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Hintergrund: 20 Fragen & Antworten

Ganz gleich, ob Saddam Massenvernichtungswaffen hat oder nicht - Bush ist zum Krieg fest entschlossen. Was kommt jetzt auf uns zu?

1. Wann beginnt der Krieg?

Der Angriff auf den Irak steht wohl unmittelbar bevor. Auf Drängen der USA hat die UN am Montag entschieden, ihre Waffeninspektoren binnen 24 Stunden aus dem Irak abzuziehen. Russland, Deutschland und China haben ihre Botschaften in Bagdad geschlossen. Die USA und Großbritannien wollen den Großteil ihrer Diplomaten aus Kuwait und einigen anderen arabischen Staaten, sowie aus Israel abziehen.

US-Präsident Bush sagte am Montag, das Fenster der Diplomatie sei nun geschlossen. In einer Fernsehansprache in der Nacht zum Dienstag will Bush Saddam Hussein ultimativ auffordern, den Irak zu verlassen. Wohl nur wenn der Diktator dieser Forderung nachkommt, wäre der Angriff der USA und ihrer Alliierten noch aufzuhalten. Doch sind die Chancen sehr gering, dass Saddam Hussein freiwillig ins Exil geht.

2. Welche Rolle spielt der UN-Sicherheitsrat in der Entscheidung über Krieg und Frieden?

Die USA, Großbritannien und Spanien haben sich am Montag entschlossen, ihren gemeinsamen Entwurf für eine zweite Irak-Resolution nicht zur Abstimmung im UN-Sicherheitsrat zu bringen. Zu gering waren die Chancen für eine Mehrheit von neun Stimmen zugunsten des Entwurfs, der die von den USA angeführte Allianz zu einem Militärschlag gegen das Regime in Bagdad ermächtigen sollte. Damit liegt die Entscheidung über Krieg oder Frieden nun vollständig bei den USA und ihren Verbündeten und nicht mehr beim UN-Sicherheitsrat.

Mit ihrer Drohung, den Irak auch ohne ein UN-Mandat angreifen zu wollen, hatten die USA die Autorität der Vereinten Nationen und des Sicherheitsrates schon seit Wochen untergraben. Laut UN-Generalsekretär Kofi Annan bewegen sich die USA und ihre Verbündeten außerhalb der UN-Charta, wenn sie den Irak ohne Zustimmung des Sicherheitsrates angreifen. Das scheint die Mitglieder der Bush-Regierung aber wenig zu kümmern. Die Bemühungen, doch noch eine Mehrheit für eine zweite Irak-Resolution zu finden, die militärische Gewalt autorisiert hätte, waren für die USA schon seit längerem nur noch diplomatische Kosmetik. Nur aus Rücksicht auf ihre Verbündeten – besonders den britischen Premierminister Tony Blair – hatte sich die Bush-Regierung bis zuletzt um die Zustimmung des Sicherheitsrates zu einem Angriff bemüht.

Doch die Fronten im Sicherheitsrat haben sich auch nach dem Treffen von Bush, Blair und Aznar auf den Azoren am Sonntag nicht mehr entscheidend verschieben lassen. Wie schon seit Wochen sind vier Sicherheitsratsmitglieder für einen Krieg (USA, Großbritannien, Spanien und Bulgarien), fünf dagegen (Frankreich, Russland, China, Deutschland und Syrien) und sechs unentschieden (Angola, Chile, Guinea, Kamerun, Mexiko und Pakistan). Frankreich und Russland hatten bis zuletzt signalisiert, dass sie eine Resolution, die einen Angriff autorisiert, mit ihrem Veto verhindern würden.

Mit ihren Berichten im Sicherheitsrat vom 7. März hatten die UN-Waffeninspektoren im Irak, Hans Blix und Mohammed el Baradei weder den Kriegsbefürwortern noch den Kriegsgegnern bei der UN einen Gefallen getan.

"Die Zerstörung der el-Samud-2 Raketen stellt substantielle Abrüstung dar. (...) Selbst wenn der Irak, unter fortgesetztem internationalem Druck, aktiv mit den Inspektoren zusammenarbeitete, würde es immer noch einige Zeit dauern, Orte und Dokumente zu überprüfen, Dokumente zu analysieren, relevante Personen zu interviewen, und Schlüsse zu ziehen. Es würde keine Jahre dauern, auch nicht Wochen, aber Monate", sagte der Chef der UN-Waffeninspektoren im Irak, Hans Blix, in seinem Bericht. Blix zeigte sich enttäuscht über das vom Irak vorgelegte Dossier über die Vernichtung biologischer Waffen. UN-Experten halten es für sehr wahrscheinlich, dass die Regierung in Bagdad immer noch 21.000 Liter waffentaugliche Bakterien versteckt hält.

"Nach drei Monaten mit aggressiven Inspektionen haben wir bis heute keine Beweise oder plausible Anzeichen dafür gefunden, dass der Irak sein Nuklearwaffenprogramm reaktiviert hat", sagte Mohammed el Baradei, der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), in seinem jüngsten Bericht vor dem UN-Sicherheitsrat.

In ihrem früheren Bericht vom 27. Januar 2003 hatten die UN-Kontrolleure die mangelnde Kooperationsbereitschaft des Irak beklagt. Seitdem hat der Irak den Forderungen der Inspektoren in einigen Punkten nachgegeben: Er hat den Einsatz von U-2-Aufklärungsflugzeugen akzeptiert, unbeaufsichtigte Interviews der Inspekteure mit irakischen Wissenschaftlern zugelassen und begonnen, Raketen vom Typ el-Samud-2 zu zerstören.

Die USA und Großbritannien urteilten trotzdem, der Irak habe die Vorgaben der Resolution 1441 gebrochen. Die Inspektionen hätten also ihren Sinn verloren und sollten nicht fortgesetzt werden. "Das Spiel ist aus", sagte Präsident Bush schon am 6. Februar und sprach von einer Frist von "Wochen, nicht Monaten" bis zu einem möglichen Kriegsbeginn. Die scheint nun abgelaufen zu sein.

Bei aller Kritik am US-Kriegskurs: Ohne die massive militärische Drohkulisse der USA hätten die Inspektoren die Waffeninspektionen im Irak nicht aufnehmen können. Das ist das Paradoxe an diesem Konflikt, dass die Drohung mit dem Krieg zum Frieden beitragen kann - solange die Drohung zwar ernst, aber auch ehrlich gemeint ist, und nicht Vorspiel zu einem längst beschlossenen Krieg.

3. Wie stellen sich die Strategen den Krieg vor?

Laut der "International Herald Tribune" plant das Pentagon einen Blitzangriff: Während der ersten 48 Stunden des Angriffs sollen Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge 3.000 präzisionsgesteuerte Bomben und Marschflugkörper gegen den Irak abfeuern. Das sind zehnmal so viele wie im letzen Golfkrieg 1991. Die ersten Ziele sind Luftabwehrstellungen, Befehlsstellen von Staat und Baath-Partei, Kommunikationszentralen und Rampen, von denen aus Raketen mit biologischen und chemischen Waffen abgeschossen werden könnten. Auf diese Weise will das US-Militär den Kampfgeist der irakischen Armee früh brechen.

Danach beginnt die Bodenoffensive, unterstützt von weiteren Bombardements. Die meisten Truppen werden von Kuwait aus in den Irak einmarschieren. Spezialverbände sollen aber auch mitsamt Ausrüstung hinter den irakischen Linien abgesetzt werden. Sie sollen wichtige Flugplätze in ihre Kontrolle bringen und die Ölförderanlagen im Norden und Süden des Iraks vor ähnlicher Zerstörung bewahren, wie die Iraker sie 1991 auf Kuwaits Ölfeldern anrichteten.

