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USA: Die Kriegslüge

Im Jahr 2003 begann der Krieg gegen den Irak. Von Anfang an bestand der Verdacht, dass die von US-Präsident Bush genannten Gründe nur vorgeschoben waren. Nun ist er zur Gewissheit geworden, wie US-Geheimdienstler dem stern berichten.

30. Januar 2001, Washington

Es werden noch zwei Jahre und 49 Tage vergehen, bis die ersten Bomben auf Bagdad fallen, als Präsident George W. Bush die Mitglieder des Nationalen Sicherheitsrates zur ersten Sitzung ins Weiße Haus bestellt. Es ist Tag zehn der Amtszeit des an außenpolitischen Fragen weitgehend desinteressierten Mannes aus Crawford, Texas. Mit Bush, befürchten viele, werde ein Isolationist in Washington regieren, und er selbst machte im Wahlkampf aus seiner Abneigung gegen internationale Abenteuer kein Hehl.

Doch an jenem 30. Januar kündigt Bush an, dass er von nun an Israel stärker unterstützen werde. Dann reicht er das Wort weiter an seine Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice: "Condi, worüber reden wir heute?" "Darüber, wie der Irak die Region destabilisiert, Mister President", antwortet Rice und nennt den Irak den Schlüssel zur Umgestaltung der gesamten Region. CIA-Direktor George Tenet hält einen Kurzvortrag über Saddams Massenvernichtungswaffen, und nach knapp einer Stunde, gegen 16.30 Uhr, werden die Aufgaben verteilt: Verteidigungsminister Donald Rumsfeld soll sich um "militärische Optionen" im Irak kümmern, Tenet um die Verbesserung der Geheimdienstinformationen und Finanzminister Paul O'Neill um die ökonomische Schröpfung des Regimes.

Nach nicht einmal zwei Wochen im Amt hat George W. Bush seine Mission gefunden. Nur zwei Tage später, am 1. Februar 2001, findet die nächste Sitzung im "Situation Room" unterhalb des Oval Office statt. Auf dem Programm stehen laut eines Memorandums, das dem stern vorliegt: ein CIA-Bericht über den Irak und der "politisch-militärische Plan für die Post-Saddam-Irak-Krise". Hinter den letzten Punkt ist in fetten Lettern gedruckt: Geheim.

Diesmal führt Rumsfeld das Wort und kommt, so erinnert sich O'Neill, schnell zum Punkt: "Sanktionen sind schön und gut, aber worüber wir wirklich nachdenken sollten, ist, uns Saddam vorzuknöpfen. Stellt euch vor, wie die Region ohne Saddam und mit einem Regime aussehen würde, das sich mit US-Interessen verbündet. Es würde alles in der Region und darüber hinaus verändern. Es wäre eine Demonstration, wofür US-Politik steht." Auch an die Antwort des Präsidenten erinnert sich O'Neill noch gut. "Schön", sagt Bush, "findet mir einen Weg, das zu tun."

Zwei Jahre später, im Dezember 2002, muss Finanzminister O'Neill nach endlosen Differenzen mit den Falken in der Regierung sein Amt aufgeben. Er steckt dem Journalisten Ron Suskind entlarvende Regierungsinterna. Von Anfang an, sagt O'Neill rückblickend, sei es um die Beseitigung Saddams gegangen. "Die Frage war nur: Auf welchem Weg schafft man das?"

11. September 2001, Washington

Am frühen Nachmittag, wenige Stunden nach den Flugzeugangriffen in New York und Washington, berichtet die CIA Verteidigungsminister Rumsfeld, dass mindestens drei der Attentäter Al-Qaeda-Mitglieder gewesen seien. Der zeigt sich davon zunächst unbeeindruckt, ihm sind die Angaben zu vage. Um 14.40 Uhr ruft Rumsfeld seine engsten Mitarbeiter zusammen und sagt: "Ich will die besten Informationen ganz schnell. Wägt ab, ob es reicht, auch SH anzugreifen. Nicht nur UBL." Im Jargon des Pentagon steht SH für Saddam Hussein und UBL für Osama bin Laden. "Go massive", sagt Rumsfeld noch und: "Bringt mir alles. Ob es passt oder nicht." Mitarbeiter aus dem Pentagon haben diese Gespräche in Memos festgehalten. Sie werden später dem Fernsehsender CBS zugespielt.

"Ob es passt oder nicht" - der Satz wird in den kommenden zwei Jahren zu einer Art Maxime der Bush-Regierung. Am Abend informiert CIA-Direktor George Tenet im Bunker des Weißen Hauses den Nationalen Sicherheitsrat über die Lage. Al Qaeda, sagt Tenet, operiere weltweit, die USA hätten ein "60-Länder-Problem". Die Antwort von George W. Bush: "Knöpfen wir sie uns der Reihe nach vor."

15. September 2001, Camp David

Der Präsident versammelt das Kabinett auf seinem Wochenendsitz in Maryland. Die Minister diskutieren zunächst über einen Militärschlag gegen Afghanistan. Irgendwann meldet sich der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz zu Wort. Er gehört der Denkschule der so genannten Neokonservativen an. Das ist ein Zirkel von etwa 50 Männern, die ihre sehr eigenen, präzisen Vorstellungen von der Weltordnung nach dem Kalten Krieg besitzen - eine Welt, in der die Supermacht Amerika keinen Rivalen neben sich dulden dürfe. Vizepräsident Dick Cheney zählt zu den "Neocons", auch Rumsfeld, der Sicherheitsexperte Richard Perle und eine Reihe weiterer Politiker, die mit Bushs Amtsübernahme ins Machtzentrum gespült wurden und die Ereignisse der nächsten Jahre prägen werden.

Bereits 1992 hat Wolfowitz im Auftrag von Cheney - damals Verteidigungsminister - ein Strategiepapier unter dem Titel "Defense Planning Guidance" verfasst. Ein Dokument, in dem uneingeschränkte US-Dominanz, militärischer Erstschlag gegen potenzielle Terrorstaaten gefordert wird. Unter Einsatz aller Mittel. Der Irak steht damals schon an Nummer eins der Prioritätenliste und soll Saudi-Arabien als US-Basis in der Region ablösen. Zehn Jahre später wird dieses Papier zur Blaupause der amerikanischen Außenpolitik.

Wolfowitz plädiert in Camp David für einen Angriff gegen den Irak. Obwohl er die Wahrscheinlichkeit, dass Saddam in die Attacken verwickelt ist, nur auf "zehn bis 50 Prozent" schätzt, wie Bob Woodward in seinem Buch "Bush at War" protokolliert. Bush lauscht aufmerksam und ermuntert Wolfowitz während einer Pause dazu, seinen Standpunkt noch klarer zu formulieren. Am Ende aber setzt sich Außenminister Colin Powell durch - erst Afghanistan, später Irak - "alles zu seiner Zeit", sagt der. Am 17. September 2001 erklärt Bush vor dem Nationalen Sicherheitsrat: "Ich glaube, dass der Irak in die Angriffe verwickelt war, aber ich werde ihn noch nicht angreifen. Ich habe jetzt noch nicht die Beweise dafür."

