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Geheimdienste: Ausser Kontrolle

Sie wussten fast alles über die Todespiloten. Aber bis zum 11. September erkannten sie nicht, wie ernst es denen war. Um ihre Fehler zu kaschieren, ließen sich die deutschen Geheimdienste auf dubiose Deals mit dem Regime in Syrien ein. Und tricksten den Deutschen Bundestag aus.

Von Uli Rauss und Oliver Schröm

Vermutlich wird Kay Nehm den Tag nie vergessen, an dem man im Kanzleramt von ihm verlangte, das Gesetz zu brechen. Und der Generalbundesanwalt wird wohl auch nie vergessen, wie schäbig die mächtigsten Männer der deutschen Sicherheitsbehörden ihn behandelten. In kleiner Runde bemerkte er einmal: "Das war der schwärzeste Tag meiner Karriere."

Es ist der 3. Oktober 2001, ein Mittwoch. Drei Wochen zuvor sind die Türme des World Trade Center in New York eingestürzt. Die Amerikaner erheben heftige Vorwürfe gegen die Deutschen. Drei der vier Todespiloten vom 11. September kamen aus Hamburg. Wie konnte dort eine Gruppe junger Araber unbehelligt den schlimmsten Terroranschlag der Geschichte vorbereiten? Gerade hat US-Präsident Bush Konten von 27 verdächtigen Firmen, Organisationen und Privatpersonen einfrieren lassen. Auf der Liste steht auch ein Bundesbürger: Mamoun Darkazanli, 43. Der gebürtige Syrer lebt seit 1986 in Hamburg und hat seit 1990 einen deutschen Pass. Die Sicherheitsexperten der Bundesregierung stehen unter Druck.

Kay Nehm wird ins Bundeskanzleramt zitiert: 10 Uhr, außerplanmäßige Sitzung der Chefs der deutschen Sicherheitsbehörden. Im Besprechungszimmer im vierten Stock hat jeder seinen festen Platz. Auf der einen Seite des Tisches die Staatssekretäre von Innen- und Justizministerium sowie der Generalbundesanwalt, ihnen gegenüber die Präsidenten von Bundeskriminalamt (BKA), Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und Bundesnachrichtendienst (BND). An der Stirnseite des Tisches sitzen Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier und Geheimdienstkoordinator Ernst Uhrlau. Die Stimmung ist angespannt.

Einige der Männer im Raum wissen um ihre Versäumnisse und Fehler. Deutsche Nachrichtendienste überwachten jahrelang Mitglieder der Hamburger Terrorzelle. Sie zeichneten Telefonate der späteren Todespiloten auf. Sie wussten, dass einige von ihnen in Terrorcamps in Afghanistan zu Attentätern ausgebildet worden waren oder offen Gewalt predigten. Aber im entscheidenden Moment zogen sie die nahe liegenden Schlüsse nicht. Dabei hätten sie dazu beitragen können, die Anschläge in New York und Washington zu verhindern.

Es ist warm an diesem Oktobermorgen in Berlin. Kanzleramtschef Steinmeier hat das Jackett ausgezogen. Er eröffnet die Sitzung. Das Wort hat Manfred Klink, Erster Direktor im BKA. Thema Mamoun Darkazanli. Seit Jahren hat das Amt ein Auge auf den Deutsch-Syrer. Die Fahnder halten ihn für einen Knoten im Terrornetzwerk al Qaeda. Er fädelte angeblich den Kauf eines Schiffes für bin Laden ein, eröffnete bei der Deutschen Bank in Hamburg ein Konto für bin Ladens mutmaßlichen Finanzchef und soll Geschäftsbeziehungen zu bin Ladens Ex-Sekretär haben.

Kay Nehm kennt all diese Vorwürfe. Die Akte hat lange vor dem 11. September auf seinem Tisch in Karlsruhe gelegen. Nehm prüfte sie. Die Informationen stammen überwiegend von CIA und FBI. Aber sie reichen nicht aus, um gegen den Deutsch-Syrer ein Verfahren wegen Terrorismusverdachts einzuleiten. Dafür fehlt die gesetzliche Grundlage. Es ist grotesk: Nach deutschem Recht ist die bloße Mitgliedschaft in einer ausländischen Terrororganisation nicht strafbar, solange der Betreffende nicht an einer Straftat beteiligt war.

Das Problem kennen alle im Raum.

Darum hoffen sie, dass der Bundestag diese Gesetzeslücke endlich schließt. Aber so lange wollen die Männer nicht warten. Der Druck der Amerikaner ist enorm. Am Ende seines Vortrags fordert BKA-Mann Klink den Generalbundesanwalt auf, ein Verfahren einzuleiten. Alle Augen richten sich auf Kay Nehm.

Der sitzt da wie immer, ruhig, kerzengerade, korrekt gescheitelt. "Es tut mir leid. Aber ich kann dem Gesetzgeber nicht vorgreifen", sagt Nehm. Unruhe im Raum. BND-Chef August Hanning bedrängt den Generalbundesanwalt, unbedingt etwas gegen Darkazanli zu tun. Teilnehmer der Sitzung erinnern sich: "Hanning war der Treiber." Geheimdienstkoordinator Uhrlau faucht Nehm an: "Bei der RAF waren Sie auch nicht so zimperlich!" Kanzleramtschef Steinmeier brüllt: "Wir müssen nun alle an einem Strang ziehen. Alle haben sich in die Anti-Terror-Strategie einzugliedern - auch die Bundesanwaltschaft!" Sitzungsteilnehmer erinnern sich: "Steinmeier war noch nie so laut geworden."