Die US-Armee setzt darauf, dass große Teile der irakischen Armee überlaufen. Um dies zu fördern, werden irakische Exilkräfte für die psychologische Kriegführung (psy ops) trainiert. Auch die Iraker rechnen damit, dass ihre Stellungen schnell fallen - bis auf Bagdad. Dort werden sich Saddams letzte Getreue verschanzen, um den US-Truppen einen blutigen Häuserkampf aufzuzwingen, bei dem diese ihre militärische Überlegenheit nicht ausnutzen können.

Insgesamt sollen die Luftangriffe nur eine Woche dauern. Ein unkalkulierbarer Faktor ist aber das Wetter. 1991, als die Luftangriffe 39 Tage dauerten, behinderte schlechte Sicht die Bomberpiloten erheblich.

4. Wie weit ist der Truppenaufmarsch am Golf fortgeschritten?

Die USA und Großbritannien haben jetzt 250.000 Soldaten in der Golfregion stationiert. Damit sind sie für einen Angriff auf Irak gerüstet.

Allein in Kuwait befinden sich etwa 128.000 Mann Bodentruppen, etwa 27.000 Mann der US-Airforce und rund 70.000 Mann der 5. und 6. US-Flotte.

Fünf Flugzeugträger("Lincoln", "Truman", "Roosevelt", "Constellation" und "Kitty Hawk") mit dazugehörigen Kampfverbänden sind in der Region, ein weiterer, die Nimitz, ist unterwegs. Insgesamt sind mehr als 30 Schiffe und U-Boote im Persischen Golf.

700 Kampfflugzeuge der US-Airforce, der US-Navy und der britischen Luftwaffe, sowie 200 der US-Marines sind in der Region. Weitere 150 Airforce-Kampfjets sind unterwegs. Dazu kommen F-117 Tarnkappenbomber, die von Katar aus Angriffe fliegen sollen, sowie B-2-Bomber, die auf Diego Garcia im Indischen Ozean, in England und Missouri stationiert sind.

Erstmals seit 1991 haben die USA auch ein Hospitalschiff, die "USNS Comfort", in den Persischen Golf entsandt.

Die britische Marine hat unter anderem den Flugzeugträger "Ark Royal", den Helikopterträger "Ocean", mehrere Zerstörer, ein U-Boot und Minenräumboote im Golf stationiert.

5. Wie bereitet sich der Irak auf den Angriff vor?

Am Wochenende hat der Revolutionäre Kommandorat des Irak das Land in vier Militärzonen eingeteilt. Saddam Hussein treu ergebene Befehlshaber sollen in diesen Zonen den Widerstand gegen die USA und ihre Verbündeten organisieren. Die vier Befehlshaber sind direkt Saddam Hussein unterstellt. Militärplaner befürchten, dass der irakische Diktator bei einem Angriff eine Taktik der verbrannten Erde verfolgen wird, mit dem Ziel, den Angriff zu verlangsamen. Um Aufständen in der eigenen Bevölkerung vorzubeugen, hat die irakische Regierung in den letzten Tagen unter anderem in Bagdad und in der kurdischen Stadt Kirkuk viele Menschen verhaften lassen.

Berichten zufolge sollen regimetreue Teile der irakischen Armee bei die Ölquellen anstecken, um den angreifenden Kampfpiloten die Sicht zu erschweren. Außerdem heißt es, Saddam wolle die Wasser-, Nahrungs- und Stromversorgung unterbrechen, sowie Dämme, Straßen und Brücken zerstören, um so eine humanitäre Katastrophe heraufzubeschwören, auf die die Angreifer reagieren müssten. Außerdem ist es möglich, dass der Diktator versuchen wird, den angreifenden Truppen mit chemischen und biologischen Waffen so starke Verluste zuzufügen, dass eine Fortsetzung des Angriffs für sie untragbar wird. Auch Raketenangriffe auf Israel und US-Ziele in der Region sind denkbar.

Die reguläre irakische Armee hat 350.000 Mann unter Waffen. Dazu kommen zwischen 650.000 und einer Million Reservisten. Die Eliteeinheiten der Republikanischen Garde umfassen 60.000 bis 80.000 Mann, die der Republikanischen Sondergarde 15.000 bis 30.000 Mann.

Die Luftwaffe hat 30.000 bis 35.000 Mann und zwischen 69 und 93 einsatzfähige Kampfflugzeuge.

Die Luftabwehr verfügt über 4.000 bis 5.000 Flakgeschütze und geschätzte 6.500 radargestützte Boden-Luft-Raketen mit Hitzesuchköpfen.

Die Marine verfügt über 4.000 bis 5.000 Soldaten und ist unter anderem ausgerüstet mit Amphiebienschiffen zum Minenlegen und bis zu 50 Marschflugkörpern zur Schiffsabwehr.

Außerdem verfügt der Irak über zirka 2.200 Panzer, Haubitzen und Raketenwerfer und über verschiedene Raketensysteme.

6. Wie werden sich die Nachbarländer des Irak im Krieg verhalten?

Offiziell wollen sie alle im wesentlichen eines: sich heraushalten. Aber hinter den Kulissen verfolgt jeder Anrainer seine eigenen Interessen.

Kuwait:

Am offensten unterstützt bislang das 1990 vom Irak überfallene Scheichtum die Invasionspläne. Kuwait ist das Hauptaufmarschgebiet für die US-Bodentruppen.

Jordanien:

Schon im letzten Krieg steckte die darbende Monarchie in der Klemme, zwar mit dem Westen verbündet, wirtschaftlich aber vom Handel mit dem Irak und insbesondere von dessen verbilligten Öllieferungen abhängig zu sein.

Lange Zeit hieß es, Jordanien wolle diesmal strikt neutral bleiben. Inzwischen hat das Land den USA aber erlaubt, Truppen auf seinem Staatsgebiet zu stationieren. Sie sollen jedoch nur zur Luftabwehr und für Such- und Rettungsaktionen amerikanischer Soldaten eingesetzt werden. Außerdem hat das Jordanien den USA Überflugsrechte gewährt.

Saudi-Arabien:

Ein doppeltes Spiel treibt der reichste Staat der Golfregion. Die permanente Stationierung von 5000 US-Soldaten hat die einstige Schutzmacht USA in den Augen vieler Saudis in eine Besatzungsmacht verwandelt. Deshalb hatte sich das mit den USA eng verbundene Königshaus erst öffentlich geweigert, insbesondere die Nutzung der neuen Prince-Sultan-Airbase nahe Riad für Angriffe auf den Irak zu gestatten, deren Bau die USA Milliarden von Dollars gekostet hat. Dann machten die Saudis jede Unterstützung für einen Angriff von einer zweiten Resolution des Sicherheitsrates abhängig.

Hinter den Kulissen hat Saudi-Arabien den USA aber weitreichende Zugeständnisse eingeräumt. So sollen in den vergangenen Wochen 3.000 zusätzliche US-Truppen in Saudi-Arabien stationiert worden sein. Offenbar soll der Luftkrieg gegen den Irak nun doch von der Prince-Sultan-Airbase aus koordiniert werden. Augenzeugen berichteten außerdem, die Regierung in Riad habe den US-Truppen einen Flughafen in Ar'ar nahe der irakischen Grenze überlassen. Dort sollen die Amerikaner Vorbereitungen für einen Angriff treffen.

Die versteckte Zusammenarbeit der saudischen Regierung mit den USA ist Ausdruck des tiefen Dilemmas, in dem das Land steckt: Weite Teile der eigenen Bevölkerung, insbesondere die Stämme im Norden mit Angehörigen auf saudischer und irakischer Seite, sind gegen den Krieg. Käme der Irak nach einem Krieg unter US-Herrschaft, verlöre das Land zudem seine derzeitige Vormachtstellung auf dem Ölmarkt und geriete unter stärkeren Druck der USA, seinen ultrakonservativen islamischen Charakter zu ändern. Das brächte wiederum das saudische Königshaus innenpolitisch in Bedrängnis.