Dezember 2001, Washington

David Frum ist einer der vielen Redenschreiber des Präsidenten. Er hatte zuvor als Journalist gearbeitet, ist erst 40 Jahre alt und als geborener Kanadier ein wenig erstaunt über die Umgangsformen. Der erste Satz, den er im Weißen Haus hört, lautet: "Ich habe dich in der Bibelstunde vermisst." Ende Dezember 2001 betritt Michael Gerson, Chefredenschreiber des Präsidenten, Frums Büro und sagt: "Kannst du in ein oder zwei Sätzen unsere besten Gründe dafür zusammenfassen, den Irak anzugreifen?" Frum überlegt einen Moment und antwortet "Hm, klar. Wäre nach dem Mittagessen okay?" Darauf Gerson: "Sehr lustig, nimm dir zwei Tage."

Frum wälzt Bücher, liest alte Reden von Franklin D. Roosevelt, zieht historische Parallelen zur Achse Rom-Tokio-Berlin. In seinem ersten Entwurf geht es auftragsgemäß nur um den Irak. Aber Condoleezza Rice möchte die Bedrohung Amerikas weiter gefasst sehen - so kommt der Iran dazu. Und schließlich auch Nordkorea. Frum schreibt von der "Axis of Hatred", der "Achse des Hasses". Das klingt seinem Chef Gerson noch zu wenig nach Bush. Denn Bush klingt christlich. Aus "Hatred" wird deshalb "Evil", das "Böse". Am 29. Januar 2002 hält Bush seine Rede zur Lage der Nation. Die "Axis of Evil"-Passage sorgt weltweit für Schlagzeilen. Die Botschaft ist klar - es gibt nur gut und böse. Saddam ist böse, er muss weg.

Februar 2002, Tampa, Florida

Das US Central Command, unter dessen Führung die Kriege in Afghanistan und später im Irak geführt werden, ist ein mit Palmen umgebener, weiß getünchter Komplex auf der MacDill Air Force Base im Westen Floridas. Hier laufen die Fäden zusammen für sämtliche Militäreinsätze der USA, von Afrika bis Zentralasien, und so herrscht dort seit dem 11. September Hochbetrieb. Auch Senator Bob Graham besucht Centcom regelmäßig. Graham ist seit 16 Jahren im US-Senat und dort Vorsitzender des Geheimdienstausschusses. Er ist Demokrat, gilt aber als unparteiisch und gewissenhaft, ein allseits geschätzter Patriot mit Rückgrat.

Als sich Graham Anfang Februar nach den Fortschritten bei der Jagd auf Osama bin Laden in Afghanistan erkundigt, bekommt er eine Antwort, die ihn aufhorchen lässt. "Afghanistan?", sagt der Offizier, "wir kümmern uns nicht mehr um Afghanistan." "Wie meinen Sie das?", fragt Graham. "Wir ziehen Personal und Ausrüstung ab und machen uns bereit für den Krieg im Irak", antwortet der Offizier. Graham ist verwirrt. Irak? Krieg? So plötzlich? Was soll das? "Es war für mich der erste Hinweis, dass die Regierung sich frühzeitig für den Irak-Krieg entschieden hat", erinnert er sich.

Graham sitzt vor einer mannshohen US-Flagge in seinem Büro in Floridas Hauptstadt Tallahassee. Er spricht leise und bestimmt, aber aus seinen Worten klingt Entsetzen über das berechnende Vorgehen der Regierung. "Die Entscheidung, es mit Saddam aufzunehmen, war sogar früher gefallen. Die Angriffe am 11. September dienten nur als Vorwand dafür. Und als wir dann dicht davor waren, bin Laden zu fassen, zogen wir unsere Eliteeinheiten plötzlich in den Irak ab. So konnte bin Laden entkommen." Graham nennt ihn "Osama bin Forgotten".

Wie der Senator erst sehr viel später erfährt, hat Rumsfeld eine konkrete militärische Planung für die Invasion schon frühzeitig bei der Centcom in Auftrag gegeben. In Dutzenden Videokonferenzen, Telefonaten und Treffen mit General Tommy Franks bespricht Rumsfeld im Winter Taktik und Truppenstärke. Am 16. Februar, mehr als ein Jahr vor Kriegsbeginn, unterschreibt Präsident Bush eine geheime Direktive, die die Ziele des Krieges festlegt. Vier Wochen später probt General Franks im Centcom den Ernstfall in einer Übung mit dem Codenamen "Prominent Hammer". Sein Plan sieht einen Zweifrontenkrieg von der Türkei und Kuwait aus mit 200 000 bis 250 000 Soldaten vor. Amerika rüstet sich für die Invasion.

März 2002, Washington

Bush platzt in eine Sitzung, die Rice mit drei Senatoren im Westflügel des Weißen Hauses hält. Als der Präsident mitbekommt, dass es um den Irak geht, macht er eine abfällige Handbewegung und sagt: "Fuck Saddam, we?re taking him out." - "Wir werden ihn beseitigen". In diesen sieben Worten bündelt sich das Selbstverständnis, mit dem die US-Regierung in die entscheidende Vorkriegsphase zieht.

Sie steht dabei vor einem fundamentalen Problem: Wie überzeugt man das eigene Volk von der Notwendigkeit eines Präventivschlags? Und die Verbündeten erst? Und die Welt? Saddam mag ein Tyrann und Massenmörder sein, aber ohne eine unmittelbare militärische Bedrohung, ohne eine Verbindung zum Terrornetzwerk al Qaeda ist ein Krieg 10 000 Kilometer entfernt am Persischen Golf nur schwer vermittelbar. Eine Strategie muss her. Ein Bedrohungsszenario.

Vizepräsident Dick Cheney wird nun zur treibenden Kraft der PR-Offensive. Er bereut es zutiefst, dass Saddam nicht schon im ersten Golfkrieg gestürzt wurde. Cheney ist zudem geprägt von einem starken, fast feindseligen Misstrauen gegenüber der CIA, die das Atomwaffenprogramm des Irak Anfang der neunziger Jahre massiv unterschätzte. Er sieht Saddam in Zeiten des Terrors als unberechenbare Gefahr für Amerika und die Welt, und es gibt durchaus Gründe für seine Position. Seit UN-Inspektoren das Zweistromland im Dezember 1998 verließen, gibt es nur noch spärliche Erkenntnisse über Saddams Waffenprogramme. Auch deutsche und französische Geheimdienste warnen eindringlich vor der Gefahr einer nuklearen Aufrüstung im Irak.

Mit ruhiger Stimme und Pokerface verweist der sonst so öffentlichkeitsscheue Vizepräsident nun in Interviews und Reden auf Iraks Massenvernichtungswaffen und darauf, dass sich einer der Attentäter, Mohammed Atta, in Prag mit einem irakischen Diplomaten getroffen habe. Das stellt sich zwar als Falschinformation heraus, Cheney aber wird noch zwei Jahre später darauf beharren. Schon bald bietet sich ihm eine zweite, verheißungsvolle Spur. Über die US-Botschaft in Rom erfährt er von Dokumenten, die den Schmuggel von 500 Tonnen Uran zwischen dem Niger und Irak belegen. Er bittet die CIA um Klärung. Dies könnte der so dringend benötigte Beweis sein, "The Smoking Gun", dass Saddam die USA in naher Zukunft mit Nuklearwaffen bedroht.

Februar/März 2002, Niger

Die Tage sind heiß und trocken, wie so oft im Niger, als Joseph Wilson in Niamey, der Hauptstadt des afrikanischen Wüstenstaates eintrifft. Die CIA hat den 52-jährigen Wirtschaftsberater beauftragt, dem Uranverdacht nachzugehen. Keiner ist dafür so geeignet wie Wilson. Er war Botschafter im Irak während des ersten Golfkriegs und hat mehrere Jahre im Niger und anderen afrikanischen Ländern verbracht.

