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26. Juni 2009, 15:20 Uhr

Kalorienkiller Spielkonsole

Runter von der Couch und ran an den Speck - so heißt es seit geraumer Zeit auch für Videospieler. Von Aerobic bis Yoga erobern immer mehr Fitnessspiele die Konsolen. Der Trend bringt bisherige Bewegungsmuffel auf Trab. Die gute Nachricht: Die Bewegungsspiele halten tatsächlich fit. Von Nina Ernst

Spiel, Computerspiel, Nintendo, Wii, Sony, Playstation, Microsoft, Xbox

Die Spielkonsole ersetzt den Fitness-Trainer© Mario Anzuoni/Reuters

Früher war alles einfacher für Videospieler. Sie durften faul auf dem Sofa sitzen, sich von Dosencola und Tiefkühlpizza ernähren. Auch wenn die meisten nicht in das Klischee des Computerfreaks passen wollten, sie durften. Jetzt ist Schluss mit dem Faulsein. Spieler sollen sich bei Cardio-Workouts abrackern, mit Dehnübungen die Beweglichkeit verbessern und laufen, laufen, laufen. Schwitzen statt sitzen heißt der neue Trend.

Mit Yoga, Kraftübungen und Bauch-Beine-Po-Gymnastik umwerben die Spielefirmen ihre jüngste Zielgruppe, die Gelegenheitsspieler. Vor allem Frauen, denen die Fahrt zum Fitnessstudio zu zeitaufwändig ist oder die Hemmungen haben, sich vor anderen abzustrampeln, sollen mit den virtuellen Trainern in Schwung gebracht werden. Das scheint zu funktionieren. In den Top 10 der Verkaufcharts finden sich unter den Wii-Spielen immer wieder Fitnessprogramme. Regelmäßig ganz vorne dabei trotz seines Alters von über einem Jahr ist "Wii Fit". Leider gibt es keine Studien darüber, wie viele der Programme das Schicksal der Hometrainer teilen und nach einigen Wochen in der Ecke verstauben. Aber für alle, die regelmäßig vor der Konsole schwitzen, gibt es gute Neuigkeiten: die virtuellen Heimtrainer halten tatsächlich fit.

Als vor knapp drei Jahren das Workout-Programm "Eye Toy Kinetic" für die PlayStation 2 erschienen ist, hielten die meisten Spieler das für eine abstruse Idee. Sich den Anweisungen eines virtuellen Trainers zu unterziehen und dessen Bewegungen unter Aufsicht einer Kamera nachahmen; daraus konnte doch kein Trend werden. Von wegen. Nach einer langen Ruhepause kam "Wii Fit" und löste einen Fitnessboom aus. Seit dessen Start im Frühjahr 2008 hüpfen rennen und balancieren weltweit über 22 Millionen Menschen zu den rund 50 Übungen.

Motivation durchs Balance Board

Der Erfolg der spielerischen Aufgaben und die Möglichkeiten des zugehörigen Balance Boards, das mit einer Waage die Bewegungen des Spielers kontrolliert, motivierte weitere Hersteller, Fitness-Games anzubieten. Jeden Monat erscheinen nun neue Programme, hauptsächlich für Wii und DS. Dr. Katrin Korsten ist Sportwissenschaftlerin der Uni Freiburg und begrüßt diesen Trend. Sie glaubt, dass die Konsole einen ähnlich positiven Effekt wie das Fitnessstudio haben kann, auch wenn die individuellen Anweisungen nie so exakt sein können wie bei einem echten Fitnesstrainer: "Wichtig ist, dass man die Übungen regelmäßig durchführt. Allein Konsole und Spiel zu kaufen, reicht nicht", sagt Korsten.

Sie hat für das Sportinstitut Freiburg die Balancespiele aus "Wii Fit" mit dem Sensomotorischen Training (SMT) verglichen. Das SMT verbessert aufrechte Position und Gleichgewicht und schützt so vor Verletzungen und Stürzen. Es wird oft nach Sportverletzungen auf Kreiseln oder Wackelbrettern durchgeführt. Korsten wollte mit zwei Testgruppen herausfinden, ob die Übungen auf dem Balance Board ebenso effektiv sind wie die klassische Methode. Das Ergebnis ist für Wii-Sportler erfreulich: die Standstabilität hat sich bei beiden Testgruppen ähnlich verbessert: "Das Training mit dem Balance Board ist eine Art leicht dosiertes SMT", sagt Korsten. Wer zwei- bis dreimal wöchentlich mit "Wii Fit" trainiere, verbessere nicht nur Ausdauer, sondern auch Gleichgewicht.