Syrien:

Noch weit radikaler als Saudi-Arabien kooperiert das arme und heillos korrupte Syrien mit beiden Kontrahenten: Es unterstützt die USA bei ihrer Jagd auf Kämpfer der el Kaida, hat der ersten Irak-Resolution gegen den Irak im Weltsicherheitsrat zugestimmt - macht aber zugleich glänzende Geschäfte mit der irakischen Führung. Syrien importiert seit mehreren Jahren billiges Öl aus dem Irak und ist zum Transitland für einen Großteil des illegalen Waffenschmuggels in den Irak geworden. Den kontrolliert pikanterweise der Sohn des syrischen Verteidigungsministers.

Iran:

Offiziell verhält sich das Land, das im Angriffskrieg des Irak in den achtziger Jahren mehr als eine halbe Million Soldaten verlor, neutral. Bestimmt wird die Außenpolitik allerdings von den tiefen Zerwürfnissen innerhalb des iranischen Regimes: Die Reformer um Präsident Mohammed Khatami versprechen sich von einem Sturz Saddams und diskreter Beteiligung daran verbesserte Beziehungen zu den USA. Die Orthodoxen hinter Revolutionsführer Ali Khamenei fürchten um ihre Macht, wenn sie künftig von proamerikanischen Bastionen umgeben sind.

Den USA wiederum ist das iranische Atomprogramm ein Dorn im Auge. Mit russischer Hilfe baut das Land in Buschehr am Golf einen Reaktor - zu rein ziviler Nutzung heißt es. Es ist aber nicht völlig undenkbar, dass die USA im Rahmen eines Irakkrieges auch einen Angriff auf den Buschehr-Reaktor fliegen könnten.

Der Iran soll den USA versprochen haben, sich aus einem Krieg im Irak herauszuhalten, Such- und Rettungsoperationen für amerikanische Soldaten zu unterstützen und humanitäre Hilfe für Flüchtlinge aus dem Irak zu leisten. Langfristig wird der Iran jedoch versuchen, seinen Interessen für eine Nachkriegsordnung im Irak Nachdruck zu verleihen. Die Regierung in Teheran will, dass die schiitische Bevölkerungsmehrheit im Südirak mehr politisches Gewicht in Bagdad bekommt. Außerdem ist Teheran, wie die Türkei, strikt gegen die Errichtung eines unabhängigen kurdischen Staates im Nordirak.

Die Signale aus dem Iran bleiben widersprüchlich: Die größte in Teheran beheimatete irakische Exilorganisation, der Hohe Rat für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI), kooperiert unter US-Führung mit anderen Oppositionsgruppen; die Regierung führt den Kampf gegen el Kaida und unterstützt die irakische Kurdenpartei PUK unter Dschalal Talabani; aus den konservativen Kreisen der Revolutionsgarden und der religiösen Stiftungen jedoch erhält die radikalislamische Terrorgruppe Ansar-e Islam Unterstützung. Die wiederum kämpft gegen Talabani und soll mit el Kaida kooperieren.

Einig sind sich die Iraner nur in einem: Niemand mag Saddam.

Türkei:

Mit seinem Nein zur Stationierung von 62.000 US-Truppen hat das türkische Parlament die US-Militärs beim Aufbau einer zweiten Angriffsfront im Norden erheblich in Verzug gebracht. Trotzdem ist der Aufmarsch der Amerikaner in der Osttürkei angelaufen - wenn auch in kleinerem Umfang als geplant.

Bei einem Angriff auf den Irak plant die Türkei, in Absprache mit den USA bis zu 80.000 Soldaten der eigenen Armee in den Nordirak zu entsenden. Diese Truppen werden aber nicht unter amerikanischem Kommando stehen. Offiziell heißt es, sie sollten eine Massenflucht in die Türkei verhindern. Es ist aber wahrscheinlich, dass sich Ankara so Einfluss auf die Nachkriegsordnung im Irak sichern will. Insbesondere wollen die Türken die Ausrufung eines autonomen Kurdengebietes im Nordirak verhindern. Deshalb ist es möglich, dass sie versuchen werden, die Ölquellen von Kirkuk und die Stadt Mosul in ihre Kontrolle zu bringen.

7. Wird Israel in den Krieg hineingezogen?

Das Land bereitet sich darauf vor, auch wenn Militärplaner das Risiko als gering einstufen. Im letzten Golfkrieg waren 39 irakische Scud-Raketen mit insgesamt 10 Tonnen TNT-Sprengstoff in Israel eingeschlagen. Es gab einen Toten und 239 Verletzte. Auf US-Druck verzichtete Israel auf einen Gegenschlag.

Diesmal aber beansprucht Regierungschef Scharon das Recht auf Vergeltung - falls der Irak mit Massenvernichtungswaffen angreift. Israel hat erstmals sein neues Raketenabwehrsystem "Arrow" in Stellung gebracht. Sollte Saddam Hussein Raketen mit chemischen oder biologischen Waffen auf Israel abfeuern, wäre auch Jordanien in Gefahr. Denn Israel würde versuchen, die Raketen über arabischem Staatsgebiet zu zerstören, bevor sie Israel erreichen. Das Fall-Out träfe die Araber. Größte Gefahr: Selbstmordflugzeuge mit biologischem oder chemischem Material an Bord. Vorsorglich haben israelische Schulkinder den Umgang mit Gasmasken geübt, Rettungskräfte wurden gegen Pocken geimpft.

8. Mit wie vielen Toten rechnen die USA?

Große Teile der Republikanischen Garde und der Republikanischen Sondergarde werden sich in und um die Metropole Bagdad verschanzen. Sie könnten die Fünf-Millionen-Bevölkerung praktisch als Geisel nehmen. Beim Kampf um Straßenzüge wären Tausende von Leben gefährdet. Der Einsatz von Giftgas oder bakteriellen Kampfstoffen würde nach Berechnung des Pentagons mindestens 10.000 US-Soldaten das Leben kosten, die Zahl der zivilen Opfer läge vermutlich weit höher. Die Rede ist von 30.000 bis 40.000 möglichen Todesopfern auf irakischer Seite.

9. Wie viele Flüchtlinge gibt es bei einem Angriff auf den Irak?

Gesicherte Zahlen über die im Kriegsfall zu erwartende Zahl von Flüchtlingen aus dem Irak gibt es nicht. Die Entwicklung wird vor allem davon abhängen, wie lange die Kämpfe im Irak dauern und ob nach Ende des Krieges die Sicherheit und Versorgung der irakischen Bevölkerung gewährleistet sind.

Berechtigten Grund zur Sorge gibt es, weil schon jetzt 60 Prozent der Menschen im Irak auf Lebensmittelhilfen aus dem Ausland angewiesen sind. Im Nordirak organisiert die UN die Verteilung, im Rest des Landes aber die irakische Regierung. Saddam Hussein könnte versuchen, den militärischen Vormarsch feindlicher Truppen zu verlangsamen, indem er diese Lebensmittel zurückhält und so eine humanitäre Katastrophe auslöst.

Außerdem muss nach einem Sturz des irakischen Regimes mit bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten ethnischen Gruppen gerechnet werden, die viele Menschen zwingen könnten, aus dem Irak zu fliehen.

Im Kriegsfall könnten laut UN bis zu fünf Millionen Menschen aus dem Irak fliehen. Allein in den Iran könnten 300.000 Flüchtlinge strömen, sagt Ruud Lubbers, UN-Hochkommissar für Flüchtlingsfragen.

Viele Nachbarstaaten des Irak wollen aber unbedingt verhindern, dass große Flüchtlingsströme ihre Grenze passieren. Die jordanische Regierung hat signalisiert, sie werde wenn nötig militärische Gewalt anwenden, um einen großen Zustrom irakischer Flüchtlinge zu stoppen. Die Türkei und der Iran wollen ebenfalls ihre Grenze für die Flüchtlinge schließen und Flüchtlingslager auf irakischem Territorium nahe der Grenze errichten.