Sein erster Weg führt ihn in die US-Botschaft. Dort erklärt man ihm, die Vorwürfe seien geprüft und für nichtig befunden worden, doch damit gibt sich Wilson nicht zufrieden. Er trifft sich mit den zuständigen Ministern und den für die Uranproduktion verantwortlichen Chefs eines internationalen Konsortiums. Die Jahresproduktion, so erfährt er, beträgt 1800 Tonnen. Eine zusätzliche Produktion von 500 Tonnen könne unmöglich ohne das Wissen der Franzosen, Deutschen, Japaner und Spanier funktionieren. "Ich habe mich mit Dutzenden Leuten getroffen", sagt Wilson. "Die Dokumente waren gefälscht. Es war absolut nichts dran."

Eine Stunde nach der Rückkehr aus dem Niger besuchen ihn Mitarbeiter der CIA in seinem Haus in Washingtons Stadtteil Palisades. Wilson berichtet ausführlich von seinen Nachforschungen und den Fälschungen und versichert: Es ist absolut nichts dran. Damit, glaubt er, ist die Sache erledigt. Parallel dazu verfasst die US-Botschaft im Niger einen Bericht ans Außenministerium mit der Kernaussage: Es ist nichts dran. Auch ein General der US-Armee, der unabhängig von Wilson die Sache untersucht, kommt zu diesem Schluss: nichts dran.

Wilson erzählt detailliert von seiner CIA-Mission im Niger, nüchtern und leidenschaftslos. Er sitzt in seinem geräumigen Büro, nahe dem Weißen Haus, die Hände gefaltet, der Blick leer. Doch wenn die Rede auf seine Regierung kommt, gerät er in Wallung. "Ich glaube inzwischen, sie haben bewusst nur die Infos herausgepickt, die ihrem Kriegswunsch dienten, und die wahren Fakten ignoriert. Das haben sie auch in meinem Fall so gemacht. Es ist empörend."

Die CIA-Mitarbeiter sind jedenfalls zufrieden mit Wilsons Mission und schicken zwei Memoranden an den Nationalen Sicherheitsrat. Cheney und Rice werden später erklären, sie hätten von Joseph Wilsons Reise in den Niger nie etwas erfahren. Der Uranverdacht, das denken nun alle Beteiligten, ist vom Tisch. Elf Monate später jedoch wird Präsident Bush die staunende Welt wissen lassen, dass Saddam Hussein versucht habe, Uran in Afrika zu bekommen. Er meint den Niger. Er meint die 500 Tonnen. Es ist eine von vielen gravierenden Falschinformationen, die in den nächsten Monaten auf die Öffentlichkeit losgelassen wird.

Mai 2002, Washington

Karen Kwiatkowski ist Oberstleutnant der Air Force, seit 20 Jahren im Dienst und inzwischen anerkannte Expertin für Nordafrika in der Defense Intelligence Agency (DIA), der Geheimdienstabteilung im Pentagon. Bald will sie sich aus dem Dienst verabschieden und auf eine Farm in Virginia zurückziehen. Sie hofft, ihre letzten Monate in Ruhe abbummeln zu können. Aber Karen Kwiatkowski wird noch einmal versetzt, am 10. Mai, in das Büro für "Near East South Asia" (NESA). Ein Freund sagt ihr zum Abschied: "Schreib alles auf, was du erlebst." Sie fragt: "Warum sollte ich das?" Er sagt: "Tu es einfach." Sie wundert sich noch nicht. Gleich am ersten Arbeitstag rät ihr eine Kollegin: "Sag hier bloß kein Wort gegen Israel oder für Palästina." Kwiatkowski schüttelt den Kopf, wundert sich aber immer noch nicht, Geheimdienstler sind manchmal etwas merkwürdig. Sie macht einfach ihren Job, schreibt Berichte über den Jemen, Oman, Bahrain und Katar und studiert das Geheimdienstmaterial über den Irak.

Während der frühen Sommermonate füllen sich die Flure in der vierten Etage, Gebäudering D. Immer mehr junge Leute tauchen auf. Sie sind wortkarg und unnahbar. William Luti, Kwiatkowskis neuer Boss, sagt irgendwann bei einem der morgendlichen Treffen in seinem Büro, eine neue Abteilung sei gegründet worden, das "Office for Special Plans" (OSP).

In der Folge bekommt sie mit, wie Luti und Staatssekretär Douglas Feith schon im Frühsommer 2002 über die bevorstehende Invasion des Irak reden. "Es war keine Frage des Ob", sagt sie. "Es war nur eine Frage des Wann. Die Entscheidung war längst gefallen. Im Dezember sollte es losgehen." Und langsam wird ihr klar, was das "Office for Special Plans" in Wahrheit ist - ein Dienst im Dienst mit der einzigen Aufgabe, den Krieg vorzubereiten, bestimmte Informationen zu streuen und "eine Propagandalegende zu kreieren. Die Denkweise war so: ,Wir müssen den Rest der Regierung an Bord kriegen, den Kongress überzeugen, das Außenministerium auf Linie bringen und schließlich das amerikanische Volk aufrütteln.'"

Das OSP leistet ganze Arbeit. Einer von Lutis Gehilfen ist ein arabisch sprechender Marine-Mann namens Youssef Abul-Enein. Er soll auf arabischen Internetseiten und in Magazinen "irgendetwas Nützliches finden", das Hussein diskreditiert - Statements etwa, in denen der Diktator womöglich die Anschläge vom 11. September oder palästinensische Selbstmordattentäter lobt. Irgendwas. Kwiatkowski erlebt, wie Spekulationen zu Fakten aufgepeppt werden, wie wichtige Details oder Datumsangaben ausgelassen und die Berichte wahlweise gedehnt oder verknappt werden. So lange, bis sie dem Geschmack der Chefs Wolfowitz, Rumsfeld und Cheney entsprechen.

In Cheneys Büro laufen alle Fäden zusammen. "Wenn in unseren Berichten stand ,Saddam vergaste Kurden im Kontext des Krieges mit dem Iran, und er hat es seither nicht mehr getan", reichte das nicht. In der Fassung der OSP-Leute musste es heißen: ,Er vergaste seine Nachbarn und wird es wieder tun."" Karen Kwiatkowski ist anwesend, als Bill Luti den kriegskritischen General Anthony Zinni als "Verräter" beschimpft, und bekommt mit, wie OSP-Leute über Colin Powell herziehen, die "gadfly", lästige Bremse, weil er die Vereinten Nationen ins Boot holen will - "Wofür brauchen wir die Vereinten Nationen?"

Nach einer impulsiven Bush-Rede gegen den Irak fragt Karen einen Kollegen: "Wer hat den Präsidenten mit diesem Quatsch versorgt? Das Zeug entspricht keiner Geheimdienstquelle." Der Kollege antwortet: "Wir haben Quellen, zu denen du keinen Zugang hast." Kwiatkowski weiß, wer diese Quelle ist. Sie sieht sie mehrmals im Pentagon: Ahmed Chalabi, Chef des exilirakischen "Iraqi National Congress" (INC). Jenen Mann, der seit Jahrzehnten für die Beseitigung Saddams trommelt, der in Jordanien wegen Betrugs, Unterschlagung und Währungsmanipulation in Abwesenheit zu 22 Jahren Haft verurteilt ist, der die Geheimdienste kontinuierlich mit falschen Informationen aus seiner einstigen Heimat versorgt und wenigstens drei angebliche Überläufer anschleppt.

