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7. September 2007, 15:11 Uhr

Die Kriegslüge

Im Jahr 2003 begann der Krieg gegen den Irak. Von Anfang an bestand der Verdacht, dass die von US-Präsident Bush genannten Gründe nur vorgeschoben waren. Nun ist er zur Gewissheit geworden, wie US-Geheimdienstler dem stern berichten.

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12. September 2001: Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice wartet im Oval Office, während der Präsident mit dem britischer Premier Tony Blair telefoniert. Schon bei Bush Amtsantritt hatte sie den Irak im Visier© Eric Draper/The White House/AP

30. Januar 2001, Washington

Es werden noch zwei Jahre und 49 Tage vergehen, bis die ersten Bomben auf Bagdad fallen, als Präsident George W. Bush die Mitglieder des Nationalen Sicherheitsrates zur ersten Sitzung ins Weiße Haus bestellt. Es ist Tag zehn der Amtszeit des an außenpolitischen Fragen weitgehend desinteressierten Mannes aus Crawford, Texas. Mit Bush, befürchten viele, werde ein Isolationist in Washington regieren, und er selbst machte im Wahlkampf aus seiner Abneigung gegen internationale Abenteuer kein Hehl.

Doch an jenem 30. Januar kündigt Bush an, dass er von nun an Israel stärker unterstützen werde. Dann reicht er das Wort weiter an seine Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice: "Condi, worüber reden wir heute?" "Darüber, wie der Irak die Region destabilisiert, Mister President", antwortet Rice und nennt den Irak den Schlüssel zur Umgestaltung der gesamten Region. CIA-Direktor George Tenet hält einen Kurzvortrag über Saddams Massenvernichtungswaffen, und nach knapp einer Stunde, gegen 16.30 Uhr, werden die Aufgaben verteilt: Verteidigungsminister Donald Rumsfeld soll sich um "militärische Optionen" im Irak kümmern, Tenet um die Verbesserung der Geheimdienstinformationen und Finanzminister Paul O'Neill um die ökonomische Schröpfung des Regimes.

Nach nicht einmal zwei Wochen im Amt hat George W. Bush seine Mission gefunden. Nur zwei Tage später, am 1. Februar 2001, findet die nächste Sitzung im "Situation Room" unterhalb des Oval Office statt. Auf dem Programm stehen laut eines Memorandums, das dem stern vorliegt: ein CIA-Bericht über den Irak und der "politisch-militärische Plan für die Post-Saddam-Irak-Krise". Hinter den letzten Punkt ist in fetten Lettern gedruckt: Geheim.

Diesmal führt Rumsfeld das Wort und kommt, so erinnert sich O'Neill, schnell zum Punkt: "Sanktionen sind schön und gut, aber worüber wir wirklich nachdenken sollten, ist, uns Saddam vorzuknöpfen. Stellt euch vor, wie die Region ohne Saddam und mit einem Regime aussehen würde, das sich mit US-Interessen verbündet. Es würde alles in der Region und darüber hinaus verändern. Es wäre eine Demonstration, wofür US-Politik steht." Auch an die Antwort des Präsidenten erinnert sich O'Neill noch gut. "Schön", sagt Bush, "findet mir einen Weg, das zu tun."

Zwei Jahre später, im Dezember 2002, muss Finanzminister O'Neill nach endlosen Differenzen mit den Falken in der Regierung sein Amt aufgeben. Er steckt dem Journalisten Ron Suskind entlarvende Regierungsinterna. Von Anfang an, sagt O'Neill rückblickend, sei es um die Beseitigung Saddams gegangen. "Die Frage war nur: Auf welchem Weg schafft man das?"

11. September 2001, Washington

Am frühen Nachmittag, wenige Stunden nach den Flugzeugangriffen in New York und Washington, berichtet die CIA Verteidigungsminister Rumsfeld, dass mindestens drei der Attentäter Al-Qaeda-Mitglieder gewesen seien. Der zeigt sich davon zunächst unbeeindruckt, ihm sind die Angaben zu vage. Um 14.40 Uhr ruft Rumsfeld seine engsten Mitarbeiter zusammen und sagt: "Ich will die besten Informationen ganz schnell. Wägt ab, ob es reicht, auch SH anzugreifen. Nicht nur UBL." Im Jargon des Pentagon steht SH für Saddam Hussein und UBL für Osama bin Laden. "Go massive", sagt Rumsfeld noch und: "Bringt mir alles. Ob es passt oder nicht." Mitarbeiter aus dem Pentagon haben diese Gespräche in Memos festgehalten. Sie werden später dem Fernsehsender CBS zugespielt.