Gil Loescher vom International Institute for Strategic Studies in London sagt, von westlicher Seite gebe es bisher nahezu keine konkreten Pläne, wie einer Flüchtlingswelle aus dem Irak zu begegnen sei. „Es gibt bisher fast keine Kooperation zwischen der US-Regierung, dem Militär, der UN und den Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) in dieser Frage“, sagt Loescher. Im Gegenteil, bürokratische Hürden im UN-System und Sanktionen gegen Irak und Iran behinderten die Vorbereitungen der NGOs.

Erst vor wenigen Wochen haben humanitäre Organisationen aus den USA von Präsident Bush die offizielle Erlaubnis bekommen, im Irak und im Iran zu arbeiten.

Bereits heute leben etwa fünf Millionen irakische Flüchtlinge in den Nachbarländern: mehr als 250.000 in Jordanien, 200.000 in Iran, 40.000 in Syrien, Zehntausende im Libanon und der Türkei. Eine weitere Million mussten ihre Heimatorte verlassen und leben als in den autonomen Kurdengebieten im Norden des Irak. Diese Situation ist das Ergebnis der Unterdrückung durch das irakische Regime, aber auch der UN-Sanktionen gegen den Irak und des letzten Golfkrieges. Zwischen 1989 und 2001 haben mehr als 220.000 Iraker im Westen, vor allem in europäischen Ländern, Asyl beantragt. Iraker stellen heute die größte Asylbewerbergruppe in Europa.

10. Was passiert mit dem Irak, wenn der Krieg vorbei ist?

Die Zukunft des Irak nach einer US-geführten Invasion ist ungewiss. Zwar arbeiten die US-Regierung und auch die Vereinten Nationen an Plänen für eine Nachkriegsordnung. Was aber über eine relativ kurze militärische Besatzungszeit hinaus passieren soll, ist am Vorabend des Krieges noch völlig unklar. Entgegengesetzte Interessen sowohl verschiedener irakischer Truppen als auch der Regierungen der Nachbarstaaten, Europas, der UN und der USA werden aus vielen Plänen für eine Nachkriegsordnung, die jetzt gehandelt werden, Makulatur machen. Trotzdem ist der Kampf um Ämter und Posten im Nachkriegsirak schon voll im Gange.

Medienberichten zufolge verfolgen die USA einen Drei-Stufen-Plan für den Aufbau einer Nachkriegsordnung im Irak. Erste Phase: Unmittelbar nach Ende des Krieges soll eine US-Militärregierung den Irak kontrollieren. An ihrer Spitze soll der Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte am Persischen Golf, General Tommy Franks, stehen. Um den zivilen Wiederaufbau des Landes soll sich ein von den USA neugeschaffenes Büro für Wiederaufbau und Humanitäre Hilfe (ORHA) kümmern. ORHA-Chef soll Jay Garner werden, ein pensionierter US-General. US-Planer erwarten, dass diese Besatzungszeit zwischen sechs Monaten und eineinhalb Jahren dauern könnte.

Zweite Phase: Während die USA das militärische Oberkommando behalten, wollen sie den Wiederaufbau des Landes auf lange Sicht einer internationalen Truppe, wohl unter UN-Aufsicht, überlassen. Mit ihrer Hilfe soll, nach dem Modell Afghanistans, binnen zwei Jahren nach Ende des Krieges eine möglichst pro-westliche irakische Regierung installiert werden. Ein entsprechender Plan ist in den vergangenen Wochen bei der UN unter Aufsicht von Kofi Annans kanadischer Stellvertreterin, Louise Frechette, erstellt worden. Als möglicher Kandidat für den Posten eines Zivilgouverneurs im Nachkriegsirak wird bei der UN der Algerier Lakhdar Brahimi gehandelt, der schon als Vermittler in Afghanistan gewirkt hat. Die USA jedoch sollen einen Amerikaner für den Posten bevorzugen.

Dritte Phase: Nach den Idealvorstellungen der USA soll binnen zwei Jahren nach Endes des Krieges wieder eine zivile irakische Regierung die Staatsgeschäfte in Bagdad führen. Doch scheint dies angesichts einer Fülle widriger Faktoren wenig realistisch. Dazu gehöre sowohl die Fragmentierung der irakischen Bevölkerung in rivalisierende ethnische und religiöse Gruppen, als auch die katastrophale Versorgungslage im Land. Durch den Krieg drohen dem Irak Massenflucht und Vertreibungen, der Zusammenbruch des Gesundheitssystems und der Versorgung mit sauberem Wasser und Lebensmitteln, sowie der Ausfall großer Teile der Produktion. Es besteht große Gefahr, dass Epidemien ausbrechen und ganze Landstriche im Krieg nuklear, chemisch oder biologisch verseucht werden.

Wahrscheinlicher als ein geordneter Übergang zu zivilen, demokratischen Verhältnissen in Bagdad ist, dass sich nach einigen ruhigen Monaten viele Iraker entlang altbekannter Interessen und Traditionen sammeln werden: Islam, Kampf gegen Kolonialmächte und ums Öl. "Die Ironie der Geschichte könnte sein", so der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, "dass einzige Gemeinsamkeit der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen im Irak dann im Kampf gegen die amerikanischen Besatzer bestehen wird." Und darin, die Ölquellen aus ausländischem wieder in irakischen Besitz zu bringen - im Grunde genommen das Programm, mit dem Saddam und die Baath-Partei vor 35 Jahren die Macht eroberten.

11. Was passiert mit dem Staatsapparat von Saddams Regime nach seinem Sturz?

In den vergangenen Wochen hat sich in der Langzeitplanung der USA für die Nachkriegsordnung des Irak eine interessante Kehrtwende abgezeichnet. In Washington scheint man sich mehr und mehr mit der Tatsache abzufinden, dass es kaum möglich sein wird, den kompletten Verwaltungsapparat des Irak nach dem Krieg auszuwechseln. Bis vor kurzem kursierte in Washington das Modell einer "De-Baathifizierung" des Irak ähnlich der De-Nazifizierung Westdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Neue Äußerungen hoher US-Regierungsbeamte deuten aber darauf hin, dass der Staatsapparat des Saddam-Regimes im Wesentlichen erhalten bleiben soll. So sollen nur einige wenige Beamte an der Spitze der irakischen Ministerien entlassen und durch Offiziere der US-Armee ersetzt werden. Damit bliebe auch nach dem Krieg die alte Elite aus mehrheitliche sunnitischen Mitgliedern der regierenden Baath-Partei an der Macht.

Die USA sind angeblich auf diesen Kurs eingeschränkt, weil sie nach dem Krieg nicht als Kolonialmacht im Irak wahrgenommen werden wollen. Irakischen Oppositionsgruppen haben die Pläne allerdings scharf angegriffen. Sie kritisieren, die USA wichen so von ihrer Verantwortung für eine demokratische Zukunft des Irak ab. Es wird vermutet, dass Druck der Regierungen von Saudi Arabien und der Türkei, denen ein von Sunnis dominiertes Zentralregimes in Bagdad gelegen käme, für die neue amerikanische Strategie mitverantwortlich ist.

Heftigster Kritiker des neue US-Kurs ist der Führer des Irakischen National Kongresses (INC), Achmad Chalabi. Er sagte, eine solche Politik könnte eine Revolte gegen die amerikanischen Besatzer provozieren. Der INC die große Unterstützung, die die Exilorganisation bisher aus Washington genossen hatte, zu verlieren und bei der Neuverteilung der Macht im Irak nach dem Krieg außer Acht gelassen zu werden.

Wenig begeistert dürften auch die irakischen Schiiten sein, die mit 65 Prozent die größte homogene Gruppe innerhalb der irakischen Bevölkerung stellen. Unter Saddam wurden die Schiiten verfolgt und waren von jeglicher Regierungsbeteiligung ausgeschlossen. Deshalb sind ihre Führer entschlossen, nach dem Krieg auf eine Regierungsbeteiligung zu pochen, die ihrem Gewicht innerhalb der irakischen Bevölkerung entspricht. Ihre Schutzmacht Iran lehnt die Pläne der USA ab und dringt auf schnelle Wahlen im Nachkriegsirak.