Nehm bleibt ruhig. Seit sieben Jahren ist er im Amt. Selbst nach einem Anschlag mit Tausenden Toten, so seine Überzeugung, dürfen die Prinzipien des Rechtsstaats nicht aufgegeben werden. Ansonsten drohten in Deutschland amerikanische Verhältnisse: Nach dem 11. September wurden in den USA Hunderte Menschen verhaftet, einfach so. Weil sie verdächtige Namen haben oder falsche Bekannte oder weil Nachbarn sie denunzierten. Menschen sitzen hinter Gittern, ohne dass ihnen gesagt wurde, was man ihnen vorwirft, ohne Zugang zu Rechtsanwälten, ohne Kontakt zu ihren Familien. So weit darf es im Rechtsstaat Deutschland nicht kommen.

Als politischer Beamter ist der Generalbundesanwalt "weisungsgebunden": Nehm wendet sich an den Mann neben ihm, seinen Vorgesetzten Hansjörg Geiger, Ex-BND-Präsident und nun Staatssekretär im Justizministerium: "Herr Geiger, wenn ich trotz rechtlicher Bedenken ein Verfahren gegen Darkazanli einleiten soll, dann müssen Sie mich dazu anweisen." Die beiden schauen sich an. Geiger schweigt. Dann dreht er Nehm langsam den Rücken zu. Am Ende der Sitzung sagt Steinmeier: "Herr Nehm, kommen Sie mal in mein Büro." (Vom stern befragt, lehnen alle Beteiligten ab, zur Sitzung öffentlich Stellung zu nehmen. Ernst Uhrlau lässt mitteilen, das ihm zugeschriebene Zitat könne ihm nicht zugeordnet werden.) Nach dem Gespräch in Steinmeiers Büro bleibt dem Generalbundesanwalt nichts weiter übrig, als doch gegen Darkazanli vorzugehen. Bis heute ohne Ergebnis, der lebt weiter als freier Mann in Hamburg-Uhlenhorst.

Deutscher Herbst 2001. In Berlin regiert die Angst - auch davor, dass die Welt erfährt, wie viel die Deutschen gewusst - und an welchen Punkten sie versagt haben. Als Otto Schily, Innenminister der rot-grünen Regierung, US-Justizminister John Ashcroft besucht, muss er sich anhören, die Hauptverantwortung für das Versagen der Dienste vor dem 11. September liege bei den deutschen Schlapphüten. Eilfertig bemühen sich deren Chefs, ihre Fehler vergessen zu machen. Sie schrecken dabei nicht vor fragwürdigen Methoden zurück und nutzen sogar Foltergeständnisse.

Viereinhalb Jahre später, ab dem 10. Mai 2006, wird sich nun ein Untersuchungsausschuss des Bundestages damit beschäftigen, ob die Verantwortlichen dabei "gegen Amts- oder Dienstpflichten oder gegen deutsches Recht oder internationales Recht" verstoßen haben und ob sie "die Rechtstaatlichkeit bei der Terrorismusbekämpfung" wahrten. Nach Recherchen des stern werden vor allem jene drei Männer Rede und Antwort stehen müssen, die schon unter der alten Bundesregierung die Politik der deutschen Sicherheitsbehörden bestimmten: Frank Walter Steinmeier, damals Staatssekretär im Kanzleramt, heute Außenminister; Ernst Uhrlau, damals Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt, heute Präsident des BND; August Hanning, damals BND-Chef, heute Staatssekretär im Innenministerium.

Die Troika kam im Herbst 1998 an die Macht,

zu einer Zeit, als sich al Qaeda gerade in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gebombt hat, mit Simultananschlägen auf US-Botschaften in Kenia und Tansania. 301 Menschen starben, Tausende wurden verletzt. Spuren dieser Anschläge führen US-Fahnder nach Hamburg.

Die Nachrichtendienste in Deutschland sind Ende der 90er Jahre gut informiert über die Anhänger von al Qaeda, sie kennen die Islamistenszene in Hamburg. Sie haben nicht nur Darkazanli im Auge, sondern auch dessen Freund Mohammed Haydar Zammar, ebenfalls aus Syrien, seit 1982 mit deutschem Pass. Auf Vermittlung von Darkazanli ging Zammar 1991 erstmals nach Afghanistan, wo er den Umgang mit Waffen und Sprengstoff lernte. Von da an reist Zammar mal in die Türkei, mal nach Syrien, mal auf den Balkan. Er steht seit 1997 im Verdacht, Rekruten aus Deutschland über die Türkei und Pakistan zur Kampfausbildung nach Afghanistan zu schleusen. Nach einem Tipp türkischer Agenten hört das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln seine Telefonate ab. Kontaktpersonen des Syrers werden überprüft. Die Überwachung des 140-Kilo-Mannes trägt den Codenamen "Operation Zartheit".