Der Erste, ein Ingenieur, gibt vor, bestimmte Kenntnisse über biologische Waffen des Iraks zu haben. Dies stellt sich als falsch heraus. Der Zweite gibt vor, Spezialwissen über fahrbare Bio-Laboratorien zu besitzen. Dies stellt sich als wertlos heraus. Der Dritte gibt vor, über Insider-Informationen des Atomprogramms zu verfügen. Dies stellt sich als Betrug heraus.

Karen Kwiatkowski, ihr Leben lang eine Konservative und treue Republikaner-Wählerin, beginnt, kritische Fragen zu stellen. Sie beginnt auch, im Internet anonyme Artikel "from a Pentagon-Insider" zu veröffentlichen. Sie ist unbequem, und das fällt auf. Einer ihrer Vorgesetzten bedeutet ihr schließlich: "Wir bereiten uns auf den Krieg vor. Ich glaube, du solltest dann nicht mehr hier sein." Innerhalb von drei Tagen muss sie ihr Büro räumen.

Monate später sitzt sie an einem dunklen Holztisch in ihrem Farmhaus in Virginia, zwei Autostunden von Washington entfernt. Sie redet schnell, sie gestikuliert viel. Sie ist wütend. In zwei Stunden werden ihre vier Kinder aus der Schule kommen und ihre Mutter wieder reden hören über den Verrat am amerikanischen Volk, über eine neokonservative Kabale, über die Lügen, die zum Krieg führten. Sie wollte in Virginia Ruhe und Frieden finden, Hühner halten, Kühe melken, ein Landleben führen.

Einige Geheimdienstler nennen sie anerkennend Amerikas "Jeanne d'Arc", weil sie sich widersetzte und auspackte und kämpfte. Kürzlich hat sie einer alten Kollegin eine E-Mail geschickt und bekam die Antwort: "Schreib mir nie wieder. Ich habe hier eine Karriere. Ich kann mir nicht leisten, mit dir in Verbindung gebracht zu werden." Geheimdienstleute haben dafür einen speziellen Terminus. Karen Kwiatkowski sagt: "Ich gelte als radioaktiv."

Sommer 2002, Washington

Die Propagandamaschinerie läuft nun auf vollen Touren. Nachdem Bush am 1. Juni vor Kadetten der Militärakademie West Point erstmals die Möglichkeit eines Präventivkriegs ins Spiel bringt, gilt es nun, das Bedrohungsszenario schrittweise zu verstärken. Im Weißen Haus wird dafür unter Federführung von Stabschef Andrew Card eine weitere interne Task Force gegründet, die White House Iraq Group (WHIG). Ihre Aufgabe ist es, eine Eskalationsstrategie für die verbalen Attacken auf den Irak zu koordinieren. Es handelt sich, wie Card in einem Interview mit der "New York Times" andeutet, um eine Art Marketing-Offensive für das Produkt Irak-Krieg.

Dick Cheney macht den Anfang. Am 7. August erklärt er vor dem Commonwealth Club in San Francisco: "Wir wissen aus diversen Quellen, dass er (Saddam) nach wie vor ein Nuklearwaffenprogramm verfolgt." Knapp drei Wochen später wird er noch präziser. Vor begeisterten Kriegs-veteranen in Nashville sagt er: "Einfach ausgedrückt - es gibt keinen Zweifel, dass Hussein jetzt Massenvernichtungswaffen besitzt. Es gibt keinen Zweifel, dass er sie anhäuft, um sie gegen unsere Freunde, Alliierten und uns zu benutzen." Er bezieht sich sogar auf den ermordeten Saddam-Schwiegersohn Hussein Kamel als Quelle. Cheney unterschlägt allerdings, dass Kamel bei seiner Vernehmung im Jahre 1995 ausgesagt hatte, unter seiner Aufsicht seien "alle chemischen, biologischen und nuklearen Waffen und Programme zerstört worden".

Auch der Präsident nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau. Am 7. September geben Bush und Großbritanniens Premierminister Tony Blair eine gemeinsame Pressekonferenz. "Ich möchte Sie daran erinnern", sagt Bush den Reportern, "als die Inspektoren in den Irak gingen und ihnen der Zugang verwehrt wurde, kam die Internationale Atomenergiebehörde mit einem Report heraus, in dem stand, dass die Iraker sechs Monate von der Entwicklung einer Atomwaffe entfernt waren. Ich weiß nicht, was wir noch mehr an Beweisen brauchen."

Der zitierte IAEA-Report allerdings existiert gar nicht. Doch das Dementi versickert schnell im Tremolo der Anti-Irak-Kampagne:

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Condoleezza Rice, 8. September 2002: "Es wird immer eine gewisse Unsicherheit darüber geben, wie schnell Hussein an Nuklearwaffen kommen kann. Aber wir wollen den Beweis nicht in Form eines Atompilzes."

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Donald Rumsfeld, 8. September 2002: "Stellen Sie sich einen 11. September mit Massenvernichtungswaffen vor. Es sind dann nicht dreitausend - es sind dann Zehntausende von unschuldigen Männern, Frauen und Kindern."

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George W. Bush, 12. September 2002: Vor den Vereinten Nationen nennt er Hussein eine "gravierende und wachsende Gefahr", weist auf chemische und biologische Waffen hin und stimmt die Weltgemeinde, noch vorsichtig, auf das Szenario ein: Es wird Krieg geben.

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Donald Rumsfeld, 13. September 2002: "Es gibt keine Debatte in der Welt, ob sie diese Waffen haben. Das wissen wir alle. Jeder trainierte Affe weiß das." Die Regierung brauchte eine die Massen überzeugende Rechtfertigung für den Krieg, und Saddams Waffenarsenal schien dafür das geeignete Vehikel. Man habe sich, wie es Paul Wolfowitz später zugeben wird, "aus Gründen, die viel mit der US-Regierungsbürokratie zu tun haben, auf Massenvernichtungswaffen als Hauptargument verständigt".

September 2002, Washington

Auf den Fluren des Geheimdienstes im Außenministerium, dem Bureau of Intelligence and Research (INR), pendelt die Stimmung zwischen Ratlosigkeit, Fassungslosigkeit und Entsetzen. Wovon reden Rumsfeld und Bush?, fragen sich die Analysten im State Department. Wie kommen sie auf solche Szenarien?

Greg Thielmann ist Leiter der Geheimdienstabteilung für den Irak. Diese Tage im September werden die letzten seiner 25-jährigen Karriere im State Department sein. Er mag seine Arbeit, auch wenn die Jahre unter Bush ihn gequält haben. "Es war von Anfang an klar, dass diese Leute mit den UN und Multilateralismus nichts anfangen können", erzählt Thielmann. "Sie verachten internationale Ansichten, andere Regierungen interessieren sie gar nicht. Wir hatten früh Anzeichen dafür, dass dies eine kriegslüsterne Gruppe ist."

Thielmann sitzt direkt an der Quelle. Er bekommt die Berichte der CIA und anderer Geheimdienste auf den Tisch, er ist bestens informiert über die irakischen Atomwissenschaftler, sieht Abhörprotokolle ein und Satellitenbilder und bündelt die Informationen für seinen Chef, Colin Powell. Das Resultat ist eindeutig für ihn und die Männer des INR: "Alle Vorwürfe, der Irak habe sein

Nuklearwaffenprogramm wieder aufgenommen, sind falsch." Das kümmert die Mitglieder der Bush-Regierung nicht. "Sie hatten kein Interesse an den Fakten", sagt Thielmann. "Ihre Ideologie lieferte ihnen die Fakten. Warum sollten sie sich dann noch mit der Realität beschäftigen?"

