. .

stern Investigativ | Geheimdienste

Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
4. Mai 2006, 22:36 Uhr

Außer Kontrolle

Sie wussten fast alles über die Todespiloten. Aber bis zum 11. September erkannten sie nicht, wie ernst es denen war. Um ihre Fehler zu kaschieren, ließen sich die deutschen Geheimdienste auf dubiose Deals mit dem Regime in Syrien ein. Und tricksten den Deutschen Bundestag aus. Von Uli Rauss und Oliver Schröm

9/11, 9. September 2011, stern-Investigativ, Terrorismus, Osama bin Laden, Syrien, USA, Geheimdienst, Deutschland, BKA, BND

Ex-Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt, Ernst Uhrlau, (li.) und damaliger BND-Präsident August Hanning© Andreas Altwein/Bernd Settnik/DPA

Vermutlich wird Kay Nehm den Tag nie vergessen, an dem man im Kanzleramt von ihm verlangte, das Gesetz zu brechen. Und der Generalbundesanwalt wird wohl auch nie vergessen, wie schäbig die mächtigsten Männer der deutschen Sicherheitsbehörden ihn behandelten. In kleiner Runde bemerkte er einmal: "Das war der schwärzeste Tag meiner Karriere." Es ist der 3. Oktober 2001, ein Mittwoch. Drei Wochen zuvor sind die Türme des World Trade Center in New York eingestürzt. Die Amerikaner erheben heftige Vorwürfe gegen die Deutschen. Drei der vier Todespiloten vom 11. September kamen aus Hamburg. Wie konnte dort eine Gruppe junger Araber unbehelligt den schlimmsten Terroranschlag der Geschichte vorbereiten? Gerade hat US-Präsident Bush Konten von 27 verdächtigen Firmen, Organisationen und Privatpersonen einfrieren lassen. Auf der Liste steht auch ein Bundesbürger: Mamoun Darkazanli, 43. Der gebürtige Syrer lebt seit 1986 in Hamburg und hat seit 1990 einen deutschen Pass. Die Sicherheitsexperten der Bundesregierung stehen unter Druck.

Kay Nehm wird ins Bundeskanzleramt zitiert: 10 Uhr, außerplanmäßige Sitzung der Chefs der deutschen Sicherheitsbehörden.

Im Besprechungszimmer im vierten Stock hat jeder seinen festen Platz. Auf der einen Seite des Tisches die Staatssekretäre von Innen- und Justizministerium sowie der Generalbundesanwalt, ihnen gegenüber die Präsidenten von Bundeskriminalamt (BKA), Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und Bundesnachrichtendienst (BND). An der Stirnseite des Tisches sitzen Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier und Geheimdienstkoordinator Ernst Uhrlau. Die Stimmung ist angespannt.

Einige der Männer im Raum wissen um ihre Versäumnisse und Fehler. Deutsche Nachrichtendienste überwachten jahrelang Mitglieder der Hamburger Terrorzelle. Sie zeichneten Telefonate der späteren Todespiloten auf. Sie wussten, dass einige von ihnen in Terrorcamps in Afghanistan zu Attentätern ausgebildet worden waren oder offen Gewalt predigten. Aber im entscheidenden Moment zogen sie die nahe liegenden Schlüsse nicht. Dabei hätten sie dazu beitragen können, die Anschläge in New York und Washington zu verhindern.

Die Informationen reichen nicht aus für ein Verfahren

Es ist warm an diesem Oktobermorgen in Berlin. Kanzleramtschef Steinmeier hat das Jackett ausgezogen.

Er eröffnet die Sitzung. Das Wort hat Manfred Klink, Erster Direktor im BKA. Thema Mamoun Darkazanli. Seit Jahren hat das Amt ein Auge auf den Deutsch-Syrer. Die Fahnder halten ihn für einen Knoten im Terrornetzwerk al Qaeda. Er fädelte angeblich den Kauf eines Schiffes für bin Laden ein, eröffnete bei der Deutschen Bank in Hamburg ein Konto für bin Ladens mutmaßlichen Finanzchef und soll Geschäftsbeziehungen zu bin Ladens Ex-Sekretär haben.