"Ob es passt oder nicht" - der Satz wird in den kommenden zwei Jahren zu einer Art Maxime der Bush-Regierung. Am Abend informiert CIA-Direktor George Tenet im Bunker des Weißen Hauses den Nationalen Sicherheitsrat über die Lage. Al Qaeda, sagt Tenet, operiere weltweit, die USA hätten ein "60-Länder-Problem". Die Antwort von George W. Bush: "Knöpfen wir sie uns der Reihe nach vor."

15. September 2001, Camp David

Der Präsident versammelt das Kabinett auf seinem Wochenendsitz in Maryland. Die Minister diskutieren zunächst über einen Militärschlag gegen Afghanistan. Irgendwann meldet sich der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz zu Wort. Er gehört der Denkschule der so genannten Neokonservativen an. Das ist ein Zirkel von etwa 50 Männern, die ihre sehr eigenen, präzisen Vorstellungen von der Weltordnung nach dem Kalten Krieg besitzen - eine Welt, in der die Supermacht Amerika keinen Rivalen neben sich dulden dürfe. Vizepräsident Dick Cheney zählt zu den "Neocons", auch Rumsfeld, der Sicherheitsexperte Richard Perle und eine Reihe weiterer Politiker, die mit Bushs Amtsübernahme ins Machtzentrum gespült wurden und die Ereignisse der nächsten Jahre prägen werden.

Bereits 1992 hat Wolfowitz im Auftrag von Cheney - damals Verteidigungsminister - ein Strategiepapier unter dem Titel "Defense Planning Guidance" verfasst. Ein Dokument, in dem uneingeschränkte US-Dominanz, militärischer Erstschlag gegen potenzielle Terrorstaaten gefordert wird. Unter Einsatz aller Mittel. Der Irak steht damals schon an Nummer eins der Prioritätenliste und soll Saudi-Arabien als US-Basis in der Region ablösen. Zehn Jahre später wird dieses Papier zur Blaupause der amerikanischen Außenpolitik.

Wolfowitz plädiert in Camp David für einen Angriff gegen den Irak. Obwohl er die Wahrscheinlichkeit, dass Saddam in die Attacken verwickelt ist, nur auf "zehn bis 50 Prozent" schätzt, wie Bob Woodward in seinem Buch "Bush at War" protokolliert. Bush lauscht aufmerksam und ermuntert Wolfowitz während einer Pause dazu, seinen Standpunkt noch klarer zu formulieren. Am Ende aber setzt sich Außenminister Colin Powell durch - erst Afghanistan, später Irak - "alles zu seiner Zeit", sagt der. Am 17. September 2001 erklärt Bush vor dem Nationalen Sicherheitsrat: "Ich glaube, dass der Irak in die Angriffe verwickelt war, aber ich werde ihn noch nicht angreifen. Ich habe jetzt noch nicht die Beweise dafür."

Dezember 2001, Washington

David Frum ist einer der vielen Redenschreiber des Präsidenten. Er hatte zuvor als Journalist gearbeitet, ist erst 40 Jahre alt und als geborener Kanadier ein wenig erstaunt über die Umgangsformen. Der erste Satz, den er im Weißen Haus hört, lautet: "Ich habe dich in der Bibelstunde vermisst." Ende Dezember 2001 betritt Michael Gerson, Chefredenschreiber des Präsidenten, Frums Büro und sagt: "Kannst du in ein oder zwei Sätzen unsere besten Gründe dafür zusammenfassen, den Irak anzugreifen?" Frum überlegt einen Moment und antwortet "Hm, klar. Wäre nach dem Mittagessen okay?" Darauf Gerson: "Sehr lustig, nimm dir zwei Tage."

"Sanktionen sind schön und gut, aber worüber wir wirklich nachdenken sollten, ist, uns Saddam vorzuknöpfen" Verteidigungsminister Donald Rumsfeld

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