Greg Thielmann ist aufgebracht. Er sitzt in einem Café in Arlington, Virginia, einer Vorstadt Washingtons, und blickt noch immer mit einer Mischung aus Abscheu und Wut zurück auf den Herbst 2002. Punkt für Punkt nimmt er die Kriegsgründe der Regierung auseinander: "Sie verweisen auf den Uranschmuggel aus dem Niger, aber der hat sich als Fälschung erwiesen. Sie verweisen auf die Aluminiumrohre zur Herstellung spaltfähigen Nuklearmaterials, aber unsere Experten im Energieministerium sind zu dem Schluss gekommen, dass die Rohre dafür viel zu dick sind. Inzwischen wissen wir, dass die Alu-Rohre übers Internet bestellt wurden. Einige werden jetzt sogar als Abflussrohre benutzt. Und der Präsident warnt uns vor einem Atompilz. Es ist unfassbar."

Thielmann hat lange geschwiegen. Denn es widerspricht dem Ehrenkodex im Geheimdienst, Interna preiszugeben. Es könnte ihm eine Klage wegen Geheimnisverrats einbringen. Aber schließlich, so bekennt er, stand er vor der Frage: Kann ich schweigen, wenn meine Regierung einen Präventivkrieg anzettelt auf der Basis von Fälschungen, Lügen und Hypothesen? Er bot die Enthüllung noch vor Beginn des Krieges der "Washington Post" an, doch die "hatte keinen Platz dafür". Das Blatt unterstützte wie viele US-Medien den Krieg.

Oktober 2002, Langley

Spezialisten von 14 verschiedenen Geheimdiensten der USA treffen sich in einem abhörsicheren Raum der CIA in Langley, außerhalb Washingtons. Auch INR und DIA sind anwesend. Sie sollen das "National Intelligence Estimate" (NIE) anfertigen, ein Dossier über die Bedrohung durch den Irak. Binnen zwei Wochen mussten sie eine Arbeit machen, die im Normalfall mehrere Monate dauert. Die Regierung hatte es unterlassen, den Bericht rechtzeitig anzufordern.

Die Stimmung ist angespannt, und die Meinungen sind widersprüchlich. Die Vertreter der CIA fahren einen offensiven Kurs. Sie behaupten, Saddam habe sein atomares Programm wieder aufleben lassen. Beweise liefern sie nicht. Die Experten des INR widersprechen. Im geheimen, über 80 Seiten starken NIE-Dossier, das dem stern in Auszügen vorliegt, wird es heißen: "Der Irak könnte innerhalb weniger Monate bis eines Jahres eine Atomrakete herstellen, sowie er genug waffenfähiges spaltbares Material akquiriert hat." Die CIA hat sich durchgesetzt. Außerdem heißt es: "Der Irak besitzt geächtete chemische und biologische Waffen und Raketen." Gut ein Jahr später wird die Iraqi Survey Group unter Führung des ehemaligen Waffeninspektors David Kay eben diese Waffen nicht finden und zu dem Schluss kommen: "Wir lagen alle falsch."

Das National Intelligence Estimate, das dem Kongress als Entscheidungsbasis für die ausschlaggebende Abstimmung über den Krieg dienen soll, liest sich wie eine Ansammlung schwer wiegender Beweise gegen Saddam Hussein. Doch untersucht man es genauer, heißt es oft: "Wir vermuten", "wir glauben". Aus der Geheimdienstsprache übersetzt bedeutet dies: "Wir wissen es nicht. Wir haben keine Ahnung." Als der Vertreter des INR zurückkehrt ins Außenministerium, sagt er zu seinen Kollegen: "Es ist furchtbar. Wir können das nicht mit ein paar Formulierungen korrigieren. Wie konnte das nur passieren?"

Herbst 2002, CIA

Die Frage beschäftigt die Mitarbeiter des mächtigsten Geheimdienstes der Welt schon lange. Was passiert hier eigentlich? Welche Rolle spielt Direktor George Tenet? Warum ignoriert er all die Erkenntnisse, die einer unmittelbaren Bedrohung durch den Irak widersprechen? Ist nach dem Versagen vom 11. September der politische Druck auf Tenet zu groß? Die Mitarbeiter sprechen nicht mit der Presse. Langley ist dicht, so heißt es. Aber sie sprechen mit ihren ehemaligen Chefs. Sie benutzen diese als Mittelsmänner. Und die Botschaft ist brisant.

Larry Johnson und Pat Lang erscheinen separat zu Gesprächen mit dem stern in lauten, belebten Restaurants im Zentrum Washingtons. Beide bezeichnen sich als konservativ und Anhänger der Republikaner, beide haben langjährige Geheimdiensterfahrung. Johnson arbeitete früher für die CIA in Zentralamerika, Patrick Lang diente zunächst bei den Special Forces und leitete später im Pentagon die Nachrichtenabteilung für den Mittleren Osten.

Lang erzählt von der Begegnung mit seinem Nachfolger Bruce Hardcastle und wie der sagte: "Boss, irgendetwas läuft ganz furchtbar falsch." Hardcastle hatte es gewagt, auf Fehler bei der Nachrichtenauswertung hinzuweisen. Er wurde fortan gemieden, von Treffen ausgeschlossen, vom Informationsstrang abgeschnitten und schließlich versetzt. Lang erklärt, mit welch subtilen Methoden Druck ausgeübt wird: "Du lieferst Berichte ab, und die Berichte passen ihnen nicht. Sie sagen: ,Könnte es nicht sein, dass Sie etwas übersehen haben? Könnte es nicht sein, dass etwas fehlt? Überlegen Sie doch bitte noch mal." Irgendwann wird angedeutet, dass es mit der Beförderung vielleicht nicht so gut aussieht. Und irgendwann beginnst du, dein Verhalten anzupassen. Wir reden hier von Menschen. Wenn ich dir jeden Tag sage, dass ich mit deiner Arbeit nicht zufrieden bin, beginnst du, dich zu verändern."

Pat Lang nennt diesen Prozess "Wahrheit kreieren". Er kennt mehrere Leute bei der CIA, die diesem Prozess ausgesetzt waren. "Und du hast keine Chance, denn du sitzt am unteren Ende der Nahrungskette."

Ganz oben sitzt Dick Cheney, der immer wieder - höchst ungewöhnlich für einen Vizepräsidenten - nach Langley kommt, Fragen stellt, nachhakt, höflich und bestimmt. Oder Paul Wolfowitz, der direkter wird. Larry Johnson weiß von einer Mitarbeiterin im Nachrichtendienst des Pentagons, die Wolfowitz frank und frei erklärte: "Es gibt keine Verbindungen zwischen dem Irak und al Qaeda." Wolfowitz habe sie daraufhin angeschaut und gesagt: "Sie arbeiten nicht hart genug." Was dabei herauskommt, nennt Johnson "faith based intelligence". Auf Glauben basierende Erkenntnisse. Er vergleicht die Legendenbildung vor dem Irak-Krieg mit dem Reichstagsbrand 1933. Und sagt das gleich zweimal. Es ist ihm wichtig. Pat Lang spricht von einer Kampagne neokonservativer "Utopisten". Beide sehen es als ihre Aufgabe an, Sprachrohr zu sein für die eingeschüchterten Geheimdienstler. Warum sich nicht mehr Leute trauen, die Wahrheit zu erzählen? Da muss Lang lachen: "Sind Sie naiv? Sind Sie ein Purist? Diese Leute würden alles verlieren. Alles. Die haben Angst."