Während er unter Beobachtung steht, trifft sich Zammar in Hamburg mit Islamisten wie Mohammed Atta. Den Mann, der am 11. September 2001 das erste Flugzeug ins World Trade Center lenken wird, lernte er drei Jahre zuvor in der Al-Kuds-Moschee am Hauptbahnhof kennen. Nach Geheimdienstunterlagen zeigt er Atta zu Hause seine Notizen über das Herstellen von Sprengstoff, angefertigt nach einem Kurs 1995 in Afghanistan. Zammar schwärmt auch dem späteren Todespiloten Marwan al-Shehhi vom heiligen Krieg vor. Er kauft mit dem jungen Studenten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten Rucksäcke für dessen Trip in die Ausbildungslager Osama bin Ladens. "Es ist eine Heldentat, nach Afghanistan zu gehen", predigt Zammar.

Verfassungsschützer zeichnen auf, wenn Zammar die Nummer 76 75 13 30 in der Marienstraße 54, Hamburg-Harburg, anruft - den Anschluss der Wohngemeinschaft um Mohammed Atta. So melden sie ein Gespräch mit Marwan al-Shehhi am 4. März 1999 sogar an die CIA, teilen dabei aber lediglich dessen Vornamen und seine Handy-Nummer aus den Emiraten mit. Dass Zammar am Telefon "Mohammed Amir" erwähnt - unter diesem Namen ist Mohammed Atta seit 1998 bei der Hamburger Ausländerbehörde registriert -, erfährt die CIA nicht von ihnen. Weitere Freunde Zammars werden als so gefährlich eingestuft, dass ihr Name, Wohnsitz und ihre Passnummer zur Fahndung an alle deutschen Grenzübergänge weitergeleitet werden.

Die deutschen Nachrichtendienste sind den späteren Attentätern und ihren Helfern ganz dicht auf den Fersen. Ihr Wissen aber bleibt völlig unkoordiniert. Das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln informiert nicht einmal die Kollegen vom Landesamt in Hamburg, dass es in der Hansestadt Zammar überwacht. Dabei ist der Deutsch-Syrer auch den Hamburgern seit Jahren "auf Grund einer Vielzahl von Informationen" als Afghanistan-Veteran und "aktiver Unterstützer" bin Ladens bekannt. Das "Behördenzeugnis" des Hamburger Amtes darüber wird erst zwei Tage nach den Anschlägen vom 11. September an verdutzte Fahnder im Bundeskriminalamt übermittelt.

Die Deutschen wissen sogar, dass Zammar hochrangige Al-Qaeda-Kader trifft: Der Palästinenser Abu Zubaida ist Chef-Koordinator für bin Ladens Terrorcamps. Er steuert den Strom von heiligen Kriegern aus aller Welt in die Schulungslager, er koordiniert ihre Rückverteilung in europäische Netzwerke. Den israelischen Geheimdienst Mossad unterrichten die Deutschen über diese Verbindung Zammars, nicht aber US-Dienste.

Zwischen 1997 und Anfang 2000 verkehrt Zammar mit wichtigen Gefolgsleuten bin Ladens in Spanien, England, der Türkei, Albanien, Syrien, Marokko, Pakistan, Afghanistan. Für die Aufklärung im Ausland ist der BND zuständig. Auch er gibt Erkenntnisse über "M. H. Z." vor dem 11. September nicht an US-Nachrichtendienste weiter. "Kein Informationsaustausch seitens des BND", heißt es in Geheimdokumenten der Bundesregierung. Obwohl den Experten seit Jahren klar war, dass al Qaeda vor allem US-Einrichtungen im Visier hatte.

Bis heute bleibt rätselhaft,

weshalb Deutschlands oberste Sicherheitschefs nicht dafür gesorgt haben, dass ihre brisanten Kenntnisse an die amerikanischen Kollegen weitergeleitet wurden. Gerade neu im Amt, hatten sie vielleicht Sorge, mit den Amerikanern nicht auf Augenhöhe verkehren zu können. Denn in den vergangenen Jahren hatten CIA-Agenten die Deutschen äußerst herablassend behandelt, gerade beim Thema al Qaeda. Dagegen glaubten die deutschen Geheimdienstchefs offenkundig, den Dienst eines Nahoststaates im Griff zu haben: Sie forcierten die Zusammenarbeit mit dem totalitären Regime in Syrien.

Laut Dokumenten aus dem Kanzleramt kooperieren deutsche und syrische Nachrichtendienste seit März 2000 "auf dem Gebiet des internationalen Terrorismus". Dabei erfahren sie, dass Zammar Teil eines Netzwerks "islamistischer Exil-Syrer in Europa" ist, das für al Qaeda eine wichtige Rolle spielt. Im Sommer 2001 gelingt den Geheimdienstpartnern die Führung einer gemeinsamen Quelle "im islamistischen Milieu mit Deutschlandbezug". In Berlin wird die Operation als "erfolgreich" bewertet.

Dienstag, 11. September 2001.

August Hanning sitzt um 14 Uhr mit Journalisten in der provisorischen BND-Filiale in Berlin. Einer seiner Experten referiert über die Lager von Osama bin Laden im Osten Afghanistans. Er führt Satellitenbilder mit Wohnbaracken und Munitionsdepots vor. Die Terroristen, die dort mit Waffen und Sprengstoff hantieren, wollen weltweit gegen amerikanische Einrichtungen vorgehen. Als Beispiele nennt der Referent die Angriffe auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania - und den Anschlag auf das World Trade Center 1993 in New York.