Wie die Schiiten sind auch die Kurden von Saddam Husseins Regime verfolgt und entrechtet worden. Sie versprechen sich eine möglichst große Autonomie in einer föderalen Nachkriegsordnung. Letztlich hegt die Mehrheit der Kurden weiterhin die Hoffnung auf einen unabhängigen Staat im Nordirak. Mit Rücksicht auf ihre Abhängigkeit von den Amerikanern haben sich die großen kurdischen Gruppen bisher mit Kritik an den US-Plänen zurückgehalten.

12. Welches sind die wichtigsten irakischen Oppositionsgruppen und welche Rolle spielen sie?

Eine zivile Opposition mit starken Wurzeln in der irakischen Gesellschaft gibt es nicht mehr. Bis in die 70er Jahre hinein war die Irakische Kommunistische Partei eine starke, einheimische Oppositionskraft gegen die Baath-Partei von Saddam Hussein. In den 70er und 80er Jahren hat das Baath-Regime die Kommunistische Partei jedoch mit einer brutalen Ausrottungskampagne gegen ihre Mitglieder und Symphatisanten völlig zerschlagen. Namenslisten von Parteimitgliedern, die amerikanische Geheimdienste der Regierung in Bagdad zukommen ließen, halfen dabei.

Weil institutionalisierte politische Opposition im Irak seit Jahrzehnten unmöglich ist, rekrutieren sich die überlebenden oppositionellen Kräfte im Land aus den beiden ethnischen Gruppen, die das Regime in Bagdad verfolgen ließ: Den Schiiten im Süden und den Kurden im Norden.

Die beiden größten kurdischen Gruppierungen sind die Demokratische Partei Kurdistans (KDP) unter der Führung von Massud Barzani und die Patriotische Union Kurdistans (PUK) von Dschalal Talabani. Zusammen haben die beiden Gruppen im autonomen Kurdengebiet in der nördlichen Flugverbotszone etwa 70.000 bis 100.000 Mann unter Waffen. Diese kurdischen Kämpfer, Peschmerga genannt, führen seit Jahren einen Guerillakrieg gegen das Zentralregime in Bagdad - und gegeneinander.

Die Errichtung eines Kurdenstaats nach dem Golfkrieg von 1991 scheiterte nicht zuletzt auch an der Uneinigkeit zwischen KDP und PUK. Bis 1996 kämpften die verfeindeten Parteien im Nordirak gegeneinander, teilweise sogar mit Unterstützung durch das Regime von Saddam Hussein. Seit 1996 herrscht Frieden zwischen KDP und PUK. Ihre Führer scheinen erkannt zu haben, dass Einigkeit unter den Kurden die Grundvoraussetzung für die kurdische Autonomie ist.

In ihren Angriffsplänen hatten die Amerikaner die Peschmerga zunächst als einheimische Alliierte (ähnlich der Nordallianz in Afghanistan) angesehen. Auf türkischen Druck haben die USA die Kurden nun aber aufgefordert, sich aus den Kämpfen herauszuhalten. Stillhalten werden die Kurden aber nur, solange nicht türkische Truppen in großer Zahl in den Nordirak einmarschieren. Hoschyar Zebari, Militärkommandeur der KDP, hat für diesen Fall massiven militärischen Widerstand seiner Guerillakämpfer gegen die Türken angekündigt. Medienberichten zufolge haben die USA und die Türkei vereinbart, dass bei einem Krieg bis zu 80.000 Mann der türkischen Armee in den Nordirak einrücken sollen. Offiziell heißt es, diese Truppen sollten eine Massenflucht in die Berge und damit eine humanitäre Katastrophe wie 1991 verhindern.

Die Kurden befürchten aber, dass die Türken in Wahrheit kurdische Autonomiebestrebungen zunichte machen und die Ölfelder von Kirkuk und die Stadt Mosul unter ihre Kontrolle bringen wollen. Außerdem heißt es, Ankara wolle einen 70 Kilometer tiefen Sicherheitskorden entlang seiner Grenze zum Irak einrichten, wenn im Nordirak nach dem Krieg eine autonomes Kurdengebiet weiterbesteht. Damit wollen die Türken verhindern, dass der gerade erst beendete Bürgerkrieg zwischen Kurden und türkischer Armee in der Osttürkei wieder aufflammt.

Die schiitische Opposition im Irak rekrutiert sich aus der verbotenen Da'wa-Partei, die im Südosten des Landes im Untergrund agiert. Der Anführer der Bewegung ist der Ajatollah Mohammed Bakir Hakim. Er ist der Präsident des Hohen Rates für die Islamische Revolution in Irak (SCIRI) mit Sitz in Teheran.

Mit Unterstützung des Iran hat der SCIRI eine bewaffnete Guerillatruppe aufgebaut, die sogenannten Badr-Brigaden, die eine Stärke zwischen 5.000 und 30.000 Mann haben sollen. Diese Truppe unterhält vor allem im Südosten des Irak zahlreiche Zellen, die auf Befehl aus Teheran aktiv werden können. Jüngsten Berichten zufolge sind mehrere tausend Kämpfer der Badr-Brigaden, ausgerüstet mit automatischen Waffen und Flugabwehrraketen, aus dem Iran in von den Kurden kontrolliertes Gebiet im Nordirak eingerückt. Anders als die Kurden streben die Schiiten eine zentralistische Nachkriegsordnung an, in der sie entsprechend ihrem Anteil von 65 Prozent an der irakischen Bevölkerung repräsentiert sind. Seine frühere Forderung nach der Errichtung eines islamischen Staates nach iranischem Muster scheint der SCIRI aufgegeben zu haben.

Neben den kurdischen und schiitischen Oppositionskräften gibt es weitere organisierte Saddam-Gegner nur im Exil.

Zu den prominentesten Gruppen gehört der von Achmad Chalabi geführt Irakische National Kongress (INC) mit Sitz in London. Chalabi war lange Zeit Washingtons Lieblingsoppositioneller, doch wird er in den Planungen für eine Nachkriegsordnung im Irak von den USA zunehmend übergangen. Grund dafür könnte sein, dass dem INC jegliche Verankerung in der irakischen Bevölkerung fehlt. Chalabi hat sich vehement gegen die geplante Einsetzung eines US-Militärgouverneurs nach dem Krieg ausgesprochen. Statt dessen fordert er, dass ein Führungsrat aus Mitgliedern der verschiedenen irakischen Oppositionsgruppen möglichst bald nach Kriegsende die Staatsgeschäfte übernehmen soll.

Anstelle des INC hat Washington kürzlich begonnen, andere Oppositionsfiguren im Exil stärker als bisher zu fördern. Dazu gehören Ayad Alawi vom der Irakischen Nationalvereinigung (Iraqi National Accord, INA), einer sunnitischen Oppositionsgruppe der Verbindungen zum CIA nachgesagt werden, Sharif Ali, der prominenteste Royalist im Exil und Adnan Pachachi, ein 80jähriger früherer irakischer Minister, der in Abu Dhabi lebt und vom US-Außenministerium protegiert wird.

Bei einem Treffen irakischer Oppositionsgruppen in der kurdischen Zone im Nordirak Ende Februar hat sich ein sechsköpfiges Führungsgremium gebildet. Dazu gehören die Kurdenführer Dschalal Talabani (PUK) und Massud Barzani (KDP), der Schiitenführer Mohammed Bakir Hakim (SCIRI), Achmad Chalabi (ANC), Ayad Alawi (INA) und Adnan Pachachi. Der Sondergesandte der USA für die irakische Opposition, Zalmay Khalilzad, hatte mehrfach versucht, das Treffen zu blockieren und mehrere Oppositionelle gedrängt, nicht daran teilzunehmen. Schließlich nahm er unter der Bedingung teil, dass dort keine vorläufige Regierung für den Nachkriegsirak gebildet werde.