7. Oktober 2002, Cincinnati

Drei Tage vor der Abstimmung im Kongress, die dem Präsidenten freie Hand für einen Krieg geben soll, entscheidet sich George Bush zu einem riskanten Schachzug. Er hält die wohl dramatischste Rede der Vorkriegszeit auf einer Veranstaltung in Cincinnati und will damit den Druck auf die Abgeordneten erhöhen. Bush nennt den Irak die größte Gefahr in der Welt, spricht erstmals von "hochrangigen Kontakten zwischen al Qaeda und Saddam", von "Arsenalen biologischer und chemischer Waffen", die "Millionen töten könnten" und schließt: "Wir können nicht auf den letzten Beweis warten, ,The Smoking Gun", der in Form eines Atompilzes kommen könnte."

Bush stützt sich angeblich auf Geheimdienstinformationen, doch fünf Tage vor seiner Rede hat CIA-Direktor George Tenet vor Senatoren im US-Geheimdienstausschuss noch das Gegenteil gesagt: "Nach meinem Urteil ist die Wahrscheinlichkeit eines initiierten Angriffs ... in der voraussehbaren Zukunft ... eher gering." Am Tag der Bush-Rede bekräftigt Tenet gegenüber dem Ausschussvorsitzenden dies auch schriftlich in einem als geheim klassifizierten Statement. In dem Brief vom 7. Oktober, den der stern einsehen konnte, schließt Tenet sogar einen Zusammenhang zwischen Saddam und al Qaeda aus: "Bagdad scheint sich bisher klar von terroristischen Anschlägen gegen die USA abzugrenzen."

Nichtsdestotrotz glauben laut einer Umfrage von "Time" inzwischen 71 Prozent der US-Bürger, Saddam stecke hinter den Anschlägen vom 11. September. Die Kampagne zeigt Wirkung.

8. Oktober 2002, Washington

Senator Bob Graham aus Florida ahnt, dass die Regierung ein groß angelegtes Täuschungsmanöver fährt. Als Vorsitzender des Geheimdienstausschusses ist er einer der wenigen im Kongress, der bestens mit der Materie vertraut ist, und stößt auf eine Reihe von Ungereimtheiten. So finden sich im ersten geheimen National Intelligence Estimate noch widersprüchliche Aussagen zu Saddams Waffenarsenal. Im zweiten, für die Öffentlichkeit präparierten Bericht, fehlen diese Widersprüche plötzlich. Der daraufhin angeforderte dritte Report fällt sehr viel kürzer aus, die Widersprüche sind aber wieder drin. Der penible Graham bittet um einen vierten, der ihm aber höflich verweigert wird. Irgendjemand, so schließt der Senator, will das Volk täuschen. Er redet vor der Abstimmung auf seine Kollegen ein und versucht, sie zur Ablehnung der Resolution zu bewegen. Aber es ist zu spät. Viele Abgeordnete, so sieht er ein, "wollen drei Wochen vor den Kongresswahlen nicht so dastehen, als unterstützten sie den Präsidenten nicht in seinem Krieg gegen den Terror".

Die Resolution wird im Abgeordnetenhaus mit 296 zu 133 Stimmen und im Senat mit 77 zu 23 angenommen. Die Hürde des Kongresses ist genommen. Jetzt fehlt noch der Weltsicherheitsrat.

28. Oktober 2002, New York, Washington

An diesem Montag ruft Außenminister Colin Powell Hans Blix an, den Chef der Waffeninspektoren im Irak, deren erfolgreiche Suche nach chemischen und biologischen Massenvernichtungswaffen im Irak einen Krieg noch verhindern könnten. Das jedenfalls hofft die Mehrheit der Mitglieder des UN-Sicherheitsrats. Powell lädt Blix und Mohamed El Baradei, den Chef der Internationalen Atomenergiebehörde und Verantwortlichen bei der Überprüfung eines möglichen irakischen Nuklearprogramms, nach Washington ein. Zwei Tage später werden die beiden im Westflügel des Weißen Hauses empfangen.

Das Treffen mit George Bush verläuft freundlich und nichts sagend, der Präsident gibt den "good guy". Cheney ist der "bad guy". Die Waffenkontrolleure könnten nicht ewig suchen, mahnt Cheney. Und er droht sogar: "Wir sind bereit, solche Inspektionen für unsinnig zu erklären." Hans Blix ist geschockt. "Was Cheney sagte, war unmissverständlich und brutal." Es ist das Ultimatum. Nicht nur für die Inspektoren. Auch für die Vereinten Nationen.

28. Januar 2003, Washington

Präsident Bushs Rede an die Nation wird mit großer Spannung erwartet. Seit Wochen stecken die Verhandlungen im Sicherheitsrat fest. Hinter den Kulissen kämpfen Amerikaner und Briten gegen Deutsche, Franzosen und Russen. Das Weiße Haus setzt auf einen Befreiungsschlag und auf die Rückendeckung durch das amerikanische Volk.

Bush warnt erneut vor den Gefahren eines Angriffs mit Massenvernichtungswaffen. Und dann fallen die berühmten Worte: "Der britische Geheimdienst hat erfahren, dass Saddam Hussein kürzlich signifikante Mengen Urans in Afrika suchte." Inzwischen wissen alle, dass es sich bei den Papieren um Fälschungen handelt. Selbst die CIA warnt vor ihrem Gebrauch, doch in tagelangen Verhandlungen setzen sich Bushs Mitarbeiter durch: Das Uran aus dem Niger muss rein in die Rede.

Botschafter Joseph Wilson kommentiert die "State of the Union"-Rede an diesem Abend für das kanadische Fernsehen. Er hört Bushs Worte und denkt für sich: "Damit kann er doch nicht den Niger gemeint haben. Das habe ich doch vor einem Jahr geklärt." Später wird er erfahren, dass sich die Regierung tatsächlich erdreistete, seine Berichte an die CIA zu ignorieren. Da hat der Krieg schon begonnen.

Wilson wird den Skandal schließlich in einem Leitartikel für die "New York Times" öffentlich machen, "weil es sich um eine weitere bewusste Täuschung des amerikanischen Volkes handelte". Doch nicht das Weiße Haus, sondern CIA-Direktor George Tenet nimmt die Schuld im Juli 2003 auf sich. Regierungsmitglieder reagieren auf Wilsons Veröffentlichung, indem sie seine Frau Valerie Plame, eine Undercover-Agentin der CIA, outen. Eine kriminelle Handlung, auf die Gefängnis steht. Plame ist damit verbrannt für alle weiteren Auslandseinsätze. Wilson sieht darin eine klare Drohung an alle Geheimdienstler: "Seht her, so was passiert euch auch, wenn ihr auspackt."

Februar 2003, Langley

Wenige Tage vor der entscheidenden Präsentation im Sicherheitsrat kommt es zum Showdown in der CIA-Zentrale. Colin Powell steht unter immensem Druck. Die Welt fordert Beweise. Und die Falken in der Regierung fordern endlich den Durchbruch für den Krieg. "Sieh zu, wie du das schaffst - Colin", sagen sie ihm, wie ein Mitarbeiter hört. "Du hast uns das mit den UN eingebrockt - Colin. Nun sieh zu, wie du da wieder rauskommst - Colin."