Hanning wird aus dem Raum gerufen. Als er nach einigen Minuten zurückkehrt, wirkt der 55-Jährige angespannt. Nach 15 Minuten verlässt Hanning erneut das Zimmer. Wenig später kommt er zurück: "Um 8.46 Uhr New Yorker Zeit hat sich eine Maschine der Fluggesellschaft American Airlines in das World Trade Center an der Südspitze Manhattans gebohrt. Dies war kein Unfall. Denn 17 Minuten später ist ein weiterer Passagierjet in den zweiten Zwillingsturm gerast."

Geheimdienstkoordinator Ernst Uhrlau erfährt in seinem Büro im Kanzleramt vom ersten Anschlag. Er ist gerade von der wöchentlichen "Lage" mit Verfassungsschutz, Militärischem Abschirmdienst und BND zurück, als ein Mitarbeiter ihn drängt, sofort CNN einzuschalten. Um 15.02 Uhr sieht Uhrlau, wie das zweite Flugzeug in den Südturm kracht. Koordiniertes Vorgehen und Timing, denkt er gleich, das war al Qaeda. Ausgerechnet bin Ladens Leute, mit denen er sich als einer der wenigen Nachrichtendienstler in Deutschland schon seit Jahren intensiv beschäftigt.

In den USA läuft der größte Polizeieinsatz der Geschichte an. Binnen 24 Stunden sind die Attentäter identifiziert. Am Abend des 12. September faxt die US-Botschaft in Berlin dem Bundeskriminalamt alarmierende Erkenntnisse des FBI: 3 der 19 Verdächtigen kommen aus Hamburg, vermutlich die Todespiloten. Auf sechs Seiten sind ihre Flugbuchungen aufgeführt, Kreditkartenabrechnungen, ihre Adressen in Amerika. Minuten später stürmen Polizisten in Hamburg die Dreizimmerwohnung in der Marienstraße 54 im Stadtteil Harburg - der Todespilot Atta und seine Freunde haben sie besenrein hinterlassen. In der Wohnung eines flüchtigen Helfers finden Beamte kurz nach Mitternacht im Scheinwerferlicht von TV-Kameras dessen Frau und Sohn - sowie Hetzschriften mit Widmungen von "Bruder Haydar" Zammar.

Verwundert registriert die Öffentlichkeit, wie schnell die Sicherheitsbehörden das Umfeld der Todespiloten ausgekundschaftet haben. Selbst ihre Helfer aus Hamburg sind schnell identifiziert. Es gibt Hausdurchsuchungen, Beamte verhören die Deutsch-Syrer Zammar und Darkazanli. Pressemeldungen, die Attentäter seien deutschen Verfassungsschützern bekannt, werden dementiert.

In den folgenden Tagen müssen Insidern wie Uhrlau und Hanning ihre fatalen Fehler bewusst geworden sein. Erst ein Jahr zuvor war es deutschen Behörden noch gelungen, gemeinsam mit anderen Diensten ein islamistisches Attentat auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg zu vereiteln. Nun hatten sie nicht rechtzeitig reagiert. "Es gab da eine Fülle nachrichtendienstlicher Erkenntnisse. Die Deutschen hätten erheblich hilfreicher sein können", sagt Michael Scheuer dem stern. Er war bis Ende 1999 Chef der Bin-Laden-Einheit im Hauptquartier der CIA und nach dem 11. September deren Sonderberater. "Es hat mich völlig überrascht, wie viele von den Qaeda-Leuten und der Hamburger Zelle auf ihrem Radar waren. Wir hätten wirklich viel mehr machen können, wenn die Deutschen vor dem 11. September nur an Zusammenarbeit interessiert gewesen wären."

Nach "9/11" fallen in den Vereinigten Staaten bewährte Rechtsmaßstäbe. Die Praxis der "extraordinary renditions", der Sonderüberstellungen Gefangener in Drittländer, wird wiederbelebt: Greiftrupps der CIA jagen weltweit potenzielle Terroristen, fliegen sie in Länder verbündeter Geheimdienste, in denen gefoltert wird. Auf dem US-Stützpunkt in Guant‡namo bereiten Militärs schon bald Lager vor. Terroristen sollen dort festgehalten werden, notfalls endlos, ohne Kontakt zur Außenwelt. Cofer Black, Chef des CIA-Terrorabwehrzentrums, sagt: "Wir haben die Samthandschuhe ausgezogen."

In Deutschland stellt Otto Schily die Frage, ob "wir polizeiliche Strategien auch mit militärischen Mitteln durchsetzen müssen". Der Innenminister schlägt vor, gefährliche Personen in "Drittstaaten" und "andere Weltgegenden" zu bringen. Später versteigt er sich zu dem Satz: "Die Terroristen sollten wissen: Wenn ihr den Tod so liebt, dann könnt ihr ihn haben."

In der wöchentlichen Lagesitzung im Kanzleramt fordern die Sicherheitschefs ein entschiedenes Vorgehen. Es fallen Sätze wie: "Die Hürden des Strafrechts müssen jetzt viel niedriger sein."

Die CIA drängt, Zammar endlich zu verhaften.

Die Bundesanwaltschaft leitet ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ein. Deutsche Fahnder sind in der Nähe, als Zammar mit seinem Bruder am Hamburger Flughafen ein KLM-Ticket für den 27. Oktober 2001 über Amsterdam nach Casablanca kauft und seinen Rückflug für den 8. Dezember bucht. Ihnen entgeht nicht, dass er tags darauf im Bezirksamt Hamburg-Nord seinen Reisepass als verloren meldet und einen vorläufigen Ausweis erhält. Die Deutschen lassen ihn ausreisen.

