes-Zugmaschinen mit Aufliegern bekommen, nicht nur für 17, sondern gleich für 200. Am Ende jedoch konnte sich Mercedes-Benz durchsetzen. Schon im Juli 1991 bekamen die Stuttgarter grünes Licht für die Lieferung nach Riad. Weder Wirtschafts- und Verteidigungsministerium noch das Bundesamt für Wirtschaft meldeten offenbar Bedenken an. Daimler hatte argumentiert, nur für die Zugmaschinen verantwortlich zu sein. Nach 79 Tagen war alles erledigt.

Ganz anders bei der Firma Gima. Da dauerte die Entscheidung 372 Tage. Im Februar 1991 hatte das Unternehmen eine Ausfuhrgenehmigung beantragt, auch für die Auflieger, die in Deutschland hergestellt werden sollten. Erst Ende Januar 1992 entschied der Bundessicherheitsrat über die Sache - positiv. Zwei Wochen später hatte Gima die Ausfuhrgenehmigung. Zu spät: Ein Garantie-Akkreditiv der Saudis über 155 Millionen Mark war ein paar Tage zuvor abgelaufen, das Geschäft damit geplatzt.

Über Aufträge der Konkurrenz informiert

Gima-Chef Edgar Nix glaubt, dass Daimler frühzeitig und gezielt über den Antrag des Konkurrenten informiert worden sein muss. War Pfahls auch hier behilflich? Immerhin hatte der Staatssekretär zu dem Zeitpunkt schon seinen Arbeitsvertrag mit den Stuttgartern in der Tasche. Der Konzern wollte auf Anfrage des stern dazu keine Stellung nehmen. Gima-Chef Nix lässt nun juristisch prüfen, ob er gegen Pfahls eine so genannte subsidiäre Haftung für das entgangene Millionen-Geschäft geltend machen kann. Nix berichtet von einem Gespräch, das er 1995 mit Ex-Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann über das Panzertransporter-Geschäft geführt habe. Der habe ihm gesagt, in der Sitzung des Bundessicherheitsrates am 27. Februar 1991 sei der Gima-Antrag kurzfristig von der Tagesordnung genommen worden - angeblich aus Zeitgründen. Just in jener Sitzung hatte der Rat die "Fuchs"-Lieferung nach Saudi-Arabien abgesegnet.

Auch beim Verkauf der Ausrüstung der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR nach der Wende könnte Pfahls die Hand aufgehalten haben. Im Verteidigungsministerium tauchte jedenfalls schnell der Verdacht auf, dass es zu "Unregelmäßigkeiten" gekommen sei. Teils sei das NVA-Gerät überteuert, teils zu billig losgeschlagen worden. Ein Geschäft stand dabei besonders im Blickfeld: die Lieferung von 39 Schiffen und 5000 Tonnen NVA-Munition nach Indonesien. Um den Kauf kümmerte sich Indonesiens Forschungsminister Bachruddin Habibie, der spätere Staatspräsident, persönlich. Habibie, der in Deutschland studiert hatte und später beim Rüstungskonzern Messerschmitt Bölkow Blohm (MBB) arbeitete, ist ein alter Spezi von Pfahls.

Dem droht womöglich noch weiteres Ungemach - zum Beispiel Ermittlungen wegen Diebstahls und anderer Delikte bis zum Landesverrat. Sollte er nicht fünf Jahre lang in Frankreich untergeschlüpft sein, dann könnte es sich auch so zugetragen haben, wie es ein Zeuge schon im Sommer 2003 dem BKA zu Protokoll gab. Dass Pfahls nämlich noch vor seiner Flucht 1999 mit dem chinesischen Geheimdienst Kontakt aufgenommen und China später Unterlagen über hochgeheime deutsche Rüstungsprojekte ausgehändigt habe. Dabei sollen sechs Millionen Dollar geflossen sein. Der BKA-Zeuge Herbert L., ein deutscher Geschäftsmann mit besten Verbindungen, behauptet: "Pfahls hatte Unterlagen der Rüstungsfirma MBB im Gepäck, Material über den "Tornado", aber auch über technische Details anderer Projekte, für die die Amerikaner dem deutschen Konzern mit Know-how ausgeholfen hatten" (stern Nr. 4/2003: "Spuren in Shanghai"). Dass "eine Quelle" Pfahls im September 2002, wie der stern berichtete, im Shanghaier Hotel Hilton gesehen hatte, wird inzwischen auch vom Bundesnachrichtendienst bestätigt. Wie und wann Pfahls schließlich nach Frankreich gekommen ist, bleibt weiterhin unklar. Wie er aufflog, nicht mehr.

Die Spur nach Paris

Als BKA-Zielfahnder Klaus Langer von einem ominösen Fax hörte, das Pfahls aus Paris nach Deutschland geschickt haben sollte, wurde er aktiv. Er suchte aus rund 100 möglichen Kontaktpersonen und Telefonanschlüssen fünf aus und ließ diese auf ihre Verbindungsdaten überprüfen und überwachen. "In so einem Fall hast du nur einen Schuss frei", sagt Langer, "da musst du voll auf Bingo setzen." Unter den möglichen Kontaktpersonen war auch Ex-Ministerialdirigent Wolfgang B., ein früherer Pfahls-Vertrauter aus dem Verteidigungsministerium, der zuvor Büroleiter bei Kanzler Helmut Kohl gewesen war. Volltreffer! B. war tatsächlich der Empfänger des Faxes, der Rest kriminalistische Kleinarbeit in Paris. Vom stern danach befragt, sagte B.: "Kein Kommentar."

B. soll zu einem Kreis "juristischer Berater" gehören, die in den vergangenen fünf Jahren gelegentlich Kontakt zu Pfahls hatten. Die "Berater" gehen davon aus, dass der Bestechungsvorwurf der Augsburger Staatsanwaltschaft gegen Pfahls verjährt sei - ihr "Mandant" habe nämlich vorausschauend auf seine Beamtenversorgung, "immerhin B 11", verzichtet. Das wird vor Gericht zu klären sein. Wie vieles andere auch in der Causa Pfahls.

Werner Mathes/Rainer Nübel/Georg Wedemeyer / print