Ausgerechnet jetzt beichtet Powells Stabschef: "Wir kriegen nicht alles zusammen." Es fehlen nach wie vor dezidierte Hinweise auf das irakische Atomprogramm. Uran aus dem Niger? Höchst zweifelhaft. Die Aluminiumrohre? Könnten auch für normale Raketen sein. Eines Abends, schreibt die "New York Times", sitzen Tenet, Rice, Powell und andere Regierungsmitarbeiter beisammen und rollen sich ein solches Aluminiumrohr über den Tisch zu. Der Außenminister wirkt ratlos und wird schließlich darauf verzichten, das vermeintliche Beweisstück vor den Kollegen aus aller Welt in die Höhe zu halten. Er verzichtet auch darauf, ein Bild von Saddam und vermeintlichen Atomwissenschaftlern zu präsentieren. Einige aus Cheneys Zirkel drängen ihn dazu, aber Powell fragt in die Runde: "Nun sagt mir, wer diese Jungs sind." Ein CIA-Mann sagt: "Oh, wir sind ziemlich sicher, dass das seine Nuklear-Meute ist." Powell insistiert: "Woher wissen Sie das? Beweisen Sie das. Wer sind die?" Peinliches Schweigen.

Colin Powell ist unzufrieden und missgelaunt. Einen ersten Redeentwurf haben ausgerechnet Cheneys Leute verfasst. Sie möchten immer noch, dass er das angebliche Treffen von Mohammed Atta mit einem irakischen Führungsoffizier in Prag zitiert. Das Treffen, das nie stattfand. Powell sichtet das Material, wirft die Blätter wütend in die Luft und sagt: "Ich werde diesen Scheißdreck nicht mehr lesen", wie später "US News & World Report" berichten wird.

Schließlich verfasst die CIA seine Rede, und Powell reicht sie weiter an seine Geheimdienstmitarbeiter im Außenministerium. Die sollen sie gegenlesen und auf Fakten prüfen. Beide Experten sind erschüttert, so berichtet ein hochrangiger Geheimdienstmitarbeiter dem stern. Der Analyst für Bio- und Chemiewaffen ahnt, dass es Powell längst nicht mehr um die Wahrheit geht, und streicht nur noch die gröbsten Fehler heraus. Der Experte für Atomwaffen aber nimmt den Entwurf auseinander und korrigiert so lange, bis kaum noch etwas übrig bleibt. Powell wird dies ignorieren.

Am 4. Februar reisen der Außenminister und seine Entourage nach New York, und am Abend übt Powell für den Ernstfall. Seine Mitarbeiter spielen Sicherheitsrat - mit entsprechenden Platzkärtchen. Alles soll perfekt sein. Jedes Wort muss sitzen. Es soll so sein wie 1962, als der damalige UN-Botschafter Adlai Stevenson die Welt mit Satellitenaufnahmen sowjetischer Atombasen auf Kuba schockte. Es soll Powells Stevenson-Moment werden.

5. Februar 2003, New York

Colin Powell hält seinen Vortrag vor dem UN-Sicherheitsrat: "Meine Kollegen, jede Erklärung, die ich heute abgebe, ist durch Quellen gedeckt, solide Quellen. Dies sind keine Behauptungen. Wir geben Ihnen Fakten und Schlussfolgerungen auf der Basis solider Erkenntnisse." Sodann präsentiert er insgesamt 29 Anklagepunkte gegen den Irak. Aber die Beweislage ist dünn. Statt mit Satellitenbildern will Powell mit Zeichnungen die Existenz von rollenden Biowaffenlagern dokumentieren. Und Abhörbänder, die er vorspielen lässt, belegen keineswegs, dass Saddams Schergen Massenvernichtungswaffen vor den UN-Inspektoren verstecken. Die Gesprächsfetzen könnten auch aus einer Unterredung über einen Gebrauchtwagenkauf stammen.

Immerhin erwähnt Powell Atta nicht, präsentiert aber einen neuen, frischen Beweis für die Hussein-Bin-Laden-Connection. "Der Irak", sagt Powell, "beherbergt heute ein tödliches Terroristennetzwerk, angeführt von Abu Musab al-Zarqawi, einem Mitarbeiter und Kollaborateur von Osama bin Laden, und seinen Al-Qaeda-Führungsleuten." Am Tag darauf sind die amerikanischen Zeitungen voll des Lobes für ihren Außenminister: "Powell beseitigt alle Zweifel", schreibt "The Atlanta Journal Constitution", "The Dallas Morning News" sekundiert: "Nur die Blinden können Powells Beweise ignorieren", und die "New York Times" nennt ihn schlicht "überzeugend".

In Powells Ministerium weiß man es besser. Powell habe wider besseren Wissens gehandelt, sagen einige Mitarbeiter. Greg Thielmann nennt Powells vermeintlichen "Stevenson-Moment" den Tiefpunkt in dessen Karriere und fordert seinen Rücktritt.

5. Februar 2003, Berlin

In deutschen Sicherheitskreisen ist man fassungslos über Powells Ausführungen im fernen New York. Zarqawi ein Bindeglied zwischen al Qaeda und dem Irak? Über keinen anderen ranghohen Terroristen wissen die deutschen Ermittler so viel wie über Zarqawi. Unter dem Aktenzeichen 2 BJs 83/01-3 ermittelt Generalbundesanwalt Kay Nehm gegen den Jordanier wegen Rädelsführerschaft bei der auch in Deutschland operierenden palästinensischen Terrorgruppe al Tawhid. Seit Ende 2001 haben deutsche Nachrichtendienste mehr als 40 Telefongespräche zwischen Zarqawi und seinen Gefolgsleuten in Deutschland belauscht.

Die Deutschen jedenfalls wissen sofort, dass Powell nicht die Wahrheit spricht. Sie wissen, dass der Boss von al Tawhid zu dieser Zeit zumindest nicht im Irak ist und auch keine Beziehung zum Regime in Bagdad hat. Dem Bundeskriminalamt (BKA) liegen vielmehr Informationen vor, wonach Zarqawi "sich seit Anfang Januar 2002 mit großer Wahrscheinlichkeit im Iran aufhält", wie es in einer Lagemeldung der Staatsschutzabteilung heißt, die dem stern vorliegt. "Von dort aus versucht er für Mitglieder seiner Organisation, die aus Afghanistan fliehen können, Pässe für eine Weiterreise in ein Drittland, wahrscheinlich auch nach Europa, zu beschaffen."

14. Februar 2003, New York

Es soll der wichtigste Auftritt seines Lebens werden. Vier Tage zuvor ist UN-Chefinspektor Hans Blix aus Bagdad zurückgekehrt. Dort hat er den Irakern noch einmal klar gemacht, dass ein Krieg nur zu vermeiden sei, wenn sie vollständig mit den UN kooperierten. Millionen Menschen warten an den Bildschirmen überall in der Welt auf das Urteil des Diplomaten. "Die Stimmung war so angespannt, als würde binnen der nächsten Stunde der Krieg erklärt werden", erinnert sich Blix.