Kay Nehm kennt all diese Vorwürfe. Die Akte hat lange vor dem 11. September auf seinem Tisch in Karlsruhe gelegen.

Nehm prüfte sie. Die Informationen stammen überwiegend von CIA und FBI. Aber sie reichen nicht aus, um gegen den Deutsch-Syrer ein Verfahren wegen Terrorismusverdachts einzuleiten.

Dafür fehlt die gesetzliche Grundlage. Es ist grotesk: Nach deutschem Recht ist die bloße Mitgliedschaft in einer ausländischen Terrororganisation nicht strafbar, solange der Betreffende nicht an einer Straftat beteiligt war.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 19/2006

 
 
Schlagwörter powered by wefind WeFind
BfV BKA BND Bundesanwaltschaft Fahnder Kanzleramt Nehm Seite
MEHR ZUM ARTIKEL
Anschläge vom 11. September Das Versagen der CIA - Was die deutschen Geheimdienste wussten

Amerikas Agenten hätten die Anschläge vom 11. September verhindern können. CIA und deutsche Ermittler hatten einige Attentäter seit Jahren im Visier. Doch Konkurrenzkampf und Bürokratie kosteten 3066 Menschen das Leben. mehr...

Anschläge vom 11. September CIA - Die tödlichen Fehler des US-Geheimdienstes

Längst haben amerikanische Agenten Anfang 2000 einige der späteren Attentäter vom 11. September im Visier. Doch eifersüchtig behalten sie ihre Informationen für sich. Leichtfertig unterschätzen sie die Gefahr. Das Drama nimmt seinen Lauf. mehr...

Kooperation mit einem Folterstaat Die Syrien-Connection

Dies ist die Geschichte der Beziehung zwischen Deutschland und einem arabischen Folterstaat. stern-Recherchen belegen, wie eng Außenminister Steinmeier und BND-Chef Uhrlau mit dem Regime in Damaskus kooperiert haben - auch auf Kosten von Menschenrechten. mehr...

Deutschlands Rolle im Irak-Krieg Die Bagdad-Protokolle

Haben Gerhard Schröder und der damalige Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier die Deutschen beim Thema Irak-Krieg belogen? Offiziell verweigerte die Regierung den USA jede aktive Unterstützung. Tatsächlich segnete das Kanzleramt einen geheimen Deal mit dem US-Militär ab. BND-Agenten in Bagdad lieferten sogar Zielkoordinaten für die Amerikaner. mehr...

Kurnaz-Affäre Steinmeier behinderte Freilassungsbemühungen

Kanzleramt und Bundesinnenministerium hintertrieben die Bemühungen des Auswärtige Amts, Murat Kurnaz aus Guantanamo freizubekommen. Dokumente, die dem stern vorliegen, zeigen: Das Kanzleramt ließ die Diplomaten im Dunkeln über die Aktivitäten von Innenministerium und Geheimdiensten. mehr...

Murat Kurnaz "Einmal Zecke, immer Zecke"

Dokumente belegen, wie das Auswärtige Amt versuchte, Murat Kurnaz aus Guantánamo freizubekommen. Kanzleramt und Geheimdienste haben das hintertrieben. mehr...

Politskandal Tatort Kanzleramt

Es ist ein trister Oktobertag, als die Herren im siebten Stock des Bundeskanzleramtes eine denkwürdige Entscheidung fällen. Sie sind bereit, sich über rechtsstaatliche Prinzipien und Völkerrecht hinwegzusetzen. Sie nehmen in Kauf, dass ein 20-Jähriger aus Bremen über Jahre interniert und gefoltert wird. Der junge Mann ist unschuldig. Die Herren wissen das. mehr...