Amerikas Agenten hätten die Anschläge vom 11. September verhindern können. CIA und deutsche Ermittler hatten einige Attentäter seit Jahren im Visier. Doch Konkurrenzkampf und Bürokratie kosteten 3066 Menschen das Leben. Von Oliver Schröm und Dirk Laabs

CIA-Direktor George Tenet warnte Präsident Bush immer wieder vor dem Terror Osama bin Ladens: "Wir sind nun im Krieg."© Stern Montage; Fotos Aurora; AFP; Eric Draper/DPA; Corbis
Washington, 11. September 2001
CIA-Direktor George Tenet sitzt gegen 8.50 Uhr beim Frühstück im St. Regis Hotel, nur wenige Häuserblocks vom Weißen Haus entfernt. Mit am Tisch David L. Boren, der frühere Senator von Oklahoma, ein alter Freund und Förderer.
Ihm verdankt Tenet seinen Aufstieg wie kaum einem anderen. Der CIA-Direktor spricht wieder mal über sein Lieblingsthema: Osama bin Laden. Boren sorgt sich um seinen Schützling. Halb Washington zerreißt sich bereits das Maul über ihn, weil er seit Monaten vor Anschlägen warnt, ohne Beweise präsentieren zu können.
Tenet räumt ein, dass er sich immer wieder geirrt hat. So hatte er für den 4. Juli, Amerikas Nationalfeiertag, einen Anschlag vorhergesagt. Damals sei nichts passiert, aber Osama bin Laden bringe ihn dennoch um den Schlaf. Das Gespräch wird jäh unterbrochen. Sicherheitsbeamte stürzen in den Frühstücksraum. "Mr. Director", sagt einer von ihnen, "es gibt ein ernstes Problem."
"Was ist denn?", fragt Tenet. Der Sicherheitsbeamte zögert. Tenet macht ihm ein Zeichen, dass er auch in Borens Anwesenheit offen sprechen könne. "Ein Turm des World Trade Center ist angegriffen worden." Ein anderer Leibwächter hält Tenet ein Handy hin. Der ruft sofort in der CIA-Zentrale in Langley an und erkundigt sich nach Details.
"Sie haben die Maschine direkt ins Gebäude gelenkt?", fragt er ungläubig. Er beordert seine engsten Mitarbeiter in den Konferenzraum und will selbst in 15 Minuten da sein. "Das sieht ganz nach bin Laden aus", sagt Tenet zu Senator Boren. Ohne dessen Reaktion abzuwarten, denkt der CIA-Chef laut nach: "Ich frage mich, ob es etwas mit dem Kerl zu tun hat, der eine Pilotenausbildung gemacht hat."
Hamburg, Dezember 1999
Thomas Volz ist bei seinen deutschen Kollegen nicht sonderlich beliebt. Wenn der gedrungene CIA-Agent wieder einmal in dem grauen Gebäude im Hamburger Johanniswall 4 vorbeischaut, verdrehen die Verfassungsschützer nur die Augen. "Der Kleine sitzt wieder beim Chef", sagen sie hinter vorgehaltener Hand.
Der CIA-Agent erhofft sich Unterstützung bei seinen Ermittlungen in der Islamistenszene der Hansestadt. Volz behandelt die Hamburger Geheimdienstler herablassend. Er lässt sie spüren, dass er sie für Tölpel hält. Darum halten sich die Deutschen mit Informationen zurück.
Der CIA-Agent ist erst seit ein paar Monaten in Hamburg. Offiziell ist Volz am amerikanischen Konsulat akkreditiert. Das strahlend weiße Konsulatsgebäude liegt direkt an der Außenalster. Hier wissen die wenigsten, was Volz wirklich tut. Er ist eine unauffällige Erscheinung, klein von Statur. Aber wenn sich Volz erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, verfolgt er dieses Ziel unerbittlich. Diesmal heißt es, Mamoun Darkazanli "umzudrehen".
Darkazanli ist in Syrien geboren. Der 41-Jährige lebt jedoch seit langem in Hamburg und besitzt mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft. Mit seiner deutschen Ehefrau wohnt er in einem gelb gestrichenen Mehrfamilienhaus am Uhlenhorster Weg, auf der anderen Seite der Außenalster. Seine Privatanschrift dient auch als Geschäftsadresse, und unter dieser meldete er 1993 die "Mamoun Darkazanli Import-Export Company" bei der Handelskammer an. Der Syrer betreibt danach Handel mit Waren aller Art, bevorzugt Maschinen und Elektrogeräte. Seit zwei Jahren ruht das Gewerbe.
Die tödlichen Fehler der CIA im Ersten Es ist eine enorm aufwändige Dokumentation, die die ARD am Donnerstag um 23 Uhr ausstrahlt. Die Recherchen und Dreharbeiten für den 45-minütigen Beitrag "Die tödlichen Fehler der Schlapphüte - Wie die Todespiloten den Geheimdiensten entkamen" führten die stern-Autoren Dirk Laabs und Oliver Schröm über drei Kontinente: Spurensuche in mehreren deutschen Städten, in Malaysia, auf den Philippinen und in den USA. Ein Jahr dauerte die Recherche, die Produktion des Films weitere sechs Monate.
ARD-Informationen zur Sendung