Die USA wollen verhindern, dass ihnen irakische Oppositionsgruppen bei ihren Plänen für einen neuen Irak in die Quere kommen. Allerdings sind viele dieser Gruppen in sich und untereinander so zerstritten, dass von der Bildung einer gemeinsamen Regierung in naher Zukunft nicht auszugehen ist.

13. Wird eine US-Invasion im Irak eine Demokratisierung des Nahen Osten einleiten?

"Ein befreiter Irak kann beweisen, welche Kraft die Freiheit hat, diese wichtige Region zu transformieren, in dem sie Hoffnung und Fortschritt für Millionen Menschen bringt. Ein neues Regime in Irak würde anderen Nationen in der Region als ein dramatisches und inspirierendes Beispiel der Freiheit dienen."

Mit diesen Worten beschrieb US-Präsident Bush bei einer Rede Ende Februar die Vision seiner Regierung für eine Demokratisierung des Nahen Ostens. Mit der Aussicht, ein Regimewechsel in Bagdad würde demokratische Verhältnisse nicht nur im Irak bringen, sondern auch zu Reformen in anderen Staaten der Region führen, wirbt die US-Regierung um Zustimmung für ihre Kriegspläne.

Ähnliche Versprechen hatte die US-Regierung auch vor dem letzten Golfkrieg gemacht, besonders was die Demokratisierung Kuwaits angeht. Daraus ist in der vergangenen zwölf Jahren allerdings wenig geworden. Zwar ist in Kuwait das Parlament wieder eingesetzt worden und es hat mehrmals Wahlen gegeben, doch durften daran nur 14,8 Prozent der Kuwaiter teilnehmen. Frauen dürfen nicht wählen. Politische Parteien sind nicht erlaubt.

Als Modell für die Demokratisierung des Nahen Ostens wird in Washington der Übergang der südamerikanischen Diktaturen zur Demokratie genannt. Gedacht ist vor allem an Regimewechsel im Iran und in Syrien. "Es ist interessant zu beobachten, wie Militäraktionen manchmal philosophischen Botschaften Nachdruck verleihen könnten", sagte der Douglas Feith, Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium dem "New Yorker". "Wenn wir es richtig anstellen, wenn wir den Irakern helfen, und wenn die Iraker sich fähig zeigen, eine humane, repräsentative Regierung zu errichten - wird das positiven Einfluss auf die Politik der ganzen Region haben? Die Antwort ist, glaube ich, ja."

Solche Aussagen machen deutlich, dass die militärische und politische Strategie der USA im Nahen Osten über den Sturz Saddam Husseins hinaus auf eine Umwälzung der gesamten politischen Landschaft in der Region angelegt ist. Die Erfolgschancen einer solchen Politik sind indes sehr unsicher.

Zum einen trennen die USA damit explizit die Frage nach Reformen im Nahen Osten von der Frage nach einer Lösung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern. Während Bush in Washington Pläne für einen demokratischen Nahen Osten macht, wird in Israel eine neue konservative Regierung vereidigt, deren Mitglieder mehrheitlich gegen die Errichtung eines palästinensischen Staates und für den Ausbau jüdischer Siedlungen sind.

Zum anderen legt sie die Vermutung nahe, dass sich die USA in Zukunft ähnlich wie im Irak auch in anderen Staaten aktiv an Regimewechseln beteiligen werden. Solche Aussichten werden einheimische Reformbewegungen wie die Demokratiebewegung im Iran aber eher behindern als fördern. Die Angst vor amerikanische Einflussnahme wird Hardliner veranlassen, Zugeständnisse an die Reformer wieder rückgängig zu machen und auf Druck für Veränderung mit Repressalien zu reagieren.

14. Welche Folgen hat der Krieg für die Weltwirtschaft?

Experten unter Leitung des ehemaligen US-Zentralbankchefs Laurence Meyer untersuchen in einer Studie drei Szenarien: Sechs Wochen Krieg beeinflussen die Konjunktur kaum. Bei drei Monaten Krieg droht Amerika eine "wirtschaftliche Stagnation", das Wachstum in Ostasien und der Eurozone würde halbiert. Drei bis sechs Monate Krieg führen zur globalen Rezession bis Ende 2004. Der Ölpreis könne von 30 Dollar je Barrel auf mehr als 50 Dollar explodieren. Britische Ökonomen warnen, schon ein anhaltender Anstieg um zehn Dollar reduziere in den Industrieländern das Wachstum um 0,5 Prozent und koste in Großbritannien 250.000 Arbeitsplätze. Amerikas Falken setzen hingegen darauf, dass ein schneller Sieg die Konjunktur beflügeln werde.

15. Mit welchen Umweltschäden ist bei einem Irak-Krieg zu rechnen?

Die konkreten Auswirkungen einer Invasion im Irak auf die Umwelt sind schwer abzuschätzen. Man kann davon ausgehen, dass es infolge von Angriffen auf Ölraffinerien Industrie- und militärische Ziele im Irak zu akuter chemischer Verschmutzung kommt. Die britische Regierung hat neun Orte im Irak aufgelistet, an denen chemische und biologische Kampfstoffe produziert werden sollen. Es ist zu erwarten, dass diese angegriffen werden, wenn es zum Krieg kommt.

Außerdem geht von Waffenprojektilen mit abgereichertem Uran, die auch schon im letzten Golfkrieg und im Bosnienkrieg zum Einsatz kamen, Gefahr aus. Solche Waffen werden verwendet, um Ziele wie Panzer und gepanzerte Bunker zu zerstören. Wenn die Projektile einschlagen, gerät Uranoxyd in die Luft, es entstehen giftige Splitter und Staub. Verseuchter Boden muss abgetragen und wie radioaktiver Müll behandelt werden. Tausende Hektar irakischen Bodens könnten so verseucht werden. Die Säuberung von nur 200 Hektar mit Uranoxyd verseuchten Bodens eines US-Militärstützpunktes kostete vier bis fünf Milliarden Dollar.

Darüber hinaus können die Erfahrungen mit Umweltschäden nach dem letzten Golfkrieg 1991 einen Eindruck von den ökologischen Risiken geben, die ein Krieg birgt.

Damals zerstörten irakische Truppen mehr als 700 Ölquellen in Kuwait. 60 Millionen Barrel Rohöl liefen aus. Die Folgen sind noch Jahre später zu spüren. 1998 waren in Kuwait immer noch mehr als 10 Millionen Kubikmeter Boden durch das ausgelaufene Öl verseucht. Bis heute sind 40 Prozent der kuwaitischen Süßwasserreserven verseucht. Neun Monate lang brannten die Ölquellen, die die irakische Armee auf dem Rückzug aus Kuwait angesteckt hatte. Während dieser Zeit fiel die Durchschnittstemperatur in der Region um 10 Grad, weil der Qualm die Sonne verdunkelte. Etwa 1000 Menschen sollen seither an den Folgen der Luftverschmutzung gestorben sein.

Zehn Millionen Barrel Öl liefen in den Persische Golf aus. Die Säuberungsaktion für 1500 Kilometer verschmutzter Küste verschlang 40 Milliarden Dollar. Weil irakische Truppen die kuwaitischen Kläranlagen zerstört hatten, liefen wochenlang täglich mehr als 50000 Kubikmeter ungeklärter Abwässer in den Golf aus.

Die Folgen für Tier- und Pflanzenwelt und die Fischerei im Persische Golf waren verheerend. Der Krabbenbestand in saudi-arabischen Gewässern fiel auf ein Zehntel des Normalwertes, drei Viertel der gesamten Biomasse wurden vernichtet. Bahrainische Fischer fingen nur noch halb so viele Krabben wie vor dem Krieg. Wichtige Feuchtgebiete an der Golfküste, Lebensraum von bedrohten Wasservögeln und Säugetieren und Raststation unzähliger Zugvögel, wurden beschädigt oder zerstört.