Seine Inspektoren haben an den 700 Orten, die ihnen von amerikanischen und anderen Geheimdiensten als mögliche Verstecke für biologische und chemische Waffen genannt wurden, nichts Verbotenes gefunden. Entsprechend fällt seine Rede aus, eher vorsichtig. "Es gibt eine Menge von Dingen, deren Aufenthaltsort unbekannt ist", erklärt Blix und: "Daraus darf man nicht den Schluss ziehen, dass sie existieren." Das passt den Amerikanern nicht in ihre Marschrichtung. "Sie wollten einfach nicht zuhören", sagt Hans Blix rückblickend. "Unsere Inspektoren hatten eine klare Sprachregelung. Wenn etwas fehlte, hieß das offiziell: noch nachzuweisen. Aber Amerikaner und Briten lasen an solchen Stellen hartnäckig: ist vorhanden. So schufen sie Fakten, wo es keine gab."

Der Schwede ist den Amerikanern von Beginn an suspekt. Wolfowitz weist bereits im Januar 2002 die CIA an, Hans Blix' Zeit als Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien von 1981 bis 1997 genau unter die Lupe zu nehmen. Offenbar mit dem Ziel, ihn und seine Arbeit zu diskreditieren. Doch die CIA findet nichts Belastendes, und Wolfowitz ist darüber derart wütend, "dass er an die Decke ging", wie sich CIA-Beamte erinnern.

Februar/März 2003, New York

Im UN-Gebäude an New Yorks East River tobt ein diplomatischer Krieg. Die Invasion in den Irak lässt sich nicht mehr vermeiden. Es geht darum, das Gesicht zu wahren. Für alle Beteiligten. Die Briten und Amerikaner wollen die Resolution 1441 für eine Irak-Invasion unbedingt mit einer Mehrheit im Sicherheitsrat durchpauken. Das würde ihre Pläne legitimieren. Sie benötigen dafür acht Stimmen, haben aber nur die Bulgaren und Spanier auf ihrer Seite - der Rest der Mitgliedsstaaten ist entweder strikt gegen den Krieg oder noch unentschieden.

Der Sicherheitsrat ist wie ein Club. Die Botschafter kennen sich seit vielen Jahren. Sie kennen die Marotten, und sie erkennen Nuancen. Wenn der amerikanische UN-Botschafter John Negroponte mit sorgenzerfurchter Stirn den Sitzungssaal betritt, wissen die Kollegen, dass er seine Weisungen an diesem Tag wieder mal von Donald Rumsfeld empfangen hat. Negroponte ist dann unleidlich und unkooperativ. "Es läuft das schmutzigste Spiel, das ich in meiner Karriere erlebt habe", sagt ein altgedienter Diplomat. Das Spiel heißt frei nach George W. Bush: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns." Der pakistanische Uno-Gesandte Munir Akram ist nicht auf Linie mit den USA. Die Amerikaner fordern seine Ablösung, und kurz darauf kann der Pakistani in der Zeitung nachlesen, dass er seine Freundin geschlagen haben soll. Die Geschichte stimmt nicht, sie ist lanciert. Aber Akram ist beschädigt.

Der Chilene Gabriel Valdés knickt auch nicht ein. Er bleibt auf eher kriegskritischem Kurs - die Amerikaner fordern seine Ablösung und drohen sogar damit, den Freihandelsvertrag mit Chile nicht zu ratifizieren. Vald?s ist inzwischen Botschafter in Argentinien.

Der Mexikaner Adolfo Aguilar Zinser hat Glück. Er ist gut befreundet mit Staatspräsident Vicente Fox. Mehrmals fordern die Amerikaner Zinsers sofortige Abberufung. Dreimal steht Fox hinter seinem Mann. Erst im November vergangenen Jahres ist Zinser nicht mehr haltbar - er hat öffentlich davon gesprochen, dass die USA Mexiko wie ihren Hinterhof behandeln.

Die UN-Botschaften von Angola, Kamerun, Chile, Bulgarien, Guinea, Pakistan und Mexiko werden abgehört. UN-Präsident Kofi Annan wird abgehört, und die Drecksarbeit erledigt der britische Geheimdienst, wie die aufrichtige Botschaftsangestellte Katharine Gun dem "Observer" in London verrät. Das schmutzige Spiel hat keine Gewinner. Die kleinen Länder bleiben stur, die Amerikaner bekommen keine Mehrheit zustande und bringen die Resolution 1441 nicht einmal zur Abstimmung. John Negroponte hat wieder eine sorgenzerfurchte Stirn, als er das vor laufenden Kameras verkündet. Am Persischen Golf warten unterdessen 225 000 US-Soldaten nur noch auf das "Go" aus Washington.

16. März 2003, Washington/New York

Dick Cheney tritt am Vormittag in "Meet the Press" auf, der populärsten Polit-Talkshow des Landes. Er sagt, er sei der tiefen Überzeugung, dass "wir vom irakischen Volk wie Befreier begrüßt werden", und: "Zwölf Jahre nach dem ersten Golfkrieg sind wir wieder in der Situation, dass Hussein eine Bedrohung darstellt." Am selben Nachmittag sitzt Hans Blix mit engsten Mitarbeitern in seinem Büro im 31. Stock des UN-Gebäudes. Sie reden darüber, was die Inspektoren im Irak noch tun könnten. Etwa zur gleichen Zeit treffen sich US-Präsident Bush, Englands Premier Tony Blair und Spaniens Ministerpräsident José María Aznar zu einem einstündigen Gipfel auf den Azoren. "Bis zu diesem Augenblick hatte ich, womöglich gegen jede Vernunft, gedacht, dass der Krieg vermeidbar gewesen wäre", erinnert sich Blix.

Damit ist es nun vorbei. Das Telefon klingelt, am anderen Ende der Leitung ist John Wolf, Staatssekretär im Außenministerium. Er rät Blix, all seine Leute aus dem Irak abzuziehen. "Dies ist die einzige und letzte Warnung. Es ist besser, so schnell wie möglich zu handeln." Dann legt Wolf auf. Hans Blix? Auftrag ist beendet.

17. März 2003, 20 Uhr, Washington

Zwei Jahre und 47 Tage nach der Kabinettssitzung, in der erstmals eine mögliche Invasion in den Irak debattiert wurde, wendet sich Präsident George W. Bush an die Nation: "...Geheimdienstinformationen dieser und anderer Regierungen lassen keinen Zweifel, dass das irakische Regime weiterhin einige der tödlichsten Waffen besitzt und versteckt, die jemals entworfen wurden? Das Regime hat eine Geschichte rücksichtsloser Aggression im Nahen und Mittleren Osten. Es ist von tiefem Hass gegenüber Amerika und unseren Freunden erfüllt und hat Terroristen, darunter solchen der al Qaeda, geholfen, sie ausgebildet und aufgenommen. Die Gefahr ist klar: Mit dem Einsatz chemischer, biologischer oder eines Tages auch nuklearer Waffen, beschafft mit der Hilfe des Iraks, könnten die Terroristen ihre erklärten Ziele erreichen und Tausende oder Hunderttausende unschuldiger Menschen in unserem oder einem anderen Land töten?" Die Rede dauert eine Viertelstunde. Bush stellt Saddam Hussein ein Ultimatum, er gibt ihm 48 Stunden, den Irak zu verlassen.

19. März 2003, 22.15 Uhr, Washington

Bush ballt Hand zur Siegesfaust, sagt "feels good!". Dann verkündet er der Nation, dass der Krieg begonnen hat. Amerika ist am Ziel. Die ersten Bomben fallen auf Bagdad.

Michael Streck, Jan Christoph Wiechmann

Mitarbeit: Hans-Hermann Klare, Oliver Schröm / print