Über die Reisepläne informiert das BKA die Behörden in Holland und Marokko. Die Teilnehmer der Sicherheitslage im Kanzleramt wissen ebenfalls Bescheid. Der Fall Zammar ist Chefsache. Auch US-Behörden erfahren, dass Zammar in Marokko ist. 14 Tage vor seiner geplanten Rückkehr nach Hamburg teilt das BKA einem FBI-Kollegen die Reisedaten formell mit. Spätestens jetzt können die Amerikaner seine Festnahme in Marokko planen. Zammar wird am 8. Dezember 2001 am Flughafen von Casablanca verhaftet. Ein hochrangiger deutscher Sicherheitsbeamter sagt zum stern: "Gehen Sie davon aus, dass die Verhaftung das Resultat einer gemeinsamen Operation amerikanischer und deutscher Behörden war." CIA-Mann Michael Scheuer kennt das Geschäft im Graubereich der Geheimdienste. Er hat selbst 40 solcher Festnahmen im Ausland gesteuert und weiß, "wie erleichtert man oft in Europa ist, wenn ein Terrorverdächtiger ins Ausland reist, wo sich dann die Amerikaner um den Mann kümmern können". Scheuer sagt: "Wenn wir jemanden nicht verhaften können, der nicht frei herumlaufen sollte und reisen will, bekommen unsere Verbündeten jedenfalls einen Hinweis. Würde mich überraschen, wenn uns niemand aus den deutschen Diensten einen Tipp gegeben hätte."

Präsident Hanning behauptet später im Innenausschuss des Bundestages, von dem Kidnapping nichts gewusst zu haben. Zammar sei "nach Marokko ausgereist, und damit hat sich zunächst die Spur verloren". Von seiner Verhaftung habe der BND "erst im Nachhinein erfahren". Die Sicherheitschefs legen sich öffentlich nie auf ein Datum fest, lassen aber gern den Eindruck stehen, sie hätten erst im Juni 2002 aus der Zeitung von Zammars Verschleppung Kenntnis erlangt. Doch sogar das BKA war im Bild. Seine Verbindungsbeamten in Rabat und Washington meldeten neun Tage nach Zammars Festnahme, er sei in Marokko in Haft. Und der BKA-Mann aus Rabat lieferte im Januar das Detail nach, Zammar sei den USA übergeben worden. Als Quelle nannte er seinen BND-Kollegen vor Ort.

Die CIA deportiert den Deutsch-Syrer Zammar im Februar 2002 nach Damaskus. Syrien kooperiert ebenfalls mit den USA und hat ein formelles Auslieferungsersuchen gestellt. Die Deutschen sind offenbar gut informiert.

Am 9. März 2002 übergeben die Syrer einer BND-Delegation eine fünfseitige "Studie" über Zammar. Daraus geht für die Deutschen eindeutig hervor, dass "die Informationen aus einer direkten Befragung M. H. Z. stammen". So steht es in geheimen Regierungsunterlagen. Spätestens jetzt müssten die deutschen Behörden im Interesse ihres Staatsbürgers Zammar aktiv werden.

Geheimdienstkoordinator Uhrlau und BND-Chef Hanning planen insgeheim einen Deal mit den Syrern. Sie fädeln die Sache raffiniert ein. Zunächst schlagen sie den Abgeordneten im Parlamentarischen Kontrollgremium (PKG) einen Freundschaftsbesuch in Damaskus vor. Das Gremium setzt sich aus neun Politikern aller Fraktionen zusammen. Man tagt in geheimen Sitzungen, bei denen mitschreiben verpönt ist. Der erlauchte Kreis, der die deutschen Sicherheitsbehörden kontrollieren soll, lässt sich nichts ahnend auf die Reise nach Syrien ein. Über ihre eigentliche Absicht nämlich, an weitere Informationen über Zammar heranzukommen, lassen Uhrlau und Hanning die Mitglieder des PKG im Dunkeln. Sie verschweigen ihren Kontrolleuren sogar, dass der deutsche Staatsbürger bereits in einem Folterkeller der Syrer sitzt.

Organisiert vom BND, fliegen vier Mitglieder des Kontrollgremiums im Mai 2002 nach Syrien - an Bord der "Falcon" von BND-Chef Hanning, Kennung AZEM 2000. Es sei einer dieser BND-Flüge gewesen, auf denen es "nur belegte Brote auf die Hand", gab, erinnert sich Erwin Marschewski. Die Gespräche mit hochrangigen Vertretern des syrischen Regimes hält der damalige CDU-Abgeordnete für "sinnvoll als Türöffner für den BND". Parteifreund Hartmut Büttner findet es "verdammt schwer, Terrain für Hanning vorzubereiten". Wenigstens der Besuch der prächtigen Damaszener Hauptmoschee verläuft problemlos. Über Zammar fällt kein Wort.

Die Abgeordneten erfahren erst im Juni

von dessen Verbleib in Syrien - aus der "Washington Post". Ein CIA-Vertreter in Berlin bestätigt dies am 13. Juni gegenüber Uhrlau. Die Deutschen schweigen. Sie nehmen ohne Protest hin, dass ein Bürger der Bundesrepublik im Ausland gekidnappt und in einen Folterstaat deportiert wurde. Schließlich bietet die CIA dem BND-Residenten in Washington an, Fragen in die Verhöre Zammars in Syrien "einzusteuern".