16. Was würde ein Krieg kosten?

Wirtschaftsberater des Weißen Hauses schätzen die Kosten des Krieges, je nach Dauer, auf 100 bis 200 Milliarden Dollar. Haushaltsfachleute des US-Kongresses rechnen mit Ausgaben von sechs bis 13 Milliarden Dollar pro Monat. Selbst ohne Kampfeinsatz kostet der Truppenaufmarsch in der Wüste die USA pro Monat zirka fünf Milliarden Dollar. Eine Studie der Yale Universität beziffert die reinen militärischen Kosten eines Krieges auf 50 bis 140 Milliarden Dollar. Der Wiederaufbau des Irak während der ersten zehn Jahre nach einem Krieg könnte zwischen 100 und 600 Milliarden Dollar kosten, heißt es in der Studie. Ein Anstieg des Ölpreises könnte allein für die USA Mehrausgaben von bis zu 500 Milliarden Dollar bedeuten. Außerdem ist in der Studie von möglichen weiteren wirtschaftlichen Schäden mit einem Volumen von 345 Milliarden Dollar allein für die USA die Rede. William Nordhaus, der Autor der Studie, glaubt, die Gesamtkosten für einen Irakkrieg könnten auf bis zu 1,6 Billionen Dollar steigen.

1991 haben sich die USA die 60 bis 70 Milliarden Kosten des Golfkriegs zu mehr als 80 Prozent von ihren Verbündeten zahlen lassen. Diesmal fehlen der Bush-Regierung solche Sponsoren.

17. Wird der Krieg ums Öl geführt?

Die Erdölquellen in den USA werden in weniger als elf Jahren erschöpft sein, aber der Öldurst des Landes wächst stetig. Im Moment importiert das Land täglich rund 10,6 Millionen Barrel. Der Irak hat mit gesichert 115 Milliarden Barrel die zweitgrößten Reserven der Welt nach Saudi-Arabien. Da es im Irak seit den 70er Jahren keine geologischen Vermessungen mehr gegeben hat, gehen Experten davon aus, dass die wirklichen Ölreserven des Landes noch wesentlich größer sein könnten. Es werden Zahlen von bis zu 250 Milliarden Barrel genannt.

Im Augenblick beutet der Irak nur 15 von 70 bekannten Ölfeldern aus. In acht der übrigen 55 bekannten Felder liegt das Öl wahrscheinlich nah unter der Erdoberfläche und wäre deshalb einfach und billig zu fördern. Allein diese Felder sollen ein Gesamtvolumen von zirka einer Milliarde Barrel Öl haben.

Eine pro-amerikanische irakische Regierung könnte nach einer Entmachtung Saddam Husseins mit Förderungssteigerungen von zwei auf fünf Millionen Barrel pro Tag die Abhängigkeit der USA vom saudischen Öl reduzieren, das Monopol der OPEC brechen und den Ölpreis global drücken - auf Jahrzehnte hinaus. Russland und Frankreich stellen sich bereits darauf ein, dass ihre Vorverträge mit dem Irak über Bohrlizenzen sehr bald von ihrem Wohlverhalten gegenüber den USA abhängig sein könnten. Die Türkei hofft, wenn sie den Krieg unterstützt, auf Konzessionen in den nordirakischen Ölgebieten um Kirkuk.

18. Gibt es Hinweise auf Massenvernichtungswaffen im Irak?

Einerseits hat die irakische Führung jahrelang gelogen und alles darangesetzt, Produktions- und Lagerstätten für Atom-, Bio- und Chemiewaffen vor den UN-Inspektoren geheim zu halten. Andererseits hat die Überprüfung von rund 150 zivilen und militärischen Einrichtungen in den letzen Wochen keinerlei Hinweise ergeben - auch wenn Irak bis heute den Verbleib mehrerer Tonnen Nervengase nicht belegte. UN-Experten glauben, dass der Irak immer noch 21.000 Liter waffentaugliche Bakterien versteckt hält. Nach Aussagen, die dem stern vorliegen, sind in den vergangenen Monaten große Gütertransporte aus dem Irak geschafft und auf syrischem Militärgelände gelagert worden. Bushs wichtigsten Vorwurf, Saddam habe versucht, Aluminiumröhren zu kaufen, um Atomwaffen zu bauen, hat die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) infrage gestellt. Dokumente, die beweisen sollten, dass der Irak in jüngster Zeit versucht hat, in Niger Material zum Atomwaffenbau zu kaufen, waren nach Angaben von IAEA-Chef Mohammed el Baradei gefälscht. Irak besitzt - im Gegensatz zu Pakistan und Nordkorea - weder Atomwaffen noch Reaktoren, um waffenfähiges Plutonium zu produzieren.

19. Gibt es eine Verbindung zwischen Saddam Hussein und el Kaida?

Seit dem Angriff auf das World Trade Center haben die USA und Großbritannien wiederholt behauptet, es gebe Beweise für Verbindungen zwischen dem Regime von Saddam Hussein und Osama bin Ladens Terrorgruppe el Kaida. "Ehrgeiz und Hass genügen, um Irak und el Kaida zusammenzubringen", sagte US-Verteidigungsminister Colin Powell bei seiner Rede vor dem UN-Sicherheitsrat am 5. Februar 2003. Nahost-Experten bezweifeln aber, dass es eine gezielte Zusammenarbeit zwischen der islamistischen el Kaida und dem säkulären Baath-Regime in Bagdad gibt. "Ich habe mit meinen Vertrauten bei der CIA gesprochen und alle von ihnen sagen, es gebe einfach keine Beweise (für eine Verbindung zwischen el Kaida und Saddam)", sagte der frühere CIA-Analyst Melvin Goodman der britischen Zeitung "The Observer".

Seit Powells Rede vor dem UN-Sicherheitsrat ist die islamistische Gruppe Ansar-e Islam (Unterstützer des Islam) als angebliches Bindeglied zwischen el Kaida und Saddam ins Rampenlicht gerückt. Laut Powell soll diese Gruppe unter Führung von Abu Musab el Zarkawi, 36, einem Palästinenser mit jordanischem Pass, nahe der Stadt Halabdscha im Nordirak eine Giftgasfabrik und ein Trainingslager für militante Muslime betreiben. Die Fabrik soll mit Wissen und Unterstützung der Regierung in Bagdad betrieben werden. Für diese These spricht, Powell zufolge, dass ein Mitglied des irakischen Geheimdienstes zur Führungsspitze von Ansar-e Islam gehöre. El Zarkawi sei ein "Partner und Kollaborateur von Osama bin Laden", sagte Powell.

Doch sowohl über el Zarkawi als auch über Ansar-e Islam gibt es widersprüchliche Informationen.

Nach Angaben des jordanischen Geheimdienstes war el Zarkawi Anführer einer Gruppe militanter Muslime in Afghanistan. Von dort soll er Ende 2001 - schwer verwundet - geflohen sein, zunächst in den Iran, später nach Bagdad. In der irakischen Hauptstadt soll er medizinisch behandelt worden sein. Es heißt, ihm sei ein Bein amputiert worden. Der Bundesnachrichtendienst (BND) wiederum hat Informationen, wonach el Zarkawi, dessen richtiger Name Achmad el Kalaylah sein soll, el Kaidas Kampfkommandeur in Europa ist und hier Anschläge koordinieren soll. Er gehöre zu den Top 25 der el Kaida Hierarchie, heißt es von Seiten des deutschen Geheimdienstes. "Wir haben aber keine Anzeichen für eine direkte Verbindung zwischen el Zarkawi und Bagdad gesehen", sagt eine hochrangiger BND-Mitarbeiter dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel".