Korsten schätzt vor allem den hohen Aufforderungscharakter des Spiels. Grafiken veranschaulichen, ob die Körperhaltung bei den Yoga-Übungen stimmt, eine Uhr zeigt, wie lange das Training schon dauert und die lächelnden Spielfiguren fordern zum Weitermachen auf. So bringt Korsten bei ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen auch Sportmuffel in Bewegung.

Auftakt einer neuen Serie

Diesen Aufforderungscharakter besitzt auch "EA Sports Active". Das Wii-Ausdauertraining ist Auftakt einer neuen Serie. Während der Übungen gibt der virtuelle Trainer ständig Feedback zu den Bewegungen, korrigiert und feuert an. Das motiviert. Am Ende der Sitzung folgt das Ergebnis, das zumindest für diejenigen ernüchternd ist, die sich noch nie mit dem Thema Kalorienverbrauch beschäftigt haben: rund 20 Minuten schwitzen verbrennen laut Einblendung weniger als 100 Kalorien.

Der Einsatz des Balance Boards ist bei diesem Herz-Kreislauftraining nicht notwendig, aber möglich. Das Programm stellt dem Heimsportler Übungen wie Laufen, Kniebeugen mit dem beiliegenden Flexband, Boxen und Inlineskaten zusammen, die alle paar Minuten wechseln. Das erfordert lästiges, ständiges Umpositionieren der Controller, von denen einer regelmäßig in eine mitgelieferte Beinhalterung gesteckt werden muss. Dafür werden mit den vielseitigen Übungen zahlreiche Muskelpartien angesprochen.

Während die Entwickler von "Wii Fit" mit einem Sportexperten der Organisation NESTA zusammengearbeitet haben, stand bei "EA Sports Active" Sportmediziner Bob Greene beratend zur Seite. Das Workout wurde vom Deutschen Olympischen Sportbund zertifiziert. Viele Hersteller haben erkannt, dass sie fundiertes Training statt wildem Herumgezappel bieten müssen, wenn sie die Käufer dauerhaft zur Bewegung motivieren wollen. Sonst ist das Zerrungs- und Verletzungsrisiko zu groß. Oder der Erfolg bleibt aus. Auch die Sporthochschule Köln hat kürzlich an einem Fitness- und Ernährungsprogramm mitgearbeitet. "Personal Trainer DS" hilft Männern und Frauen in zwei verschiedenen Versionen beim Kalorien zählen und bei Muskel- und Straffungsübungen. Das Nachahmen der Bewegungen ist wegen des kleinen DS-Bildschirms weniger reißvoll als am Fernseher. Die akustischen Anweisungen sind hilfreich, aber nicht so motivierend wie optische.

"Fitness Ultimatum 2009" für Wii hat mit Fitnesstrainerin Jillian Michaels ebenfalls einen prominenten Experten im Boot. Allerdings wirkt hier die Abfrage und Visualisierung der Bewegungen holprig. Der Avatar hangelt sich auch noch am Klettergerüst entlang, wenn der Spieler den Controller bereits zur Seite gelegt hat. Das gemächliche Dahintrotten der Figur, während man selbst beim Joggen alles gibt, ist ebenfalls enttäuschend. Schade, eigentlich stecken interessante Übungen in der Software.

"Mein Fitness Coach" verzichtet völlig auf eine Bewegungskontrolle. Die Yoga-, Muskel- und Ausdauerübungen sind zahlreich und sogar mit eigenen Geräten wie einem Stepper kombinierbar. Sie werden aber nur unverbindlich vorgemacht wie bei einer DVD. Eine schöne und vielseitige Lösung für alle, die sportlich geübt sind, Couch Potatoes greifen aber besser zu einem interaktiven Programm, das mehr Rückmeldung gibt.

Denn das kann laut Korsten nicht nur schulen, sondern auch motivieren: "Ich kann mir vorstellen, dass solche Programme ein guter Einstieg im stillen Kämmerlein sein können, um generell aktiver zu werden.". Sie meint, dass vor allem übergewichtige Menschen davor zurückschrecken, in der Öffentlichkeit des Fitnessstudios zu trainieren. Das Beste sei, sich an der frischen Luft im Freien zu bewegen, sagt sie. Das kann die Konsole natürlich nicht leisten. "Wii Fit kommt der Realität sehr nahe, aber kann sie nicht ersetzen", so Korsten. Aber ein bisschen Bewegung zu Hause sei besser als gar keine.