Aber Uhrlau und Hanning haben ihre eigene Syrien-Connection: General Asef Shaukat. Der ist nicht nur Vizechef des Militärgeheimdienstes, sondern genießt laut einem geheimen Bericht der Bundesregierung "als Schwager des syrischen Staatspräsidenten" auch "hohen politischen Einfluss". Uhrlau plant, beim Besuch Shaukats in Berlin über das Thema Zammar zu reden. Die Freilassung oder Auslieferung des deutschen Staatsbürgers steht dabei nicht zur Debatte. Der Geheimdienstkoordinator interessiert sich dafür, was Zammar unter syrischen Haftbedingungen preisgegeben hat.

Für diese Informationen sind die Deutschen bereit, zwei syrische Spione laufen zu lassen, die sie vor einem halben Jahr verhaftet haben. Dumm nur, dass Generalbundesanwalt Nehm die beiden bereits angeklagt hat. Sogar der Prozesstermin vor dem Oberlandesgericht Koblenz steht schon fest. Aber Uhrlau geht davon aus, dass sich auch dieses Problem lösen lässt. BND-Chef Hanning fordert Nehm in einem Brief auf, das Verfahren gegen die Agenten fallen zu lassen. Der BND sei "essentiell angewiesen" auf eine Zusammenarbeit mit Syrien. Für den Fall, dass sich Nehm wieder querstellt, beschließt eine Gesprächsrunde im Kanzleramt, solle Justiz-Staatssekretär Geiger auf den Generalbundesanwalt einwirken. Falls auch dies nicht reicht, würde sich Steinmeier wieder persönlich einschalten.

Am 10. Juli 2002 erscheint General Shaukat

im Kanzleramt. Es ist ein brütend heißer Sommertag. Im Besprechungsraum sitzt ein Dutzend Männer: drei Vertreter des BND, unter ihnen dessen Resident in Damaskus, und Uhrlau mit drei Helfern aus seinem Amt. General Shaukat ist mit einem anderen General und Dolmetscher gekommen. Laut einem fünfseitigen "Gesprächsvermerk" aus dem Kanzleramt entwickelt sich ein Schlagabtausch.

Diplomatisch verklausuliert wirft Uhrlau Shaukat vor, dass Syrien in Deutschland spioniert. Shaukat antwortet, ebenfalls verklausuliert, in Deutschland gebe es syrische Terroristen, wie seine Gastgeber wohl wüssten. Uhrlau pokert hoch. Obwohl der Generalbundesanwalt das Spionageverfahren noch nicht eingestellt hat, offeriert Uhrlau dem Geheimdienstler aus Syrien, einen "Schlussstrich" unter das Verfahren gegen die Agenten zu ziehen - falls Syrien Informationen über Zammar herausrückt.

Shaukat reagiert cool: Er kenne die beiden Agenten gar nicht; über Zammar wisse er auch nichts. Dann geht er zur Gegenoffensive über und wirft Uhrlau vor, die Deutschen hätten in Syrien spioniert, "vor allem gegen militärische Einrichtungen". Darauf lobt er Uhrlau ausdrücklich für zwei gemeinsame, gefährliche Operationen seines Geheimdienstes und des BND gegen das Al-Qaeda-Netzwerk. Uhrlau sagt, er sei nun 20 Jahre im Geschäft der Nachrichtendienste und deshalb "auch penetrant": Informationen zu Zammar seien ein Muss. Der Fall sei "zu einem politischen Problem" geworden und belaste Deutschlands Beziehungen zu Syrien und Amerika.

Bald nach dem Treffen liefert der syrische Militärgeheimdienst aus Damaskus schriftliche Informationen über Zammar an den BND. Die Syrer schlagen sogar vor, in einer Arbeitsgruppe mit deutschen Verfassungsschützern, Polizisten und BND-Mitarbeitern Ergebnisse der Verhöre Zammars zu erörtern. Auch die Deutschen müssen ihre Zusagen einlösen: Auf schriftliche Veranlassung von Justiz-Staatssekretär Geiger zieht Generalbundesanwalt Kay Nehm am Tag vor Beginn der geplanten Hauptverhandlung seine Spionageanklage zurück und lässt die Verdächtigen frei: "Der weiteren Verfolgung der beiden Angeklagten stehen überwiegende öffentliche Interessen insbesondere der Bekämpfung des internationalen Terrorismus entgegen."

Als weiteres Zugeständnis an die Syrer bringt der Chef des Bundeskriminalamts persönlich Unterlagen über den Todespiloten Mohammed Atta nach Damaskus. Wenig später erhalten die Syrer eine Fülle von BKA-Dokumenten zum Umfeld der Hamburger Zelle. Deutschland bekommt im Gegenzug weiteres Material über Zammar. Das deutsch-syrische Joint-Venture läuft wie geschmiert.

Da stört mal wieder Kay Nehm. Am frühen Morgen des 10. September 2002 durchsuchen rund 300 Fahnder des BKA vier Firmen. Sie finden nichts. Keine brisanten Unterlagen, keine Beweise, weder für Spionage noch für Terrorismus.

In Syrien ist man empört.

