Die Schüsse auf Wolfgang Schäuble

12. Oktober 2010, 11:52 Uhr

Es war der Tag, der sein Leben veränderte, ihn in den Rollstuhl zwang, nun wieder aufs Krankenlager. Hans Peter Schütz war am 12. Oktober 1990 mit Wolfgang Schäuble im badischen Oppenau.

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Seit dem Attentat an den Rohlstuhl gefesselt: Wolfgang Schäuble (CDU)©

Passt es neun Uhr früh? Geh'n wir doch erst mal raus hier", sagt Wolfgang Schäuble zu mir, "dann können wir in Ruhe besprechen, was wir morgen machen." Zwanzig Sekunden später liegt er auf dem verschlissenen schmutzigen Teppichboden des Gasthauses "Brauerei Bruder" im badischen Oppenau. Niedergestreckt durch zwei Revolverschüsse des 36jährigen Dieter K.. Blut läuft aus Schäubles Mund und Nase. Eine Frau schreit: "Mein Gott, er darf nicht sterben! Er darf nicht sterben! Er muss durchkommen!"

Ein bisschen Joggen wollten wir am vergangenen Samstagmorgen, dann vielleicht Tennis miteinander spielen und schließlich über Bonner Politik sprechen, zumal über die Rolle, die für Wolfgang Schäuble im nächsten Jahrzehnt darin vorgesehen ist. Ein Porträt war geplant - Arbeitstitel: "Kohls Kronprinz". Als ich ihm unsere Absicht vortrage, lacht er: "So ein Quatsch!" Aber ausgesehen hat Schäuble dabei so selbstbewusst, als sei da schon was dran. Schließlich haben ihn die Delegierten des jüngsten CDU-Parteitags in Hamburg mit einer Ovation gefeiert und ihn dann mit dem weitaus besten Ergebnis aller Bewerber in den Parteivorstand gewählt. Die CDU hat einen neuen Liebling. Und im Kanzleramt sagt einer, der weiß, was Helmut Kohl denkt: "Er ist der tüchtigste, der begabteste, energischste und intelligenteste Mitarbeiter des Kanzlers."

Schäuble sprach über Lafontaine

Mein Kollege Cornelius Meffert sollte ihn fotografieren. Zusammen mit Ehefrau Ingeborg und den vier Kindern Christine, 19, Hans-Jörg, 16, Juliane, 14, und Nesthäkchen Anna, 9, im Haus am Hang hoch über dem Schwarzwaldstädtchen Gengenbach. Beim Sport, den er liebt und der viel zu kurz kommt, seit die Probleme der deutschen Einheit den Bundesinnenminister 18 Stunden täglich auf Touren halten. Auch der Hund sollte ins Bild, den er auf seine in letzter Zeit seltenen ausgedehnten Wochenendwanderungen durch die Wälder seiner Heimat mitnimmt.

Anderthalb Stunden redet der Wahlkämpfer Schäuble am Freitagabend in der "Brauerei Bruder". Ein Heimspiel. Die Oppenauer mögen ihren Wahlkreisabgeordneten, der ihre Interessen seit 18 Jahren in Bonn vertritt. Und mächtig stolz sind sie darauf, dass der "Wolf", wie viele ihn nennen, jetzt Minister und Helmut Kohls wichtigster Mann ist.

Der Bundesinnenminister ist müde. Tagsüber war er in Berlin, auf Hetzjagd von Termin zu Termin, und auf dem Weg zum Flugplatz ist er mal wieder im Stau hängengeblieben. Die Wahlplakate im Gaststättensaal zeigen ein sehr viel jüngeres Gesicht, als Cornelius Meffert es zu sehen bekommt, wenn er den Redner mit dem Zoom der Kamera zu sich heranholt. Noch sieht man Schäuble seine 48 Jahre nicht an, aber über den Augen kerben sich erste Linien ein, und das straff gescheitelte Haar beginnt grau zu werden. Er hält seine Standardrede, mit sehr viel weniger Polemik, als er bieten könnte, denn er hat, wie hier die Leute respektvoll sagen, eine "Saugosch", wenn er nur will. Oskar Lafontaine allerdings nimmt er hart ran. Ihn hat Schäuble in der Nacht der deutschen Einheit vor dem Berliner Reichstag genau beobachtet. "Wenn einer Kanzler werden will, der beim Deutschlandlied die Lippen nicht einen Millimeter auseinanderbringt, dann ist er vielleicht doch nicht der richtige Kandidat für diese Zeit."

Der Mann in der schwarzen Lederjacke

Das Publikum, etwa 250 Menschen, ist begeistert. Der CDU-Ortsvorsitzende Gerd Hoferer dankt dem Redner mit einer Flasche Kirschwasser: "Möge das Wahlergebnis im Dezember so viele Prozent haben wie dieser Schnaps -nämlich 50 Prozent." Bundesweit, kontert Schäuble, wäre ihm ein solches CDU-Ergebnis schon recht, im Wahlkreis allerdings zu mickrig. Er hat in Oppenau beim letzten Mal 67 Prozent der Erststimmen geholt.

Für Bärbel Doll. eine Bürgerin aus Oppenau, die in der Saalmitte sitzt, ist die Lafontaine-Kritik ein Stichwort. So ein Attentat, wie die verrückte Frau es gegen den SPD-Politiker verübt habe, sagt sie über den Tisch hinweg zu ihrer Freundin, wäre hier ganz unmöglich. "Das kann hier nicht passieren."

Weiter hinten im Saal, am zweitletzten Tisch, sitzt ein mittelgroßer dunkelhaariger Mann mit einer schwarzen Lederjacke. Den ganzen Abend hat er Schäuble ruhig zugehört. Martin Springmann, dem Ortsvorsteher von Ibach, fällt an dem Fremden vor ihm nur eines auf: "Geklatscht hat er nicht, nur ab und zu in den CDU-Prospekten geblättert, die er vor sich liegen hatte."

"Nein, nein, nein!"

Der Minister spricht am Schluss der Veranstaltung im Stehen noch ein paar Worte mit Parteifreunden und gibt Autogramme. Dann gehen wir zum Ausgang. Die Menschen bilden auf dem Weg zum hinteren Saalende ein Spalier und klatschen freundlich. Zwei Schritte vor der Tür wartet rechts der Mann in der Lederjacke. Als Schäuble und sein dichtauf folgender hünenhafter Bodyguard Klaus-Dieter Michalsky ihn fast passiert haben, macht er eine schnelle Bewegung, schiebt den rechten Arm von oben zwischen Michalsky und Schäuble. Es knallt zweimal kurz hintereinander, hell und schmerzhaft laut, dann ein drittes Mal. Menschen fallen übereinander, reißen Bilder von der Wand, Glas scheppert. Ein dummer Scherz mit Knallfröschen? denken die Menschen im Saal zunächst. Hat jemand die CDU-Luftballons im Eingang zum Saal angestochen? Nur wenige im Saal erkennen die Situation schneller. Sie verkriechen sich unter die Biertische.

Olga Biess hat direkt am Ausgang auf Schäuble gewartet. Die Deutsch-Rumänin, erst vor sechs Monaten nach Oppenau übergesiedelt, wollte ein Autogramm. Als sie sieht, was wirklich geschehen ist, ruft sie schrill "nein, nein, nein".

Diese Reportage

Diese Reportage ... publizierte der stern unter dem Titel "Mein Gott, er darf nicht sterben" am 18. Oktober 1990. Autor war Hans Peter Schütz, einer der besten journalistischen Kenner Schäubles. Schütz arbeitet inzwischen als Autor im Berliner stern.de-Büro

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