Wer an der frischen Luft nicht auf virtuelle Motivationshilfe verzichten will, nimmt einen Schrittzähler für den DS mit. Der ist zum Beispiel bei "Mein Vital-Coach" und "Laufrythmus DS" enthalten. Das allabendliche Kontrollieren der gelaufenen Schritte spornt an, auch mal die Treppen statt des Aufzugs zu nehmen. "Laufrythmus DS" zeigt in einem Diagramm sogar an, zu welcher Tageszeit der Träger viel, wenig oder gar nicht gelaufen ist.

Sport und Spiele: was früher gar nicht zusammenpassen wollte, wird nun zu einem wichtigen Geschäftszweig. Eigene Marken und Serien für sportliche Spieler entstehen, viele neue Titel sind in Planung. Ein Vitality Sensor für Wii soll an den Finger geklemmt künftig nicht nur Bewegungen, sondern auch die Vitalität anhand der Pulsfrequenz messen. Ende 2009 erscheint "Your Shape", das zu den Wurzeln der Sprtspiele zurückkehrt und mit einer neuen Wii-Kamera die Bewegungen des Spielers überwacht. "Wii Fit Plus" heißt die Fortsetzung des Sportbestsellers, in dem Spieler künftig ihre eigenen Workouts zusammenstellen können. Mit neuen Übungen arbeiten sie auf selbst definierte Ziele wie Fettverbrennung oder Stressabbau hin.

Korsten hofft, dass die Sportspiele es zumindest teilweise schaffen, den allgemeinen Bewegungsmangel ein wenig auszugleichen. Dass Fitnesstrainer dadurch arbeitslos werden, glaubt sie aber nicht. Vielmehr, dass das heimliche Üben zuhause ein Sprungbrett sein kann, irgendwann mit anderen gemeinsam Sport zu treiben.

Von Nina Ernst
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
you_me_2 (30.06.2009, 07:12 Uhr)
100 Kcal
..in 20 Minuten. Üppig ist das nicht und zeigt auch, dass der Trainingseffekt so doll nicht ist. In der Zeit schafft man ja locker 300 auf dem Crosstrainer im Regenerationsmodus von 230 Watt.
nerventanz (30.06.2009, 01:38 Uhr)
Dance Dance Revolution [Korrektur]
Im letzten Satz sollte "Opa/Oma-Spiele wie Wii Fit" heißen. Aber Wii Sports ist auch nur mäßig unterhaltsam.
nerventanz (30.06.2009, 01:32 Uhr)
Dance Dance Revolution
Ich kann leider die Videos nicht anschauen, weil sie nicht Gnash-kompatibel sind. Deswegen erwähne ich mal Dance Dance Revolution als das Top-Spiel zur Fitness. Es ist einfach nur genial. Ich spiele diese Art von Spielen konstant seit ca. 6 Monaten etwa 2h pr Tag. Jetzt habe ich mir extra noch ne PS2 zugelegt um noch mehr Auswahl zu haben. Gerade habe ich aufgehört zu spielen und habe meine Klammotten schon wieder alle nass vom Schweiß gemacht. Ich habe auch einiges abgenommen. Wii Fit liegt da in der Ecke. Es ist langweilig.
Dance Dance Revolution ("DDR") oder hierzulande auch unter dem Namen "Dancing Stage" bekannt spielt man mit einer Tanzmatte. Da drückt man Pfeile mit den Füßen zum Rhythmus von verschiedenen Liedern. Üblicherweise fängt man ganz schlecht an. Die Beine sind sowas von lahm, man glaubt das gar nicht. Aber schon nach wenigen Tagen gibt es erste Erfolge. Man wird schneller. Nach einigen Monaten schafft man sogar einige ganz schwierige Lieder, wenn man es richtig macht (da muss man etwas auf die Experten auf Youtube schauen und was abgucken). Viele Lieder sind aber extrem schwierig, so dass man nie den Spaß am Spiel verliert, weil man quasi immer etwas vor sich hat.
Probiert es einfach aus. Es ist genial. Für die Wii-Fans empfehle ich Hottest Party. Das neue Winx Club ist für Kinder gedacht und ist viel zu einfach. Wenn man alles fast perfekt auf der schwierigsten Stufe macht, dann ist das Spiel schnell langweilig.
Das Spiel wird in einem Staat in USA für den Sport-Unterricht verwendet und es gab Wettbewerbe, wo Profis gegeneinander angetreten sind. Da fällt einem der Unterkiefer aufn Boden, echt.
Probiert's einfach aus. Ihr werdet nie wieder so langweilige Opa/Oma-Spiele wie Wii Sports anfassen. :)
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