Denn Mitinhaber der Firma ist ein früherer syrischer Geheimdienstchef. Damaskus sagt eine bereits geplante Sitzung der Zammar-Arbeitsgruppe ab. Erst jetzt sehen sich die Fachleute von BKA, BND und BfV die bisherigen Resultate der Kooperation genauer an. Mit Entsetzen stellen sie fest, dass Syriens Dienst sie getäuscht hat: Sie haben nur die Informationen erhalten, die sie selbst den Syrern geliefert hatten. Uhrlau ist verärgert. BND-Präsident Hanning wird aktiv. Er nimmt Kontakt zu Damaskus auf.

Eine Woche später stimmt Syrien einer Vernehmung Zammars durch deutsche Beamte zu. Am 20. November 2002 treffen zwei Verfassungsschützer, zwei BND-Beamte und ein Auswerter des BKA in Damaskus ein. Abends empfängt General Shaukat die Delegation zum Vorgespräch. Er legt "allergrößten Wert auf vollkommene Diskretion", wie dem stern bekannte Papiere belegen. Jede Veröffentlichung in den Medien könne zum Abbruch der Beziehungen führen. Am nächsten Vormittag fahren die Deutschen zum Hauptquartier des Militärgeheimdiensts.

Wärter bringen Zammar in ein Vorzimmer, nehmen ihm die Fesseln ab und führen ihn in ein großes Büro. Einrichtung "ortsüblich", notieren deutsche Beamte: "alte Büromöbel, staubige Sitzgarnitur". Ein syrischer Brigadegeneral hat Zammar drei Tage lang eingeschworen, mit den Deutschen zu kooperieren. Die Verhöre werden auf Deutsch geführt. Sie finden an drei aufeinander folgenden Tagen statt und dauern 14 Stunden und 50 Minuten.

Zammar hat mehr als 30 Kilo abgenommen. Er trägt eine Winterdschalabija, einen grünen Militäranorak, braune Schuhe. Er wirkt "intelligent", hat "fast etwas altväterliche Manieren". "Person ausreichend gepflegt", notiert der deutsche Beamte. Zammar sagt, er hoffe, bald entlassen zu werden und seine Familie wiederzusehen. Die Deutschen wollen nichts versprechen. Sie notieren Informationen zu "Kennverhältnissen", "Gefährderumfeld", zur "Qualifizierung von Personen". Der Zwei-Meter-Mann klagt, dass er sowohl in marokkanischer als auch in syrischer Haft geschlagen worden sei. Er müsse sich meist in einer Zelle von 1,90 Meter Länge und 1,03 Meter Breite aufhalten. Syrer im Raum übersetzen die Gespräche und zeichnen sie auf. Die Deutschen erhalten keinen Mitschnitt.

Die Bundesbeamten sind sich der "Problematik einer unter Folter gewonnenen Aussagebereitschaft" bewusst. Sie "wurde von den an der Reise Beteiligten erkannt und im Vorfeld des Besuches diskutiert", heißt es in einem Regierungsbericht. "Die Befragungen seien daher sofort abzubrechen, sobald M. H. Z. in unangemessener Weise behandelt würde bzw. allein der Verdacht hieran aufkäme."

Ernst Uhrlau sagt: Um Informationen über bin Ladens Terrornetzwerk zu bekommen, müssten Geheimdienste von Staaten, die "auf oder dicht neben der Achse des Bösen liegen, mit Fingerspitzengefühl behandelt werden". BND-Präsident August Hanning nennt die Verhöre nicht Verhöre, sondern "informatorische Befragungen". Kollegen, die sie führten, sagten ihm, "dass sie keinerlei Folterspuren gesehen haben" - darauf legt Hanning bei einer Befragung im Innenausschuss des Bundestages drei Jahre später noch immer Wert. Natürlich diene "die Haftsituation als solche" dazu, "Aussagebereitschaft zu erhöhen". So wie die "Untersuchungshaft bei uns".

Ehemalige Mitgefangene berichten

Amnesty International, Zammar sei in der Haft völlig abgemagert, sein Körper "in skelettalem Zustand". Der "Washington Post" erzählte ein anderer Häftling aus dem syrischen Gefängnis Far Falestin, Zammar sei schwer gefoltert worden.

Geheimdienstkoordinator Uhrlau will von seinen Syrien-Verbindungen nicht lassen. Am 27. Januar 2003 fliegt er nach Damaskus und trifft dort General Shaukat, redet mit ihm über den bevorstehenden Krieg im Irak und über "humanitäre Angelegenheiten" - gemeint ist damit nicht die Folter an Zammar, sondern ein Austausch von Gefangenen zwischen Israel und der Terrororganisation Hisbollah. Ende September fliegt Uhrlau wieder nach Damaskus. Die Syrer sind sauer, weil in Deutschland durchgesickert war, dass BND-Agenten Zammar vernehmen durften. Uhrlaus Gesprächspartner haben nun neue Forderungen: Er müsse dafür sorgen, dass der Haftbefehl gegen einen Onkel von Staatspräsident Assad ausgesetzt wird. Der war 1983 in einen Bombenanschlag in West-Berlin verwickelt, mit einem Toten und 21 Verletzten. Andere Täter waren längst gefasst und verurteilt. Der Onkel hatte nach Syrien fliehen können, war es mittlerweile aber leid, nicht mehr reisen zu können. Zurück in Berlin, bestellt Uhrlau den Berliner Generalstaatsanwalt Dieter Neumann ein, der solle den internationalen Haftbefehl in einen nationalen umwandeln. Doch Neumann bleibt hart: Bei Mord gibt es kein Pardon.