Ansar-e Islam kontrolliert seit September 2001 eine kleine Enklave in den Bergen nahe der iranischen Grenze im Nordirak. Die Zentralregierung in Bagdad hat keine Kontrolle über dieses Gebiet. Die Wurzeln von Ansar-e Islam liegen in innerkurdischen Konflikten im Nordirak. Ihr Anführer ist Najmuddin Faraj Achmad, besser bekannt als Mullah Krekar. Er lebt als Asylant in Norwegen. Die meisten der rund 600 Kämpfer von Ansar-e Islam sind Kurden, doch hat die Gruppe vermutlich auch etwa 120 arabische Dschihad-Kämpfer aus Afghanistan in ihre Reihen aufgenommen.

Was die angebliche Zusammenarbeit von Ansar-e Islam und el Zarkawi und deren Verbindungen zu el Kaida und Saddam Hussein angeht, gibt es keinerlei stichhaltige Beweise. „Ich habe ihn (el Zarkawi) nie gesehen oder getroffen“, sagt Mullah Krekar, der Chef von Ansar-e Islam. „Ich kann ihnen sagen, dass es nicht stimmt, dass ich das Bindeglied zwischen Saddam Hussein und el Kaida bin.“ Außerdem gebe es in seiner Organisation keinen Verbindungsmann der irakischen Regierung. „Unser Ziel ist es, die irakische Regierung zu stürzen“, sagte Krekar der "Los Angeles Times". Auch das FBI hat keine Beweise gegen Krekar, die für eine Anklage taugen. Drei Monate vor den Anschlägen auf World Trade Center und Pentagon soll Krekar von Osama bin Laden als „dem Juwel in der Krone der islamischen Nation“ gesprochen haben.

Auch was el Zarkawis Rolle angeht, herrscht Unklarheit. „Sie haben gemeinsame Ziele, aber el Zarkawi steht außerhalb von Osama bin Ladens Zirkel. Er ist kein eingeschworenes Mitglied von el Kaida“, sagte ein ranghoher Vertreter der Bush-Regierung der Washington Post. Noch im Dezember hatte der jordanische Premierminister, Ali Abu el Ragheb, behauptet, el Zarkawi sei ein ranghoher el Kaida Führer und halte sich in einem Lager der Ansar-e Islam auf. Kurdischen Geheimdienstquellen zufolge soll er im April 2002 am fehlgeschlagenen Anschlag auf einen Kurdenführer beteiligt gewesen sein.

Ob es tatsächlich, wie Powell behauptet, ein Giftgasfabrik im Ansar-Territorium gibt, ist weiter unklar. Laut Colin Powell liegt diese Fabrik in dem Dorf Khurmal nahe der iranischen Grenze. Dieses Dorf wird aber nicht von Ansar-e Islam sondern von einer anderen kurdischen Gruppe kontrolliert. Einige kurdische Quellen behaupten, die Anlage befinde sich einem anderen Dorf nahe Khurmal. Vergangenes Jahr hieß es von kurdischer Seite, die Islamisten von Ansar-e Islam hätten vom irakischen Geheimdienst Chemiewaffen bekommen und diese an el Kaida weitergeschmuggelt. Einem Reporter der "New York Times" zufolge schenken aber selbst amerikanische Geheimdienstmitarbeiter, die im Nordirak stationiert sind, diesen Angaben keinen Glauben.

Wahrscheinlicher ist, dass Iran Ansar-e Islam von Zeit zu Zeit mit konventionellen Waffen versorgt. Hardliner in Teheran könnten durchaus ein Interesse daran haben, über eine solche Stellvertretertruppe Einfluss auf die Entwicklung im Nordirak zu nehmen – gerade auch nach einem Angriff auf das Regime von Saddam Hussein.

Westliche Journalisten, die Anfang Februar erstmals das von Ansar-e Islam kontrollierte Gebiet bereisen konnten, fanden keine Hinweise auf eine Giftfabrik in den kurdischen Dörfern um Halabdscha. „Die angebliche Terrorfabrik ist nichts dergleichen. Eher eine zerfallende Gruppe von Betongebäuden am Fuße eines grünen Hügels“, berichtete Luke Harding, Korrespondent der britischen Zeitung „The Observer“ aus dem Dorf Serget. Er habe keine Anzeichen für Laborexperimente oder die Herstellung von Chemiewaffen gefunden, so Harding, dafür aber gut bestückte Fernseh- und Radiostudios. Bis vor kurzem habe Ansar-e Islam von hier ihre Erfolge im Kampf gegen feindliche kurdische Gruppen verkündet und ihre Internetseite betreut.

Auch für die Zeit vor dem 11. September 2001 gibt es bisher keine stichhaltigen Beweise für eine Kooperation zwischen dem irakischen Regime und el Kaida. Monatelang hieß es, Mohammed Atta habe sich im April 2001 in Prag mit einem hochrangigen irakischen Agenten getroffen. Tschechiens Ex-Präsident Vaclav Havel ließ dem Weißen Haus jedoch persönlich mitteilen, dass die Informationsquelle dubios war. Als FBI-Ermittler Attas letzte Lebensmonate rekonstruierten, fanden sie keinerlei Spuren einer Reise nach Prag. Beweise für ein angebliches Treffen hochrangiger irakischer Geheimdienstmitarbeiter mit Osama bin Laden 1996 im Sudan sind der Öffentlichkeit bisher ebenfalls nicht vorgelegt worden.

Bei aller Undurchsichtigkeit und Widersprüchlichkeit der Informationen: Den Schluss, dass Saddam Hussein direkte Verbindungen zu el Kaida unterhält, lassen sie nicht zu. Zwar hat Ansar-e Islam im Nordostirak immer wieder terroristische Angriffe verübt. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass sich Abu Musab el Zarkawi im Ansar-Gebiet aufhält. Ehemalige Mudschahedin aus Afghanistan sind wohl auch unter den Ansar-Kämpfern. Ob sie Mitglieder der el Kaida sind oder auch nur enge Verbindungen zu Osama bin Ladens Terrornetzwerk haben, bleibt aber fraglich. Außerdem sind nicht alle Informationen nahöstlicher Geheimdienste verläßlich. Von Verbindungen zwischen Ansar-e Islam und el Kaida haben bisher vor allem kurdische Quellen berichtet. Die großen kurdischen Gruppen im Nordirak sind aber mit der Zentralregierung und mit Ansar-e Islam verfeindet. Es ist durchaus denkbar, dass die Kurden den USA gezielt Informationen zuspielen, die diese zu einem raschen Angriff bewegen sollen.

Die Jordanier könnten ebenfalls Interesse haben über Abu Musab el Zarkawi eine Verbindung zu el Kaida herzustellen, damit sie zu Hause ein stärkeres Vorgehen gegen die islamistische Opposition rechtfertigen können. „Die Tatsache, dass es eine Terroristenzelle im Nordirak gibt, ist kein Beweis dafür, dass Saddam Hussein bereit ist, el Kaida Massenvernichtungswaffen für den Kampf gegen die USA zu geben“, sagt Gary Milhollin, Direktor des Wisconsin Project on Nuclear Arms Control.

20. Wird der Krieg den islamistischen Terrorismus schwächen?

Nein, er wird ihn stärken. Amerika wird in der Region nicht als Befreier Iraks wahrgenommen werden (selbst wenn viele Iraker dies tun), sondern als ungläubige, imperialistische Besatzungsmacht, die - wie die Kreuzzügler im Mittelalter - den Nahen Osten unterwerfen und den Islam bekämpfen möchte. Die Regierungen von Ägypten, Saudi-Arabien und Jordanien werden massiv unter Druck geraten - stürzen werden sie kaum. Aber der Bodensatz radikaler Regimegegner, das perfekte Rekrutierungspotenzial für el Kaida, wird massiv zunehmen. Viele islamische Staaten werden sich unter deren Druck so verhalten wie schon Pakistan und Saudi-Arabien in der Vergangenheit: Solange die Anschläge im Ausland geschehen, drückt man beide Augen zu.

Steffen Gassel