Bald hat Uhrlau neue Probleme mit dem Partner Syrien. Am 14. Februar 2005 stirbt bei einem Anschlag der libanesische Multimilliardär und Ex-Premier Rafik Hariri; 22 weitere Menschen kommen um. Die Besatzungsmacht Syrien und ihr Geheimdienst stehen am Pranger. In Beirut gehen Millionen auf die Straße, Amerika macht Druck, Wochen später muss Syrien seine Soldaten nach 15 Jahren aus dem Libanon abziehen.

Die UN setzen eine Kommission ein, die den Mord an Hariri untersuchen soll, und berufen den Berliner Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis zum Sonderermittler. Ausgerechnet Mehlis, der mehrfach Syriens Terrorverbindungen aufdeckte und auch den Haftbefehl gegen den Assad-Onkel erwirkt hatte. Ein deutscher Diplomat sagt Mehlis bei dessen Amtseinführung in New York: "In Berlin ist man über Ihre Berufung überhaupt nicht glücklich."

Im Gegensatz zu anderen westlichen Diensten

unterstützt der BND die UN-Mission von Detlev Mehlis nicht. Ein UN-Fahnder sagt zum stern: "Trotz unserer Anfragen haben wir vom Bundesnachrichtendienst null Informationen bekommen." Dennoch können die Ermittler so viel zusammentragen, dass Mehlis in einem Bericht an den UN-Sicherheitsrat mehrere Geheimdienstler in Damaskus als Drahtzieher des Attentats beschuldigen kann. Allen voran Uhrlaus und Hannings Vertrauten, Asef Shaukat.

In Beirut lässt Mehlis vier libanesische Generäle verhaften, die eng mit Syrien zusammengearbeitet haben - unter ihnen Jamil El-Sayed, kurz zuvor noch allmächtiger Geheimdienstboss im Libanon und langjähriger Vertrauter von Uhrlau und Hanning. Nach seiner Festnahme wendet sich El-Sayed Hilfe suchend an den BND und dessen Präsidenten. Handschriftlich verfasst er einen Brief: "Ich bitte Ihren Nachrichtendienst und vor allem Sie, Dr. Hanning, diese Demütigung, der ich ausgesetzt bin, zu stoppen. Jamil El-Sayed sollte kein politisches Opfer sein. Der Jamil, den Sie kennen, verdient es nicht, gedemütigt zu werden. Als freier und wahrlich aufrichtiger Freund ist er für Sie hilfreicher und nützlicher. Bitte tun Sie etwas. Vielen Dank, Jamil."

Die Wahlen in Deutschland bringen einen Machtwechsel. Statt Rot-Grün regiert jetzt Schwarz-Rot. Die Troika Steinmeier-Hanning-Uhrlau bleibt dem Kabinett Merkel erhalten. Frank-Walter Steinmeier, der als Kanzleramtschef das Verhör Zammars durch deutsche Geheimdienstler politisch verantwortete, bekommt nun als Außenminister wieder mit dem Fall zu tun. Zammars Ehefrau schreibt an Steinmeier und bittet die Bundesregierung, sich für ihren Mann einzusetzen. Im Auftrag des Außenministers antwortet ein Legationsrat: "Vielen Dank für Ihr Schreiben an Bundesminister Dr. Steinmeier. Die Reaktion der syrischen Regierung auf unsere Bemühungen lässt erkennen, dass sie nach wie vor nicht bereit ist, uns die Möglichkeit konsularischer Betreuung einzuräumen. Das Auswärtige Amt wird sich weiterhin bemühen und für ein faires Verfahren und eine menschenwürdige Behandlung Ihres Ehemannes einsetzen."

Zu dieser Zeit steht die Sicherheitspolitik der früheren rot-grünen Regierung unter Beschuss. Die "Washington Post" hat enthüllt, dass die Deutschen auch bei der Entführung des Deutschen Khalid el-Masri von Mazedonien in das Gefängnis auf dem US-Stützpunkt Bagram in Afghanistan eine unrühmliche Rolle spielten. Details über den fragwürdigen Umgang mit Mohammed Zammar geraten an die Öffentlichkeit.

August Hanning bleibt nichts anderes übrig, als im Innenausschuss des Bundestages, hinter verschlossenen Türen, geheime Deals mit Syrien zu beichten: "Es war ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Wir wollten uns wechselseitig informieren." Zu den Verhören Zammars sagt er: "Ich glaube, der BND hat hier eine klare Rechtsgrundlage gehabt." Der grüne Abgeordnete Wolfgang Wieland entgegnet: "Man reist nicht in einen Folterstaat und erntet dort die Früchte des Misshandelns von Gefangenen." Der neue Innenminister Wolfgang Schäuble unterstützt seinen Staatssekretär Hanning: "Ich meine, eine solche Informationsbeschaffung können wir nicht von vornherein ablehnen."

Die Oppositionsparteien im Bundestag fordern einen Untersuchungsausschuss. Bis zuletzt versucht Ernst Uhrlau, ihn zu verhindern. Vergebens. Am Mittwoch der nächsten Woche beginnt der Ausschuss seine Arbeit.

Mitarbeit: Johannes Gunst, Dieter Krause, Hans-Martin Tillack

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